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© Urszula Usakowska-Wolff: Gebührenfreie Information |
1873
bezog die Familie Krupp die weiße Villa, die ihr über 70 Jahre als
Wohnsitz und Repräsentationsraum diente, in der die Großen der
deutschen Politik gern gesehene Gäste waren. 1953 widmete der letzte
Firmeninhaber Alfried Krupp den weitläufigen Bau dem kulturellen Leben
im Ruhrgebiet. Seither fanden dort zahlreiche große Ausstellungen
statt. Der Grundstein dazu wurde bereits 1913 gelegt, als die Villa nach
einem Umbau eine weiträumige Bildergalerie erhielt, die allerdings
nicht der Öffentlichkeit zugänglich war. Nach der ersten Ausstellung
1953 wurde auf Vorschlag von Berthold Beitz, dem Generalbevollmächtigten
des letzten Firmeninhabers Alfried Krupp von Bohlen und Halbach 1954 der
gemeinnützige Verein Villa Hügel gegründet. 1984 wurde in Fortführung
dieser Tradition durch Prof. Dr. h.c.mult. Berthold Beitz, den
Ehren-Aufsichtsratsvorsitzenden der Thyssen-Krupp AG und Vorsitzenden
der Alfried Krupp von Bohlen und Halbach-Stiftung die
"Kulturstiftung Ruhr" mit der satzungsgemäßen Aufgabe gegründet,
"dem kulturellen Leben im Ruhrgebiet neue Impulse zu geben und ihm
Maßstäbe und Ziele zu setzen".
Geistiger
Tafelschmuck
Über
5,5 Millionen Menschen sahen seit 1953 die 48 großen Ausstellungen,
deren bedeutendste vielleicht die Canaletto-Ausstellung 1966 war. Sie
hatte mit 56000 Besuchern zwar nur einen mäßigen Publikumserfolg, war
aber wegen der engen Zusammenarbeit mit vor allem polnischen
Institutionen ein wichtiger Meilenstein der deutsch-polnischen
Beziehungen, die Stuttgarter Zeitung brachte es so auf den Punkt:
"Die Ausstellung in der Villa Hügel ist gleichsam der geistige
Tafelschmuck für Handel und Wandel der Firma Krupp mit dem Osten. Der
kritische und künstlerische Gewinn macht das Unternehmen
unbezahlbar."
Kehrt
der Besucher der Landschaft den Rücken und betritt er die Villa Hügel,
durchschreitet er zuerst die große Eingangshalle, rundum in dunkler
Eiche getäfelt, von deren Wänden die Familienmitglieder der Krupps auf
den Besucher herabschauen und in der sich die kleinen Stände zum
Verkauf der Eintrittskarten und Kataloge ebenso deplaciert ausmachen wie
der unvermeidliche Souvenirshop. Riskiert man am Ende der Halle einen
Blick um die Ecke, blickt man den Hohenzollernkaisern ins Auge, von
Wilhelm I., der schon als „Kartätschenprinz“ 1848 die Produkte des
Hauses Krupp zu schätzen wusste, bis zu Wilhelm II., dem die „dicke
Bertha“ aus dem Hause Krupp nicht den erhofften Erfolg im Ersten
Weltkrieg bringen konnte.
Landschaften,
wohin das Auge blickt
Der
Besucher wird aber eine Treppe hinauf geführt und betritt dann die
Ausstellungsgalerie, wo 127 Meisterwerke auf ihn warten, die von sechzig
internationalen Leihgebern, darunter das Nationalmuseum Warschau, zur
Verfügung gestellt wurden. In fünfzehn Abteilungen wird der Betrachter
nach der Begrüßung durch die „Landschaft mit Psyche und Jupiter“
von Peter Paul Rubens zuerst zu den Anfängen geführt, an den
Druckgrafiken Pieter Bruegels d.Ä. und seinen Landschaften vorbei zu
Gebirgs- und Felslandschaften, Waldlandschaften, Dorf- und
Flusslandschaften geleitet, macht Bekanntschaft mit den
Jahreszeitenlandschaften und den Landschaftsporträts, wird mit den
metaphorischen See- und Paradieslandschaften konfrontiert und erlebt die
phantastischen Landschaften mit ihren höllischen und gewittrigen
Szenen, ehe er vor dem Höhepunkt der flämischen Landschaftsmalerei mit
dem Werk von Peter Paul Rubens steht.
Mit
der Landschaft als eigenständigem Topos künstlerischen Schaffens wurde
die landschaftslose Zeit der Goldhintergründe, vor denen sich die
religiösen Motive entfalteten, ebenso überwunden wie die dekorativen
Landschaftshintergründe eines Jan van Eyck oder Rogier van der Weyden
abgelöst, da sie nur der Illustration des religiösen Geschehens im
Vordergrund dienten. Zuerst bei Joachim Patinir und Pieter Breugel d.Ä.
wird die Landschaft zum zentralen Thema, das biblische Geschehen oder
die Heiligenvita zum rechtfertigenden Beiwerk.
Theater
der neuen Zeit
Die
flämischen Landschaften sind keine Landschaftsporträts. Sie geben kein
Abbild einer bestimmten Topographie, sondern entspringen der Phantasie,
sind durchkomponierte Idealkulissen der Weite oder eines begrenzten
Raumes. Wenn dennoch in einigen Bildern reale Ansichten zu entdecken
sind, handelt es sich um Skizzen aus Reisetagebüchern, in denen die flämischen
Maler ihre Eindrücke aufsogen, um sie daheim wieder „auszuspeien“,
wie es Karel van Mander drastisch beschrieb. So grüßt im Hintergrund
des „Fischmarkts am Ufer eines Flusses“ von Jan Brueghel d.Ä. der
Prager Veitsdom.
Die
Landschaft ist nicht allegorisierendes Paradigma einer höheren Idee.
Als Weltlandschaft ist sie das Theater der neuen Zeit, der Welt, die auf
ihre Entdeckung harrt, und so sind denn auch Szenen einem Bühnenbild
gleich aufgebaut. Sie gewinnen ihre räumliche Weite nicht durch
Perspektive. Bäume an den Bildrändern markieren das Proszenium, der
Vordergrund ist in warmen Braun- und Ockertönen vertraut, Grün
beherrscht den Mittelgrund, während helles Blau im Hintergrund oft die
Horizontlinie der offenen See mit dem Himmel verschmelzen lässt. Bemühte
sich Pieter Bruegel d.Ä. noch um „Naturwahrheit“, so steht bei Jan
Brueghel d.Ä., Coninxloo und anderen die Landschaftskonstruktion
eindeutig im Mittelpunkt des Schaffens, und erst Rubens schafft wieder
Bilder, die atmosphärisch durchflutet die Größe und Erhabenheit der
Natur wiedergeben.
Unbeschwerter
Raum
Inspiration
dieser Wende im künstlerischen Schaffen ist nicht allein das neue
Naturgefühl, das sich mit dem beginnenden 16. Jahrhundert durchsetzte.
Die Ablösung von den Fesseln des christlichen Kults mit seinen jedes
Hinterfragen verbietenden Dogmen ließ die Maler selbstbewusst in ihrer
Sicht der Welt schwelgen. Weltanschauung war zu einem individuellen
Problem geworden, das nicht durch kanonische Regeln abgetan werden
konnte. Die Landschaft entzog sich den konfessionellen
Auseinandersetzungen der Zeit und gab dem Künstler unbeschwerten Raum.
Die Lust an Entdeckungen und Reisen fand auf den Tafelbildern ebenso
ihren Niederschlag wie die Freude am weltlichen Treiben der vertrauten
heimischen Umwelt. Und nicht zuletzt verlangte der neu entstehende
Kunstmarkt Bilder, in denen die Käufer und Betrachter ihre Freude am
Entdecken in den eigenen vier Wänden fortsetzen konnten.
So
bietet die Ausstellung ein mannigfaltiges Kaleidoskop, immer wieder neue
und originelle Versuche, sich dem Thema Landschaft zu nähern, bis sie
im Rundgang wieder zu Rubens führt, der seine italienischen
Erfahrungen, schon dort in der großartigen Landschaft des Aeneas-Bildes
manifestiert, nun in Antwerpen in Landschaftskompositionen ausdrückt,
die in ihrer Naturwahrheit, Anmut und Dramatik einen Höhepunkt der
Landschaftsmalerei darstellen, der erst mit der Romantik wieder erreicht
werden sollte.
Text © Manfred Wolff
Fotos
© Villa
Hügel Essen
Die
Flämische Landschaft 1520 - 1700
23.
August bis 30. November 2003
Stadt - Land - Fluss.
Die Flämische Landschaft 1520 - 1700
Luca-Verlag,
Lingen, 2003
ISBN
3-923641-50-8
Preis
30,00 €