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Sensitive malerische Leichtigkeit
Willem de Kooning (1904 - 1997)ist eine der sensibelsten und ausdrucksstärksten Malerpersönlichkeiten des 20. Jahrhunderts. Seine Bilder zählen heute zu den gefragtesten und auch teuersten der Welt; zu den am besten gehüteten Schätzen, vor allem der US-amerikanischen Museen. Rund 50 Gemälde und Arbeiten auf Papier, also einen repräsentativen Querschnitt seines Schaffens, zeigt nun in der ersten Einzelausstellung des Amerikanischen Expressionisten in Österreich das BA-CA Kunstforum in Wien.
Luminöse Kraft der Farben
Willem de Koonings malerischer Kosmos ist von Facettenreichtum und einer permanenten Offenheit gegenüber Tradition und Avantgarde geprägt. De Kooning ist die wegweisende Figur für die US-amerikanische Nachkriegsmoderne; als gefeierter Action Painter steht er neben Jackson Pollock, Franz Kline oder Robert Motherwell für die avantgardistische Strömung, die sich von den Konventionen der europäischen Malerei freigekämpft hat. Seine großformatigen Gemälde sind durch heftige Pinselhiebe strukturiert, die eine neue emphatische und monumentale Bildwirkung erzeugen. Seine Malerei löst sich von den Kriterien des gerahmten Staffeleibildes. Die zwischen 1957 und 1963 entstandenen Abstract Landscapes stehen symptomatisch für diese neue Bildform. Dennoch hat sich der gebürtige Rotterdamer nie ganz in das Korsett des Abstrakten Expressionismus und des Action Paintings einzwängen lassen; er zeigt deutliche Hinwendungen zur europäischen figurativen Malereitradition: Rubens, Vélazquez, Cézanne, Soutine stehen hierfür als wahlverwandte Positionen. Diese Hinwendung zum Menschenbild findet vor allem in den unterschiedlichen Woman-Serien statt, die gleichsam alternierend zu abstrakt orientierten Werkblöcken entstanden: De Kooning malt fratzenhafte, kolossale Frauenkörper in hieratischer Dominanz zum einen und sinnliche Körperrundungen mit dem weichen Inkarnat der Haut zum anderen. Der Maler transformiert gleichsam Farbe zu Fleisch und Haut. Wir können somit auf ein einmaliges Oeuvre in vollkommener Freiheit zurückblicken, das die Malerei per se als Mittelpunkt hat: die Sinnlichkeit der Farbmaterie, der illusionierte Bildraum, das Licht sind die grundlegenden Themen, die de Kooning besonders in den pastosen Abstract Landscapes, die er auf Long Island in den 1970er Jahren gemalt hat, aufgreift. Im Spätwerk der 1980er Jahre durchflutet de Kooning regelrecht die Leinwand mit der luminösen Kraft der Farbe und durchzieht sie sensibel mit mäandrierenden Schleifenstrukturen. Die einstige Heftigkeit im Malakt ist der sensitiven malerischen Leichtigkeit gewichen.
Willem de Kooning und die Folgen
Willem de Kooning hat nicht nur ein singuläres Werk hinterlassen, er zählt auch zu den einflussreichsten Figuren der Malereigeschichte bis zur Gegenwart. Seine prägende und wegweisende Position im Kontext des Abstrakten Expressionismus und sein mannigfaltiges malerisches Werk, das sich über fünf Jahrzehnte erstreckt, haben eine nachhaltige Wirkung auf viele Malergenerationen ausgelöst. Dabei ist es vor allem sein frisches Spätwerk, das wichtige Impulse für die Entwicklung der abstraktexpressionistischen Malerei ab den späten 1970er Jahren setzte. Die Ausstellung des BA-CA Kunstforums beleuchtet in einem eigenen Kapitel de Koonings Bedeutung im Kontext der postmodernen und aktuellen Malereisituation, der mit einer Auswahl an Gemälden von Gerhard Richter (*1932), Andy Warhol (1928 - 1987), Brice Marden (*1938), David Reed *(1946), Jonathan Lasker (*1948), Christopher Wool (*1955), Sue Williams (*1954), Michel Majerus (1967 - 2002) und Robert Zandvliet (*1970) Rechnung getragen wird.
Ambivalenz und Freiheit
Künstler, die die persönliche Handschrift als Quintessenz des Mediums Malerei hinterfragt und aufgegeben haben - allen voran Andy Warhol mittels der Fotografie und der industriellen Technik des Siebdrucks -, finden bereits in den 1970er Jahren zurück zur Malerei und tauchen wieder den Pinsel in den Farbtopf. Auch Gerhard Richter setzt ab Mitte der 1970er Jahre einen Schwerpunkt mit farbenprächtigen, expressiv ausladenden Abstrakten Bildern. Dabei steht der Aspekt der ästhetischen Wirkung vor der Strategie der ehemaligen Avantgarden, das Tafelbild mittels Abstraktion zu einem Nullpunkt zu führen. Der Abstraktionsbegriff ist erweitert, er beinhaltet auch Themen, die an sich mit der gegenständlichen Malerei verbunden sind: Figuratives und Landschaftliches. Beides ist in de Koonings Spätwerk vereint, ohne im traditionellen Sinne abzubilden oder zu im traditionellen Sinn zu abstrahieren. Die freie Geste, gespeist durch die formalen Erfahrungen der abstrakten Malerei, generiert gegenständliche Ansätze und nicht umgekehrt. Auch die jüngeren Vertreter dieser Neuen Abstraktion orientieren sich an dieser, auf dem Malakt per se beruhenden Abstraktion, in der die Ambivalenz und Freiheit der malerischen Mittel anstelle von Purismus, Strenge und Ausschließlichkeit steht. Dabei werden die Grenzen des Bildes vielfach gesprengt: Richter etwa malt streng nach fotografischen Vorlagen, Christopher Wool konzeptionell mit Textmaterial; Sue Williams setzt inhaltlich auf die Gender- Problematik, und David Reed oder Michel Majerus arbeiten sogar Medien überschreitend, indem sie Video und Computerprogramme mit einbeziehen.
Dennoch zeigt sich in all diesen Beispielen, dass die abstrakte Bildsprache als zentraler Orientierungspunkt des Tafelbildes fungiert. All diese KünstlerInnen führen vor, dass die Abstraktion kein abgeschlossenes Kapitel innerhalb der historischen Avantgarde geworden ist, sondern entschieden die aktuelle Malereisituation belebt.
Quelle:
BA-CA Kunstforum Wien
30.01.2005
WILLEM DE KOONING
13.01 - 28.03.2005
BA-CA Kunstforum
Wien 1., Freyung 8
Kunsthal Rotterdam
17.04 - 3.07.2005
Ausstellungskatalog
WILLEM DE KOONING
Mit Beiträgen von Ingried Brugger, Gabriel Ramin Schor, Stefan Neuner und Florian Steininger.
Softcover, 198 Seiten mit zahlreichen Farbabbildungen,
Edition Minerva
ISBN 3-9323-5391-9
(Deutsche Edition)
Preis 29 Euro
Willem de Kooning:
Biografie
1904 Willem de Kooning wird am 24. April in Rotterdam, Niederlande, geboren.
1916/21 De Kooning verlässt das Gymnasium, beginnt eine Ausbildung für Kunstgewerbe und arbeitet unter anderem als Schildermaler. Er besucht Abendklassen an der Rotterdamer Akademie für Bildende Kunst und Technik.
1926 De Kooning emigriert illegal mit dem Schiff in die USA, wo er in Newport News, Virginia ankommt und sich in Hoboken, New Jersey niederlässt. Dort arbeitet er als Maler und Anstreicher.
1927 De Kooning zieht nach New York.
1929/31 Willem de Kooning lernt den Kunstkritiker John Graham, den Galeristen Sidney Janis und die Künstler Stuart Davis, David Smith und Arshile Gorky kennen, der zu einem seiner engsten Künstlerfreunden wird.
1935 De Kooning nimmt am WPA-Federal-Art-Project teil, das während der Wirtschaftskrise von Theodor Roosevelt als Unterstützungsprogramm für die amerikanischen Künstler eingeführt wurde. Nach einem Jahr muss er aufgrund der fehlenden US-amerikanischen Staatsbürgerschaft das Projekt verlassen.
1936 De Kooning beschließt, Maler zu werden; er nimmt an seiner ersten Museumsausstellung im Museum of Modern Art, New York teil. Er macht Bekanntschaft mit dem Kunstkritiker Harold Rosenberg.
1937 De Kooning lernt Elaine Fried kennen, die er 1943 heiraten wird. Er erhält den Auftrag, einen Teil des Wandbildes Medicine für die New Yorker Weltausstellung im Jahre 1939 zu gestalten.
1938 Es entstehen figurative Gemälde in erdigen Farbtönen - Porträts, die das soziale Elend und die Isolation zeigen.
1939/40 De Kooning macht Bekanntschaft mit Franz Kline, der zu seinem besten Künstlerfreund in dieser Zeit wird. De Kooning beginnt an seinen ersten
Woman-Bildern zu malen. Gleichzeitig entstehen Bilder mit surrealistisch biomorpher Formensprache, orientiert an Miró und Gorky.
1942 De Kooning nimmt an seiner ersten Gruppenausstellung in einer Galerie, gemeinsam mit Stuart Davis, Lee Krasner, Jackson Pollock, Pablo Picasso, Georges Braque und Henri Matisse teil: American and French Paintings, organisiert von John Graham bei McMillen, Inc. Es entsteht eine Freundschaft mit Pollock, die in den späten 1940er Jahren in eine Künstlerrivalität umschlägt.
1943 De Kooning heiratet Elaine Fried.
1944 Die Sidney Janis Gallery organisiert die Ausstellung Abstract and Surrealist Art in America, mit Werken von Willem de Kooning, William Baziotes, Adolph Gottlieb, Robert Motherwell und Mark Rothko.
1945 De Kooning beginnt abstrakt-figurative Kompositionen zu malen, beeinflusst von Picassos Gemälde Guernica. Er malt meist mit Lack auf Papier, das er auf Holztafeln appliziert.
1947 Die zweite Serie von Woman-Bildern entsteht bis 1949, geprägt durch ein abstraktes expressives Formenvokabular.
1948 Die Egan Gallery, New York zeigt die erste Einzelausstellung von de Kooning, vor allem mit Arbeiten aus den
Black and White Paintings. Das Museum of Modern Art, New York kauft das Bild
Painting, 1948. Sein Künstlerfreund Archile Gorky begeht Selbstmord. Auf die Einladung von Joseph Albers unterrichtet de Kooning bildende Kunst am Black Mountain College in North Carolina und lernt dort John Cage kennen.
1950 Das frisch vollendete Bild Excavation, Hauptwerk der abstrakten Bilder der späten 1940er Jahre, wird auf der Biennale di Venezia 25 in Venedig ausgestellt.
Mit der Arbeit an Woman I, vollendet 1952, wird die dritte Phase der
Woman- Bilder eingeleitet.
1951 Excavation ist eines der Hauptwerke in der vom Museum of Modern Art, New York organisierten Ausstellung Abstract Painting and Sculpture in America.
1953 Die Sidney Janis Gallery stellt de Koonings aktuelle Woman-Bilder aus. Das Museum of Modern Art, New York kauft
Woman I, 1950/52. Die School of the Museum of Fine Arts, Boston, zeigt die erste Retrospektive von de Koonings Werk.
1955 De Kooning lässt sich von Elaine scheiden. Es entstehen großformatige abstrakt expressionistische Bilder, inspiriert von der Großstadt; das Frauenmotiv verschwindet in seinen Bildern.
1956 John Woard, seine Lebensgefährtin, bringt am 29. Januar seine Tochter Johanna
Lisbeth (Lisa) zu Welt. Pollock kommt bei einem Autounfall ums Leben.
1957 De Kooning malt bis 1963 abstrakte gestische Bilder, benannt nach Orten, Straßen und Verkehrstafeln.
1959 De Kooning zeigt seine Abstract Parkway Landscapes in der Sidney Janis Gallery; die Ausstellung ist ein großer künstlerischer und kommerzieller Erfolg. De Kooning ist der neue Star der New Yorker Kunstszene. Er ist auf der Documenta 2 in Kassel vertreten. Der Künstler verbringt den Sommer in Southhampton auf Long Island. Den Winter ist de Kooning in Rom, wo abstrakte schwarze Lack-Arbeiten auf Papier entstehen.
1961 De Kooning nimmt an der Ausstellung American Abstract Expressionists and Imagists im Solomon R. Guggenheim Museum teil. Er kauft ein Haus in Springs, East Hampton, in das er ein Atelier einrichtet.
1962 De Kooning erhält die US-Amerikanische Staatsbürgerschaft.
1963 Pastorale ist das letzte Werk der monumentalen Abstract
Landscapes, das de Kooning noch in New York malt. Er wechselt in den Sommermonaten ständig den Wohnsitz zwischen Manhattan und Southhampton. De Kooning kehrt in der Malerei zur Figuration zurück: die vierte
Woman-Serie entsteht.
1968/69 De Koonings erste europäische Einzelausstellung wird in der Galerie M. Knoedler & Co., Paris präsentiert. Für eine Personalausstellung im Stedelijk Museum Amsterdam bereist de Kooning erstmals seit 1926 sein Heimatland.
1975 Abstrakte Landschaftsbilder mit pastoser Farbtextur lösen die Frauenmotive wieder ab, es sind flüchtige Impressionen von Long Island.
1983/84 Das Whitney Museum of American Art zeigt die große Retrospektive Willem de Kooning: Drawings, Paintings, Sculpture, die auch in Berlin und Paris Station macht.
1989 Elaine de Kooning stirbt am 1. Februar. Um de Kooning - im vortgeschrittenen Alzheimerkrankheitsstadium - in beruflichen Bereichen zu unterstützen, übernehmen seine Tochter Lisa und ihr Lebensgefährte John I. Eastman, heutiger Vizepräsident der Willem de Kooning-Foundation, die geschäftlichen Abwicklungen.
1993 Das Hirshhorn Museum, Washington, D.C. widmet Willem de Kooning die
bislang umfangreichste Personalausstellung.
1994/95 Zum Anlass seines 90. Geburtstags widmet die National Gallery of Art, Washington, D.C. dem Künstler eine große Personalausstellung, die auch im Metropolitan Museum, New York und der Tate Gallery zu sehen ist.
1995/96 Das Spätwerk des Künstlers aus den 1980er Jahren wird erstmals im großen Maße im San Francisco Museum of Modern Art präsentiert, das auch in Deutschland und den Niederlanden zu sehen ist.
1997 Willem de Kooning stirbt am 19. März in East Hampton, New York im Alter von 92 Jahren.
Quelle:
BA-CA Kunstforum Wien
Willem de Kooning: Rekordpreise am Kunstmarkt
Interchange, 1955*
Öl auf Leinwand
200,7 x 175,3 cm
20,680,000 US$
(Sotheby's New York, 1989)
Orestes, 1947
Lack und Papiercollage auf Hartfaserplatte
61,3 x 91,8 cm
13,209,500 US$
(Sotheby's New York, 2002)
Spike's Foly I, 1959
Öl auf Leinwand
200 x 174 cm
11,208,000 US$
(Sotheby's New York, 2003)
Palisade, 1957
Öl auf Leinwand
200,7 x 175,3 cm
7,150,00 US$
(Sotheby's New York, 1990)
Woman, 1952
Pastell und Grafit auf Papier
52,1 x 35,6 cm
3,749,500 US$
(Sotheby's New York, 2002)
Two Women, 1954/55
Öl und Kohle auf Leinwand
101,9 x 127 cm
1,980,000 US$
(Christie's New York, 1984)
*höchster Preis, der jemals für ein Bild von einem lebenden Künstler erzielt wurde.
Quelle:
BA-CA Kunstforum Wien
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