|
Architektur
tut der Kunst gut In der Kestnergesellschaft Hannover sind gegenwärtig drei Ausstellungen zu sehen, wie sie unterschiedlicher nicht sein könnten. Weil die Kestnergesellschaft seit acht Jahren in der Damenabteilung des ehemaligen Goseriedebads, das vor hundert Jahren als eine der modernsten und prunkvollsten deutschen Badeanstalten errichtet wurde, ihre Ausstellungsräume hat, würdigt sie dieses Jubiläum mit einer großzügigen multimedialen Präsentation, die die wechselvolle Geschichte dieses bis Anfang der 1980er Jahre öffentlichen und kommunalen Badeparadieses mit einer multimedialen Präsentation. Historische schwarz-weiß-Fotos, Zeitungsausschnitte und Filme dokumentieren die Blütezeit und den Verfall eines Jugendstilbaus, der - im Kriegs stark beschädigt - in den 1950er Jahren in alter Pracht wiederaufgebaut wurde. Vor seiner Schließung 1982 wurde das Goseriedebad als Damen- und Herrenhallenbad genutzt. Heute ist im verglasten Eingangsbereich und im Damenhallenbad die Kestnergesellschaft und im Männerhallenbad der Radiosender ffn untergebracht. So ändern sich die Zeiten und mit ihnen die Bedürfnisse: Kunst- und Wortproduktion ziehen in historische Kulissen ein, bescheren ihnen eine neue Nutzung und ein neues Publikum. Der Umbau des einstigen Badebetriebs zum heutigen Ausstellungsbetrieb ist seit 1997 in trockenen Tüchern und erfreute das niedersächsische Publikum bisher mit Solopräsentationen von jüngeren und älteren Künstlerinnen und Künstlern, die in der großen weiten Kunstwelt ein hohes Ansehen genießen: u.a. Cindy Sherman, Santiago Sierra und zuletzt das zwar etwas in die Jahre gekommene aber noch immer vom jugendlichen Erfindungsgeist strotzende very britische Künstlerduo Gilbert & George, die in diesem Jahr ihren Landespavillon auf der Biennale in Venedig bespielen dürfen. Die Innenarchitektur des ehemaligen Damenbads in Hannover tut der Kunst gut. Abgesehen von den konkaven Stellen in einigen Wänden, die an die einstige Badearchitektur erinnern, sind die Ausstellungsräume der Kestnergesellschaft geradlinig und steril, nüchtern und wohltuend minimalistisch, so dass vom Genuss der dort ausgestellten Kunstwerke wirklich nichts ablenken kann. Künstlerische und mentale Andersartigkeit So ist es auch im Fall der beiden Ausstellungen, die zurzeit in der Goseriede 11 in Hannover geboten werden. Zwei internationale Künstlerinnen wurden nach Hannover eingeladen, um in der Stadt an der Leine ihre neueste Produktion zu zeigen. Außer dem Geschlecht und dem hohen Rang, den sie in den Kunstkreisen einnehmen, sind bei den beiden Damen: der 61jährigen Deutschen Candida Höfer und der 23 Jahre jüngeren Amerikanerin Sarah Morris keine offensichtlichen Gemeinsamkeiten zu erkennen. Das ist gut so, denn die Kunst bezieht auch aus den Unterschieden und Gegensätzen ihre Spannung. Zwar steht jeder der beiden Damen im einstigen Damenbad in Hannover eine ganze Etage (und Sarah Morris noch ein zusätzlicher Filmraum) zur Verfügung, doch die künstlerische und mentale Andersartigkeit einer jeden von ihnen fällt sofort ins Auge: Während die Fotokünstlerin Candida Höfer ihre Aufmerksamkeit und Kamera auf leere Innenräume öffentlicher meist historischer Prunkbauten wie Museen, Bibliotheken, Vorlesungssäle und Theaterinterieurs in aller Welt richtet, beschäftigt sich die Multimediaartistin Sarah Morris mit den kurzlebigen aber nicht minder prunkvollen Fassaden des universalen Zeitgeistes, symbolisiert durch die Großstadt Los Angeles und ihre weltbekannten Schönen und Reichen aus der globalen Medienindustrie. Asketisch, starr und emotionslos zeigt Candida Höfer die unvergänglichen Erzeugnisse der menschlichen Kultur, die vor Jahrzehnten oder Jahrhunderten für eine Elite erbaut und prunkvoll eingerichtet, heute der Allgemeinheit dienen. Künstlerinnen
mit Hang zur Monumentalität und Perfektion In
ihren großformatigen, grellen und pulsierenden Bildern sowie in dem
knapp dreißigminütigen Film mit dem gemeinsamen Titel "Los
Angeles“ feiert Sarrah Morris die glitzernde Oberfläche und Kulisse
einer urbanen Welt, in der sich alles in Bewegung befindet, zumal sich
die amerikanische Filmmetropole immer wieder aufs Neue auf die
Oskarverleihung vorbereitet, und die Stars sich selbst feiern und feiern
lassen. Das, was diese so unterschiedlichen Künstlerinnen verbindet,
ist die Monumentalität und Perfektion ihrer Werke: Candida Höfer
dringt hinter die Fassade monumentaler historischen Bauten und zeigt auf
eine stille, fast teilnahmslose Art die Unvergänglichkeit der Kulissen,
in denen sich der menschliche Geist entfaltet. Sarrah Morrison ist eine
Chronistin der schillernden und schnelllebigen Fassade Los Angeles,
Sinnbild all jener, die auf der Sonnenseite der Welt wohnen und leben.
Wenn man Sarrah Morrisons pulsierende Gemälde und ihren temporeich
geschnittenen, mit dem temperamentvollen Soundtrack des britischen Künstlers
Liam Gillick unterlegten Film genau betrachtet, merkt man: Diese perfekt
gestylte und rasante Welt, die keinen Stillstand kennt, scheint aus den
Fugen geraten zu sein. Text
© Urszula Usakowska-Wolff 6.09.2005 candida
höfer sarah
morris - los angeles 100
jahre goseriedebad
|