Begegne deinem Engel!

Man muss verrückt sein“, darin waren sich der Künstler Ilya Kabakov und Thomas Kellein, Leiter der Kunsthalle Bielefeld einig, als sie die diesjährigen “Kleinen Paradiese“ in Ostwestfalen eröffneten. Schauplatz der sommerlichen und bereits zum vierten Mal stattfindenden Rauminszenierungen in Ostwestfalen-Lippe ist auch diesmal zum dritten Mal der Gutspark Böckel in der kleinen Gemeinde Rödinghausen, laut Kabakov “ein Ort mit fantastisch positiver Aura, wie in einem Sanatorium.“

Emilia und Ilya Kabakov, Dr. Thomas Kellein, Gut Böckel, 20.06.2003. Foto: Urszula Usakowska-Wolff

Emilia & Ilya Kabakov, Dr. Thomas Kellein, Gut Böckel, 20.06.2003

Wo die Träume wahr werden

Seit Jahren war der auf Long Island NY lebende international bekannte Künstler, der in letzter Zeit zusammen mit seiner Ehefrau unter dem Label “Emilia und Ilya Kabakov“ seine utopischen Projekte künstlerisch umsetzt, auf der Suche nach einem Ort, der genau auf halben Weg zwischen Bremerhaven und Frankfurt am Main gelegen sein sollte. Dort wollte er nämlich seinen Traum realisieren, und zwar eine Installation, an deren oberen Ende eine menschliche Gestalt mit ausgestreckten Armen steht, bereit, ihrem Engel zu begegnen. Die Wahl fiel auf den Gutspark Böckel, wo man gegenwärtig den kunstgewordenen Traum erleben und bestaunen kann, wenn man den Blick in die Höhe(n) richtet. Auf einem riesigen, 16-Meter hohen aber grazil wirkenden Gerüst aus vier Holzleitern, das an eine gigantische Tribüne erinnert, erhebt sich ein Himmelstürmer aus Polyester, um überirdische, geflügelte Wesen zu empfangen.

Statik und Romantik

“In unserer heutigen durch und durch rationalen Welt brauchen wir Verrücktheit“, sagt Ilya Kabakov, “das heißt mehr Romantik, Irrationalität und vor allem mehr Träume.“ Auch wenn die Verwirklichung der himmlischen Träume mit einigen irdischen Problemen statischer Natur verbunden ist. So wie Emilia und Ilya Kabakov ihre Installation auf dem Papier entworfen haben, konnte sie nicht realisiert werden: Das mit Hilfe eines Bielefelder Unternehmens im Gutspark Böckel aufgestellte Werk enttäuschte das Künstlerehepaar auf den ersten Blick. Die stützenden Streben mit einem Durchmesser von 12 Zentimetern erschienen ihnen zu massiv, wodurch die Konstruktion nicht filigran genug wirke. Der international gefeierte Ilya Kabakov, Teilnehmer u.a. der documenta 9, der Kunstbiennale in Venedig und der Skulptur-Projekte in Münster, fand schließlich nach einer langen Diskussion mit dem Bielefelder Ingenieur Sigurd Prinz, der die Statik berechnet hat, eine befriedigende Lösung: Die Rundhölzer wurden durch Vier-Kant-Hölzer mit einem Durchmesser von acht Zentimetern ersetzt, die Ecken zusätzlich abgerundet. “Ein Künstler ist halt hartnäckig und verrückt“, sagt Ilya Kabakov, “und es ist nicht immer angenehm, mit ihm zu arbeiten.“

Sigurd Prinz (2. v.l) und Ilya Kabakov, Gut Böckel, 20.06.2003. Foto: Urszula Usakowska-Wolff

Sigurd Prinz (2. v.l) und Ilya Kabakov, Gut Böckel, 20.06.2003

Himmlische Tribüne

Das Ergebnis der gemeinsamen Arbeit lässt sich sehen: Hoch über den Wipfeln der Bäume im Gutspark Böckel, der bereits Rainer Maria Rilke zu einigen Gedichten inspirierte, schwebt eine menschliche Figur, dringt in kosmische Sphären ein. Vielleicht eine neue Jakobsleiter oder eben ein verwirklichter Traum im Stil der großen sowjetischen Künstler Tatlin und El Lissicky. Und weil das Werk unter dem Titel “Meet The Angel“ das bisher größte und aufwendigste in der noch recht kurzen Geschichte der paradiesischen Garteninszenierungen ist, soll es nach Willen ihres Kurators Dr. Thomas Kellein womöglich mehrere Jahre auf Gut Böckel bei der kunstfreundlichen Familie Leffers bleiben. So wird das Publikum sich daran vielleicht über den September hinaus erfreuen können. Mit einer Einschränkung: “Das Betreten der Leiter ist strengstens untersagt. Eltern haften für ihre Kinder“, warnen zwei gelbe Tafeln am Fuß des Kabakovschen Himmelstürmers. Beim Betrachten der verwirklichten Träume bleibt man also am besten mit beiden Füssen auf dem wirklichen Boden. 

Text und Fotos © Urszula Usakowska-Wolff, 11.07.2003

Emilia und Ilya Kabakov, Gut Böckel, 20.06.2003. Foto: Urszula Usakowska-Wolff

Garten_Landschaft OstWestfalenLippe - Rauminszenierungen 2003

Kurator: Dr. Thomas Kellein, Direktor der Kunsthalle Bielefeld

Assistentin: Antje Schunke

Emilia & Ilya Kabakov:

 “Meet The Angel - Begegne deinem Engel“

21.06. -  28.09.2003

täglich von 11:00 - 18:00 Uhr

Gut Böckel

Rilkestraße 18

32289 Rödinghausen

Ilya Kabakov, Gut Böckel, 20.06.2003. Foto: Urszula Usakowska-Wolff

Ilya Kabakov (in der Mitte) , Gut Böckel, 20.06.2003

Urszula Usakowska-Wolff: Der alte Engel entschwebt, 2004. © Urszula Usakowska-Wolff

Urszula Usakowska-Wolff: Der alte Engel entschwebt, 2004 

Urszula Usakowska-Wolff: Der neue Engel genießt, 2004. © Urszula Usakowska-Wolff

Urszula Usakowska-Wolff: Der neue Engel genießt, 2004 

Urszula Usakowska-Wolff: Engel weichen den Zeichen, 2004. © Urszula Usakowska-Wolff

Urszula Usakowska-Wolff: Engel weichen den Zeichen, 2004

Urszula Usakowska-Wolff: Good bye, Engel,  2004. © Urszula Usakowska-Wolff

Urszula Usakowska-Wolff: Good bye, Engel,  2004

Gut Böckel in Rödinghausen-Bieren. Foto: Urszula Usakowska-Wolff

Gut Böckel in Rödinghausen-Bieren

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