Ready-Made-Man

Er könnte der Traum einer jeder Schwiegermutter sein: ein gut aussehender Mann in den besten Jahren, im bescheidenen schwarzen Konfirmandenanzug, mit sanftem Lächeln auf den sinnlichen Lippen und einem bezaubernden Blick, dem die Verlockungen und andere Annehmlichkeiten des Diesseits nicht fremd zu sein scheinen.

Jeff Koons ist ein ganz normaler künstlerischer Mega-Star, der für zwei Tage persönlich in den kühlen Interieurs der Kunsthalle Bielefeld erschien, wo er knappe zwei Monate verweilen wird mittels seiner fast hundert weniger oder mehr malerischen Werke, geschaffen im Stil der alten Meister vor allem mithilfe eines Dutzends seiner Assistenten. Es ist also kein Wunder, dass sich zur Ausstellungseröffnung des Neuen Meisters am Samstag, den 21. September, 850 Event-Liebhaber aus ganz Deutschland in Bielefeld eingefunden haben, unter ihnen die führende Sammlerin des Adels, Fürstin von Thurn und Taxis aus Regensburg, deren fünfminütige Anwesenheit auf der Vernissage von der lokalen Presse zelebriert wurde. Etwas länger wurde Jeff Koons vom Publikum zelebriert, das geduldig auf ein Autogramm des Meisters in der Schlange wartete. Jener verwehrte niemanden die Signatur der (un)sterblichen Hand, denn seine anderen beachtlichen Körperteile waren auf der Wand wie auf der Hand zu sehen.

Urszula Usakowska-Wolff: Gebührenfreie Information, 2004. © Urszula Usakowska-Wolff


Mittelklasse - große Kasse

Ich wurde (1955 in York in Pennsylvania) als Linkshänder geboren. Meine Eltern sagten immer: Das ist ein Zeichen für künstlerische Veranlagung, offenbarte Jeff Koons dem Direktor der Kunsthalle Bielefeld, Dr. Thomas Kellein, der die Meinungen des Künstlers zu jedem Thema auf 31 Seiten des 112-seitigen Ausstellungskatalogs seiner Bilder und Öldrucke der letzten 22 Jahre verewigte. Er schuf mit jener linken Hand bereits im Kindergarten Kunst, denn Kunst gefiel mir sehr. Mir gefiel Zeichnen und Malen. Es gab mir eine Art Selbstwertgefühl. Seit seinen jüngsten Jahren gefiel und gelang ihm ebenfalls das Ausstellen und Verkaufen: Sein Vater, führender Dekorateur und Inhaber eines Inneneinrichtungsgeschäfts in York, stellte die Jugendwerke des begabten Sohnes aus und konnte sie erfolgreich an seine Kundschaft veräußern. Aus jenen Zeiten stammt auch die Neigung des Koons-Junior zur Zelebrierung und Bewunderung der Dekoration und das Wissen um den Geschmack seiner künftigen Klientel, Vertreter der weißen, wohlhabenden Mittelklasse: einer Klasse mit großer Kasse. Nach dem Kunststudium in Chicago und Baltimore (1972-1976) zog Jeff Koons nach New York, wo er zuerst im Museum of Modern Art arbeitete. Dort verkaufte er Eintrittskarten und warb neue MoMa-Sponsoren. Er lernte die Mechanismen kennen, die auf der Börse der künstlerischen Eitelkeiten herrschten. Anfang der 1980er Jahre begann er, an der echten Börse zu arbeiten, wo er in der Wall Street auf eigene Rechnung und im Namen renommierter Brokerfirmen mit Aktien, Wertpapieren, Gold und Baumwolle handelte. Angeblich nicht nur deshalb, weil er (knapp) doppelt soviel wie im Museum verdiente, sondern vor allem wegen der Möglichkeit, in die Geheimnisse der Bauwolle und des Leinens einzudringen: jede materielle Gunst nutzte Jeff Koons immer und überall für seine Kunst.

Die glasklaren ewig neuen Waren

Jeff Koons hatte es verstanden, Kunst als Ware zu inszenieren, um sie den Gesetzen des Kunstmarktes anzupassen. Er schockierte die Kunstwelt, als er in seiner ersten Einzelausstellung 1980 im New Yorker New Museum of Contemporary Art mit drei Werkgruppen in Erscheinung trat, die wie das Produktsortiment einer Handelskette wirkten: Inflatables (Aufblasobjekte), The Pre-New und The New. Es waren auf Spiegelsockeln platzierte Blumen- und Spielzeugobjekte aus aufblasbarem Gummi, auf Plastikleuchtröhren montierte Alltagsprodukte sowie nagelneue, blitzblanke Staubsauger in sterilen Leuchtvitrinen. Das Neue war einerseits das zeitgemäße Alte: eine Neuausgabe der ready made Marcel Duchamps, andererseits eine Apotheose des Konsums, in den Rang eines wertvollen Museumsexponats erhoben. Die Staubsauger unter Glas verharrten im Zustand ewiger Sauberkeit, die dem Zweck dieser zur Schmutzbeseitigung vorgesehenen Maschinen widersprach. The New erwies sich bereits damals als eine nicht zu verachtende Geldmaschine, denn für jedes Exemplar des Neuen verlangte der Künstler 3000 Dollar. Zwar rief dieser Preis bei manchen Empörung hervor, doch für die Käufer sollte jeder neue Koons eine gute Kapitalanlage sein. Heute ist der Wert der einzelnen „Hoover“ ums hundertfache gestiegen, sodass die Aktion unter dem Titel The New auf den Auktionen bestätigt wurde

Monumentalität der Banalität

Jeff Koons lotete in seinen Skulpturen die Grenzen zwischen high und low culture aus und schuf erhabene Werke des Banalen. Er griff auf Marcel Duchamps zurück und führte zeitgenössische ready made vor: ihrem täglichen Gebrauch durch Künstlerhand entfremdete Alltagsgegenstände. Er konnte sich dabei auch auf amerikanische Vorbilder wie Claes Oldenburg, Jasper Johns, Robert Rauschenberg und Dan Flavin berufen. Koons´ in Wassertanks schwebende Basketball-Bälle und in Bronze gegossene Schlauchboote waren genauso ernsthaft-banal wie seine grellen, süßen Porzellan-Skulpturen von Michael Jacko Jackson mit Lieblings-Schimpanse Bubbles, überlebensgroße Plastiken britischer Bobbies mit noch größeren Teddies und die in seinem Auftrag durch die Oberammergauer Herrgottschnitzer perfekt ausgeführten Pudel aus Holz. Es waren monumentale Nach- und Abbildungen kitschiger Nippes, die dem Massengeschmack zu huldigen schienen und ihren schlechten Geschmack auf den Sockel der Kunst erhoben. Monumental war auch seine 1992 parallel zur Kasseler Documenta IX (zu der er nicht eingeladen wurde)  im nahegelegenen Arolsen gezeigte, blühende Hundeskulptur Puppy aus 60.000 Blumen. Mit seiner gewichtigen Leichtkostkunst hielt Jeff Koons der Gesellschaft den Spiegel vor, einer oberflächlichen Gesellschaft, die sich nur noch in ihren auf Hochglanz polierten Produkten und spektakulären Shows, denen jede tiefere Bedeutung fehlt, wiedererkennt und feiert.

Liebesspiele für viele

Während eines Aufenthalts in Rom fielen Jeff Koons Poster auf, auf denen Ilona Staller, besser bekannt als Cicciolina, das männliche Geschlecht befriedigte. Der Künstler beschloss also, sie bald als ein neues ready made einzusetzen. Cicciolina - ein Pornogeschöpf aus Fleisch und Blut, begann ihm umgehend nicht nur als Kunstobjekt viel Freude zu bereiten. Dank ihr lernte der 34-jährige Mann die Liebeskunst kennen und ließ daran auch die Kunstliebhaber teil haben. Einem größerem Publikum wurde Jeff Koons und sein neues ready made bekannt, als er 1990 auf der Biennale von Venedig eine Skulptur präsentierte, die ihn beim Liebesspiel mit Cicciolina zeigte, die inzwischen seine Ehefrau geworden war. Es war eine pompös-glamouröse und hinreißend obszöne Plastik, die selbstverständlich für internationales Aufsehen und damals noch leise Empörung sorgte.


Mediengerechter Kampf der Geschlechter

Mit Cicciolina inszenierte er 1989-1992 die neben Skulpturen auch Bilder umfassende Serie Made in Heaven (die eigentlich Ready Made in Heaven heißen sollte), in der er die Öffentlichkeit an ihrem unverhüllten Liebesleben teilnehmen ließ. Doch die Massen, mit denen er mittels seiner Kunst kommunizieren wollte, waren diesmal ernsthaft empört. Seine himmlische Erotik-Reihe wurde als ein Skandal empfunden und seit Mitte der 1990er Jahren machte der omnipotente amerikanische Künstler vor allem als Cicciolinas Exgatte Schlagzeilen, indem er vor den Augen der medialen Welt (vergeblich) um das Sorgerecht für ihren gemeinsamen Sohn Ludwig kämpfte. Über seine misslungene Ehe mit Ilona Staller offenbarte er der Journalistin der Tageszeitung Neue Westfälische (24.09.02): Das war der fürchterlichste Fehler, den ich in meinem Leben begangen habe. Als ich Cicciolina kennen lernte, hat sie sich mir gegenüber als Opfer der Pornografie dargestellt und ich habe ihr wirklich geglaubt, dass sie diese Geschichte abschließen wollte. Aber du kannst nicht 25 Jahre lang Porno-Filme drehen und es dann sein lassen. Meine Ex-Frau konnte das jedenfalls nicht, und deshalb endete die Ehe auch in einem solchen Desaster. Es erweist sich also, dass die Kunst doch etwas anderes als das Leben ist, denn im Leben eines Vertreters der amerikanischen Mittelklasse hat man es besser mit einer anständigen Frau, am besten mit einer Hausfrau zu tun, um so mehr, dass der Künstler Jeff Koons neulich Ehrendoktor des College of Art and Design in Washington D.C. und Kavalier des französischen Ordens der Ehrenlegion geworden ist.

 

Neuer Meister alter Meister

In den letzten Jahren feiert Jeff Koons sein neues Comeback. Seine Hundeskulptur Puppy wurde 1997 vor dem Guggenheim Museum in Bilbao und drei Jahre später vor dem Rockefeller Center in New York installiert, seit Februar 2000 ziert die blaue Balloon Flower aus glänzendem Metall den Marlene-Dietrich-Platz in Berlin. Auch als Maler steht der amerikanische Künstler, der sich nicht nur als Nachfolger von Duchamp, Man Ray, Jasper Johns und Picasso sondern der viel älteren Meister wie Leonardo da Vinci und Michelangelo sieht, wieder im Rampenlicht der Kunstöffentlichkeit: Die Guggenheim Berlin zeigte im Jahr 2000 seine Bilder aus der Serie Easyfun-Ethereal, im vorigen Jahr würdigte ihn das Kunsthaus Bregenz (Österreich) mit einer Ausstellung, in der seine Bildwerkgruppen Easyfun, Easyfun-Ethereal und Celebration zu sehen waren und nun wartet auch die Bielefelder Kunsthalle mit einer Retrospektive seiner Bilder auf, die nach seinen PC-Entwürfen von Dutzenden seiner Assistenten gefertigt werden.

 

Perfekte Artefakte

Ich habe mich immer als einen Maler gesehen. Meine Skulpturen betrachtete ich immer als Malerei, bekennt Jeff Koons. Der Beweis dafür ist die Ausstellung Jeff Koons. Die Bilder 1980-2002, in der fast hundert seiner Arbeiten, darunter ein Drittel Ölbilder und Öldrucke auf Leinwand gezeigt werden. Was dabei auffällt, ist die Flächigkeit und Oberflächlichkeit seiner Malerei - eine Collage des Konsumalltags, der triumphierenden Banalität, des freundlichen und freudigen Verzehrs, zum Fetisch erhoben. Dank der Zelebrierung der Konsumwelt, die aus zufälligen, fragmentarisierten Massenprodukten besteht: Sportschuhen, Popcorn, Alkohol, Schlagsahne, Damenunterwäsche, einer zufriedenen Hausfrau hinter den auf Hochglanz polierten Töpfen, einer appetitlichen kandierten Kirsche, eines glänzenden Armreifens, einer Schleife, Urlaubsprospekten und anderen Produkten, die von den Massen begehrt und konsumiert werden, scheint die Retrospektive des Nachfolgers großer Meister ein Soziogramm unserer Zeit zu sein. Sie ist ein gigantisches und gigantomanisches Stillleben, Ausdruck der Popcorn-Kultur unter dem Label Jeff Koons ®. 

Unter der schönen, dank einer großen gemeinsamen Anstrengung perfekt ausgeführten Oberfläche seiner Artefakte lauert das große, bunte, fragmentarisierte und verführerische NICHTS. NICHTS aber doch ETWAS, denn es heißt Made in Heaven, Easyfun, Easyfun-Ethereal, Celebration. Es ist leicht, problemlos, lustig, echt, ewig und vergänglich, denn es hat für jeden etwas Angenehmes, Neues, obwohl Vertrautes, zugleich Irdisches und Himmlisches. Zurecht bekannte also Jeff Koons der Neuen Westfälischen im zitierten Interview: Als Künstler mag ich es, Dinge fortzusetzen und an neuen Sachen zu arbeiten. Ich habe immer Künstler wie Duchamp gemocht; Leute, die mit ihrer Kunst ihr Interesse am Leben ausdrückten. Das Neue gibt einem das Gefühl, dass man in der Lage ist, sich ständig weiter zu entwickeln und eine Vorstellung davon zu bekommen, wie groß die Kunst sein kann.

Die Kunst von Jeff Koons ist Jeff Koons - die höchste Stufe der Readymadysierung.

 

Text © Urszula Usakowska-Wolff. Fotos © Jeff Koons und Kunsthalle Bielefeld

 

 

Jeff Koons. Die Bilder. 1980-2002. Kunsthalle Bielefeld, 22.09.-10.11.2002.

Der Ausstellungskatalog mit einem Vorwort von Dr. Thomas Kellein kostet 16 €.

 

 

Katalog der Ausstellung "Jeff Koons. Die Bilder 1980-2002 in der Kunsthalle Bielefeld

 

 

zur Ausstellung "Kunst nach Kunst" im Neuen Museum Weserburg, Bremen, 2002