Schauraum der Identität(en)

Die Ausstellung "Tożsamość/Identity" ist ein europäisches Projekt. An ihr beteiligen sich eine Künstlerin und vier Künstler aus Wrocław. Zu ihren Förderern gehören die polnische Botschaft in Berlin, der Berliner Verein NIKE2001 - Polnische Frauen in Wirtschaft in Kultur und die Firma edge charter aus der ostenglischen Stadt Norwich im County Norfolk. Diese grenzüberschreitende europäische Gruppenschau wird im multiethnischen Berliner Bezirk Wedding präsentiert, wo Polnisch sprechende Türken, deutschsprechende Polen, Russen, Araber, Afrikaner, Koreaner, Vietnamesen, Mongolen, Brasilianer und noch viele andere Vertreter verschiedener Nationen wohnen. Deshalb wundert man sich hier nicht, wenn man bei einer weißrussischen Änderungsschneiderin russischsprechenden Haitianerinnen begegnet.

Tanja Hofmann, Leiterin der Otto-Nagel-Galerie (v.r.), Urszula Sliz, Jerzy Kosalka, Krzysztof Walaszek, Przemek Pintal, Berlin. Ausstellungseröffnung  "Tozsamosc/Identity", 23.11.2007. An der Wand Acrylbilder von Urszula sliz aus der Serie _log. Foto © Manfred Wolff

Tanja Hofmann, Leiterin der Otto-Nagel-Galerie (v.r.), Urszula śliz, Jerzy Kosałka, Krzysztof Wałaszek, Przemek Pintal, Berlin. Ausstellungseröffnung  "Tożsamość/Identity", 23.11.2007. An der Wand Acrylbilder von Urszula śliz aus der Serie _log. Foto © Manfred Wolff 

Identität ist nicht gleich Identität

Die Ausstellung "Tożsamość/Identity" ist zugleich eine Ausstellung des 21. Jahrhunderts, zustande gekommen mit den Mitteln der modernen Kommunikation. Anfang dieses Jahres fand ich in meiner Mailbox eine E-Mail der Absenderin US mit der Bitte, ihre Gruppenschau in Berlin zu zeigen. Urszula śliz war es, die mir damals schrieb. Ich kannte sie nicht. Nach einigem Zögern ließ ich mich auf dieses Abenteuer ein, überzeugt durch den Ausstellungskatalog, den mir die Künstlerin aus Wrocław als pdf-Datei mailte. Sie war es, die das Projekt "Tożsamość/Identity" 2006 konzipierte und ihre Künstlerkollegen aus Wrocław zur Teilnahme einlud, die unabhängig voneinander an dem Thema der Identität arbeiteten. Die Gruppenschau wurde an einigen Orten in der Stadt an der Oder gezeigt, die Gemeinde Wrocław finanzierte den Katalog. Die Ausstellung, die nun in der Otto-Nagel-Galerie gezeigt wird, ist nicht identisch mit der ersten "Identität". Manche Künstler, darunter die Kuratorin śliz, Krzysztof Walaszek, Jerzy Kosałka und Marek Sienkiewicz sind, neben den alten, im Katalog abgebildeten Arbeiten, mit neuen Werken vertreten. Die Malerin Renata Bryjanowska konnte an der Berliner Schau nicht teilnehmen, deshalb fehlen ihre Bilder. Das Projekt "Tożsamość/Identity" ist kein statisches Gebilde, es entwickelt und verändert sich, wie alles im Leben, in der Kunst und in der Persönlichkeit eines Menschen.

Urszula śliz (v.l.), Tanja Hofmann, Grażyna Prawda, Urszula Usakowska-Wolff und Aleksandra Pielatowska-Raddatz. An der Wand ein Fragment der Installation "Bonus Toten III" von Przemek Pintal. Otto-Nagel-Galerie Berlin, 23.11.2007. Foto © Manfred Wolff

Urszula śliz (v.l.), Tanja Hofmann, Grażyna Prawda, Urszula Usakowska-Wolff und Aleksandra Pielatowska-Raddatz. An der Wand ein Fragment der Installation "Bonus Toten III" von Przemek Pintal. Otto-Nagel-Galerie Berlin, 23.11.2007. Foto © Manfred Wolff

Manipulierte Konsumenten und Gläubige

Was mich an dieser Ausstellung fasziniert, ist, dass sie vieles verkörpert, was ich in der Kunst so gern mag: Die Reduzierung auf das Wesentliche, also eine knappe, minimalistische Form und eine klare inhaltliche Aussage durch die Benutzung einer visuellen Sprache, die allgemein verständlich ist. Es handelt sich vor allem um das Zeichenhafte und Serielle, die in allen hier vertretenen Arbeiten mehr oder weniger zum Ausdruck kommt. Die in der Otto-Nagel-Galerie präsentierten multimedialen Arbeiten: Bilder, Objekte und Installationen bilden einen beeidruckenden Schauraum der Identität, die aus mehreren Identitäten besteht. Sie warnen zugleich vor einer falschen, einer aufgezwungenen Identität. Die Künstler, vor allem Przemek Pintal und Krzysztof Wałaszek verdeutlichen in ihren Objekten, dass die menschenverachtenden und menschenvernichtenden Ideologien: Nationalsozialismus und Kommunismus in die Rumpelkammer der Geschichte geschickt wurden. Sie legen aber auch zugleich offen, dass sie durch einen neuen "sanften" Totalitarismus, den Konsumismus ersetzt werden, der genauso aggressiv und offensiv agiert, wie die anderen –ismen. Seine Zielgruppe sind die Konsumenten, die die materiellen und geistigen Produkte konsumieren und das Kapital der Produzenten und Dienstleister gedankenlos mehren sollen. Die Arbeiten der beiden Künstler sind ernst und zugleich ironisch. Sie zeigen die Verlogenheit der merkantilen, staatlichen und geistlichen Institutionen: Die Werbung, die staatliche Propaganda und die Kirche werden als Manipulatoren enttarnt. Gleich am Anfang der Ausstellung sehen wir die Wandinstallation "Jetzt und immer": Es ist die erste Zeile aus einem Gebet, und zugleich auch Motto des ultrakatholischen Rundfunkssenders "Radio Maryja" und des Fernsehsenders "Telewizja Trwam", die zum Medienkonzern des Redemptoristen Pater Rydzyk (sein Name bedeutet wörtlich ein kleiner Reizker) in Toruń gehören. Darunter hängen zwei Giftpilze. Es ist ein Kommentar des Künstlers Krzysztof Wałaszek zu dem Hass und der Intoleranz, die Rydzyks angeblich katholische Medien unter den zumeist älteren Zuhörerinnen verbreiten.

Krzysztof Walaszek: "Jetzt und immer", 2007. Foto © Manfred Wolff

Krzysztof Wałaszek: "Jetzt und immer", 2007. Foto © Manfred Wolff

Die weiß-roten Heuchlerpatrioten

Marek Sienkiewicz setzt sich mit dem polnischen Patriotismus auseinander. Zu diesem Zweck bedient er sich der Vogelkunde. Er möchte ein Häuschen für jeden polnischen Vogel bauen, bevorzugt in den Nationalfarben weiß-rot, und den Adler, Polens Wappenvogel, zur Rückkehr bewegen. Er führt den von den polnischen Politikern vor allem in den letzten zwei Jahren bis zum geht nicht mehr instrumentalisierten Patriotismus ad absurdum fort, indem er eine weiß-rot gestrichene Leiter neben ein Vogelhäuschen stellt, zu dem es keinen Eingang gibt. Auf diese Weise entlarvt er die Polnischtümelei, die heuchlerischen von oben verordneten patriotischen Symbole. Wie und ob man sein Vater- (oder auch Mutterland) lieben solle, dass bleibt jedem, auch noch so schrägen Vogel, selbst überlassen.

Marek Sienkiewicz: "Ein Haus für jeden polnischen Vogel", 2006. Foto © Manfred Wolff

Marek Sienkiewicz: "Adler, komm zurück", 2007. Foto © Manfred Wolff

Marek Sienkiewicz: "Ein Haus für jeden polnischen Vogel", 2006. Foto © Manfred Wolff

Marek Sienkiewicz: "Adler, komm zurück", 2007.
 Foto © Manfred Wolff

Germanische Götter und polnische Galle

Jerzy Kosałkas Werk ist einerseits ein Beitrag zur Diskussion über die deutsche Vergangenheit der Stadt, die bis Mai 1945 Breslau hieß. Über die Genese seines Modells "Die Deutschen waren schon da" sagt er: "Als ich Wrocław in den 1970er Jahren zum ersten Mal besichtigte, traf ich auf eine Stelle, wo einmal Hitler eine Rede hielt. Die von Max Berg entworfene und 1913 gebaute Jahrhunderthalle ist ein Weltkulturdenkmal. Das ist eine der ersten Konstruktionen aus Eisenbeton mit so riesigen Dimensionen. Daneben steht ein Spitzturm, der von der Obrigkeit zum Wahrzeichen der Stadt erklärt wurde. Er wurde 1948 gebaut, mit dem Ziel, die monumentale Halle (damals Volkshalle) visuell zu dominieren. Diese Aufgaben erhielten die Veranstalter der Ausstellung der 'Wiedergewonnenen Gebiete' von einem Minister, der das Ausstellungsgelände inspizierte und anmerkte, dass der größte Bau auf dieser Ausstellung der 'germanische Topf' sein wird. Die Aufgabe wurde erfüllt, der Spitzturm (100 m Höhe) ist doppelt so hoch wie die Halle (45 m Höhe). An seiner Spitze wurde eine Krone mit acht Spiegeln in Kreisform angebracht (Durchmesser 3 m), die am Eröffnungstag von einem Blitzschlag getroffen und zerstört wurden. War das etwa die Rache germanischer Götter? Ich glaube also, dass dieser Ort auch für Deutsche ein besonderer ist, darüber spricht diese Arbeit und auch davon, dass DIE DEUTSCHEN SCHON DA WAREN, denn das ist die Wahrheit und Kunst ist bekanntlich Wahrheit, was man ja sieht.“ Seine ebenfalls in der Otto-Nagel-Galerie gezeigte Installation "Die polnische Galle" setzt sich mit dem anderen Thema, das den polnischen Künstler interessiert, auseinander. Es ist der polnische Nationalcharakter, dem selbstloser Neid nachgesagt wird. Die weiß-roten Patrioten sind in Wirklichkeit gelb vor Neid, wenn sie nur vermuten, dass es ihren Nachbarn etwas besser geht, als ihnen selbst. Diese, was man ja sieht, ironische und bittere Installation wird vom "Tagebuch oder ein Monat aus meinen Leben" in Frage gestellt, der einen glücklichen und zufriedenen Polen, den Künstler Krzysztof Wałaszek zeigt. Durch die Frage "Was soll das alles?“, stellt der Künstler seine einen Monat dauernde Glückseligkeit selbst in Frage.

Jerzy Kosalka: "Die polnische Galle", 2007. Foto © Manfred Wolff

Jerzy Kosałka: "Die polnische Galle", 2007. Foto © Manfred Wolff

Krzysztof Walaszek: "Tagebuch - Ein Monat aus meinem Leben", 2007. Foto © Manfred Wolff

Krzysztof Wałaszek: "Tagebuch - Ein Monat aus meinem Leben", 2007. Foto © Manfred Wolff

Gruppenschau mit Dame

Fragen über Fragen, auf die es viele Antworten gibt. Eines ist sicher: Die Ausstellung "Tożsamość/Identity" ist eine Gruppenschau mit Dame. Urszula śliz bringt also die weibliche Identität ins Bild ein. Um sie anschaulich zu machen, wählt sie eine Form, die sie _log bezeichnet. Sie ist, wie die Künstlerin sagt: "Eine wiederholbare Form, die Veränderungen, lokaler Färbung, der (De)Konstruktion und Formgebung unterliegt. Nicht ohne Bedeutung ist hier jene an eine pflanzliche Signatur anspielende Gestalt, die in ihrer Vorstellung eine ovale Form ist, was ohne Zweifel an die Weichheit des 'weiblichen' Phänotyps anknüpft. Die materielle Identifizierung der Form wird zu meinem Fingerabdruck, denn jeder besitzt und erbaut seine eigene Hybride."

Anna und Vadim Fadin bei der Ausstellungseröffnung in der Otto-Nagel-Galerie am 23.11.2007. An der  Wand Acrylbilder von Urszula sliz aus der Serie _log. Foto © Manfred Wolff

Anna und Vadim Fadin bei der Ausstellungseröffnung in der Otto-Nagel-Galerie am 23.11.2007. An der Wand Acrylbilder von Urszula śliz aus der Serie _log. Foto © Manfred Wolff

Nach der "Identität“ kommt das Ende

Die unter der Schirmherrschaft von Grażyna Prawda, Gattin des Botschafters der Republik Polen in Deutschland stehende Gruppenschau "Tożsamość/Identity", zu deren Vernissage über 150 Personen, darunter zahlreiche Persönlichkeiten aus der Kulturszene und den diplomatischen Kreisen nach Wedding gekommen waren, ist die letzte Ausstellung in der Otto-Nagel-Galerie in der Seestraße 49. Vielleicht glänzte deshalb der Bürgermeister von Berlin-Mitte, Dr. Christian Hanke, durch Abwesenheit. Von der Bezirksamtsverwaltung ließ sich auch niemand blicken. Warum auch? Ist ja beschlossene Sache: Nach dem 20. Dezember 2007 wird es diesen hellen, an- und aufregenden Ort in einem Bezirk, den die Stadtoberen gern als sozialen Brennpunkt bezeichnen, nicht mehr geben. Hoffentlich bleiben die Spuren, die die heutige und die anderen hier gezeigten Ausstellungen hinterlassen haben, noch lange, wenn auch nur in unserer Erinnerung und im "Archiv“ der Galerieleiterin erhalten. Dziękuję bardzo, vielen Dank, Tanja Hofmann!

Text © Urszula Usakowska-Wolff  


"Tożsamość/Identity"
23.11. - 20.12.2007
Otto-Nagel-Galerie
Seestraße 49
Bezirksamt Mitte von Berlin Kulturamt
13347 Berlin
Dienstag bis Sonnabend von 14 bis 18 Uhr

Ausstellungseröffnung "Tozsamosc/Identity", Otto-Nagel-Galerie, 23.11.2007. In der Mitte: Tanja Hofmann. Foto © Manfred Wolff

Ausstellungseröffnung "Tożsamość/Identity", Otto-Nagel-Galerie, 23.11.2007. In der Mitte: Tanja Hofmann. Foto © Manfred Wolff

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Weiter zum Text über die Ausstellung "Swiss Made 2: Präzision und Wahnsinn. Positionen Schweizer Kunst von Holder bis Hirschhorn", Kunstmuseum Wolfsburg, 7.07. - 21.10.2007