Im Mittelpunkt steht eine Künstlergruppe

Jutta Hülsewig Johnen und Thomas Kellein neben dem Bild "Eine Künstlergruppe" von E. L. Kirchner

Jutta Hülsewig Johnen und Thomas Kellein neben dem Bild "Eine Künstlergruppe" von E. L. Kirchner. Kunsthalle Bielefeld, 17.11.2005. Foto © Manfred Wolff

Jutta Hülsewig Johnen und Thomas Kellein neben dem Bild "Eine Künstlergruppe" von E. L. Kirchner

Eine sommerliche Atmosphäre herrscht gegenwärtig, der Jahreszeit zum Trotz, im zweiten Stock der Kunsthalle Bielefeld: Die Wände sind orange gestrichen, sie greifen den Ton auf, der in vielen darauf gehängten Bildern erkennbar ist. Wer bisher der Meinung war, dass die Künstler der "Brücke“, nämlich Ernst Ludwig Kirchner, Erich Heckel, Otto Mueller, Karl Schmidt-Rottluff, Emil Nolde und Max Pechstein vor allem das Altrosa bevorzugten, um ihre kühlen violett-blau-grünen Gemälde "wärmer“ aufleuchten zu lassen, wird in Bielefeld eines Besseren belehrt. Neben der Farbe Orange, die in der Bielefelder "Brücke“-Schau die Werke ihrer Mitglieder in ein neues Licht taucht, zeigt sie einen bisher wenig gewürdigten Aspekt ihres Schaffens: wie sie sich selbst sahen und abbildeten und welches Bild ihrer Kollegen sie der Kunstwelt hinterließen. Zum 100. Geburtstag der Künstlervereinigung aus Dresden, die dem Expressionismus in Deutschland den Weg bahnte, trägt das führende Kunsthaus Ostwestfalens mit der Ausstellung "Ernst Ludwig Kirchner und die 'Brücke'. Selbstbildnisse - Künstlerbildnisse“ bei, in der 110 zwischen 1905 und 1937 entstandenen Werke (35 Gemälde, 35 Druckgrafiken und 40 Zeichnungen) aus renommierten deutschen und internationalen Museen (u.a. dem Kirchner Museum in Davos und der Londoner Tate Gallery) gezeigt werden. Im Mittelpunkt der Bielefelder Gruppenpräsentation der Künstlergruppe "Brücke“, die vor hundert Jahren angetreten war, um die Kunst und das Leben zu verändern und sie schöpferisch miteinander zu verbinden, steht ihr bekanntester Vertreter, der sich gern als ihr "führender Kopf“ in Szene setzte, sowie sein häufig schonungsloser Blick auf sich selbst, seine Freundinnen, Freunde und auf seine Künstlerkollegen.

Kritischer Blick auf die Kollegen

Ernst Ludwig Kirchner (1880 - 1938) und die "Brücke“ - das ist die Geschichte einer Hassliebe, die in der Bielefelder Ausstellung dokumentiert und im Ausstellungskatalog ausführlich erörtert wird. Er war neben den Architekturstudenten Fritz Bleyl (1880 - 1966), Erich Heckel (1883 - 1970) und Karl Schmidt-Rottluff (1884 - 1976) einer der Väter der Künstlervereinigung, die am 7. Juni 1906 in Dresden gegründet wurde, und trat aus ihr sieben Jahre später aus, was entschieden dazu beitrug, dass sie sich am 27. Mai 1913 in Berlin auflöste. Er konnte es seinen ehemaligen Freuden, die mit dem Manifest der "Brücke“ angetreten waren, um sich "Arm- und Lebensfreiheit zu verschaffen gegenüber den wohlangesessenen älteren Kräften", für eine freie nicht akademische Kunst eintraten und ihr eng mit der Kunst verbundenes Leben von allen Zwängen der bürgerlichen Moral befreien wollten, nicht verzeihen, dass sie selbst mit der Zeit zu "akademischen Künstlern“ und "Spießbürgern“ wurden. Aber bereits in den frühen Jahren der "Brücke“, als ihre Ziele noch gemeinsam zu sein schienen, betrachtete Kirchner manche seiner Mitstreiter, wie in Bielefeld zu sehen, mit einem kritischen Blick. In seinen Radierungen aus den Jahren 1909 - 1911 zeigt er zum Beispiel Heckel mal als einen Möchtegern-Bohemien, mal als einen verängstigten Kleinbürger, der zwar alle Hüllen und Moralvorstellungen fallen lässt, sich dabei offensichtlich unwohl und gehemmt fühlt. Heckel, Schmidt-Rottluff und vor allem der 1906 der "Brücke“ beigetretene Hermann Max Pechstein (1881 - 1955), der bereits 1921 - zehn Jahre früher als Kirchner - in die Akademie der Künste aufgenommen wurde, haben es ihm besonders angetan, denn sie waren für ihn künstlerische "Massenproduzenten“.

 Anständige Menschen und akademische Künstler

Etwas milder ging er mit Emil Nolde um, der 1906 in die "Brücke“ aufgenommen wurde und sie nach einem Jahr verließ. Er nannte ihn zwar einen künstlerischen "Dolmetscher“ für die kunstinteressierte Öffentlichkeit, bescheinigte ihm zugleich, ein "anständiger Mensch“ zu sein. Er hegte auch keine Zweifel am "Anstand“ eines anderen Mitglieds der "Brücke“: Nach dem Tod von Otto Mueller (1874 - 1930), seit 1910 Mitglied der Künstlervereinigung, schrieb Kirchner: "Er war immer ein anständiger aber akademischer Maler. Er war der einzige, der einen noblen, anständige,n aufrechten Charakter hatte, eine Herrennatur und kein Speichellecker und Streber.“ 1926 rechnete er mit der "Brücke“ malerisch ab: Auf dem Bild "Eine Künstlergruppe (Otto Mueller, Kirchner, Heckel, Schmidt-Rottluff)“ glänzt Max Pechstein durch Abwesenheit. Im Mittelpunkt steht der ungeliebte Heckel mit Händen in den Taschen, er hat einen überdimensionalen Kopf und einen arroganten Gesichtsausdruck. Zu seiner Rechten sieht man Schmidt-Rottluff im Profil: Sein spitzes Bärtchen lässt ihn sowohl teuflisch als auch bieder erscheinen im Gegensatz zu Otto Mueller, der auf der linken Seite ruhig und in sich gekehrt kauert, als ob er sich bereits von seinen Kollegen gelöst hätte. Über ihm, hinter dem Vorhang, kommt Kirchner, ebenfalls im Profil, zum Vorschein. Er sieht so aus, als ob er den anderen Herren etwas mitteilen möchte und hält ein bedrucktes und illustriertes Stück Papier in seinen Händen. Vielleicht ist es seine "Chronik der Brücke“, die 1913 das Ende dieser Künstlergruppe besiegelte. Dass die ehemaligen Freunde und Mitstreiter, alle in edles Tuch gekleidet, sich nichts mehr zu sagen haben, ist nicht zu übersehen.

Der Unsichtbare sieht besser

Ernst Ludwig Kirchner, der seit 1917 bis zu seinem Freitod 1938 im selbstgewählten Schweizer Exil in Davos lebte, war vom Verrat, den, wie er meinte und unverblümt verkündete, seine Kollegen am Ideal der freien Kunst und des von allen bürgerlichen Zwängen befreiten Lebens begangen haben, zutiefst enttäuscht und wähnte sich der einzige Vertreter einer Kunst, die dem "neuen Menschen“ dienen sollte. Seiner Kunst unterordnete er sein Leben und das Leben seiner Nächsten, zu denen seine Lebensgefährtin Erna Schilling und seine Geliebte, die Tänzerin Nina Hard gehörten. Doch der "neue Mensch“ blieb der altbekannte: von Ängsten, Selbstzweifel und Schmerzen geplagt, vor denen er häufig Trost im Alkohol-, Morphium oder Liebesrausch suchte. Jedem Rausch folgt zwangsläufig die Ernüchterung. So sind die in der Kunsthalle Bielefeld gezeigten Selbstbildnisse der "Brücke“-Künstler und der Personen aus ihrer nächsten Umgebung offensichtlich die Chronik einer kalten Desillusionierung, die vor dem orangenen Hintergrund umso deutlicher erfahrbar wird. Die Menschen wirken verloren, erstarrt, durch ihre Entfremdung verfremdet. In ihrem Narzissmus gefangen, fügen sie sich selbst und ihren Liebsten Verletzungen zu. Was vor allem auffällt, ist ihre Einsamkeit: gleichermaßen Fluch, Segen und ein Mittel der künstlerischen Wiedergabe der realen Welt: "Ich war immer allein, je mehr ich unter Menschen kam, fühlte ich meine Einsamkeit, ausgestoßen, trotzdem mich niemand ausstieß“, schrieb Kirchner 1919 im Katalog seiner Ausstellung in der Frankfurter Galerie Ludwig Schames. "Das macht tiefe Traurigkeit und diese wich durch die Arbeit und durch das Wollen zu verschwinden. Als ich am Entsagen des Unsichtbarsein lernte, sah ich alle Einsamen stehen. Alle berühren sich und sind unsichtbar. Das reine Wollen macht einsam, das Begehren fällt ab und hinter der realen erscheint die eigentliche Wirklichkeit. Man muss unsichtbar sein, um sie zu sehen.“ 

Selbstbildnis einer Katastrophe

Knappe zwanzig Jahre später stigmatisierte "die eigentliche Wirklichkeit“ alle Mitglieder der "Brücke“ als Vertreter der "entarteten Kunst“, beschlagnahmte und zerstörte ihre Werke, belegte sie mit Malverbot, und verurteilte sie auf diese Weise zum wirklichen Unsichtbarsein. Eine Vorahnung dieser Entwicklung zu einem ganz "neuen Menschen“ hin findet man auf dem in der Kunsthalle ausgestellten "Selbstbildnis“ Kirchners aus den Jahren 1935 - 1937: Auf der rechten Seite des Künstlergesichts liegt ein brauner Schatten, die Wand ist zur Hälfte mit einer Tapete mit Hakenkreuz ähnlichen Motiven bedeckt, in der anderen Hälfte ist ein Bild mit einer dunklen Landschaft zu sehen, über die Wolken wie Rauchschwaden ziehen. Die Hände des Künstlers scheinen gefesselt zu sein. Auf dem Tisch steht eine kleine Figur mit ausgestreckten Armen. Eine Katastrophe kündigt sich an und der "unsichtbare“ Outsider aus Davos sieht ihr - mit seinem linken Auge - hilflos und ohnmächtig entgegen.

Text © Urszula Usakowska-Wolff

20.11.2005  

Ernst Ludwig Kirchner und die "Brücke“
Selbstbildnisse  Künstlerbildnisse
20.11.2005 - 26.02.2006
Kunsthalle Bielefeld
Kuratorin: Jutta Hülsewig-Johnen

Hier geht es zum Kerber Verlag

Katalog
Ernst Ludwig Kirchner und die "Brücke“
Selbstbildnisse  Künstlerbildnisse
Herausgegeben von Jutta Hülsewig-Johnen,
mit einem Vorwort von Thomas Kellein,
mit Textbeiträgen von Björn Egging, Meike Hoffmann,
Jutta Hülsewig-Johnen, Christian Saehrendt und Roland Scotti
192 Seiten mit 123 farbigen Abbildungen, Hardcover, gebunden
Kerber Verlag, 2005
ISBN 3-938025-57-3
Preis 26,90 Euro

Ernst Ludwig Kirchner: "Der Maler Stirner mit Katze", 1919, Öl auf Leinwand, 90 x 70 cm, Privatbesitz


Mehr über die "Brücke“ >>>


Brücke - Museum Berlin >>>


zu den Kunstnews

Weiter zum Text über die  Ausstellung "Eberhard Havekost. Harmonie. Bilder/Paintings 1998 - 2005" im Kunstmuseum Wolfsburg