Im Westen nichts Neues

Seit 32 Jahren wird der 1. November von der internationalen Kunstwelt mit großer Spannung erwartet. An jenem Tag erscheint traditionell und nicht zufällig gegen Ende der in dieser Zeit dauernden „Art Cologne“ die 23. Nummer der Kölner Zeitschrift “Capital“ mit der aktuellsten Ausgabe des “Kunstkompasses“, einer Rangliste der hundert bedeutendsten internationalen Künstlerinnen und Künstler.

Diese veränderliche Bestenschau wird unveränderlich seit fünfzehn Jahren von Frau Linde Rohr-Bongard zusammengestellt, Kunstkritikerin, Künstlerin und Schülerin von Joseph Beuys. Der “Kunstkompass“ wurde 1970 von ihrem Ehemann Willi Bongard ins Leben gerufen. Er war Wirtschaftsjournalist und Autor des 1968 herausgegebenen ersten Buchs in Deutschland, das sich den Beziehungen zwischen “Kunst und Kommerz“ widmete. Die Rangliste der hundert besten Künstlerinnen und Künstler rief zuerst so manche Empörung in der Kunstwelt hervor. Die deutschen Galeristen forderten sogar, die Liste öffentlich zu verbrennen, der Schweizer Bildhauer Jean Tinguely wollte aus ihr ausradiert werden und sein Freund, Pierre Restany, Gründer der französischen Künstlergruppe “Nouveaux Réalistes“ nannte sie im zehnten Jahr ihres Bestehens “einen schönen Skandal“, im Gegensatz zum deutschen Maler Gerhard Richter, der darin “ein schönes Spiel“ sah. Nach dem Tod von Willi Bongard 1985 nahm seine Frau den “Kunstkompass“ in ihre Hände und führt ihn mit unverminderten Erfolg bis heute weiter.  

Urszula Usakowska-Wolff: Gebührenfreie Information, 2004. © Urszula Usakowska-Wolff

Urszula Usakowska-Wolff: Gebührenfreie Information, 2004. © Urszula Usakowska-Wolff

Resonanz mit Kaufakzeptanz

Der “Kunstkompass“, also die “Rangliste der hundert bedeutendsten zeitgenössischen Künstlerinnen und Künstler“ ist eine allgemein anerkannte Institution, die der “Wall Street Journal“ als “den einzigen glaubwürdigen Maßstab der zeitgenössischen Kunst“ bezeichnet und die “Harald Tribune“ sie ihren Lesern als “eine unverzichtbare Hilfe bei den Käufen auf den internationalen Kunstmessen“ empfiehlt. Aus der alljährlichen Novemberausgabe des „Kunstkompasses“ kann man erfahren, welche Kriterien über einen Platz auf der Liste des “Großen Hunderts“ entscheiden: Gegenstand der Beurteilung sind “Rang und Ruhm der zeitgenössischen Künstlerinnen und Künstler unabhängig von ihren kommerziellen Erfolgen.“ Frau Linde Rohr-Bongard ist der Meinung, dass “die Qualität der Kunst nicht messbar ist im Gegensatz zur Resonanz  in der Fachwelt.“ Die Aufgabe der Rangliste der hundert bekanntesten Künstlerinnen und Künstler der Gegenwart ist “die Erleichterung der Investitionen und die Minderung des Kaufrisikos.“ Die Sammler sollten also Werke jener Künstlerinnen und Künstler erwerben, die in aller Munde und vor allen Augen der (musealen und kritischen Welt) in vollem Glanz erscheinen. Die “Ruhmpunkte“ werden für die Teilnahme an Einzelausstellungen in 160 renommierten Museen und Institutionen der westlichen Welt sowie für die Teilnahme an einer oder mehreren unter der 130 wichtigen Gruppenausstellungen als auch für Rezensionen in bedeutenden Kunstmagazinen der letzten zwölf Monate vergeben.  

Ökonomische und künstlerische Mächte

Die Lektüre des diesjährigen, wie übrigens aller bisherigen Ausgaben des “Kunstkompasses“ ist eine nützliche Beschäftigung, dem sich die Analytiker der Position nationaler Künstlerinnen und Künstler auf dem internationalen Kunstmarkt widmen sollten. Das was aus der neuesten Weltkunstrangliste hervor geht, ist keine besonders große Überraschung, sollte jedoch zum Nachdenken anregen: Die aktuell und potentiell besten Künstlerinnen und Künstler wohnen in Staaten, die zu den Wirtschaftsmächten unserer Welt gehören, also mehr oder weniger zur Hälfte in den englisch- und deutschsprachigen Ländern und solchen, die ihnen geografisch (die Niederlande, Dänemark, Finnland, Belgien, Frankreich, Italien) oder ökonomisch (Japan) nahe liegen. Unter den diesjährigen Besten befinden sich zwar:  der 69-jährige Installationskünstler Ilya Kabakov aus der Ukraine (Platz 6), der ein Jahr ältere Pionier der Videokunst Nam June Paik aus Südkorea (Platz 15), der 66-jährige Vertreter der arte povera Jannis Kounellis aus Griechenland (Platz 20), die 47-jährige Video- und Fotokünstlerin Shirin Nashat aus dem Iran (Platz 31), der 40-jährige Installationskünstler Gabriel Orozco aus Mexiko (Platz 29), die 56-jährige Performance-Künstlerin Marina Abramovic aus Jugoslawien (Platz 79), der 41-jährige Installationskünstler Rirkrit Tiravanija aus Tajland (Platz 71) sowie sein Altergenosse Jorge Prado aus Kuba (Platz 80), aber sie haben schon vor langer Zeit ihre Heimatländer verlassen um in New York, London, Berlin oder Köln zu leben und zu arbeiten.

Die ersten vier Plätze im “Kunstkompass“ belegen unverändert seit vier Jahren die deutschen Maler Sigmar Polke (geb. 1941) und Gerhard Richter (geb. 1932), der amerikanische Bildhauer und Videokünstler Bruce Nauman (geb. 1942) und die deutsche Konzeptkünstlerin Rosemarie Trockel (geb. 1952). Auf dem fünften Platz befindet sich die 48-jährige amerikanische Fotokünstlerin Cindy Sherman (in vorigen Jahr war sie auf Platz 6), auf dem sechsten der bereits erwähnte Ilya Kabakov (Platz 5 im vorigen Jahr), den siebten Platz hält seit zwei Jahren die älteste 91-jährige französische Bildhauerin Louise Bourgeois (mit Wohnsitz in New York), den achten Platz belegt ihr Landsmann Christian Boltanski (im vorigen Jahr Platz 10), vom achten auf den neunten Platz fiel die 40-jährige Schweizer Videokünstlerin Pipilloti Rist und auf den zehnten rutschte der deutsche Maler und Bildhauer Georg Baselitz (im vorigen Jahr Platz 8).  

Das Wie der Artistokratie

Der “Kunstkompass“ ist also eine Rangliste der Vertreterinnen und Vertreter aller künstlerischen Generationen und Kunstrichtungen, die sich einer großen Popularität erfreuen: der Malerei, der Video- und Multimediakunst, der Fotografie, der Konzept- und Installationskunst. Er ist zugleich eine Rangliste der führenden Galerien, ohne deren Hilfe die Künstlerinnen und Künstler auf den internationalen Kunstparketts nicht bestehen könnten, auf denen sich Kritiker, Sammler und Kuratoren bewegen. Über den internationalen Erfolg einer Künstlerin oder eines Künstlers entscheidet nämlich, neben ihrer künstlerischen Arbeit, die Anstrengung der sie vertretenden nationalen und internationalen Galerien (von Ausstellern und Agenten, Vermittlern in den Kontakten zu den Sammlern), Kuratoren, die in verschiedenen Museen der (westlichen) Welt Ausstellungen veranstalten, die wiederum von Kritikern in meinungsbildenden Medien wahrgenommen werden. Wenn dieses Spiel der “Kreierung“ gekonnt geführt wird, ist es bereits nach kurzer Zeit recht lohnenswert für alle seine Teilnehmer und Teilnehmerinnen. Das beste Beispiel ist der Erfolg der jungen britischen Kunst, genannt “Young Brit Art“, die vom Sammler Charles Saatchi zum düsteren und blutigen oder farbenfrohen Gegenstand der Begierde der Kunstliebhaber aus den Kreisen der “New Economy“ kreiert wurde. Nach den Präsentationen seiner Sammlung in der Ausstellung “Sensation“ in der ehrwürdigen Royal Academy of Art in London (1997) und dem Hamburger Bahnhof in Berlin (1997/98) unterliegt die Marktposition des heute 36-jährigen Damian Hirst (Platz 78), der 50-jährigen Mona Hatoum (Platz 58) und der 39-jährigen Rachel Whiteread (die in diesem Jahr den 84 Platz im Sturm erobert hatte) keinem Zweifel. Obwohl laut den Kriterien des “Kunstkompass“ der Markterfolg bei der Punktevergabe nicht berücksichtigt wird, verdankt zumindest ein Teil der britischen Künstlerinnen und Künstler, die sich auf der Liste der besten Hundert befinden, seinen Ruhm der erwähnten “sensationellen“ Saatchi-Sammlung.

  Neuer Start mit jung und alt

Der “Kunstkompass“ registriert auch die Newcomer der internationalen Kunstszene. In diesem Jahr gehören dazu, außer Rachel Whiteread, der in London lebende deutsche 36-jährige Fotokünstler Wolfgang Tillmanns, der im vorigen Jahr mit dem Turner-Preis geehrt wurde und nun aus dem Marsch den 56. Listenplatz belegt. Den größten Sprung nach vorn schaffte der brasilianische Installationskünstler Ernesto Neto (geb. 1964), der sich um 83 Plätze verbesserte und auf den 95 Platz der diesjährigen Bestenliste kam. Den bedeutendsten Künstlern und Künstlerinnen schlossen sich in diesem Jahr ferner zum ersten Mal: der britische Popartist Richard Hamilton (geb. 1922), der den 83 Platz einnimmt, der 66-jährige japanische Konzeptkünstler On Kawara (Platz 85), die 48-jährige belgische Malerin Marlene Dumas (Platz 91), die ein Jahr ältere amerikanische Fotokünstlerin Nan Goldin (Platz 96). Den 99. Platz belegt das deutsche Fotokünstlerpaar Bernd und Hilla Becher (71 und 68 Jahre alt).  

Was zählt ist die westliche Welt

Jedes Jahr werden vom “Kunstkompass“ 11.000 Künstlerinnen und Künstler beurteilt, darunter die potenziellen Stars der nächsten Saison. Die größten Chancen, sich demnächst der internationalen Rangliste anzuschließen, werden der 43-jährigen finnischen Videokünstlerin Eija-Liisa Ahtila (im vorigen Jahr Platz 143, in diesem 103), der für ihre charakteristischen Scherenschnitte bekannten 34-jährigen Afroamerikanerin Kara Walker, dem belgischen Multimediakünstler Francis Alys (geb. 1950), dem 33-jährigen deutschen Bildhauer und Installationskünstler Gregor Schneider (Sensation der letzten Biennale in Venedig), dem südkoreanischen Installationskünstler Kim Soo-Ja (geb. 1957), dem 62-jährigen Bodykünstler Vito Acconci aus den USA und seinem Landsmann, dem 57-jährigen Maler und Videokünstler Jack Goldstein, der 37-jährigen italienischen Videokünstlerin Monica Bonvicini sowie den deutschen Bildhauerinnen und Installationskünstlerinnen Iza Genzken (geb. 1948) und Maria Eichhorn (geb. 1962) eingeräumt. Der “Kunstkompass“, also die Rangliste der aktuellen und potenziellen internationalen Kunststars ist ein Beweis dafür, dass jede Künstlerin und  jeder Künstler aus jeder Altersgruppe am Weltrang und Weltruhm teilhaben können. Vorausgesetzt, dass ihre Kunst und Persönlichkeit zur richtigen Zeit und am richtigen Ort zum Gegenstand des Interesses der richtigen, also maßgebenden Persönlichkeiten der internationalen Kunstwelt werden. Sie sind es nämlich, die darüber entscheiden, dass ihre Kunstwerke in der richtigen nationalen und internationalen Ausstellung im richtigen Museum gezeigt und von den richtigen, also meinungsbildenden Medien registriert werden. Der “Kunstkompass“ steht also theoretisch für alle Künstlerinnen und Künstler der Welt offen. Praktisch ist er eine rein westliche Angelegenheit, denn nach Namen aus dem Teil der Welt, der als Osteuropa bezeichnet wird, sucht man dort Jahr für Jahr vergeblich. 

zur Ausstellung von Lisa und Arthur Meyer zu Küingdorf in Bad Oeynhausen, 2002