|
Begegne deinem Engel! Man
muss verrückt sein“, darin waren sich der Künstler Ilya Kabakov und
Thomas Kellein, Leiter der Kunsthalle Bielefeld einig, als sie die diesjährigen
“Kleinen Paradiese“ in Ostwestfalen eröffneten. Schauplatz der
sommerlichen und bereits zum vierten Mal stattfindenden Rauminszenierungen in Ostwestfalen-Lippe ist auch diesmal zum dritten
Mal der Gutspark Böckel in der kleinen Gemeinde Rödinghausen, laut
Kabakov “ein Ort mit fantastisch positiver Aura, wie in einem
Sanatorium.“
Wo
die Träume wahr werden Seit
Jahren war der auf Long Island NY lebende international bekannte Künstler,
der in letzter Zeit zusammen mit seiner Ehefrau unter dem Label “Emilia
und Ilya Kabakov“ seine utopischen Projekte künstlerisch umsetzt, auf
der Suche nach einem Ort, der genau auf halben Weg zwischen Bremerhaven
und Frankfurt am Main gelegen sein sollte. Dort wollte er nämlich seinen
Traum realisieren, und zwar eine Installation, an deren oberen Ende eine
menschliche Gestalt mit ausgestreckten Armen steht, bereit, ihrem Engel zu
begegnen. Die Wahl fiel auf den Gutspark Böckel, wo man gegenwärtig den
kunstgewordenen Traum erleben und bestaunen kann, wenn man den Blick in
die Höhe(n) richtet. Auf einem riesigen, 16-Meter hohen aber grazil
wirkenden Gerüst aus vier Holzleitern, das an eine gigantische Tribüne
erinnert, erhebt sich ein Himmelstürmer aus Polyester, um überirdische,
geflügelte Wesen zu empfangen.
Statik
und Romantik “In
unserer heutigen durch und durch rationalen Welt brauchen wir Verrücktheit“,
sagt Ilya Kabakov, “das heißt mehr Romantik, Irrationalität und vor
allem mehr Träume.“ Auch wenn die Verwirklichung der himmlischen Träume
mit einigen irdischen Problemen statischer Natur verbunden ist. So wie
Emilia und Ilya Kabakov ihre Installation auf dem Papier entworfen haben,
konnte sie nicht realisiert werden: Das mit Hilfe eines Bielefelder
Unternehmens im Gutspark Böckel aufgestellte Werk enttäuschte das Künstlerehepaar
auf den ersten Blick. Die stützenden Streben mit einem Durchmesser von 12
Zentimetern erschienen ihnen zu massiv, wodurch die Konstruktion nicht
filigran genug wirke. Der international gefeierte Ilya Kabakov, Teilnehmer
u.a. der documenta 9, der Kunstbiennale in Venedig und der
Skulptur-Projekte in Münster, fand schließlich nach einer langen
Diskussion mit dem Bielefelder Ingenieur Sigurd Prinz, der die Statik
berechnet hat, eine befriedigende Lösung: Die Rundhölzer wurden durch
Vier-Kant-Hölzer mit einem Durchmesser von acht Zentimetern ersetzt, die
Ecken zusätzlich abgerundet. “Ein Künstler ist halt hartnäckig und
verrückt“, sagt Ilya Kabakov, “und es ist nicht immer angenehm, mit
ihm zu arbeiten.“
Himmlische
Tribüne Das Ergebnis der gemeinsamen Arbeit lässt sich sehen: Hoch über den Wipfeln der Bäume im Gutspark Böckel, der bereits Rainer Maria Rilke zu einigen Gedichten inspirierte, schwebt eine menschliche Figur, dringt in kosmische Sphären ein. Vielleicht eine neue Jakobsleiter oder eben ein verwirklichter Traum im Stil der großen sowjetischen Künstler Tatlin und El Lissicky. Und weil das Werk unter dem Titel “Meet The Angel“ das bisher größte und aufwendigste in der noch recht kurzen Geschichte der paradiesischen Garteninszenierungen ist, soll es nach Willen ihres Kurators Dr. Thomas Kellein womöglich mehrere Jahre auf Gut Böckel bei der kunstfreundlichen Familie Leffers bleiben. So wird das Publikum sich daran vielleicht über den September hinaus erfreuen können. Mit einer Einschränkung: “Das Betreten der Leiter ist strengstens untersagt. Eltern haften für ihre Kinder“, warnen zwei gelbe Tafeln am Fuß des Kabakovschen Himmelstürmers. Beim Betrachten der verwirklichten Träume bleibt man also am besten mit beiden Füssen auf dem wirklichen Boden. Text und Fotos © Urszula Usakowska-Wolff, 11.07.2003
|