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Die Wirklichkeit, wie Roswitha Hecke sie sieht Sie
ist klein und zierlich, hat ein markantes Gesicht und eine angenehme
Stimme: Roswitha Hecke ist eine Frau, die Vertrauen weckt und natürlich
wirkt. Das sind Eigenschaften, die eine gute Fotografin ausmachen. Seit
Mitte der 1960er Jahre lichtet sie sowohl Menschen ab, die im
Rampenlicht stehen als auch solche, die ein Schattendasein am Rande der
Gesellschaft führen. Auf ihren meistens schwarz-weißen Bildern sieht
man also die im Lichte, die im Dunkeln sieht man aber auch:
Schauspielerinnen und Schauspieler, Künstlerinnen und Künstler, Tänzerinnen,
Obdachlose, Polizisten, Boxer, Transvestiten, Huren, Schwule,
Behinderte, Kinder und Alte. "Ich fotografiere immer noch so, wie
vor vierzig Jahren", sagt sie. "Ich erzähle Geschichten und
sie brauchen viel Raum. Etwas schöneres, als Geschichten im Raum zu erzählen,
kann ich mir nicht vorstellen."
Einsamkeit, Verfall, Vergänglichkeit Es
sind Geschichten von Menschen in der zweiten Hälfte des zwanzigsten
Jahrhunderts und am Anfang des dritten Jahrtausends, von ihrer
Verletzlichkeit, der Suche nach Nähe und Geborgenheit, und der Unmöglichkeit,
feste Beziehungen einzugehen, von der Sehnsucht nach Liebe und ihrem
Scheitern. Auch wenn Roswitha Hecke Paare zeigt, springt ihre
Beziehungslosigkeit ins Auge. Sie scheinen sich fremd zu sein, leben
nicht mit- sondern nebeneinander. Einsamkeit, Verfall und Vergänglichkeit,
denen Menschen und ihre Räume ausgesetzt sind, scheinen die großen
Themen der kleinen Fotodramen von Roswitha Hecke zu sein. Denn für das
Spektakuläre, Aufsehenerregende und Glamouröse hat sie bewusst keinen
Blick, obwohl sie häufig bekannte und prominente Menschen aufnimmt, die
im Scheinwerferlicht stehen. "Die Originalität meines Berufs sehe
ich in der Aufgabe, die Wirklichkeit festzuhalten. Die Wirklichkeit, wie
ich sie sehe, Geschichten aus der Wirklichkeit, nicht Fiktion",
betont sie. Die Wirklichkeit der von ihr fotografierten Personen ist ihr
Alltag und ihr Privatleben, die von den Medien verborgene oder nicht
wahrgenommene Kehrseite ihrer Existenz. Denn das wirkliche Leben der
Prominenten, der Schauspielerinnen und Schauspieler, der Regisseure, Sänger
und Schriftsteller ist von ihrem fiktiven und skandalträchtigen
Medienbild weit entfernt. Sie sind Reisende, die die meiste Zeit in mehr
oder weniger tristen Hotels oder möblierten Zimmern verbringen. Die Größe
und Ausstattung der Zimmer, in denen sich die Stars von Roswitha Hecke
aufnehmen lassen, sagt viel über ihre Popularität aus. Nachdem sie den
Höhepunkt ihrer Karriere erreicht haben, geht es mit dem öffentlichen
Interesse rasch abwärts. Wenn die Popularität sinkt, schrumpfen auch
die Räume, in denen die einstigen Publikumslieblinge übernachten. Die
Räume, in denen Menschen weilen, erzählen die Geschichte ihres
Aufstiegs und Abstiegs, ihres Erfolgs und Scheiterns. Neugierig auf die Menschen und die Welt Roswitha
Hecke macht keinen Unterschied zwischen Personen, die im Mittelpunkt des
öffentlichen Interesses stehen und denen, die übersehen oder nicht
wahrgenommen werden. Sie hat ein Herz für Außenseiter und Ausgestoßene,
für Minderheiten, die am Rand der Gesellschaft leben.Sie hat ein sicheres Gespür für skurrile, ausgefallene,
unangepasste Typen, die sogar in der schäbigsten Umgebung sich zu
behaupten versuchen. Mit siebzehn fühlte sie sich berufen, Fotografin
zu werden, ohne vorher eine Kamera in der Hand gehabt zu haben. Sie war
neugierig auf die Menschen und die große weite Welt, in der sie leben,
wollte sie kennen lernen und auf ihren Bildern festhalten. Kurz darauf
machte sie ihre Berufung zum Beruf und absolvierte eine dreijährige
Fotolehre. Von Anfang an arbeitete sie in Serien, zu der ersten gehören
die "Hafenkinder“, die sie 1964 in ihrer Heimatstadt Hamburg als
zwanzigjährige Frau ablichtete. Es sind Schwarz-Weiß-Aufnahmen von Mädchen
und Jungen, die in dieser tristen und heruntergekommenen Gegend zwischen
Mülltonnen auf den grauen Innenhöfen Lebensfreude bewahren. Einfühlsame,
bewegende und rührende Milieustudien sind das Markenzeichen der Fotokünstlerin
Roswitha Hecke, die heute wie am Anfang ihrer Karriere, eine analoge
Kamera benutzt, um die Geschichten der Menschen, die ihr nahe stehen, zu
erzählen. "Mit digital komme ich nicht klar, diese Technik ist mir
fremd“, sagt sie. "So lange es Filme und Barettpapier gibt, werde
ich analog fotografieren.“ Genau so altmodisch und konsequent ist sie
bei der Wahl ihrer Sujets: ihre Fotos sind keine spontanen Schnappschüsse,
sondern Ergebnisse eines langen Forschungs- und Annäherungsprozesses,
in dem sie in ein Milieu eintaucht, sich mit den Menschen, die sie
fotografieren möchte, anfreundet und ihr Leben in Hamburg, Bochum,
Gelsenkirchen, Paris, London, Berlin, Istanbul, Tanger, New York, New
Orleans, Rio de Janeiro, Kairo und Mexiko-City oder an einem anderen Ort
der Welt teilt. Sie begegnet ihren Protagonistinnen und Protagonisten
ohne Vorurteile, mit Respekt und Mitgefühl, ohne ins Mitleid
abzugleiten. Deshalb sind ihre Bilder so authentisch und intim, sie
bestechen durch Nähe und Distanz, was sie davor bewahrt, voyeuristisch
zu sein. Boxkämpfe und Kämpfe ums Überleben "Ich
bin eine genetische Nomadin“, sagt Roswitha Hecke. Die 1944 in Hamburg
Geborene stammt aus einer Familie mit russisch-georgischen Wurzeln.
Nachdem ihr Großvater, Offizier und Führer eines Kavallerieregiments
des letzten Zaren Nikolai II, 1920 von den Bolschewiki erschossen wurde,
schlug sich ihre Großmutter mit ihren beiden Töchtern Marina und
Tamara über Odessa und die Krim nach Konstantinopel und später nach
Hamburg durch. Dort lernte Tamara ihren Mann, den Studienrat Helmut
Hecke, Roswithas Vater kennen. Ihre ersten Reisen führten die junge
Fotografin, die Mitte der 1960er Jahre Peter Zadek begegnete, ins
Ruhrgebiet und nach Sizilien. Sieben Jahre lang teilte sie ihr Leben mit
dem bekannten Theaterregisseur, fotografierte seine Aufführungen und
Schauspieler. Damals befreundete sie sich mit der Schauspielerfamilie
Bennent, die sie seit über vierzig Jahren begleitet. Durch Zadek
lernte sie die Welt des Theaters und des Films, durch ihren nächsten
Partner, den Dichter Wolf Wondratschek, die Welt der Boxer in New
York und New Orleans kennen. Sie nahm Männer auf, die in den New Yorker
Straßen und Grünanlagen ums Überleben kämpfen und versuchen, Haltung
zu bewahren: Besonders beeindruckend ist das Bild "New York 1982“
mit einem korrekt gekleideten Obdachlosen, der in einem herbstlichen
Park auf seinem Schlagzeug spielt und die Welt zu vergessen scheint.
Neben ihm steht ein Einkaufswagen, auf den er sein ganzes Hab und Gut
gepackt hat. Mit der Musikprobe unter freiem Himmel zeigt er, dass er
sich mit seiner Lage noch nicht abgefunden hat, denn die Musik ist - wie
lange noch? - die Verbindung zu seinem früheren Leben. Solche Bilder
sind auch eine Anklage der Gesellschaft, in der die Verlierer kein Recht
auf eine normale Existenz haben. Kunst beständiger als Leben Roswitha Heckes Bilder fügen sich zu einem Tagebuch zusammen, in dem sie Menschen porträtiert, die sie auf ihren Reisen trifft und die ihre Aufmerksamkeit wecken. 1978 lernte sie in Berlin Irene kennen, eine üppige blonde Schönheit, die als Prostituierte in Zürich arbeitete. Das Ergebnis dieser Begegnung war der Bildband "Liebes Leben - Bilder mit Irene“, der die Künstlerin und ihre Freundin international bekannt machte: 1979 erhielt er als bestes Fotobuch den Kodak-Preis. In der (klein)bürgerlichen Umgebung wirkt Irene wie ein Paradiesvogel: In ihrer zur Schau getragenen kaum verhüllten Üppigkeit schlüpft sie in die Rolle einer käuflichen Femme fatale, die sie gern sein möchte. Sie fordert die empörten Blicke der "anständigen“ Frauen geradezu heraus, denn sie dient ihnen wohl als Projektionsfläche für geheime Wünsche und verdrängte Triebe. Doch die Netzstrümpfe, die Irene trägt, weil sie zu ihrem Berufsimage gehören, können nicht verbergen, dass ihre Knöchel geschwollen sind: Auch der begehrenswerteste und teuerste Körper altert. Nur die Kunst ist etwas beständiger: Auf einem der Bilder steht Irene, mit schwarzer Reizwäsche, Strümpfen, Stiefeletten und einem offene Mantel recht spärlich bekleidet auf einer steilen Straße und blickt auf zwei durchschnittliche und gewöhnlich wirkende Frauen herab. Auf einer Mauer, die den Hintergrund dieser Szene bildet, kann man lesen: "'KUNST ist die Perversion des Lebens'“. Das Leben ohne Perversion ist offensichtlich keine Kunst.
Gesichter machen Geschichte(n) Irenes
Bild in einem etwas heruntergekommenen Treppenhaus ziert auch das Cover
des neuesten Bildbands von Roswitha Hecke. Es heißt "Secret Views“
und versammelt 130 ihrer Fotografien von 1964 bis heute, die in der
gleichnamigen Ausstellung im Martin-Gropius-Bau in Berlin (5.10.2007 -
6.01.2008) präsentiert wurde. Ein Buch, das man gern anschaut und darin
blättert, um die Fotos und die Geschichten, die sie erzählen, auf sich
wirken zu lassen. Und weil sie mit der Kamera aufgezeichnet wurden,
zeigen sie, dass die Geschichte aus vielen kleinen Geschichten besteht
und dass jede dieser Geschichten ein unverkennbar menschliches Gesicht
trägt, auch wenn es von der Gesellschaft zur Unkenntlichkeit verurteilt
wurde. "Die Botschaft dieser Bilder?“, fragt Joachim Sartorius,
Intendant der Berliner Festspiele, Dichter und ein Freund der Künstlerin,
auch er zusammen mit Orhan Pamuk auf einem Foto in ihrem neuesten Buch
zu sehen, im Vorwort zu den "Secret Views“. Und er antwortet:
"Nichts ist erstaunlicher als das Leben, scheint Roswitha Hecke uns
zu sagen.“ Das mag stimmen, doch auf ihren Bildern zeigt sie auch:
Nichts ist erstaunlicher als der Mensch. Text © Urszula Usakowska-Wolff Roswitha
Hecke. Secret Views. Fotografien 1964 bis heute
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