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Babylon in Bielefeld Albert
Schweitzer teilte in einem Aufsatz die Künstler in zwei Gruppen ein:
solche, deren Werk nicht an ihr persönliches Leben gebunden ist, und
solche, deren Werk so eng an ihr persönliches Leben gebunden ist, dass
man, ohne es zu kennen, auch viele ihrer Werke nicht verstehen kann. Zur
zweiten Gruppe gehören zweifellos Emilia und Ilya Kabakov. Ohne eine
detaillierte Kenntnis ihrer Biographien, ohne ein Bild des Lebens in der
Sowjetunion muss vieles in ihrem Werk unverständlich bleiben und verführt
den Betrachter gar in die Irre.
Leben
als Kunst Auf
den ersten Blick stehen in der Ausstellung „Emilia und Ilya Kabakov:
Die Architekturprojekte“, die in der Bielefelder Kunsthalle vom 12.
September bis 14. November 2004 zu sehen ist, nur Architekturmodelle,
Konstruktionen aus Sperrholz, teils offen, teils in gläsernen Vitrinen,
was den unwirklichen Charakter des Gezeigten noch unterstreicht. Aber
diese Bauten im Kleinformat sind mehr
als Vorwegnahmen von Bauwerken, die einem Zweck dienen sollen, sie sind
auch nicht nur Plastiken in der Tarnung von Architektur, wie man es bei
Frank O. Gehry vermuten kann: es sind Erzählungen aus einer
Zivilisation, die untergegangen ist - nicht ganz, denn vieles aus dem
Alltagsleben der Sowjetmenschen lebt auch heute noch weiter hinter den
Glitzerfassaden des siegreichen Kapitalismus. Die Kabakovs erzählen mit
ihren Projekten Geschichten aus dieser Welt, mal anekdotisch, mal
elegisch, mitunter mit einem Anflug von Humor, der an Gogol erinnert, in
jedem Fall aber auch immer pädagogisch und weiter leitend, über das
profane Projekt hinaus. Nicht die Kunst ist wichtig, sondern das Leben,
beide sind miteinander verschränkt, Leben wird als Kunst geschaffen.
Denkmäler
für eine untergegangene Zivilisation Ilya
Kabakov ist uns zuerst 1992 auf der documenta 9 mit seiner
"Toilettenwohnung“ begegnet, und auch in Bielefeld wird dieses
Motiv wieder aufgenommen mit der "Toilette auf dem Berg“ und der
"Wohnung im Schrank“. Im Mittelpunkt der Ausstellung stehen
jedoch die großen Projekte „Die utopische Stadt“ und das „Denkmal
für eine untergegangene Zivilisation“, ergänzt durch zahlreiche
kleinere Entwürfe. Die Kabakovs präsentieren nicht nur ihre
Architekturentwürfe, sondern ergänzen diese durch eine Unzahl von
Zeichnungen und erklärenden Texten, die die jeweilige Geschichte dem
Besucher nahe bringen.
Theosophische
Gedankenspiele Die
utopische Stadt, die die Kabakovs auf dem Gelände der Kokerei der Zeche
Zollverein in Essen errichten wollen, ist ein wahrhaft gigantisches
Projekt, das nicht nur lokal sondern auch regional den Beginn einer
neuen Welt markieren soll. Wenn dabei immer wieder geheimnisvolle
kosmische Kräfte ins Spiel gebracht werden, die unter anderem mit einer
riesigen Antennenanlage, die alles überragt, eingefangen werden sollen,
fragt man sich unwillkürlich, ob man es wieder einmal mit Kabakovs
Humor zu tun hat oder ob man verwundert vor einem wenn auch bislang nur
projektierten Versuch der architektonischen Umsetzung theosophischer
Gedankenspiele steht. Die gigantischen Ausmaße des Projekts sind
jedenfalls geeignet, nicht nur die künstlerische, sondern auch die
wirtschaftliche Energie ihres Verwirklichungsortes dauerhaft einzufangen
und zu binden.
Anschauungsobjekte
der Geschichte Im
Denkmal für eine untergegangene Zivilisation reflektieren die Kabakovs
noch einmal ihre Erfahrungen in der Sowjetunion. In zahlreichen
liebevoll gestalteten Details werden die Probleme des sozialistischen
Alltags nachgezeichnet und regen gerade wegen ihrer Fremdheit vor dem
Hintergrund des Lebens im Westen zur kritischen Selbstreflexion an. Hier
entfaltet sich die Erzählkunst aufs Beste, Erfahrung, Erfindung und
Erforschung wechseln einander ab, gehen ineinander über. Jedes hier
Anschauungsobjekt gewordene Stück ist gleichzeitig auch Subjekt seiner
eigenen Geschichte. Traum und Albtraum, realistische Dokumentation und
surrealistische Überzeichnung verweben miteinander wie im Werk des
Petersburger Dichters Daniil Charms (1905 - 1942), für den die Kunst
ein Schrank war.
Kleine
Meisterwerke Angesichts
der gigantischen Projekte laufen die kleineren Arbeiten Gefahr übersehen
zu werden. Das Denkmal für einen Tyrannen und dasGefangenendenkmal seien beispielhaft genannt. Hier gelingt es den Kabakovs, mit
einfachen Mitteln eindrucksvolle Objekte zu schaffen, die in ihrer
Aussagekraft ihresgleichen suchen: der Tyrann, den es nicht auf seinem
Sockel hält und der als sein Wiedergänger sich unter das Publikum
begibt, der in einem tiefen Loch vergrabene Baum, dessen grüne Zweige
dennoch das Gitterwerk des Kerkers durchdringen und dem Himmel
entgegenstreben. Noch
sind die meisten der gezeigten Architekturmodelle Fiktion. Vielleicht
bergen sie schon den Kern des Scheiterns in sich. Aber gerade darin
liegt ihre Größe und Bedeutung begründet: der Turm von Babylon hat
die Geschichte überdauert, weil er eingestürzt ist. Text
© Manfred Wolff
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