In der Mitte des Kaleidoskops

Seine Werke sind Labyrinthe aus Farben und Formen, in denen rot in grün übergeht und Röhren sich in Ameisen und Gehirne verwandeln. Der österreichische Multimediakünstler Peter Kogler (*1959), Teilnehmer der documenta 9 und 10 in Kassel, wo er das Publikum mit riesigen Röhrentapeten und Fußböden mit Ameisenmustern überraschte, ist ein Meister von einigen wenigen Zeichen, aus denen er monumentale Rauminstallationen kreiert. Zu seinen bevorzugten Motiven gehören ferner das menschliche Hirn und die Weltkugel, Sinnbilder unserer vernetzten, schönen und bunten elektronischen Welt, von Datenströmen beherrscht, mit Bildern und Informationen derart überladen, dass sie in einem Informationschaos zu versinken droht. Seine Außeninstallationen, wie die Fassade des Österreichischen Pavillons auf der EXPO 2000 in Hannover oder begehbare Raumlabyrinthe mit einem über Wände, Decken und Böden wild wuchernden Konglomerat aus Zeichen und Farben drücken Ordnung und Chaos, Stillstand und Bewegung aus. Sie heben, wie im wirklichen Leben, die Grenzen zwischen Realität und Virtualität auf und zeigen die Auflösung und Verflüssigung der gesellschaftlichen Strukturen. Er ist ein Heraklit des elektronischen Zeitgeistes, nur dass der Fluss, den er zum zweiten Mal nicht betreten kann, ein globalvernetzter unüberschaubarer Datenstrom ist. Seine Werke sind, wie er selbst sagt, Hybridformen zwischen Bild und Collage, fast alle am PC entstanden, an dem er seit 1984 seine zuerst vorwiegend schwarz-weißen labyrinthischen Tapeten und Vorhänge entwirft.


Peter Kogler (an der Wand, 2. von links) im Kunstverein Hannover. Foto: Urszula Usakowska-Wolff

Peter Kogler (an der Wand, 2. von links) im Kunstverein Hannover.
 Foto: Urszula Usakowska-Wolff


Kommunizierende Röhren

Am Anfang war eine Ameise, die 1984 durch eine Zeitung lief. Peter Kogler filmte sie. Er sah darin einen Buchstaben, der sich verselbständigt hat, ein Zeichen, das aus seinem Zeichensystem ausgebrochen, ein Individuum, das der Masse entkommen und in ein anderes Zeichensystem geraten ist. Das Unsichtbare wird für einen Augenblick sichtbar um sich dann sofort in einem neuen unsichtbaren System aufzulösen. Die elektronisch simulierte und manipulierte Welt ist uniform und ortlos, weil sie überall aus demselben Zeichenvokabular schöpft. Sie ist ein Labyrinth aus digital kommunizierenden Röhren, ein visuell reizvoller globaler Raum, den das Individuum gern nutzt und in dem es sich verliert. Gibt es überhaupt noch eine reale Welt, wenn die virtuelle so täuschend echt ist?, scheint der Künstler zu fragen und bleibt eine Antwort schuldig. Denn Peter Kogler ist weder Medienkritiker noch Medienskeptiker und schon lange kein Medienenthusiast, obwohl er ein Medienkünstler ist. Seine mit einem Bildbearbeitungsprogramm entworfene Kunstwelt mag trügerisch sein, doch das Trügerische an ihr ist auch eine Frage des Maßstabs: Ursprünglich haben seine unbewegten und bewegten Werke die Größe eines Bildschirms. Erst durch die Größe der Ausgabegeräte und die Beamerprojektionen können sie ganze Räume füllen. Das Maß ist eine Frage der Technik, die das Unsichtbare zugleich sichtbar macht und es in der Masse und Monumentalität unsichtbar erscheinen lässt . Dass das Eigentliche unsichtbar ist, ist schon seit einigen Jahrzehnten kein Geheimnis. Vielleicht ist heute das Unsichtbare eigentlich?


Peter Kogler (1. von links) im Kunstverein Hannover.  Foto: Urszula Usakowska-Wolff

Peter Kogler (1. von links) im Kunstverein Hannover.  Foto: Urszula Usakowska-Wolff


Serieller Konzeptminimaximalismus

Peter Koglers Werk ist konzeptionell, minimalistisch und seriell. Ins rechte Maß gerückt drückt es (s)einen seriellen Konzeptminimaximalismus aus und kann als Umsetzung der Erfahrungen großer Meister und Meisterinnen der zweiten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts am Anfang des neuen Jahrtausends angesehen werden. Das was für Andy Warhol seine Serienbilder und Tapeten, für Daniel Buren seine Streifen, für Roman Opałka seine Zahlen und für Yayoi Kusama ihre Punkte waren und sind, sind für den österreichischen Künstler seine wuchernden raumfüllenden Gebilde aus Hirn-, Röhren-, Ameisen- und Weltkugelbildern, die die von ihm bespielten Räume in virtuelle Labyrinthe verwandeln. Das Publikum, das Peter Koglers Wunderland betritt, ist fasziniert und desorientiert zugleich, denn es gibt dort keinen Stillstand und mit optischen Reizen wird auch nicht gespart: Man hat den Eindruck, in der Mitte eines Kaleidoskops zu stehen, in dem ständig alles auseinander bricht um sich in nächsten Augenblick zu einem neuen zerbrechlichen und unbeständigen Ganzen zusammenzufügen. In einem bewusst widersprüchlichen Sinn sind Koglers Arbeiten immer zugleich “leere” Projektionsflächen und inhaltlich aufgeladene Reflexionsräume. Insofern lässt sich beispielsweise seine täuschend dreidimensional wirkende graue Röhrenform stets mehrdeutig lesen: Als reines Muster, als organoide Konstruktion oder Architektur, als Metapher für das komplizierte System aus Venen und Arterien in unserem Körper, als mikroskopisch vergrößerter Blick auf unsere Hirnwindungen oder schließlich als Visualisierung elektronischer Leitungssysteme und Datenautobahnen, lesen wir in der Pressemitteilung des Kunstvereins Hannover, wo gegenwärtig eine Peter-Kogler-Ausstellung besichtigt und begangen werden kann.


Peter Kogler (2. von links) im Kunstverein Hannover.  Foto: Urszula Usakowska-Wolff

Peter Kogler (2. von links) im Kunstverein Hannover.  Foto: Urszula Usakowska-Wolff


Wahrnehmungsphänomene aus dem PC

Die Vorbereitungen zu seiner Multimediaschau in Hannover dauerten 1,5 Jahre und sie setzt sich - mit Ausnahme von einigen älteren Videoinstallationen und Entwürfen, die in zwei Räumen gezeigt werden, ausschließlich aus Arbeiten zusammen, die für den Kunstverein kreiert wurden. Peter Koglers Wunderland nimmt dort fünf Räume ein und ähnelt einer pulsierenden, mal schmerzlich farbigen mal wohltuend schwarz-weißen oder schwarz-roten Theaterkulisse, die das Publikum mit optischen und akustischen Reizen bombardiert, um es an anderen Stellen zur Ruhe und Besinnung kommen zu lassen. Im ersten Raum ist alles gespenstisch rot und dann gespenstisch grün und vor den Augen der Betrachterinnen und Betrachter flackern rote Röhren, die sich in einer Endlosschleife in grüne Ameisen verwandeln: Farben sind für mich ein Wahrnehmungsphänomen und entstehen durch PC-Animation, sagt der österreichische Künstler. Der zweite Raum ist dunkel, erhellt nur von einer flachen Erdkugelscheibe, die unermüdlich und rasch durch die Wände, die Decke und den Boden wandert. Im dritten Raum geht es wieder bunt und laut zu, hier erlebt man Peter Koglers Lieblingsmotive als einen atemberaubenden Rausch aus Farben und Formen, die Franz Pomesses Soundinstallation geräuschvoll untermalt. Der vierte Raum ist scheinbar unbeweglich und fast meditativ: dort stehen mehrere Glastische mit Ameisenmotiven, in denen sich die Glaskuppel des Kunstverein spiegelt. Den fünften Raum kündigt eine beweglich Wand an: Es ist ein schwarz-weißer Raum im Raum, der sowohl von innen als auch im außen begangen werden kann und mit Motiven tapeziert ist, die Anfang der 1990er Jahre zum Markenzeichen des Röhrenkünstlers geworden sind. Wenn sich die beweglichen Wände für einen Augenblick um die in ihrem Innern Weilenden schließen, lösen sie beklemmende, fast klaustrophobe Gefühle und ein körperliches Unbehagen aus. Man spürt, dass Peter Kogler die Beziehung zwischen Körper, Information und Raum zum Gegenstand seiner Kunst macht. Bekanntlich hängt alles irgendwie voneinander ab und zusammen, halt wie in einem System von (digital) kommunizierenden Röhren.

Text © Urszula Usakowska-Wolff

9.05.2004


Peter Kogler (3. von links) im Kunstverein Hannover.  Foto: Urszula Usakowska-Wolff

Peter Kogler (3. von links) im Kunstverein Hannover.  Foto: Urszula Usakowska-Wolff


Peter Kogler

24. April bis 20. Juni 2004

Kunstverein Hannover

Sophienstr. 2

D-30159 Hannover

Die Präsentation wandert im Anschluss in das Innsbrucker Taxispalais und ins Centre Régional d'Art Contemporain Languedoc-Roussillon (CRAC) in Sète.

Im Verlag HatjeCantz erscheint ein ausführliches Werkbuch, das neben der Ausstellung auch alle seit dem Jahre 2000 entstandenen Arbeiten dokumentieren wird.

 
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Weiter zum Text über die  Ausstellung "In figura - die menschliche Figur in der bildenden Kunst" im Herzzentrum NRW in Bad Oeynhausen