Mittelklasse - große Kasse
Ich
wurde (1955 in York in
Pennsylvania) als Linkshänder geboren. Meine Eltern sagten
immer: Das ist ein Zeichen für künstlerische Veranlagung,
offenbarte Jeff Koons dem Direktor der Kunsthalle Bielefeld, Dr.
Thomas Kellein, der die Meinungen des Künstlers zu jedem Thema
auf 31 Seiten des 112-seitigen Ausstellungskatalogs seiner Bilder
und Öldrucke der letzten 22 Jahre verewigte. Er schuf mit jener
linken Hand bereits im Kindergarten Kunst, denn Kunst gefiel
mir sehr. Mir gefiel Zeichnen und Malen. Es gab mir eine Art
Selbstwertgefühl. Seit seinen jüngsten Jahren gefiel und
gelang ihm ebenfalls das Ausstellen und Verkaufen: Sein Vater, führender
Dekorateur und Inhaber eines Inneneinrichtungsgeschäfts in York,
stellte die Jugendwerke des begabten Sohnes aus und konnte sie
erfolgreich an seine Kundschaft veräußern. Aus jenen Zeiten
stammt auch die Neigung des Koons-Junior zur Zelebrierung und
Bewunderung der Dekoration und das Wissen um den Geschmack seiner
künftigen Klientel, Vertreter der weißen, wohlhabenden
Mittelklasse: einer Klasse mit großer Kasse. Nach dem
Kunststudium in Chicago und Baltimore (1972-1976) zog Jeff Koons
nach New York, wo er zuerst im Museum of Modern Art arbeitete.
Dort verkaufte er Eintrittskarten und warb neue MoMa-Sponsoren. Er
lernte die Mechanismen kennen, die auf der Börse der künstlerischen
Eitelkeiten herrschten. Anfang der 1980er Jahre begann er, an der
echten Börse zu arbeiten, wo er in der Wall Street auf eigene
Rechnung und im Namen renommierter Brokerfirmen mit Aktien,
Wertpapieren, Gold und Baumwolle handelte. Angeblich nicht nur
deshalb, weil er (knapp) doppelt soviel wie im Museum verdiente,
sondern vor allem wegen der Möglichkeit, in die Geheimnisse der
Bauwolle und des Leinens einzudringen: jede materielle Gunst
nutzte Jeff Koons immer und überall für seine Kunst.
Die
glasklaren ewig neuen Waren
Jeff
Koons hatte es verstanden, Kunst als Ware zu inszenieren, um sie
den Gesetzen des Kunstmarktes anzupassen. Er schockierte
die Kunstwelt, als er in seiner ersten Einzelausstellung 1980 im
New Yorker New Museum of Contemporary Art mit drei Werkgruppen in
Erscheinung trat, die wie das Produktsortiment einer Handelskette
wirkten: Inflatables (Aufblasobjekte), The
Pre-New und The New. Es waren auf Spiegelsockeln
platzierte Blumen- und Spielzeugobjekte aus aufblasbarem Gummi,
auf Plastikleuchtröhren montierte Alltagsprodukte sowie
nagelneue, blitzblanke Staubsauger in sterilen Leuchtvitrinen. Das
Neue war einerseits das zeitgemäße Alte: eine Neuausgabe
der ready made Marcel Duchamps, andererseits eine Apotheose des
Konsums, in den Rang eines wertvollen Museumsexponats erhoben. Die
Staubsauger unter Glas verharrten im Zustand ewiger Sauberkeit,
die dem Zweck dieser zur Schmutzbeseitigung vorgesehenen Maschinen
widersprach. The New erwies sich bereits damals als eine
nicht zu verachtende Geldmaschine, denn für jedes Exemplar des Neuen
verlangte der Künstler 3000 Dollar. Zwar rief dieser Preis bei
manchen Empörung hervor, doch für die Käufer sollte jeder neue
Koons eine gute Kapitalanlage sein. Heute ist der Wert der
einzelnen „Hoover“ ums hundertfache gestiegen, sodass die
Aktion unter dem Titel The New auf den Auktionen bestätigt
wurde
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Monumentalität
der Banalität
Jeff
Koons lotete in seinen Skulpturen die Grenzen zwischen high
und low culture aus und schuf erhabene Werke des Banalen.
Er griff auf Marcel Duchamps zurück und führte zeitgenössische
ready made vor: ihrem täglichen Gebrauch durch Künstlerhand
entfremdete Alltagsgegenstände. Er konnte sich dabei auch auf
amerikanische Vorbilder wie Claes Oldenburg, Jasper Johns, Robert
Rauschenberg und Dan Flavin berufen. Koons´ in Wassertanks
schwebende Basketball-Bälle und in Bronze gegossene Schlauchboote
waren genauso ernsthaft-banal wie seine grellen, süßen
Porzellan-Skulpturen von Michael Jacko Jackson mit
Lieblings-Schimpanse Bubbles, überlebensgroße Plastiken
britischer Bobbies mit noch größeren Teddies und die in seinem
Auftrag durch die Oberammergauer Herrgottschnitzer perfekt ausgeführten
Pudel aus Holz. Es waren monumentale Nach- und Abbildungen
kitschiger Nippes, die dem Massengeschmack zu huldigen schienen
und ihren schlechten Geschmack auf den Sockel der Kunst erhoben.
Monumental war auch seine 1992 parallel zur Kasseler Documenta IX
(zu der er nicht eingeladen wurde) im nahegelegenen Arolsen
gezeigte, blühende Hundeskulptur Puppy aus 60.000 Blumen.
Mit seiner gewichtigen Leichtkostkunst hielt Jeff Koons der
Gesellschaft den Spiegel vor, einer oberflächlichen Gesellschaft,
die sich nur noch in ihren auf Hochglanz polierten Produkten und
spektakulären Shows, denen jede tiefere Bedeutung fehlt,
wiedererkennt und feiert.
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Liebesspiele
für viele
Während
eines Aufenthalts in Rom fielen Jeff Koons Poster auf, auf denen
Ilona Staller, besser bekannt als Cicciolina, das männliche
Geschlecht befriedigte. Der Künstler beschloss also, sie bald als
ein neues ready made einzusetzen. Cicciolina - ein Pornogeschöpf
aus Fleisch und Blut, begann ihm umgehend nicht nur als
Kunstobjekt viel Freude zu bereiten. Dank ihr lernte der 34-jährige
Mann die Liebeskunst kennen und ließ daran auch die
Kunstliebhaber teil haben. Einem größerem Publikum wurde Jeff
Koons und sein neues ready made bekannt, als er 1990 auf der
Biennale von Venedig eine Skulptur präsentierte, die ihn beim
Liebesspiel mit Cicciolina zeigte, die inzwischen seine Ehefrau
geworden war. Es war eine pompös-glamouröse und hinreißend obszöne
Plastik, die selbstverständlich für internationales Aufsehen und
damals noch leise Empörung sorgte.
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Mediengerechter Kampf der Geschlechter
Mit
Cicciolina inszenierte er 1989-1992 die neben Skulpturen auch
Bilder umfassende Serie Made in Heaven (die eigentlich Ready
Made in Heaven heißen sollte), in der er die Öffentlichkeit
an ihrem unverhüllten Liebesleben teilnehmen ließ. Doch die Massen,
mit denen er mittels seiner Kunst kommunizieren wollte,
waren diesmal ernsthaft empört. Seine himmlische
Erotik-Reihe wurde als ein Skandal empfunden und seit Mitte der
1990er Jahren machte der omnipotente amerikanische Künstler vor
allem als Cicciolinas Exgatte Schlagzeilen, indem er vor den Augen
der medialen Welt (vergeblich) um das Sorgerecht für ihren
gemeinsamen Sohn Ludwig kämpfte. Über seine misslungene Ehe mit
Ilona Staller offenbarte er der Journalistin der Tageszeitung Neue
Westfälische (24.09.02): Das war der fürchterlichste Fehler,
den ich in meinem Leben begangen habe. Als ich Cicciolina kennen
lernte, hat sie sich mir gegenüber als Opfer der Pornografie
dargestellt und ich habe ihr wirklich geglaubt, dass sie diese
Geschichte abschließen wollte. Aber du kannst nicht 25 Jahre lang
Porno-Filme drehen und es dann sein lassen. Meine Ex-Frau konnte
das jedenfalls nicht, und deshalb endete die Ehe auch in einem
solchen Desaster. Es erweist sich also, dass die Kunst doch
etwas anderes als das Leben ist, denn im Leben eines Vertreters
der amerikanischen Mittelklasse hat man es besser mit einer anständigen
Frau, am besten mit einer Hausfrau zu tun, um so mehr, dass der Künstler
Jeff Koons neulich Ehrendoktor des College of Art and Design in
Washington D.C. und Kavalier des französischen Ordens der
Ehrenlegion geworden ist.
Neuer
Meister alter Meister
In
den letzten Jahren feiert Jeff Koons sein neues Comeback. Seine
Hundeskulptur Puppy wurde 1997 vor dem Guggenheim Museum in
Bilbao und drei Jahre später vor
dem Rockefeller Center in New York installiert, seit Februar 2000
ziert die blaue Balloon Flower aus glänzendem Metall den
Marlene-Dietrich-Platz in Berlin. Auch als Maler steht der
amerikanische Künstler, der sich nicht nur als Nachfolger von
Duchamp, Man Ray, Jasper Johns und Picasso sondern der viel älteren
Meister wie Leonardo da Vinci und Michelangelo sieht, wieder im
Rampenlicht der Kunstöffentlichkeit: Die Guggenheim Berlin zeigte
im Jahr 2000 seine Bilder aus der Serie Easyfun-Ethereal, im
vorigen Jahr würdigte ihn das Kunsthaus Bregenz (Österreich) mit
einer Ausstellung, in der seine Bildwerkgruppen Easyfun, Easyfun-Ethereal
und Celebration zu sehen waren und nun wartet auch die
Bielefelder Kunsthalle mit einer Retrospektive seiner Bilder auf,
die nach seinen PC-Entwürfen von Dutzenden seiner Assistenten
gefertigt werden.
Perfekte
Artefakte
Ich
habe mich immer als einen Maler gesehen. Meine Skulpturen
betrachtete ich immer als Malerei,
bekennt Jeff Koons. Der Beweis dafür ist die Ausstellung Jeff
Koons. Die Bilder 1980-2002, in der fast hundert seiner
Arbeiten, darunter ein Drittel Ölbilder und Öldrucke auf Leinwand
gezeigt werden. Was dabei auffällt, ist die Flächigkeit und Oberflächlichkeit
seiner Malerei - eine Collage des Konsumalltags, der triumphierenden
Banalität, des freundlichen und freudigen Verzehrs, zum Fetisch
erhoben. Dank der Zelebrierung der Konsumwelt, die aus zufälligen,
fragmentarisierten Massenprodukten besteht: Sportschuhen, Popcorn,
Alkohol, Schlagsahne, Damenunterwäsche, einer zufriedenen Hausfrau
hinter den auf Hochglanz polierten Töpfen, einer appetitlichen
kandierten Kirsche, eines glänzenden Armreifens, einer Schleife,
Urlaubsprospekten und anderen Produkten, die von den Massen begehrt
und konsumiert werden, scheint die Retrospektive des Nachfolgers großer
Meister ein Soziogramm unserer Zeit zu sein. Sie ist ein
gigantisches und gigantomanisches Stillleben, Ausdruck der
Popcorn-Kultur unter dem Label Jeff Koons ®.
Unter
der schönen, dank einer großen gemeinsamen Anstrengung perfekt
ausgeführten Oberfläche seiner Artefakte lauert das große, bunte,
fragmentarisierte und verführerische NICHTS. NICHTS aber doch
ETWAS, denn es heißt Made in Heaven, Easyfun, Easyfun-Ethereal,
Celebration. Es ist leicht, problemlos, lustig, echt, ewig
und vergänglich, denn es hat für jeden etwas Angenehmes, Neues,
obwohl Vertrautes, zugleich Irdisches und Himmlisches. Zurecht
bekannte also Jeff Koons der Neuen Westfälischen im zitierten
Interview: Als Künstler mag ich es, Dinge fortzusetzen und an
neuen Sachen zu arbeiten. Ich habe immer Künstler wie Duchamp
gemocht; Leute, die mit ihrer Kunst ihr Interesse am Leben ausdrückten.
Das Neue gibt einem das Gefühl, dass man in der Lage ist, sich ständig
weiter zu entwickeln und eine Vorstellung davon zu bekommen, wie groß
die Kunst sein kann.
Die
Kunst von Jeff Koons ist Jeff Koons - die höchste Stufe der
Readymadysierung.
Text
© Urszula
Usakowska-Wolff. Fotos
©
Jeff Koons und Kunsthalle
Bielefeld
Jeff
Koons. Die Bilder. 1980-2002. Kunsthalle
Bielefeld, 22.09.-10.11.2002.
Der
Ausstellungskatalog mit einem Vorwort von Dr. Thomas Kellein kostet
16 €.
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