Maler in Zeiten des Konsums

 

James Rosenquist im Kunstmuseum Wolfsburg, 17.02.2005. Foto: Urszula Usakowska-Wolff

James Rosenquist im Kunstmuseum Wolfsburg, 17.02.2005. Foto: Urszula Usakowska-Wolff

James Rosenquist ist ein einnehmender, charismatischer Mensch, der auf Anhieb die Sympathie des Publikums gewinnt. Den Presseleuten ruft er: Guten Tag! Wie geht´s? zu, die Journalistin aus Polen begrüßt er mit Dzień dobry! Jak się masz?, was ungefähr dasselbe auf Polnisch bedeutet. Über seine Kunst spricht er ungern, um so lieber erzählt er Anekdoten aus seinem langen Künstlerleben, wie zum Beispiel diese: Als er 1961 noch sehr arm und recht unbekannt mit einer Erkältung in seinem schäbigen New Yorker Atelier lag, kündigte sich der Bürgermeister von Chicago bei ihm an, um eines seiner Bilder zu kaufen. Unmittelbar davor erblickte der Künstler eine dicke Ratte, die in einer Ecke seines Ateliers kauerte. Da klingelte es an der Tür und der Bürgermeister trat in Erscheinung. Er blickte auf den Künstler, dann auf die Ratte und schließlich auf das Bild. Er sagte: Ich nehme es und zahlte 450 USD. Heute kostet es einige hundert Tausend Dollar, aber so geht es halt im Leben: auf und ab, meint James Rosenquist und unterstreicht seine Worte mit einer wellenartigen Geste. Die Energie des 1933 in Grand Forks, North Dakota geborenen Sohns einer schwedisch-norwegischen Familie scheint ungebrochen zu sein, und seine monumentalen, zugleich luftigen Gemälde, die aussehen, als seien sie am PC entworfen, sprengen unsere Vorstellungen von Raum und Zeit. Doch die Arbeit am PC ist des Künstlers Sache nicht. No computer, betont er. Ich liebe alle anderen Maschinen, aber der PC ist gut für Architekten und für die Industrie. Ein PC kann vieles ersetzen, aber nicht das menschliche Gehirn.

James Rosenquist vor seinem Bild "The Stowaway Peers Out at the Speed of Light", 2000.  Kunstmuseum Wolfsburg, 17.02.2005. Foto: Urszula Usakowska-Wolff

James Rosenquist vor seinem Bild The Stowaway Peers Out at the Speed of Light, 2000.
 Kunstmuseum Wolfsburg, 17.02.2005. Foto: Urszula Usakowska-Wolff

  Schwimmer im Wirtschaftsnebel

In seiner Kunst, die das Chaos der heutigen Welt abbildet, ist James Rosenquist, den die Zeitschrift art einmal den Meister des Überdimensionalen nannte, ein Perfektionist. Seine riesigen Gemälde, immer mit Öl auf Leinwand gemalt, lassen keinen Pinselstrich erkennen, ihre Flächen sind so glatt und vollkommen, wie die Bilder alter Meister. Der Künstler, der sich vergeblich dagegen wehrt, als Pop Artist abgestempelt zu werden, malt seit den späten 1950er Jahren, nach der ersten Phase, in der er sich als Abstrakter Expressionist versuchte, Stillleben der Konsumgesellschaft. Er stellt eine Welt dar, in der die Ware zum Fetisch und zur Ikone erhoben und der Mensch zum Konsumenten degradiert wird, dessen Bedürfnisse es zu wecken und zu befriedigen gilt. Rosenquists Stillleben mit Spagetti in Tomatensoße, Fruchtsalat und Speckstreifen sind so täuschend echt und schmackhaft, dass bei ihrem Anblick der Speichel im Mund läuft. Seine Gemälde sind Collagen aus Dingen, die scheinbar nicht zusammengehören: Trockenhauben und Bomber, Autofragmente, Bohrer, Körperteile, Blumen, Fische, schmutziges oder abgewaschenes Geschirr, Zahnräder, Lippenstifte und Bleistifte, die wie Waffen aussehen und auf das Publikum genauso bedrohlich zielen, wie echte Waffen in einer Frauenhand mit grell lackierten Nägeln. Das Chaos, also die Dekonstruktion, wie wir sie aus der Medienwelt kennen, in der Berichte über Kriege und Katastrophen mit Werbung für Nahrungsmittel, Kosmetika und Autos unterbrochen werden und in der Prominente als Werbeträger und eingetragene Markenzeichen fungieren, ist das Ordnungsprinzip der Rosenquistschen Bilderflut. Er ist Chronist einer Warenwelt, die von der Wirtschaft dominiert wird, ein Schwimmer im Wirtschaftsnebel, der - wie auf seinen so betitelten Gemälde - von dem Strom der allgegenwärtigen Ökonomie mitgerissen wird, ob er es will oder nicht. Das Individuum in Zeiten des Konsums ist ein von der Wirtschaft manipuliertes Wesen. Alles ist wirtschaftlich, also käuflich: die Liebe, das ewige Glück und die ewige Jugend. Die Bilder von James Rosenquist, in denen scheinbar nichts zueinander passt und die offensichtlich nichts erzählen, fügen sich zu lesbaren Geschichten zusammen: man sieht zum Beispiel, wie sich eine Frauen- und eine Männerhand in einer zärtlichen Geste vereinen, über ihnen nimmt man ein seitliches Autofragment wahr und die Krönung des Bildes ist schmutziges Geschirr, das in einer Spüle eingeweicht wird. Das Maß aller schönen und verführerischen Dinge und Gefühle, die wir aus der Hochglanzwerbung kennen, ist der Alltag.

  Meister der Illusion

James Rosenquist ist ein Maler des Alltags, so wie er seit den späten 1950er Jahren allgegenwärtig ist. Der Fundus, aus dem er schöpft, sind die Medien, die Presse, die Hochglanzillustrierten, also heutige ready mades, aus denen er überraschende Inhalte kreiert. Seine Karriere hatte er als Plakatmaler begonnen, der auf Gerüsten arbeitete und Riesenformate fertigte, auf denen jedes Detail aus größter Entfernung erkennbar sein musste. Deshalb sprengen seine Bilder, die immer raumergreifender und dreidimensionaler werden, jede räumliche Vorstellung. Der Künstler, der die Illusionen der heutigen Zeit dekonstruiert, ist selbst ein Meister der Illusion. Seine riesigen und flachen Gemälde, von denen nicht wenige einige zehn Meter lang sind, sehen wie Reliefs aus, die in den Raum herausragen. Sie haben scheinbar keine Grenzen, denn manche sind an ihren Enden durch Alufolien ergänzt, in denen sich ihre Inhalte und das Publikum spiegeln. Sie zeigen zugleich die Grenzenlosigkeit und die Grenzen des Fortschritts: wer Trockenhauben, Bohrer, Zahnräder und Raumkapseln erfindet, die der Menschheit gute Dienste leisten, wird auch Atombomben und Jagdbomber bauen, die das Leben auslöschen können. Und weil diese Ambivalenzen dem menschlichen Gehirn eigen sind, wendet sich James Rosenquist in letzter Zeit zunehmend der Erforschung geistiger Höhen. Seine Gemälde, in denen er der Relativitätstheorie nachgeht, werden immer luftiger und abstrakter: ein Reigen aus Formen und Farben, die in den hellen Räumen schweben, wie jetzt in einer großen Retrospektive im Kunstmuseum Wolfsburg, die 150 großformatige Werke, darunter Skulpturen sowie wunderbare kleinformatige Collagen, Skizzen zu den riesigen Bildern des rüstigen Pop Klassikers zeigt. Ob er zurecht Pop Opa genannt wird, sei dahin gestellt: Die Dynamik, Perfektion, Fantasie, Vitalität, Frische und Energie, die James Rosenquists Arbeiten ausstrahlen, lassen manche seiner jungen Künstlerkollegen alt aussehen. Ich kenne viele Maler, sagt Walter Hopps, Nestor der amerikanischen Kunstkritik und Mitkurator der Wolfsburger Retrospektive, aber James Rosenquist ist der qualitätsvollste und brillanteste unter ihnen.

Text © Urszula Usakowska-Wolff

5.03.2005

James Rosenquist und Sarah Bancroft im Kunstmuseum Wolfsburg, 17.02.2005. Foto: Usakowska-Wolff

James Rosenquist und Sarah Bancroft im Kunstmuseum Wolfsburg, 17.02.2005. Foto: Usakowska-Wolff

Hier gehts direkt zum Kunstmuseum Wolfsburg!

 

Die erste Station der Ausstellung, vom Guggenheim Museum New York organisiert, war Houston, wo sie gleichzeitig in der Menil Collection und im Museum of Fine Arts vom 16. Mai bis 17. August 2003 zu sehen war. James Rosenquist: Retrospektive wanderte anschließend nach New York, wo sie vom 17. Oktober 2003 bis 4. Februar 2004 im Solomon R. Guggenheim Museum ausgestellt wurde, bevor sie ins Guggenheim Museum Bilbao (Spanien) wechselte, wo sie vom 13. Mai bis 17. Oktober 2004 gezeigt wurde. Die Ausstellung wird von Walter Hopps und Sarah Bancroft kuratiert. Hopps ist Adjunct Senior Curator für Kunst des 20. Jahrhunderts sowohl bei der Menil Collection als auch beim Guggenheim Museum. Sarah Bancroft ist Assistant Curator beim Solomon R. Guggenheim Museum.

 

 

Katalog "James Rosenquist: A Retrospective"

Katalog
JAMES ROSENQUIST: RETROSPEKTIVE
Zur Ausstellung ist ein englischsprachiger Katalog mit zahlreichen neuen Fotos und Archiv-Fotos sowie fast 300 der wichtigsten Werke des Künstlers erschienen. Der Katalog wurde vom Guggenheim Museum in New York anlässlich der ersten Ausstellung "James Rosenquist: A Retrospective" hergestellt.
HatjeCantz-Verlag, Deutschland
ISBN: 0-89207-268-7 (Softcover)
Preis: Euro 30,-

Mehr Informationen über die James-Rosenquist-Retrospektive >>>

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Weiter zum Text über die  Ausstellung "Im Rausch der Kunst. Jean Dubuffet und Art Brut" im museum kunst palast Düsseldorf