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Heroischer
Horror Vacui Das umstrittene, vom amerikanischen Architekten Frank O. Gehry entworfene Museum MARTa in Herford, dessen Fertigstellung fast 29 Millionen Euro verschlang und lange Zeit für negative Schlagzeilen sorgte, erfreut sich nach der Eröffnung am 7. Mai 2005 eines großen Interesses: bisher haben den mächtigen, in die enge Goebenstraße eingezwängten Bau, dessen verklinkerte und mit einem Edelstahldach verzierte Silhouette man nur aus der Luft im vollen Umfang genießen kann, über 30.000 Menschen besichtigt. Vierzig davon begaben sich am 19. Mai 2005 zur ersten Kinovorführung ins MARTa-Forum, um unter dem Titel "My Private Evening“, den Filmen "Triumph des Willens“ von Leni Riefenstahl und "Der große Diktator“ von Charlie Chaplin beizuwohnen. Die Freude des Zuschauens und Zuhörens war jedoch nicht ungetrübt: der helle Raum ließ sich nicht abdunkeln und die Akustik klappte überhaupt nicht. Das soll sich aber irgendwann ändern, denn wie ein freundlicher Herr vom Wachpersonal mitteilte, soll bald ein Vorhang die richtige Beschallung des Forums garantieren und an einer Wand soll auch demnächst gearbeitet werden. Es sieht also alles danach aus, dass man komplizierte technische Probleme mit recht einfachen Mitteln lösen kann und dass man auf den Triumph der Technik nicht mehr lange warten muss, denn neue "Private Evenings“ stehen ja auf dem Programm.
Kunst
zum Anfassen Überhaupt vermittelt MARTa Herford einen recht privaten Eindruck. Die vom künstlerischen Direktor Jan Hoet konzipierte Eröffnungsausstellung heißt "(my private) Heroes“ und soll zeigen, wer er in der Kunstwelt ist. Es sind seine privaten Kunsthelden, von denen er fast 400 Werke präsentiert und die die Komplexität des Helden- und Antiheldenthemas in der ältern und neueren Kunstgeschichte demonstrieren sollen. Es ist die Masse und die jeder kunstgeschichtlichen Logik trotzende Hängung und Aufstellung der Exponate, die staunen lassen. Man hat den Eindruck, dass Jan Hoet seinen heroischen Horror Vacui zelebriert und damit offensichtlich beweist, dass jede Leere nun einmal die Eigenschaft hat, sich mit etwas zu füllen. Er ist der Regisseur eines gigantischen Spektakels, das er mit einer Menge von Requisiten ausgestattet hat: mit aufwendig gerahmten Bildern und kostbaren Roben, mit Schaufensterpuppen und überlebensgroßen Skulpturen, mit Autos, Motorrädern, Pendeln, Hunderten von Fotos, Schnupftabakdosen und Fingerhüten, mit Vitrinen, Videoräumen und Bildschirmen, auf denen ununterbrochen etwas flimmert. Es ist eine grelle und unübersichtliche Show, bei der man nicht weiß, worauf man sich konzentrieren soll, denn das Auge springt vom Exponat zum Exponat wie bei einem eigentümlichen Art-Zapping. Was aber das Publikum sehr erfreut und woanders eher unüblich ist, ist der unmittelbare Kontakt mit der Kunst, die man sogar anfassen darf, denn wenn man das tut, tut niemand etwas dagegen. Viele machen also Gebrauch vom direkten Kunstgenuss, vor allem bei dem mit Käfern bedeckten Kopf des "Flämischen Kriegers“ (1996) von Jan Fabre. Es ist schon ein besonderes Gefühl, sich eigenhändig davon zu überzeugen, dass die Käfer wirklich echt sind.
Danjou
und Duchamp Dass man sich in einem Museum befindet, dessen M für Möbel, ART für Kunst und a für ambiente steht, merkt man gleich am Eingang in die Ausstellungshallen: unter dem großen Bild "Rencontre No. 4“ (2004) von Anton Henning befindet sich ein nicht zu übersehender weißer Stuhl ("La Chaise“, 1948) von Charles und Ray Eames. In der Ecke des ersten Ausstellungsvorraumes, der von einer riesigen Stahltür verunziert ist, wuchert eine (Gedanken)Müllinstallation des als Bürgerschreck etablierten Künstlers Jonathan Meese unter dem Titel "Capitaine Danjou Légion Étrangère“ (2000), die als eine Anspielung auf die Fremdenlegion verstanden sein soll. Bei seiner Performance "Deep Jeep“am 7. Mai schlüpfte der wort- und kunstgewandte Meese in mehrere Rollen und kokettierte u.a. mit dem Hitlergruß, obwohl er leiblich und leibhaftig eher an den Partner von Doof in der Komödie "Dick und Doof in der Fremdenlegion“ erinnert. Auch an anderen Stellen der heldenhaften Exposition wird Adolf Hitler viel Platz eingeräumt: in einer Reihe mit Marcel Duchamp blickt er von zwei Wänden in der Fotoinstallation "Zugzwang“ (2005) von Rudolf Herz. Es ist eine Arbeit, die das Publikum verunsichert, denn viele wissen nicht, wer der Mann neben Hitler ist. Das ist auch die Absicht des in München lebenden Foto- und Konzeptkünstlers, der sich beim "Zugzwang“ zweier Fotos bediente, deren Autor der spätere Hoffotograf Hitlers, Heinrich Hoffmann war. Seine Installation, zu der er ein umfangreiches Exposé verfasste, zeigt den Helden und den Antihelden der Moderne, den missglückten Kunstmaler und den Hauptvertreter der "entarteten Kunst“. Doch der "Zugzwang“ bleibt unkommentiert, denn jegliche schriftliche Informationen, was sich der Autor dabei gedacht hatte, fehlen.
Held
der Kunstwelt "(my private) Heroes“, die als Jan Hoets "Wunderkammer“ gepriesen werden, hinterlassen einen zwiespältigen Eindruck. Die Zahl der Exponate ist erdrückend und man hat das Gefühl, dass sich die Kunst darin verliert. In der Masse verschwindet die Klasse, und man wandert durch sechs mit Kunstwerken vollgestopften Räume, ist irritiert durch die schiefe oder abstehende Hängung auf schiefen oder konkaven Wänden, wird abgelenkt durch den unfertig wirkenden spröden Betonfußboden und die Leerräume unter den Wänden, die auf provisorisch wirkenden schwarzen Quadern stehen. Die Ausstellung wirkt wie ein Kunstlager, wohin Kunst und Trödel gleichberechtigt verbannt wurden. Sie will prunkvoll und wie ein Tabubruch erscheinen, macht aber einen seltsam antiquierten Eindruck, nicht nur, weil die Vitrinen in der zentralen Hoetschen "Wunderkammer“ immer mit Staub bedeckt sind. Ein "Kardinal“ (1955) von Francis Bacon mag auf einer leeren weißen Wand eine kolossale Wirkung erzielen, doch in dem engen und dunklen Raum, in dem Jan Hoet, wie ein wohlhabender Bildungsbürger, seine kostbaren Kunstschätze neben Schnupftabakdöschen als Hommage an seine Großmutter untergebracht hat, geht er unter und verloren. Und so sieht die "Wunderkammer“, gegen die in einer Privatwohnung nichts einzuwenden wäre, in einem Museum wie die Karikatur einer Sammlung aus. "Jedes Objekt in der Wunderkammer erscheint zugleich als Kunstgegenstand, Kuriosität und Fetisch wahrnehmbar. Von der Postkarte und den Flohmarkfunden Jan Hoets bis zum Porträt des documenta Gründers Arnold Bode von Gerhard Richter, dem lebensgroßen Multiple 'La Rivoluzione siamo Noi' von Joseph Beuys eröffnet die Wunderkammer ein Feld ganz persönlicher Andacht an Weggefährten und Vorbilder des Ausstellungsmachers. In dieser Atmosphäre der Verehrung verschmelzen die Kunstwerke und zahllosen persönlichen Sammelobjekte zu einem privaten Pantheon“, liest man originalgetreu in dem ambitionierten Beipackzettel. Und man steht andächtig vor den Fotos, auf denen Jan Hoet sich mit Joseph Beuys oder Jimmie Durham zeigt: Der Ausstellungsmacher als der eigentliche Held der Kunstwelt.
Helden
und ihre Sockel Während
man im MARTa-Erdgeschoss artifizielle "bewaffnete und entwaffnete
Helden“, "Täter und Opfer“, "Idole und Stars“ und auch
manche, die "ihre Wunde zeigen“ bestaunen kann, geht es im ersten
Stock "fiktiv-dokumentarisch“ zu. In dem niedrigen und dunklen
Raum triumphiert (genauso wie in der "Wunderkammer“), die in
anderen Museen eher gemiedene "Sankt-Petersburger-Hängung“. Hier
gibt es wahre Heldenfotos neben- und übereinander und manchmal flach
liegend in Schaukästen: Anne Frank und Sophie Scholl, Che Guevara und
Fidel Castro, Jurij Gagarin und Willi Brandt, Joseph Beuys und Marlene
Dietrich, ferner auch das gelbe Siegertrikot von Jan Ullrichs bei der
Tour de France 1997 (welches das Cover des Ausstellungskatalogs ziert)
und viele, viele andere. Es gibt auch eine Vitrine mit echten
Nazidevotionalien und authentischen DDR-Auszeichnungen sowie drei Räume
mit fiktiven Videoinstallationen, obwohl eine davon - "Splayed“
(2004) von Ingrid Mwangi, die sich mit einem Skalpell die Adjektive
"Polygam“ und "Monogam“ in die Unterarme ritzt, sehr nach
echtem Blut aussieht. In der Mitte dieser Dunkelkammer stehen Skulpturen
von Günther Förg ("12 Masken“, 2000), die wegen der knappen
Beleuchtung fast unsichtbar erscheinen, dafür fallen ihre Holzsockel um
so mehr ins Auge. So ist das im Leben und in der Kunst: Helden kommen
und gehen, Sockel bleiben immer für neue Helden stehen. Text
© Urszula Usakowska-Wolff 26.05.2005 "(my
private) Heroes“ Katalog
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