|
Maler
in Zeiten des Konsums
James
Rosenquist ist ein einnehmender, charismatischer Mensch, der auf Anhieb
die Sympathie des Publikums gewinnt. Den Presseleuten ruft er: Guten
Tag! Wie geht´s? zu, die Journalistin aus Polen begrüßt er mit Dzień
dobry! Jak się masz?, was ungefähr dasselbe auf Polnisch
bedeutet. Über seine Kunst spricht er ungern, um so lieber erzählt er
Anekdoten aus seinem langen Künstlerleben, wie zum Beispiel diese: Als
er 1961 noch sehr arm und recht unbekannt mit einer Erkältung in seinem
schäbigen New Yorker Atelier lag, kündigte sich der Bürgermeister von
Chicago bei ihm an, um eines seiner Bilder zu kaufen. Unmittelbar davor
erblickte der Künstler eine dicke Ratte, die in einer Ecke seines
Ateliers kauerte. Da klingelte es an der Tür und der Bürgermeister
trat in Erscheinung. Er blickte auf den Künstler, dann auf die Ratte
und schließlich auf das Bild. Er sagte: Ich nehme es und zahlte
450 USD. Heute kostet es einige hundert Tausend Dollar, aber so geht
es halt im Leben: auf und ab, meint James Rosenquist und
unterstreicht seine Worte mit einer wellenartigen Geste. Die Energie des
1933 in Grand Forks, North Dakota geborenen Sohns einer
schwedisch-norwegischen Familie scheint ungebrochen zu sein, und seine
monumentalen, zugleich luftigen Gemälde, die aussehen, als seien sie am
PC entworfen, sprengen unsere Vorstellungen von Raum und Zeit. Doch die
Arbeit am PC ist des Künstlers Sache nicht. No computer, betont
er. Ich liebe alle anderen Maschinen, aber der PC ist gut für
Architekten und für die Industrie. Ein PC kann vieles ersetzen, aber
nicht das menschliche Gehirn.
Schwimmer
im Wirtschaftsnebel In
seiner Kunst, die das Chaos der heutigen Welt abbildet, ist James
Rosenquist, den die Zeitschrift art einmal den Meister des Überdimensionalen
nannte, ein Perfektionist. Seine riesigen Gemälde, immer mit Öl auf
Leinwand gemalt, lassen keinen Pinselstrich erkennen, ihre Flächen sind
so glatt und vollkommen, wie die Bilder alter Meister. Der Künstler,
der sich vergeblich dagegen wehrt, als Pop Artist abgestempelt zu
werden, malt seit den späten 1950er Jahren, nach der ersten Phase, in
der er sich als Abstrakter Expressionist versuchte, Stillleben der
Konsumgesellschaft. Er stellt eine Welt dar, in der die Ware zum Fetisch
und zur Ikone erhoben und der Mensch zum Konsumenten degradiert wird,
dessen Bedürfnisse es zu wecken und zu befriedigen gilt. Rosenquists
Stillleben mit Spagetti in Tomatensoße, Fruchtsalat und Speckstreifen
sind so täuschend echt und schmackhaft, dass bei ihrem Anblick der
Speichel im Mund läuft. Seine Gemälde sind Collagen aus Dingen, die
scheinbar nicht zusammengehören: Trockenhauben und Bomber,
Autofragmente, Bohrer, Körperteile, Blumen, Fische, schmutziges oder
abgewaschenes Geschirr, Zahnräder, Lippenstifte und Bleistifte, die wie
Waffen aussehen und auf das Publikum genauso bedrohlich zielen, wie
echte Waffen in einer Frauenhand mit grell lackierten Nägeln. Das
Chaos, also die Dekonstruktion, wie wir sie aus der Medienwelt kennen,
in der Berichte über Kriege und Katastrophen mit Werbung für
Nahrungsmittel, Kosmetika und Autos unterbrochen werden und in der
Prominente als Werbeträger und eingetragene Markenzeichen fungieren,
ist das Ordnungsprinzip der Rosenquistschen Bilderflut. Er ist Chronist
einer Warenwelt, die von der Wirtschaft dominiert wird, ein Schwimmer im
Wirtschaftsnebel, der - wie auf seinen so betitelten Gemälde - von dem
Strom der allgegenwärtigen Ökonomie mitgerissen wird, ob er es will
oder nicht. Das Individuum in Zeiten des Konsums ist ein von der
Wirtschaft manipuliertes Wesen. Alles ist wirtschaftlich, also käuflich:
die Liebe, das ewige Glück und die ewige Jugend. Die Bilder von James
Rosenquist, in denen scheinbar nichts zueinander passt und die
offensichtlich nichts erzählen, fügen sich zu lesbaren Geschichten
zusammen: man sieht zum Beispiel, wie sich eine Frauen- und eine Männerhand
in einer zärtlichen Geste vereinen, über ihnen nimmt man ein
seitliches Autofragment wahr und die Krönung des Bildes ist schmutziges
Geschirr, das in einer Spüle eingeweicht wird. Das Maß aller schönen
und verführerischen Dinge und Gefühle, die wir aus der
Hochglanzwerbung kennen, ist der Alltag.
Meister
der Illusion James
Rosenquist ist ein Maler des Alltags, so wie er seit den späten 1950er
Jahren allgegenwärtig ist. Der Fundus, aus dem er schöpft, sind die
Medien, die Presse, die Hochglanzillustrierten, also heutige ready mades,
aus denen er überraschende Inhalte kreiert. Seine Karriere hatte er als
Plakatmaler begonnen, der auf Gerüsten arbeitete und Riesenformate
fertigte, auf denen jedes Detail aus größter Entfernung erkennbar sein
musste. Deshalb sprengen seine Bilder, die immer raumergreifender und
dreidimensionaler werden, jede räumliche Vorstellung. Der Künstler,
der die Illusionen der heutigen Zeit dekonstruiert, ist selbst ein
Meister der Illusion. Seine riesigen und flachen Gemälde, von denen
nicht wenige einige zehn Meter lang sind, sehen wie Reliefs aus, die in
den Raum herausragen. Sie haben scheinbar keine Grenzen, denn manche
sind an ihren Enden durch Alufolien ergänzt, in denen sich ihre Inhalte
und das Publikum spiegeln. Sie zeigen zugleich die Grenzenlosigkeit und
die Grenzen des Fortschritts: wer Trockenhauben, Bohrer, Zahnräder und
Raumkapseln erfindet, die der Menschheit gute Dienste leisten, wird auch
Atombomben und Jagdbomber bauen, die das Leben auslöschen können. Und
weil diese Ambivalenzen dem menschlichen Gehirn eigen sind, wendet sich
James Rosenquist in letzter Zeit zunehmend der Erforschung geistiger Höhen.
Seine Gemälde, in denen er der Relativitätstheorie nachgeht, werden
immer luftiger und abstrakter: ein Reigen aus Formen und Farben, die in
den hellen Räumen schweben, wie jetzt in einer großen Retrospektive im
Kunstmuseum Wolfsburg, die 150 großformatige Werke, darunter Skulpturen
sowie wunderbare
kleinformatige Collagen, Skizzen zu den riesigen Bildern des rüstigen
Pop Klassikers zeigt. Ob er zurecht Pop Opa genannt wird, sei dahin
gestellt: Die Dynamik, Perfektion, Fantasie, Vitalität, Frische und
Energie, die James Rosenquists Arbeiten ausstrahlen, lassen manche
seiner jungen Künstlerkollegen alt aussehen. Ich kenne viele Maler,
sagt Walter Hopps, Nestor der amerikanischen Kunstkritik und Mitkurator
der Wolfsburger Retrospektive, aber James Rosenquist ist der qualitätsvollste
und brillanteste unter ihnen. Text
© Urszula Usakowska-Wolff 5.03.2005
Mehr Informationen über die James-Rosenquist-Retrospektive >>> |