|
Bewohntes
und Gewohntes Markus Brüderlin hat im Wolfsburger Kunstmuseum eine neue Etappe seiner Expedition auf der Suche nach der Moderne im 21. Jahrhundert angetreten: Interieur/Exterieur. Wohnen in der Kunst sucht die Wurzeln und die Perspektiven des Raumes, der zugleich Ort der Zurückgezogenheit und der Repräsentation ist. Dabei schlagen die Wolfsburger einen großen Bogen von der Aneignung der Welt als der Ort des Seins bei Caspar David Friedrich bis zum Cocooning Verner Pantons, von der biedermeierlichen Innigkeit Am Stickrahmen Georg Friedrich Kestings bis zur offenen Inszenierung des Privaten, wie sie In Sook Kim in ihrer großformatigen Fotografien-Collage Saturday Night präsentiert, oder Werner Sobek in seiner bewohnbaren Seifenblase.
Wohnkultur
und Architektur Das alles wird mit 140 Exponaten in einer Ausstellungsarchitektur erwandert, man schlendert quasi durch eine urbane Landschaft, von Dieter Thiel souverän gestaltet, die immer wieder neue Ein- und Ausblicke bietet. Dazu wurden die Museumslounge von Zaha Hadid und der Japanische Garten des Museums programmatisch in die Ausstellung integriert. Wirklich Neues gibt es da nicht zu sehen, aber die Anordnung der Objekte verschafft neues Verständnis für das Gewohnte. Brüderlin hat sich erfolgreich bemüht, die Verbindung von Kunst und Design am Beispiel der Wohnkultur herauszuarbeiten. Am deutlichsten wird diese Verschränkung in Tobias Rehbergers für Wolfsburg geschaffenen Arbeit Öffentlicher Platz für eine geschlossene Anstalt, wo Kunstwerke durch listige Eingriffe des Künstlers sich unversehens in Sitzgelegenheiten verwandeln. Zaha Hadid leugnet nicht ihre Ableitungen von künstlerischen Gestaltungsprinzipien der Plastik für die Entwürfe ihrer Architektur. Donald Judd (Wenn es eine Kiste ist, ist es Judd) schafft Objekte, die auch einem nützlichen Verwendungszweck zugeführt werden können.
Unerreichbar
für viele Wenn
die Ausstellung allerdings mit dem Anspruch auftritt, Sehnsüchte, Ängste,
gesellschaftliche Normen und urbane Utopien des modernen Menschen
widerzuspiegeln, muss man den Machern vorhalten, dass ihr Spiegel
entweder großflächig blind ist oder nur auf den kleinen Kreis der sich
selbst definierenden Elite gerichtet ist: Was einem im Kunstmuseum
Wolfsburg begegnet, ist meilenweit von den Wohnmöglichkeiten der Vielen
entfernt, aus architektonischen, geschmacklichen und nicht zuletzt
finanziellen Gründen für die Vielen eben unerreichbar, was nichts an
der Tatsache ändert, dass sie auch zu den modernen Menschen zählen.
Oder etwa doch nicht? Text © Manfred Wolff 30.11.2008 Interieur/Exterieur.
Wohnen in der Kunst Katalog: Hatje Cantz Verlag, 260 Seiten, 39 Euro
|