Lob der Langsamkeit

Alles bewegt sich: Fächer aus Federn und Messern öffnen und schließen sich im Zeitlupentempo, ein Gemisch aus Farbe und Champagner wird an die Wand gespritzt, Streichinstrumente spielen und Pinsel malen, wie von einer unsichtbaren Hand geführt, Worte gleiten auf den Wänden und ein Tisch tanzt Tango. Im Erdgeschoss des Martin-Gropius-Baus in Berlin kann man in diesem Herbst und Winter das bewegte und stellenweise bewegende Universum der mit vielen Talenten gesegneten und Preisen bedachten interdisziplinären und multimedialen Künstlerin Rebecca Horn (* 1944) erleben. Ihre Retrospektive, die seit Anfang Oktober 2004, ursprünglich mit dem Titel "Bodylandscapes“, durch die Lande und das Ausland tourt und bereits in Düsseldorf, Lissabon und London zu sehen war, ist mit Hilfe des Intendanten der Berliner Festspiele Joachim Sartorius, den eine langjährige Freundschaft mit Rebecca Horn verbindet, in der Bundeshauptstadt - der letzten Station - angekommen. In den zwanzig unteren Sälen des Gropius-Baus, eines problematischen Ausstellungsortes, denn er wurde zwei Jahre vor der Entdeckung der Elektrizität fertiggestellt und hat zu viele Fenster, präsentiert die kleine zierliche Frau mit den zum Markenzeichen gewordenen orangenfarbenen Haaren, ihre Zeichnungen, Skulpturen, Installationen und Filme von immer kosmischeren Dimensionen, ein großes Werk, das keinen Stillstand kennt.

Rebecca Horn und Joachim Sartorius, Intendant der Berliner Festspiele, 4.10.06, Martin-Gropius-Bau. Foto © Urszula Usakowska-Wolff

Rebecca Horn und Joachim Sartorius, Intendant der Berliner Festspiele, 4.10.06, Martin-Gropius-Bau.
Foto © Urszula Usakowska-Wolff

Neue Dimensionen durch Extensionen

Seit über vierzig Jahren ist Rebecca Horn die Regisseurin, Dramaturgin, Bühnenbildnerin und Choreografin ihres eigenen Theaters, in dem sie zu Beginn ihrer künstlerischen Laufbahn die Hauptrolle spielte. Großes Aufsehen erreichte sie Ende der 1960er und Anfang der 1970er Jahre mit ihren körperbezogenen Arbeiten - Performances, die fotografiert oder auf Videos dokumentiert wurden und die sie "Personal Art" nennt. Die Beschäftigung mit dem Körper, seiner Verwundbarkeit, der Verwundbarkeit einer Maschine, deren Mechanismus gestört werden und zum Erliegen kommen kann, "verdankt" die Künstlerin ihrem unsachgemäßen Umgang mit neuen Kunststoffen: 1967 arbeitete sie als Studentin der Hochschule für Bildende Künste in Hamburg an einer Skulptur aus Fiberglas und Polyester und wusste nicht, dass sie dabei eine Schutzmaske tragen muss. Sie erlitt eine schwere Lungenvergiftung, verbrachte lange Zeit im Krankenhaus und in Sanatorien und blieb anderthalb Jahre der Kunstakademie fern. Isoliert und von der Umwelt abgeschnitten, wandte sie sich ihrem Körper zu und versuchte, ihm zu entfliehen, seine Grenzen und die Isolation zu überwinden, um neue Sinneseindrücke zu gewinnen. Sie betrachtete ihren Körper als eine im Wandel begriffene Skulptur und erweiterte - in einer Performance-Serie mit dem Titel "Extensionen" - ihre Dimensionen in die Höhe, Breite und Tiefe. Sie baute hohe spitze Kopfbedeckungen, Schulterstäbe, Körperfächer aus Federn und Handschuhfinger, mit denen sie selbst auftrat oder andere junge Frauen und Männer aus ihrem Bekanntenkreis auftreten ließ. Mit diesen "Kopf - und Armextensionen", künstlichen Verlängerungen der Größe und der Reichweite des Körpers, konnte sie ihre unmittelbare Umgebung ertasten und neue sinnliche Erfahrungen sammeln. Die Erweiterung der Wahrnehmung, also der Ausbruch aus dem Panzer und Käfig des Körpers, war jedoch nur mit künstlichen Hilfsmitteln - Prothesen - möglich und somit eine begrenzte Entgrenzung. Zu den bekanntesten "Extensionen" gehören das "Nashorn" (1970) und die "Bleistiftmaske“ (1972) - eine Vorläuferin der späteren Malmaschinen.

Rebecca Horn: Licht gefangen im Bauch des Wales (Detail), 2002. Foto © Urszula Usakowska-Wolff

Rebecca Horn: Licht gefangen im Bauch des Wales (Detail), 2002. Foto © Urszula Usakowska-Wolff

Leere ohne Schwere

Nach der performativen Phase wandte sich die Künstlerin der Kinetik zu und begann, bewegte Objekte zu bauen, die von kleinen unsichtbaren Elektromotoren angetrieben werden. Ihre Bewegungen sind meistens sehr langsam und deshalb fast unsichtbar. Diese kinetischen Kunstwerke aus Federn, Spiegeln, Trichtern, Musikinstrumenten und Noten, Vogeleiern, Insekten, Pinsel, Steinen, Regenschirmen, Besteck, Büchern, Schläuchen, Koffern, Schuhen, Farbe, Staub, Asche, Gold, Kupfer und Quecksilber, um nur einige Materialien und Fundstücke zu nennen, sind filigran und minimalistisch, auch wenn sie beachtliche Dimensionen erreichen. Was Rebecca Horn meisterhaft beherrscht, ist ihr sicheres Raumgefühl: Genau die richtige Menge Kunst im Raum. Sie liebt den leeren "white cube" und erklärt, warum: "Das Weiße gibt dem Raum eine Leichtigkeit. Die Schwere gibt es im Alltag, die muss man im Atelier oder im Museum nicht haben." Die Leere, das fünfte buddhistische Element, ist ein wichtiger Bestandteil der skulpturalen und installativen Werke von Rebecca Horn, denn nur in großen leeren und weißen Räumen können sie atmen, Schatten an die Wand und auf den Boden werfen, ihren etwas altmodischen, mit der Patina der Zeit bedeckten Reiz voll entfalten. Zu den überzeugendsten Arbeiten der Künstlerin, die in ihrer Berliner Retrospektive zu sehen sind, gehören die kinetischen Federobjekte ("Der Zwilling der Raben", 1997 und "Der Kreis des Adlers“, 2001). Sie sind ein Perpetuum Mobile der Langsamkeit: Immer wieder öffnen und schließen sie sich, werfen Schatten an die Wand und muten wie bewegliche, dreidimensionale Zeichnungen an. Auch dort, wo Rebecca Horn sich spielerisch und mit einer milden Ironie mit dem (durch zu enge Schuhe verursachten) Schmerz ("Lola - A New York Summer", 1987), der Kunst ("Painting Machine", 1988) und der (Un)Vergänglichkeit ("Glance of Infinity", 1997) auseinandersetzt, fühlt man sich von ihren Darstellungen, die ein Lob der Langsamkeit sind und dem hektischen, schnelllebigen und oberflächlichen Alltag trotzen, angesprochen. Das trifft auf die Zeichnungen, die als die eigentlichen Entdeckungen dieser Retrospektive gefeiert werden, nicht immer zu. Vor allem die Blätter aus dem 2003 begonnenen Zyklus "Bodylandscapes", die die Künstlerin auf 1,82 x 1,50 Meter großen, an der Wand befestigten Papierbögen im Stehen zeichnet und malt, muten häufig wie das Werk einer Action-Painting-Machine an.

Theatralisch und esoterisch

Von Rebecca Horn gibt es im Martin-Gropisu-Bau viel zu sehen und deshalb muss man sich für ihre bewegten und unbewegten Objekte und ihre bewegten Bilder auf der Leinwand viel Zeit lassen. In den neuen raumgreifenden Installationen, in denen sie mit Spiegeln und Licht experimentiert ("Heartshadows", 2002 und "Twilight Transit", 2005), fühlt man sich an Olafur Eliasson erinnert. Ein Beamer und als "sphärisch" bezeichnete Klänge des neuseeländischen Komponisten Hayden Chisholm kommen auch zum Einsatz: Seine Musik begleitet die an den dunklen Wänden gleitenden Worte des Gedichts der Künstlerin "Licht gefangen im Bauch des Wales" (2002). Und weil die Berliner Retrospektive die Extension des bisher von ihr woanders Gezeigten ist, hat Rebecca Horn für den Lichthof des erwürdigen Baus ein Aufsehen erregendes Monument geschaffen. Es ist das "Universum in einer Perle", 18 Meter hoch, urblau und mit drei goldenen Trichtern, die den Raum unter der Decke in kosmische Weiten befördern und am Boden in rotierenden Spiegeln in die Tiefe stürzen lassen. Das ist sehr theatralisch, sehr esoterisch und sehr schön. Zum Verweilen fast schon zu schön.

Text und Fotos © Urszula Usakowska-Wolff

20.12.2006


Rebecca Horn
Zeichnungen, Skulpturen, Installationen, Filme 1964–2006
Martin-Gropius-Bau Berlin
5. Oktober 2006 - 15. Januar 2007

Katalog
Rebecca Horn
Zeichnungen, Skulpturen, Installationen, Filme 1964–2006
151 Farb- und 54 s/w-Abbildungen, 320 Seiten.
Erweiterte Ausgabe
Berliner Festspiele 2006
Preis in der Ausstellung: 32 €


Filmprogramm in der Ausstellung
Mittwoch bis Montag, 12:00 Uhr
Performances I, Simon-Sigmar, (1970-72),
Performances II (1973) - 36 Min
Berlin - Übungen in neuen Stücken, (1974/75) - 42 Min.
Der Eintänzer (1978) - 47 Min.
Cutting through the past (1995) - 55 Min

Filmprogramm im Kinosaal
Jeden Montag, Mittwoch, Donnerstag,
Freitag und Sonntag
16:00 Uhr La Ferdinanda (1981) - 85 Min
17:30 Uhr Buster’s Bedroom (1990) - 104 Min
Jeden Samstag
12:00 Uhr La Ferdinanda (1981) - 85 Min.
im Anschluss: Buster’s Bedroom (1990) - 104 Min

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Weiter zum Text über die Ausstellung "Marwan. Khaddousch oder das unbekannte Frühwerk", Berlinische Galerie, 8.09.06 - 7.01.07