Babylon in Bielefeld

Albert Schweitzer teilte in einem Aufsatz die Künstler in zwei Gruppen ein: solche, deren Werk nicht an ihr persönliches Leben gebunden ist, und solche, deren Werk so eng an ihr persönliches Leben gebunden ist, dass man, ohne es zu kennen, auch viele ihrer Werke nicht verstehen kann. Zur zweiten Gruppe gehören zweifellos Emilia und Ilya Kabakov. Ohne eine detaillierte Kenntnis ihrer Biographien, ohne ein Bild des Lebens in der Sowjetunion muss vieles in ihrem Werk unverständlich bleiben und verführt den Betrachter gar in die Irre.

Ilya und Emilia Kabakov: Die Architekturprojekte. Kunsthalle Bielefeld, 2004. Foto: Manfred Wolff

Ilya und Emilia Kabakov: Die Architekturprojekte. Kunsthalle Bielefeld, 2004. Foto: Manfred Wolff

  Leben als Kunst

Auf den ersten Blick stehen in der Ausstellung „Emilia und Ilya Kabakov: Die Architekturprojekte“, die in der Bielefelder Kunsthalle vom 12. September bis 14. November 2004 zu sehen ist, nur Architekturmodelle, Konstruktionen aus Sperrholz, teils offen, teils in gläsernen Vitrinen, was den unwirklichen Charakter des Gezeigten noch unterstreicht. Aber diese Bauten im Kleinformat sind  mehr als Vorwegnahmen von Bauwerken, die einem Zweck dienen sollen, sie sind auch nicht nur Plastiken in der Tarnung von Architektur, wie man es bei Frank O. Gehry vermuten kann: es sind Erzählungen aus einer Zivilisation, die untergegangen ist - nicht ganz, denn vieles aus dem Alltagsleben der Sowjetmenschen lebt auch heute noch weiter hinter den Glitzerfassaden des siegreichen Kapitalismus. Die Kabakovs erzählen mit ihren Projekten Geschichten aus dieser Welt, mal anekdotisch, mal elegisch, mitunter mit einem Anflug von Humor, der an Gogol erinnert, in jedem Fall aber auch immer pädagogisch und weiter leitend, über das profane Projekt hinaus. Nicht die Kunst ist wichtig, sondern das Leben, beide sind miteinander verschränkt, Leben wird als Kunst geschaffen.

  Denkmäler für eine untergegangene Zivilisation

Ilya Kabakov ist uns zuerst 1992 auf der documenta 9 mit seiner "Toilettenwohnung“ begegnet, und auch in Bielefeld wird dieses Motiv wieder aufgenommen mit der "Toilette auf dem Berg“ und der "Wohnung im Schrank“. Im Mittelpunkt der Ausstellung stehen jedoch die großen Projekte „Die utopische Stadt“ und das „Denkmal für eine untergegangene Zivilisation“, ergänzt durch zahlreiche kleinere Entwürfe. Die Kabakovs präsentieren nicht nur ihre Architekturentwürfe, sondern ergänzen diese durch eine Unzahl von Zeichnungen und erklärenden Texten, die die jeweilige Geschichte dem Besucher nahe bringen.

  Theosophische Gedankenspiele

Die utopische Stadt, die die Kabakovs auf dem Gelände der Kokerei der Zeche Zollverein in Essen errichten wollen, ist ein wahrhaft gigantisches Projekt, das nicht nur lokal sondern auch regional den Beginn einer neuen Welt markieren soll. Wenn dabei immer wieder geheimnisvolle kosmische Kräfte ins Spiel gebracht werden, die unter anderem mit einer riesigen Antennenanlage, die alles überragt, eingefangen werden sollen, fragt man sich unwillkürlich, ob man es wieder einmal mit Kabakovs Humor zu tun hat oder ob man verwundert vor einem wenn auch bislang nur projektierten Versuch der architektonischen Umsetzung theosophischer Gedankenspiele steht. Die gigantischen Ausmaße des Projekts sind jedenfalls geeignet, nicht nur die künstlerische, sondern auch die wirtschaftliche Energie ihres Verwirklichungsortes dauerhaft einzufangen und zu binden.

  Anschauungsobjekte der Geschichte

Im Denkmal für eine untergegangene Zivilisation reflektieren die Kabakovs noch einmal ihre Erfahrungen in der Sowjetunion. In zahlreichen liebevoll gestalteten Details werden die Probleme des sozialistischen Alltags nachgezeichnet und regen gerade wegen ihrer Fremdheit vor dem Hintergrund des Lebens im Westen zur kritischen Selbstreflexion an. Hier entfaltet sich die Erzählkunst aufs Beste, Erfahrung, Erfindung und Erforschung wechseln einander ab, gehen ineinander über. Jedes hier Anschauungsobjekt gewordene Stück ist gleichzeitig auch Subjekt seiner eigenen Geschichte. Traum und Albtraum, realistische Dokumentation und surrealistische Überzeichnung verweben miteinander wie im Werk des Petersburger Dichters Daniil Charms (1905 - 1942), für den die Kunst ein Schrank war.

  Kleine Meisterwerke

Angesichts der gigantischen Projekte laufen die kleineren Arbeiten Gefahr übersehen zu werden. Das Denkmal für einen Tyrannen und dasGefangenendenkmal seien beispielhaft genannt. Hier gelingt es den Kabakovs, mit einfachen Mitteln eindrucksvolle Objekte zu schaffen, die in ihrer Aussagekraft ihresgleichen suchen: der Tyrann, den es nicht auf seinem Sockel hält und der als sein Wiedergänger sich unter das Publikum begibt, der in einem tiefen Loch vergrabene Baum, dessen grüne Zweige dennoch das Gitterwerk des Kerkers durchdringen und dem Himmel entgegenstreben.

Noch sind die meisten der gezeigten Architekturmodelle Fiktion. Vielleicht bergen sie schon den Kern des Scheiterns in sich. Aber gerade darin liegt ihre Größe und Bedeutung begründet: der Turm von Babylon hat die Geschichte überdauert, weil er eingestürzt ist.

Text © Manfred Wolff

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Kunsthaus Zug
27.02. - 29.05.2005

Albion Gallery London
13.10. - 23.12.2005

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Katalog

Ilya und Emilia Kabakov

Die Utopische Stadt
und andere Projekte

Herausgegeben von der
Kunsthalle Bielefeld

Mit einem Textbeitrag von
Thomas Kellein

Deutsch/Englisch

Format 26 x 35 cm

416 Seiten mit insgesamt
467 farbigen und 148 s/w-Abbildungen

Hardcover, gebunden

ISBN 3-936646-89-9

Preis 125 € (im Museum 45 €)

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