Ins Freie!

Stadt - Land - Fluss:

Die Flämische Landschaft 1520 -1700

Fährt man mit der S-Bahn vom Essener Hauptbahnhof zum Haltepunkt Hügel, entschwinden bald die grauen und konstruierten Stadtbilder aus dem Blick und der Zug durchfährt die Waldlandschaft des Essener Stadtwaldes, der zwischen den am Zugfenster vorbeieilenden Baumkulissen den Blick auf kleine Täler, einsam stehende Häuser freigibt. Spaziert man vom Bahnhof Hügel der Villa Hügel entgegen, führt der Weg durch einen großzügigen Landschaftspark, dessen Pfade vor immer neue Ausblicke führen: weite Wiesen, von Bäumen kulissenartig umrahmt, hier einen geschlossenen Raum bildend, dort den Blick frei gebend auf die weite Wasserfläche des Baldeneysees, auf dem Boote scheinbar ebenso absichtslos herumfahren, wie die Menschen im Park herumgehen. Schließlich erhebt sich zur rechten das gewaltige Bauwerk der Villa Hügel, einstmals Wohnsitz der Familie Krupp, nimmt den schweifenden Blick wieder gefangen: aus der artifiziellen und inszenierten Natur tritt der Betrachter vor den beherrschenden Anspruch einer Architektur, die aus ihrem Herrschaftsanspruch keinen Hehl macht.

© Urszula Usakowska-Wolff: Gebührenfreie Information

© Urszula Usakowska-Wolff: Gebührenfreie Information

1873 bezog die Familie Krupp die weiße Villa, die ihr über 70 Jahre als Wohnsitz und Repräsentationsraum diente, in der die Großen der deutschen Politik gern gesehene Gäste waren. 1953 widmete der letzte Firmeninhaber Alfried Krupp den weitläufigen Bau dem kulturellen Leben im Ruhrgebiet. Seither fanden dort zahlreiche große Ausstellungen statt. Der Grundstein dazu wurde bereits 1913 gelegt, als die Villa nach einem Umbau eine weiträumige Bildergalerie erhielt, die allerdings nicht der Öffentlichkeit zugänglich war. Nach der ersten Ausstellung 1953 wurde auf Vorschlag von Berthold Beitz, dem Generalbevollmächtigten des letzten Firmeninhabers Alfried Krupp von Bohlen und Halbach 1954 der gemeinnützige Verein Villa Hügel gegründet. 1984 wurde in Fortführung dieser Tradition durch Prof. Dr. h.c.mult. Berthold Beitz, den Ehren-Aufsichtsratsvorsitzenden der Thyssen-Krupp AG und Vorsitzenden der Alfried Krupp von Bohlen und Halbach-Stiftung die "Kulturstiftung Ruhr" mit der satzungsgemäßen Aufgabe gegründet, "dem kulturellen Leben im Ruhrgebiet neue Impulse zu geben und ihm Maßstäbe und Ziele zu setzen".

  Geistiger Tafelschmuck

Über 5,5 Millionen Menschen sahen seit 1953 die 48 großen Ausstellungen, deren bedeutendste vielleicht die Canaletto-Ausstellung 1966 war. Sie hatte mit 56000 Besuchern zwar nur einen mäßigen Publikumserfolg, war aber wegen der engen Zusammenarbeit mit vor allem polnischen Institutionen ein wichtiger Meilenstein der deutsch-polnischen Beziehungen, die Stuttgarter Zeitung brachte es so auf den Punkt: "Die Ausstellung in der Villa Hügel ist gleichsam der geistige Tafelschmuck für Handel und Wandel der Firma Krupp mit dem Osten. Der kritische und künstlerische Gewinn macht das Unternehmen unbezahlbar."

Kehrt der Besucher der Landschaft den Rücken und betritt er die Villa Hügel, durchschreitet er zuerst die große Eingangshalle, rundum in dunkler Eiche getäfelt, von deren Wänden die Familienmitglieder der Krupps auf den Besucher herabschauen und in der sich die kleinen Stände zum Verkauf der Eintrittskarten und Kataloge ebenso deplaciert ausmachen wie der unvermeidliche Souvenirshop. Riskiert man am Ende der Halle einen Blick um die Ecke, blickt man den Hohenzollernkaisern ins Auge, von Wilhelm I., der schon als „Kartätschenprinz“ 1848 die Produkte des Hauses Krupp zu schätzen wusste, bis zu Wilhelm II., dem die „dicke Bertha“ aus dem Hause Krupp nicht den erhofften Erfolg im Ersten Weltkrieg bringen konnte.

  Landschaften, wohin das Auge blickt

Der Besucher wird aber eine Treppe hinauf geführt und betritt dann die Ausstellungsgalerie, wo 127 Meisterwerke auf ihn warten, die von sechzig internationalen Leihgebern, darunter das Nationalmuseum Warschau, zur Verfügung gestellt wurden. In fünfzehn Abteilungen wird der Betrachter nach der Begrüßung durch die „Landschaft mit Psyche und Jupiter“ von Peter Paul Rubens zuerst zu den Anfängen geführt, an den Druckgrafiken Pieter Bruegels d.Ä. und seinen Landschaften vorbei zu Gebirgs- und Felslandschaften, Waldlandschaften, Dorf- und Flusslandschaften geleitet, macht Bekanntschaft mit den Jahreszeitenlandschaften und den Landschaftsporträts, wird mit den metaphorischen See- und Paradieslandschaften konfrontiert und erlebt die phantastischen Landschaften mit ihren höllischen und gewittrigen Szenen, ehe er vor dem Höhepunkt der flämischen Landschaftsmalerei mit dem Werk von Peter Paul Rubens steht.

Mit der Landschaft als eigenständigem Topos künstlerischen Schaffens wurde die landschaftslose Zeit der Goldhintergründe, vor denen sich die religiösen Motive entfalteten, ebenso überwunden wie die dekorativen Landschaftshintergründe eines Jan van Eyck oder Rogier van der Weyden abgelöst, da sie nur der Illustration des religiösen Geschehens im Vordergrund dienten. Zuerst bei Joachim Patinir und Pieter Breugel d.Ä. wird die Landschaft zum zentralen Thema, das biblische Geschehen oder die Heiligenvita zum rechtfertigenden Beiwerk.

  Theater der neuen Zeit

Die flämischen Landschaften sind keine Landschaftsporträts. Sie geben kein Abbild einer bestimmten Topographie, sondern entspringen der Phantasie, sind durchkomponierte Idealkulissen der Weite oder eines begrenzten Raumes. Wenn dennoch in einigen Bildern reale Ansichten zu entdecken sind, handelt es sich um Skizzen aus Reisetagebüchern, in denen die flämischen Maler ihre Eindrücke aufsogen, um sie daheim wieder „auszuspeien“, wie es Karel van Mander drastisch beschrieb. So grüßt im Hintergrund des „Fischmarkts am Ufer eines Flusses“ von Jan Brueghel d.Ä. der Prager Veitsdom.

Die Landschaft ist nicht allegorisierendes Paradigma einer höheren Idee. Als Weltlandschaft ist sie das Theater der neuen Zeit, der Welt, die auf ihre Entdeckung harrt, und so sind denn auch Szenen einem Bühnenbild gleich aufgebaut. Sie gewinnen ihre räumliche Weite nicht durch Perspektive. Bäume an den Bildrändern markieren das Proszenium, der Vordergrund ist in warmen Braun- und Ockertönen vertraut, Grün beherrscht den Mittelgrund, während helles Blau im Hintergrund oft die Horizontlinie der offenen See mit dem Himmel verschmelzen lässt. Bemühte sich Pieter Bruegel d.Ä. noch um „Naturwahrheit“, so steht bei Jan Brueghel d.Ä., Coninxloo und anderen die Landschaftskonstruktion eindeutig im Mittelpunkt des Schaffens, und erst Rubens schafft wieder Bilder, die atmosphärisch durchflutet die Größe und Erhabenheit der Natur wiedergeben.

  Unbeschwerter Raum

Inspiration dieser Wende im künstlerischen Schaffen ist nicht allein das neue Naturgefühl, das sich mit dem beginnenden 16. Jahrhundert durchsetzte. Die Ablösung von den Fesseln des christlichen Kults mit seinen jedes Hinterfragen verbietenden Dogmen ließ die Maler selbstbewusst in ihrer Sicht der Welt schwelgen. Weltanschauung war zu einem individuellen Problem geworden, das nicht durch kanonische Regeln abgetan werden konnte. Die Landschaft entzog sich den konfessionellen Auseinandersetzungen der Zeit und gab dem Künstler unbeschwerten Raum. Die Lust an Entdeckungen und Reisen fand auf den Tafelbildern ebenso ihren Niederschlag wie die Freude am weltlichen Treiben der vertrauten heimischen Umwelt. Und nicht zuletzt verlangte der neu entstehende Kunstmarkt Bilder, in denen die Käufer und Betrachter ihre Freude am Entdecken in den eigenen vier Wänden fortsetzen konnten.

So bietet die Ausstellung ein mannigfaltiges Kaleidoskop, immer wieder neue und originelle Versuche, sich dem Thema Landschaft zu nähern, bis sie im Rundgang wieder zu Rubens führt, der seine italienischen Erfahrungen, schon dort in der großartigen Landschaft des Aeneas-Bildes manifestiert, nun in Antwerpen in Landschaftskompositionen ausdrückt, die in ihrer Naturwahrheit, Anmut und Dramatik einen Höhepunkt der Landschaftsmalerei darstellen, der erst mit der Romantik wieder erreicht werden sollte.

Text © Manfred Wolff

Fotos © Villa Hügel Essen 


Die Flämische Landschaft 1520 - 1700

23. August bis 30. November 2003

Villa Hügel, Essen


Katalog:

Stadt - Land - Fluss.

 Die Flämische Landschaft 1520 - 1700

Luca-Verlag, Lingen, 2003

ISBN 3-923641-50-8

Preis 30,00 €


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