Die Nichteindeutigkeit der Dimensionen

Angefangen von gepulverten Pigment-Skulpturen bis zu gigantischen Innen– und Außeninstallationen, von geschnitzten Steinen bis hin zu Hohlspiegeln und fleischartigen PVC-Membranen: Das Ziel des britischen Bildhauers Anish Kapoor ist es, solche Objekte zu kreieren, die aussehen, als seien sie, wie er sagt, aus einer anderen Welt. Manche erinnern an archaische Knochenfunde oder Embryos, die in Vitrinenkästen erstarrt und zur Schau gestellt, ein geheimes, transzendentales Leben weiterführen. Kapoors eigenartige Gebilde sind nicht so sehr Skulpturen denn physisch gewordene sinnliche Ereignisse. Er formt aus verschiedensten Materialien seltsame, oft konkave, manchmal verspiegelte Objekte, die er mit grellen und doch weich wirkenden Farben besprüht.

Urszula Usakowska-Wolff: Gebührenfreie Wiedergabe. © Urszula Usakowska-Wolff

Urszula Usakowska-Wolff: Gebührenfreie Wiedergabe. © Urszula Usakowska-Wolff

 Eine Form der Erinnerung

Memory heißt das Auftragswerk des britischen Bildhauers für die Deutsche Guggenheim in Berlin, eine vielschichtige und überraschende Plastik, die man in ihrer Ganzheit nicht fassen kann. Sie füllt, sprengt sogar den Raum, man kann sie nicht auf einmal, sondern in mehreren Etappen umgehen, sodass man sich nur ein partielles Bild von diesem Gebilde, das an ein gekipptes Boot, ein Fass, einen Tank, eine Kapsel oder einen ovalen Ball erinnert, machen kann. Es ist einfach eine Form, die an einem Ende (wenn sie überhaupt ein Ende hat) an der Wand lehnt und doch nicht lehnt, denn sie mündet in die Wand, was man aber erst merkt, wenn man den hinteren Raum betritt. Dort sieht man ein dunkles Viereck, durch das man ins Innere der Memory blicken kann. Man blickt also hinein und sieht nichts, denn drinnen ist es schwarz, aber irgendwie hat man das Gefühl, in eine ovale Leere, in ein dunkles Innenreich, vielleicht in den Bauch eines Wals oder das Innere eines Kopfes einzutauchen, leer, aber doch erfüllt von Stimmen, die aus dem anderen Raum, in dem sich die äußere Hülle der Skulptur befindet, eindringen: eine Membrane, in der etwas schallt, was das Geräusch menschlicher Gespräche sein könnte, wie das Echo in einer Höhle. Memory scheint das Gedächtnis, die Erinnerung zu verkörpern, also ein Gebilde, in dem die Vergangenheit versinkt, verschwindet und doch fragmentarisch aufbewahrt wird, um bei Gelegenheit, wenn man sich an etwas erinnert, das Vergangene und Vergessene an die Oberfläche zu holen. Die Außenhülle dieser Form aus Cortenstahl, die aussieht, als wäre sie aus Holz gefertigt, besteht aus 154 Teilen, so präzise und nahtlos aneinandergereiht, als wären sie aus einem Stück gefertigt. Die 24-Tonnen schwere Form wirkt leicht, denn man spürt instinktiv schon beim ersten Anblick, dass sie innen hohl ist. Memory, eine fragil anmutende, doch feste Form, verbindet Gegenwart, die sie verkörpert, mit der Vergangenheit, also der Zeit, die wir brauchen, um sie zu umgehen und in ihr Inneres zu blicken. Kapoors Arbeit schenkt uns Skulpturen im Wandel und im Übergang, die das Ausdrückbare und das Nicht-Ausdrückbare aufscheinen lassen, sodass sie auch im Prozess des Betrachtens unentwegt fortfahren, beeindruckende Bilder zu schaffen, schreibt Germano Celant (Deutsche Guggenheim Berlin, Winter 2008, S. 15).

 Gigantisches Werk

Der 1954 im indischen Bombay geborene Anish Kapoor, der zu den bekanntesten Vertretern der British Sculpture zählt, lebt seit den frühen 1970er Jahren in London, wo er die Chelsea School of Art besuchte. Er wurde sowohl mit dem Premio Duemila der 44. Biennale von Venedig (1990) als auch 1991 mit dem Turner Preis ausgezeichnet. Seine Arbeiten sind weltweit ausgestellt worden, so z. B. 1992 auf der Documenta IX in Kassel, wo sich in der Mitte seines begehbaren Raumes Descent into Limbo ein schwarzes Loch von scheinbar unendlicher Tiefe im Erdboden öffnete. Seine Objekte und Skulpturen, in denen sich die Grenzen zwischen Malerei und Bildhauerei verwischen, befinden sich in zahlreichen privaten und staatlichen Sammlungen, u.a. in der Londoner Tate Collection, im New Yorker Museum of Modern Art, im Madrider Centro de Arte Reina Sofia und im Amsterdamer Stedelijk Museum. Als dritter Künstler (nach Louise Bourgois, 2000, und Juan Muňoz, 2001) bekam er 2002 den Auftrag, in der riesigen, 155 m langen, 23 m breiten und 35 m hohen Turbinenhalle der Tate Modern seine Installation Marsyas aufzubauen: Ein gigantisches Werk, in dem zwei trichterförmige, mit rotem PVC bespannte Arme aus einem offenen Korpus heraus wuchsen, der die Brücke zwischen den beiden Teilen der Ausstellungshalle überspannte. Vom 21. Januar bis zum 19. April 2009 wird das Museum für Angewandte Kunst (MAK) die Ausstellung von Anish Kapoor Shooting into the Corner seinen vier großen Arbeiten aus Wachs zeigen.

Sichtbares Innenleben

Kapoor ist bekannt für seine geheimnisvollen Skulpturen, die den physischen und geistigen Raum durchdringen. In der Schaffung dreidimensionaler Körper ist seine Arbeitsweise die eines Bildhauers, doch seine Themen: Leere, Abwesenheit, Transformation und Immaterialität sind Themen der Malerei. Seine Absicht ist es, Skulpturen zu gestalten, die sich nicht nur mit Formfragen auseinandersetzen, sondern auch Themen wie Glaube, Leidenschaft oder Erfahrungen jenseits materieller Belange behandeln. Indem er das Innere seiner Skulpturen mit transparenten Blöcken oder Kreisen umschließt, macht er ihr Innenleben sichtbar: Sie sind ein Organismus, dem wir unter die Haut sehen können. Er untersucht das Verhältnis zwischen Masse und Nichtmasse und zeigt die Nichteindeutigkeit der Dimensionen. Die Flächen seiner Skulpturen scheinen Räume zu sein. Anish Kapoors Werke vergegenwärtigen innere Vorstellungen von Reinheit, erfüllter Leere und vollendeter Form, um der begrifflich so schwer erfassbaren Erfahrung der Schönheit eine anschauliche Form zu verleihen. Sie strahlen eine tiefe Spiritualität aus, wenn auch in einer nicht an religiösen Traditionen anknüpfenden Bildsprache. In seinen verspiegelten Skulpturen, die manchmal an riesige Satellitenschüssel erinnern, können sich die Besucher betrachten, allerdings auf dem Kopf stehend. Eine Interpretation ist dabei nicht erforderlich, denn das Bild spricht für sich selbst, das Spiegelbild, das die im Raum Befindlichen verzerrt, unscharf und doch erkennbar macht, aber auf der anderen Seite des Spiegels und doch mittendrin. Zugleich wird ein geheimnisvoller Raum geschaffen, in dem das Auge und das Objekt, das Subjekt und die äußere Welt neu zusammen geführt werden: Die Distanz zwischen dem Kunstwerk und seinem Betrachter verwandelt sich in einen geheimnisvollen, transzendentalen, mystischen Zwischenraum. Während das Publikum die Körperlichkeit der Skulpturen von Anish Kapoor sinnlich erfährt, wird es selbst seiner eigenen Körperlichkeit bewusst und dadurch auch ein räumliches Objekt, das sich für einen Augenblick von seiner eigenen Körperlichkeit befreien und in andere Dimensionen entschweben kann. Es ist eine Reise in eine andere, transzendentale Welt, die, wie Anish Kapoor sagt, kein Ersatz für religiöse Erfahrungen sein soll. Sie kann jedoch ästhetische Erfahrungen ermöglichen, die zu religiösen Reflexionen weiterführen. In seinen Werken macht Kapoor einen seiner Grundsätze sichtbar: Sowohl Kunst als auch Religion sind für ihn Sichtweisen, die unsere Welt auf den Kopf stellen können, sie jedoch nicht (ab)bilden, sondern aufbauen.

Text © Urszula Usakowska-Wolff

6.01.2009


Anish Kapoor
Memory
Deutsche Guggenheim Berlin
30.11.2008 – 01.02.2009

Katalog
Anish Kapoor
Memory
Deutsch/Englisch
Preis € 25 Euro


Anish Kapoor
Shooting into the Corner
21.01.2009 - 19.04.2009
MAK-Ausstellungshalle Wien


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