Die Wirklichkeit, wie Roswitha Hecke sie sieht

Sie ist klein und zierlich, hat ein markantes Gesicht und eine angenehme Stimme: Roswitha Hecke ist eine Frau, die Vertrauen weckt und natürlich wirkt. Das sind Eigenschaften, die eine gute Fotografin ausmachen. Seit Mitte der 1960er Jahre lichtet sie sowohl Menschen ab, die im Rampenlicht stehen als auch solche, die ein Schattendasein am Rande der Gesellschaft führen. Auf ihren meistens schwarz-weißen Bildern sieht man also die im Lichte, die im Dunkeln sieht man aber auch: Schauspielerinnen und Schauspieler, Künstlerinnen und Künstler, Tänzerinnen, Obdachlose, Polizisten, Boxer, Transvestiten, Huren, Schwule, Behinderte, Kinder und Alte. "Ich fotografiere immer noch so, wie vor vierzig Jahren", sagt sie. "Ich erzähle Geschichten und sie brauchen viel Raum. Etwas schöneres, als Geschichten im Raum zu erzählen, kann ich mir nicht vorstellen."

Roswitha Hecke, Gropius-Bau Berlin, 5.10.2007. Foto © Urszula Usakowska-Wolff

Roswitha Hecke, Gropius-Bau Berlin, 5.10.2007. Foto © Urszula Usakowska-Wolff

Einsamkeit, Verfall, Vergänglichkeit

Es sind Geschichten von Menschen in der zweiten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts und am Anfang des dritten Jahrtausends, von ihrer Verletzlichkeit, der Suche nach Nähe und Geborgenheit, und der Unmöglichkeit, feste Beziehungen einzugehen, von der Sehnsucht nach Liebe und ihrem Scheitern. Auch wenn Roswitha Hecke Paare zeigt, springt ihre Beziehungslosigkeit ins Auge. Sie scheinen sich fremd zu sein, leben nicht mit- sondern nebeneinander. Einsamkeit, Verfall und Vergänglichkeit, denen Menschen und ihre Räume ausgesetzt sind, scheinen die großen Themen der kleinen Fotodramen von Roswitha Hecke zu sein. Denn für das Spektakuläre, Aufsehenerregende und Glamouröse hat sie bewusst keinen Blick, obwohl sie häufig bekannte und prominente Menschen aufnimmt, die im Scheinwerferlicht stehen. "Die Originalität meines Berufs sehe ich in der Aufgabe, die Wirklichkeit festzuhalten. Die Wirklichkeit, wie ich sie sehe, Geschichten aus der Wirklichkeit, nicht Fiktion", betont sie. Die Wirklichkeit der von ihr fotografierten Personen ist ihr Alltag und ihr Privatleben, die von den Medien verborgene oder nicht wahrgenommene Kehrseite ihrer Existenz. Denn das wirkliche Leben der Prominenten, der Schauspielerinnen und Schauspieler, der Regisseure, Sänger und Schriftsteller ist von ihrem fiktiven und skandalträchtigen Medienbild weit entfernt. Sie sind Reisende, die die meiste Zeit in mehr oder weniger tristen Hotels oder möblierten Zimmern verbringen. Die Größe und Ausstattung der Zimmer, in denen sich die Stars von Roswitha Hecke aufnehmen lassen, sagt viel über ihre Popularität aus. Nachdem sie den Höhepunkt ihrer Karriere erreicht haben, geht es mit dem öffentlichen Interesse rasch abwärts. Wenn die Popularität sinkt, schrumpfen auch die Räume, in denen die einstigen Publikumslieblinge übernachten. Die Räume, in denen Menschen weilen, erzählen die Geschichte ihres Aufstiegs und Abstiegs, ihres Erfolgs und Scheiterns.

Neugierig auf die Menschen und die Welt

Roswitha Hecke macht keinen Unterschied zwischen Personen, die im Mittelpunkt des öffentlichen Interesses stehen und denen, die übersehen oder nicht wahrgenommen werden. Sie hat ein Herz für Außenseiter und Ausgestoßene, für Minderheiten, die am Rand der Gesellschaft leben.Sie hat ein sicheres Gespür für skurrile, ausgefallene, unangepasste Typen, die sogar in der schäbigsten Umgebung sich zu behaupten versuchen. Mit siebzehn fühlte sie sich berufen, Fotografin zu werden, ohne vorher eine Kamera in der Hand gehabt zu haben. Sie war neugierig auf die Menschen und die große weite Welt, in der sie leben, wollte sie kennen lernen und auf ihren Bildern festhalten. Kurz darauf machte sie ihre Berufung zum Beruf und absolvierte eine dreijährige Fotolehre. Von Anfang an arbeitete sie in Serien, zu der ersten gehören die "Hafenkinder“, die sie 1964 in ihrer Heimatstadt Hamburg als zwanzigjährige Frau ablichtete. Es sind Schwarz-Weiß-Aufnahmen von Mädchen und Jungen, die in dieser tristen und heruntergekommenen Gegend zwischen Mülltonnen auf den grauen Innenhöfen Lebensfreude bewahren. Einfühlsame, bewegende und rührende Milieustudien sind das Markenzeichen der Fotokünstlerin Roswitha Hecke, die heute wie am Anfang ihrer Karriere, eine analoge Kamera benutzt, um die Geschichten der Menschen, die ihr nahe stehen, zu erzählen. "Mit digital komme ich nicht klar, diese Technik ist mir fremd“, sagt sie. "So lange es Filme und Barettpapier gibt, werde ich analog fotografieren.“ Genau so altmodisch und konsequent ist sie bei der Wahl ihrer Sujets: ihre Fotos sind keine spontanen Schnappschüsse, sondern Ergebnisse eines langen Forschungs- und Annäherungsprozesses, in dem sie in ein Milieu eintaucht, sich mit den Menschen, die sie fotografieren möchte, anfreundet und ihr Leben in Hamburg, Bochum, Gelsenkirchen, Paris, London, Berlin, Istanbul, Tanger, New York, New Orleans, Rio de Janeiro, Kairo und Mexiko-City oder an einem anderen Ort der Welt teilt. Sie begegnet ihren Protagonistinnen und Protagonisten ohne Vorurteile, mit Respekt und Mitgefühl, ohne ins Mitleid abzugleiten. Deshalb sind ihre Bilder so authentisch und intim, sie bestechen durch Nähe und Distanz, was sie davor bewahrt, voyeuristisch zu sein.

Boxkämpfe und Kämpfe ums Überleben

"Ich bin eine genetische Nomadin“, sagt Roswitha Hecke. Die 1944 in Hamburg Geborene stammt aus einer Familie mit russisch-georgischen Wurzeln. Nachdem ihr Großvater, Offizier und Führer eines Kavallerieregiments des letzten Zaren Nikolai II, 1920 von den Bolschewiki erschossen wurde, schlug sich ihre Großmutter mit ihren beiden Töchtern Marina und Tamara über Odessa und die Krim nach Konstantinopel und später nach Hamburg durch. Dort lernte Tamara ihren Mann, den Studienrat Helmut Hecke, Roswithas Vater kennen. Ihre ersten Reisen führten die junge Fotografin, die Mitte der 1960er Jahre Peter Zadek begegnete, ins Ruhrgebiet und nach Sizilien. Sieben Jahre lang teilte sie ihr Leben mit dem bekannten Theaterregisseur, fotografierte seine Aufführungen und Schauspieler. Damals befreundete sie sich mit der Schauspielerfamilie Bennent, die sie seit über vierzig Jahren begleitet. Durch Zadek lernte sie die Welt des Theaters und des Films, durch ihren nächsten Partner, den Dichter Wolf Wondratschek, die Welt der Boxer in New York und New Orleans kennen. Sie nahm Männer auf, die in den New Yorker Straßen und Grünanlagen ums Überleben kämpfen und versuchen, Haltung zu bewahren: Besonders beeindruckend ist das Bild "New York 1982“ mit einem korrekt gekleideten Obdachlosen, der in einem herbstlichen Park auf seinem Schlagzeug spielt und die Welt zu vergessen scheint. Neben ihm steht ein Einkaufswagen, auf den er sein ganzes Hab und Gut gepackt hat. Mit der Musikprobe unter freiem Himmel zeigt er, dass er sich mit seiner Lage noch nicht abgefunden hat, denn die Musik ist - wie lange noch? - die Verbindung zu seinem früheren Leben. Solche Bilder sind auch eine Anklage der Gesellschaft, in der die Verlierer kein Recht auf eine normale Existenz haben.

Kunst beständiger als Leben

Roswitha Heckes Bilder fügen sich zu einem Tagebuch zusammen, in dem sie Menschen porträtiert, die sie auf ihren Reisen trifft und die ihre Aufmerksamkeit wecken. 1978 lernte sie in Berlin Irene kennen, eine üppige blonde Schönheit, die als Prostituierte in Zürich arbeitete. Das Ergebnis dieser Begegnung war der Bildband "Liebes Leben - Bilder mit Irene“, der die Künstlerin und ihre Freundin international bekannt machte: 1979 erhielt er als bestes Fotobuch den Kodak-Preis. In der (klein)bürgerlichen Umgebung wirkt Irene wie ein Paradiesvogel: In ihrer zur Schau getragenen kaum verhüllten Üppigkeit schlüpft sie in die Rolle einer käuflichen Femme fatale, die sie gern sein möchte. Sie fordert die empörten Blicke der "anständigen“ Frauen geradezu heraus, denn sie dient ihnen wohl als Projektionsfläche für geheime Wünsche und verdrängte Triebe. Doch die Netzstrümpfe, die Irene trägt, weil sie zu ihrem Berufsimage gehören, können nicht verbergen, dass ihre Knöchel geschwollen sind: Auch der begehrenswerteste und teuerste Körper altert. Nur die Kunst ist etwas beständiger: Auf einem der Bilder steht Irene, mit schwarzer Reizwäsche, Strümpfen, Stiefeletten und einem offene Mantel recht spärlich bekleidet auf einer steilen Straße und blickt auf zwei durchschnittliche und gewöhnlich wirkende Frauen herab. Auf einer Mauer, die den Hintergrund dieser Szene bildet, kann man lesen: "'KUNST ist die Perversion des Lebens'“. Das Leben ohne Perversion ist offensichtlich keine Kunst.

Gesichter machen Geschichte(n)

Irenes Bild in einem etwas heruntergekommenen Treppenhaus ziert auch das Cover des neuesten Bildbands von Roswitha Hecke. Es heißt "Secret Views“ und versammelt 130 ihrer Fotografien von 1964 bis heute, die in der gleichnamigen Ausstellung im Martin-Gropius-Bau in Berlin (5.10.2007 - 6.01.2008) präsentiert wurde. Ein Buch, das man gern anschaut und darin blättert, um die Fotos und die Geschichten, die sie erzählen, auf sich wirken zu lassen. Und weil sie mit der Kamera aufgezeichnet wurden, zeigen sie, dass die Geschichte aus vielen kleinen Geschichten besteht und dass jede dieser Geschichten ein unverkennbar menschliches Gesicht trägt, auch wenn es von der Gesellschaft zur Unkenntlichkeit verurteilt wurde. "Die Botschaft dieser Bilder?“, fragt Joachim Sartorius, Intendant der Berliner Festspiele, Dichter und ein Freund der Künstlerin, auch er zusammen mit Orhan Pamuk auf einem Foto in ihrem neuesten Buch zu sehen, im Vorwort zu den "Secret Views“. Und er antwortet: "Nichts ist erstaunlicher als das Leben, scheint Roswitha Hecke uns zu sagen.“ Das mag stimmen, doch auf ihren Bildern zeigt sie auch: Nichts ist erstaunlicher als der Mensch.

Text © Urszula Usakowska-Wolff


Roswitha Hecke. Secret Views. Fotografien 1964 bis heute
5.10.2007 - 6.01.2008
Martin-Gropius-Bau, Berlin
Kuratorin: Christiane Dame

Hier geht es direkt zum Buch!

Roswitha Hecke
Secret Views
Fotografien 1964 bis heute
Katalog Martin Gropius Bau, Berlin
Mit einem Vorwort von
Joachim Sartorius
Schirmer/Mosel, München
152 Seiten, 93 Tafeln in Farbe und Duotone
ISBN 9783829603256
Preis 39,80 €


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