Hannah Höch, oder Dada war am Anfang

"Ich möchte die festen Grenzen auswischen, die wir Menschen mit einer eigensinnigen Sicherheit um alles, was in unseren Bereich kam, gezogen haben. … Ich will aufzeigen, dass klein auch groß sein kann und groß auch klein ist; allein der Standpunkt, von dem wir bei unserem Urteil ausgehen, muss anders gewählt werden. … Ich würde heute die Welt aus der Sicht einer Ameise wiedergeben und morgen so, wie der Mond sie vielleicht sieht", schrieb 1929 die vierzigjährige Hannah Höch. Und tatsächlich waren Grenzüberschreitungen, Vorliebe für Gegensätze und ungewöhnliche Sicht- sowie unkonventionelle Verhaltensweisen ein fester Bestandteil ihrer Kunst und ihrer spielfilmwürdigen Lebenscollage. Die kleine zierliche Frau mit dem für die emanzipierten Damen der Weimarer Republik charakteristischen Bubikopf, der bis zum Schluss ihre Lieblingsfrisur blieb, mit dem scharfen Blick und der Schere, mit denen sie ihre Wirklichkeit in Teile zerlegte, um sie dann zu einem überraschenden neuen Ganzen zusammenzufügen, war ein rebellischer Geist, immer auf der Höhe und häufig ihrer Zeit voraus. Nachdem sie lange Zeit in die Dada-Schublade gesteckt wurde und vor allem als Zeitzeugin der Berliner Dada-Herrenrunde von Interesse war, nimmt man sie in den letzten Jahren zunehmend als eine inhaltlich wie stilistisch vielseitige Künstlerin mit einer eigenen unverkennbaren Handschrift wahr.

Urszula Usakowska-Wolff: Gebührenfreie Information

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Aller Anfang ist Dada, doch Dada geht weiter

Hannah Höch war tatsächlich die einzige Dada-Dame unter den Dada-Dandys, die im Berlin kurz vor dem Ende des Ersten Weltkriegs bis zum Anfang der 1920er Jahre gegen die bürgerliche Gesellschaft, deren Teil sie waren, mit absurden Texten, Aktionen, Lesungen und Antikunst-Kunstwerken aufbegehrten. Doch die Künstlerin, die vor allem auf dem Gebiet der Fotocollage und Collage große Leistungen erbrachte, auf ihre kurze Dada-Zeit (1918 - 1922) zu reduzieren, wäre ungerecht. Sie selbst war darüber sehr verbittert und sagte in einem Interview 1976 zwei Jahre vor ihrem Tod: "Dada hängt mir zum Hals raus; langsam ist das doch abgedroschen." Jetzt wird sie in der Berlinischen Galerie mit einer großen Ausstellung gefeiert, die zwar den Titel "Hannah Höch - Aller Anfang ist DADA" trägt, jedoch die Künstlerin mit 160 Arbeiten aus allen ihrer Schaffensphasen als eine vielseitige Persönlichkeit zeigt, die sowohl hinsichtlich der Themenwahl als auch der Technik zu einer der bedeutendsten Vertreterinnen der deutschen klassischen Moderne gehört. "Aller Anfang ist Dada", sagt Ralf Burmeister, Kurator der Ausstellung, "aber Dada ist nicht alles, Dada geht weiter, denn Dada ist im Falle von Hannah Höch mehr als Dada: der Ausgangspunkt ihres künstlerischen, vom Stilpluralismus geprägten Schaffens. Die Präsentation hat einen Dada-Kern, aus dem sich vier thematische Sektionen entwickeln." Sie verdeutlichen das Interesse der Künstlerin an bestimmten Fragestellungen und Motiven, die in ihrem Werk stets präsent sind: "Frauenbilder - Männermythen", "Abstraktion - Expression", "Traumwelten" und "Die dunkle Seite". Sie werden durch Exponate aus ihrem Privatarchiv: Briefe, Notizbücher, Fotos, Bücher und Kataloge ergänzt, die einen intimen, zum Teil schonungslosen Einblick in ihr Leben ermöglichen. "Hannah Höch ist unsere Hausheilige", sagt Ralf Burmeister und meint mit dem Haus die Berlinische Galerie. "Es erfüllt uns mit Freude und Besitzerstolz, dass wir mit mehr als der Hälfte der Exponate aus unserer eigenen Sammlung zum Gelingen dieser Ausstellung - der ersten seit über anderthalb Jahrzehnten in Berlin - beitragen konnten."

Schicksalhafte Begegnung mit ernsten Folgen

Hannah Höchs Kunst ist mit ihrem Leben und der Zeit, in der sie lebte, eng verbunden. Sie kam am 1. November 1889 im thüringischen Gotha als ältestes von fünf Kindern einer wohlhabenden bürgerlichen Familie zur Welt. Gegen den Willen ihres Vaters, "der ein Mädchen verheiratet wissen, aber nicht Kunst studieren lassen wollte", zog sie 1912 nach Berlin, und begann ihr Studium an der Kunstgewerbe- und Handwerkerschule. Dort lernte sie künstlerische Grundtechniken kennen, entwarf und zeichnete Ornamente, Urkunden und Schmuckblätter. Nach dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs wurde die Schule geschlossen und Hannah kehrte nach Gotha zurück, wo sie beim Roten Kreuz arbeitete. 1915 wurde sie in die Klasse für Grafik und Buchkunst der Berliner Unterrichtsanstalt des Kunstgewerbemuseums aufgenommen und besuchte nebenbei Abendkurse in Kalligrafie und Modellzeichnen. In demselben Jahr lernte sie Raol Hausmann (1886 - 1971) kennen: eine schicksalhafte Begegnung, aus der sich eine siebenjährige amour fou mit ernsten Folgen für ihren biografischen und künstlerischen Werdegang entwickelte. Der Österreicher, der sich als Künstler, Tänzer und Texter versuchte und als bürgerschreckender Bohemien eine gewisse Popularität genoss, führte sie in die Kreise der künstlerischen Avantgarde in Berlin ein. Durch ihn lernte sie die künftigen Dadaisten: Johannes Baader, Wieland Herzfelde, John Heartfield, Georg Grosz, den Schweizer Ur-Dada Richard Huelsenbeck sowie den Philosophen Salomo Friedlaender (Mynona) kennen, dessen Ideen ihre Kunst beeinflussten. Die Beziehung zu Hausmann, die künstlerisch sehr anregend war und sie beide als Erfinder der Fotomontage als Gestaltungsprinzip des Dadaismus zu illustren Vertretern der Berliner Dada-Bewegung machte, war ein zwischenmenschliches Desaster. Der verheiratete Dadasoph und Vater einer Tochter wollte, dass Hannah sich von ihrer Familie, vor allem von ihrem patriarchalischen Vater trennte, denn so konnte sie die bürgerliche Moral über Bord werfen und die freie Liebe akzeptieren. Er dachte jedoch nicht daran, sich von seiner Frau scheiden zu lassen, und als er das endlich tat, heiratete er eine andere als Hannah. Die Beziehung zu Hausmann, während der sie zwei Abtreibungen vornahm, hinterließ bei der Künstlerin ein tiefes Trauma: Kindergesichter und Kindergestalten, häufig in embryonaler Form, sind ein häufiges Motiv ihrer Bilder.

 Liebe ohne happy end, Dada ohne Ende

Ein glückliches Liebesleben war Hannah Höch nicht beschert, unabhängig vom Geschlecht. 1926 begann sie eine neue amour fou. Ihre Lebensgefährtin war diesmal die holländische Schriftstellerin und Sprachlehrerin Til Brugmann (1888 - 1961), die sie durch Kurt Schwitters kennen lernte und mit der sie neun turbulente Jahre in den Haag und Berlin erlebte. 1938 heiratete sie überraschend den 21 Jahre jüngeren Volkswirt und späteren Pianisten Dr. Kurt Heinz Matthies, mit dem sie in einem Wohnwagen durch Deutschland und Europa reiste. Doch auch dieses Glück war nicht von langer Dauer, denn sie ließ sich 1944 von ihm scheiden. Im Dritten Reich wurde Hannah Höch mit einem Ausstellungsverbot belegt und als "Kulturbolschewistin" diffamiert. Im Herbst 1939 kaufte sie ein ehemaliges Flugwärterhäuschen in Heiligensee und überlebte dort - zurückgezogen und unauffällig - den Krieg. Um über die Runden zu kommen, verkaufte sie Blumen und selbstgemachte Marmelade. Durch die Abgeschiedenheit ihres Domizils gelang es ihr, ihre Arbeiten sowie die Werke ihrer Freunde zu retten, die von den Nazis zu den führenden Vertretern der "Entarteten Kunst" erklärt wurden. Bis Anfang der 1970er Jahre nahm man die Künstlerin vor allem als Zeitzeugin der Dada-Bewegung wahr, sie beteiligte sich an mehreren nationalen und internationalen Gruppenausstellungen, hatte auch kleinere Einzelausstellungen in Galerien in Berlin und London. Erst 1971 war in der Akademie der Künste in Berlin eine umfangreiche Hannah-Höch-Retrospektive zu sehen, die dann in Düsseldorf gezeigt wurde. Drei Jahre später veranstaltete das Goethe-Institut in Kyoto eine umfassende Schau, die die Künstlerin als eine Malerin des Dada präsentierte. Wegen ihres schlechten Gesundheitszustands konnte sie jedoch nicht nach Japan reisen. 1976 wurde sie mit der bis dato größten Retrospektive ihres Gesamtwerks im Musée d´Art Moderne de la Ville Paris und in der Berliner Nationalgalerie gefeiert. Sie starb am 31. Mai 1978 in ihrem Haus in Heiligensee.

Neue Frauen, alte Rollen

"Die Kunst ist in ihrer Ausführung und Richtung von der Zeit abhängig, in der sie lebt, und die Künstler sind Kreaturen ihrer Epoche", verkündete die erste Zeile des "Dadaistischen Manifests" im April 1918. Das trifft auf Hanna Höch durchaus zu, denn ihre Kunst ist mit ihrer Biografie und dem Zeitgeschehen eng verbunden. Bei der Ausführung ihrer Kunstwerke bediente sie sich der Medien, die in der Weimarer Republik eine rasante Entwicklung erlebten und zu den Vorläufern der heutigen Massenblätter gehörten: der Boulevard- und der Tageszeitungen und der Frauenmagazine. Von 1916 bis 1926 arbeitete sie drei Tage pro Woche als Designerin für die Handarbeitsredaktion des Ullstein-Verlags und entwarf dort Vorlagen für Spitzenmuster, Druckstoffe und Stickereien, sie schrieb auch Texte für die beiden erfolgreichsten Zeitschriften des Verlags "Die Dame" und "Die praktische Berlinerin". Wie sie ironisch anmerkte, verdiente sie dort Brötchen, die von Hausmann aufgefuttert wurden. Hannah Höch wurde zu einer Medienkünstlerin, die die Medienwelt von innen kannte. Indem sie in ihren Fotomontagen und Collagen die von den Medien kreierte Wirklichkeit in scheinbar nicht zusammenhängende Teile zerlegte und sie zu einem überraschenden Ganzen zusammenfügte, dekonstruierte sie Medienbilder und Klischees, die sich in den Köpfen der Leserinnen und Leser festsetzen. Sie war eine Dekonstruktivistin der Medienkonstrukte, aus denen sie neue Konstrukte fertigte, denn das Entwerfen von Mustern und Vorlagen für Handarbeiten war schließlich ihr Beruf. In ihren Collagen und Gemälden trennte sie die Dichtung von der Wahrheit: die Emanzipation der vielbeschworenen und in den Medien gefeierten berufstätigen "Neuen Frau" hörte an der Seite ihres Mannes auf, der sie am liebsten in der Rolle eines ewigen unmündigen Kindes mit einem Puppengesicht sehen wollte. Die tradierten Geschlechterrollen und Geschlechtsidentitäten erschienen ihr überhaupt suspekt, deshalb schuf sie so viele Figuren, die sowohl über weibliche als auch über männliche Merkmale verfügen: Männerköpfe auf Frauenkörpern, Männer mit Frauenlippen oder Gesichter, in denen sich die weiblichen und männlichen Elemente vermischen. Ihre ironische, groteske, surreale und doch sehr lebensnahe Kunst, in der sie die von den Medien und der Werbung vermittelten Wunschbilder, Weiblichkeits- und Männlichkeitsmythen mit der Schere wie mit einem Skalpell seziert, legt immer wieder offen, dass selten etwas so ist, wie es aussieht oder auszusehen scheint.

Text © Urszula Usakowska-Wolff

7.04.2006  


HANNAH HÖCH
Aller Anfang ist DADA!
6.04. - 2.07.2007
Berlinische Galerie
Landesmuseum für Moderne Kunst, Fotografie und Architektur
Stiftung öffentlichen Rechts

15.01. - 27.04.2008
Museum Tinguely Basel


Katalog
HANNAH HÖCH
Aller Anfang ist DADA!
Hrsg. Ralf Burmeister, Text von Ralf Burmeister, Karoline Hille,
 Werner Hofmann, Maria Makela, Jörn Merkert, Freya Mülhaupt,
Janina Nentwig, Valentine Plisnier, Bettina Schaschke
Hatje Cantz Verlag 2007
224 Seiten, 330 Abb., davon 133 farbig
23,80 x 27,60 cm
gebunden mit Schutzumschlag
ISBN 978-3-7757-1919-3
Preis 39,80 €


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Weiter zum Text über die Ausstellung "Artur Zmijewski - Ausgewählte Arbeiten" im Neuen Berliner Kunstverein, 19.05. - 24.06.2007