Drill und Design

Seit geraumer Zeit ordnet Zofia Kulik ihr Archiv. Das ist eine fast übermenschliche Aufgabe, denn sie hat seit 1971 einen riesigen Fundus an Materialien angehäuft, die ihre flüchtige und „offene“ künstlerische Arbeit als Aktionskünstlerin und Performerin in Zusammenarbeit mit ihrem damaligen Lebensgefährten und Partner Przemysław Kulik dokumentiert, mit dem sie bis 1987 im Duo KwieKulik wirkte. Zum künstlerischen Nachlass des von ihnen sechzehn Jahre lang betriebenen Ateliers für Aktionen, Dokumentation und Popularisierung (PDDiU) gehören Tausende Fotos, Dias, Filme, vergilbte Zeitungsausschnitte, Manifeste, selbstgebastelte Einladungen, Plakate, Briefe, Postkarten und andere Zeugnisse, die darüber Auskunft geben, dass es in dem Volksrepublik Polen genannten Land im so genannten Ostblock auch eine alternative Kunstszene gab, die sich außerhalb der staatlich verordneten und finanzierten Kunst entwickelte. "Ich stecke in der Kwiekulik-Periode bis über beide Ohren“, sagt Zofia Kulik, "und zweifle manchmal daran, ob ich jemals damit fertig werde.“  

Zofia Kulik, 5.04.2008, Galerie Zak/Branicka Berlin. Foto © Urszula Usakowska-Wolff

Zofia Kulik, 5.04.2008, Galerie żak/Branicka Berlin. Foto © Urszula Usakowska-Wolff

Medienkunst kommt vom Mangel

Dabei war das Nicht-Fertig-Werden ein fester Grundsatz von Kwiekulik, eines Künstlerpaars, das eine grenz- und genreüberschreitende Kunst verkörperte, wobei "verkörpern" wörtlich gemeint ist: Sie praktizierten eine radikale Form der Body Art, in die sie sogar ihren gemeinsamen Sohn Maksymilian-Dobromierz einbezogen hatten. Ihre Körper, ihr Leben und ihre unmittelbare Umgebung, das heißt ihre winzige, mit einfachen Haushaltsgeräten und Utensilien wie Schüssel, Kloschüssel, Eimer, Geschirr, Kartons und Packpapier ausgestattete Wohnung im heruntergekommenen Warschauer Stadtteil Praga war der Stoff, aus dem sie ihre Kunst machten. Weil sie sich für ein Leben als Hungerkünstler (für dieses altbekannte Phänomen prägte man damals den Begriff "Neoavantgarde") entschieden hatten, konnten sie sich weder Materialien noch teure Modelle geschweige denn entsprechend große Räume leisten, mit und in denen ausgebildete Bildhauer, die sie waren, in der Regel arbeiten. "Als KwieKulik haben wir nie etwas zu Ende gebracht", erklärt Zofia Kulik. Das stimmt und stimmt nicht, denn bei ihren flüchtigen Aktionen waren sie mit ihren Kameras immer dabei: Das Ephemere hatte ein Ende, als es auf dem Fotopapier oder Filmband verewigt wurde. Es musste abgebildet werden, um zu verweilen, denn die zu sehende Synthese von Kunst und Leben war damals doch so wahr, wenn auch selten fotogen. Ihre Aktionen nannte Kwiekulik "działania dokamerowe" - "In-die-Kamera-Aktionen", was bedeutet, dass die Kamera, also das Festhalten und die mediale Wiedergabe ein fester Bestandteil ihrer künstlerischen Praxis war. Zofia Kulik und Przemysław Kwiek gehören also zu Pionieren einer Medienkunst, die in Polen vom Mangel kam und diesen Mangel dokumentierte: den räumlichen, ästhetischen, den Geld- und Konsummangel.

  Jedem Ausbruch folgt ein Aufbruch

Sportlich ausgedrückt ist Zofia Kulik eine Langstrecken- oder gar Marathonläuferin, obwohl sie in ihrer Jugend einige Erfolge als Turmspringerin erzielen konnte. Ihre künstlerischen Entscheidungen reifen lange und beginnen häufig mit einem Sprung ins kalte Wasser, der ihr dabei hilft, klaren Kopf zu bewahren. Ihr Leben ist eine Folge von Ausbrüchen, denen künstlerische Aufbrüche folgen, denn immer wieder gelingt es ihr, die Flucht nach vorne, in letzter Zeit nach steil oben bis hin zur Teilnahme an der documenta 12 in Kassel, zu ergreifen. Vermutlich wählte sie das Leben einer Künstlerin, um der Enge und Abgeschirmtheit ihres Elternhauses zu entgehen. Die 1947 in Wrocław (dem ehemaligen Breslau) geborene Tochter eines Berufssoldaten, der es immerhin zum Oberst der Polnischen Volksarmee gebracht hatte, lebte lange Jahre in einer Warschauer Kaserne, einem von Drill, Systemtreue, Neid und Misstrauen geprägten kleinbürgerlichen Milieu. Ihren ersten Mann, der aus einer gutsituierten Familie stammte, verließ sie 1972 nach vier Jahren Ehe für Przemysław Kwiek, der sich für sie auch von Frau und Kind trennte. Die geschiedene Offizierstochter lebte fortan in einer wilden Ehe und machte wilde Kunst, was bedeutete, dass sie im realsozialistischen, in Wirklichkeit zutiefst katholischen und bigotten Polen, am Rande, sogar außerhalb der Gesellschaft lebte. Den letzten Schritt auf ihrem Weg zur Selbstfindung als Künstlerin machte sie 1987, als sie ihre Zusammenarbeit und Partnerschaft mit Kwiek kündigte. Das Kunstgebilde Kwiekulik löste sich auf, die zwischenmenschlichen Beziehungen bleiben jedoch weiterhin bestehen, denn der notorisch mittel- und arbeitslose Przemysław Kwiek (geb. 1945) lebt weiterhin in unmittelbarer Nähe und mit Unterstützung seiner Gefährtin, nämlich in der Kleinstadt Łomianki, einem grünen und waldreichen Vorort von Warschau. Die Pioniere der Medienkunst wohnen dort seit fast einem Vierteljahrhundert ausgerechnet in der Pionierstraße, in einem geräumigen Haus, einer typischen polnischen Villa aus den 1930er Jahren mit zwei einen Balkon tragenden Säulen am Eingang, das sie zusammen mit Zofias Mutter wiederaufgebaut und restauriert haben. Ein Haus wie dieses eignet sich bestens für ein Archiv: während des Zweiten Weltkriegs befand sich dort eine Nazibehörde, am Ende des Krieges wurde es teilweise zerstört und von Obdachlosen, die es in der Volksrepublik Polen offiziell nicht gab, genutzt. Es ist also ein Ort mit einer wechselvollen Geschichte, wo man seine eigene Geschichte gut aufbewahren und ordnen kann.

  Menschliches Motiv gegen die Bilderflut

Nach dem Ende von Kwiekulik begab sich Zofia Kulik auf die Suche nach ihrer künstlerischen Identität. Ihre ersten eigenständigen Arbeiten waren Selbstbildnisse in Form von Fotocollagen, in denen sie Elemente der sozrealistischen Ikonografie benutzte: rote Fahnen, Fahnenmasten, Architekturfragmente und Bilder jubelnder Massen. Die Künstlerin erscheint darauf häufig wie eine ägyptische Mumie: sie ist von einem Kokon oder einem Panzer umgeben, den es aufzubrechen galt. Im polnischen Künstler Zbigniew Libera (geb. 1959), dessen Körper eine wandelnde Skulptur von einer schier unglaublicher Dynamik zu sein scheint, fand sie das passende Modell und Medium für die ihr vorschwebende Kunst. Von 1989 bis 1991 fertigte sie über siebenhundert Aktfotos von ihm, auf denen er bekannte Werke der Kunstgeschichte, aber auch die für den Nationalsozialismus, Faschismus und Kommunismus charakteristischen Skulpturen des "Neuen Menschen" mimte. Es entstand ein "Archiv der Gesten", aus dem die Künstlerin sich bis heute bedient und noch lange bedienen wird. Das "Archiv der Gesten" mit dem wiederkehrenden "Menschlichen Motiv", das der zur Skulptur erstarrte Homo Libera verkörpert, ist ein fester Bestandteil ihrer Arbeiten, in denen sie das visuelle Gedächtnis der Gegenwart erforscht. In den letzten zehn Jahren schuf Zofia Kulik immer größere und komplexere Tableaux, von ihr Fototeppiche genannt, die aus mehreren, manchmal bis zu 17.000 Bildern (wie die Installation "From Siberia to Cyberia", 1998/2004, für die sie zwei Jahre lang Fernsehsendungen fotografierte) bestehen. Diese meist schwarz-weißen Meisterwerke der Ornamentkunst erzählen die Geschichte ihrer Zeit, früher geprägt vom allgemeinen Warenmangel und einem Überangebot an Ideologie, die nach der Wende durch Konsumterror und eine kaum zu bewältigende Bilderflut ersetzt wurden.

  Mit Schädel und Sichel

Dieser Bilderflut hält Zofia Kulik ihre in der Regel schwarz-weißen Arbeiten in der von ihr entwickelten Technik der Mehrfachbelichtung von Schwarz-Weiß-Fotos entgegen, die sich beim genaueren Betrachten als raffinierte und aufwendige Kompositionen offenbaren. Was aus der Ferne einfach wie ein geblümtes Stoffmuster aussieht, entpuppt sich aus der Nähe als ein eigentümliches Stoffdesign: es besteht nämlich zum großen Teil aus Männerakten (von Zbigniew Libera) in seltsamen Posen, aus Schädeln und Sicheln. Sie gehören zu der 1997 begonnen Serie der "Selbstporträts", von denen das 15-teilige Tableau "The Splendour of Myself II" zu den bekanntesten Kunstwerken der documenta 12 (2007) in Kassel avancierte, nicht nur deshalb, weil es zwischen den Rembrandtbildern im Schloss Wilhelmshöhe hing. Es ist monumental und fragil, seriell und einzeln, es besteht aus vielen Bruchstücken, die sich zu einem ornamentalen Ganzen zusammenfügen. Diese Gegensätze machen den Reiz von Zofia Kuliks Kunst aus, denn zwei Seelen leben auch in ihrer Brust: Die eine ordnungsliebende wurde ihr vom Vater eingehaucht, der als Offizier ein Verfechter der extremsten Form der Ordnung - des militärischen Drills sein musste. Die andere mit der Liebe zum Stoffdesign verdankt sie ihrer Mutter, die Schneiderin war. Und was kann die Liebe zur Ordnung besser ausdrücken als ein Ornament, in dem Formen mit Inhalten verschmelzen und ihre geordneten Reihen das Auge erfreuen, obwohl sie es eigentlich erschrecken sollten? Zofia Kuliks Ornamente sind Sinnbilder der medialen Bilderflut, die es verhindert, dass wir uns ein selektives und objektives Bild von dieser Welt machen. Vielleicht ist sie deshalb zur sichtbarsten Künstlerin der letzten documenta geworden.

  Komische Klischees

Weil die Künstlerin mit dem Ordnen ihres riesigen Archivs, das selbst als ein Gesamtkunstwerk betrachtet werden kann, beschäftigt ist, was ihr wenig Zeit für die aufwendige und langandauernde Fertigung neuer Kunstwerke lässt, sind ihre Ausstellungen rar und deshalb umso empfehlenswerter. Nachdem sie im Sommer 2007 parallel zur documenta im Polnischen Institut Berlin ein Teil ihres Archivs und das großformatige, an ein Gemälde von Hans Holbein anspielende Tableau "Botschafter der Vergangenheit" ausstellte, zeigt sie gegenwärtig in der Berliner Galerie żak/branicka eine kleine Auswahl ihrer Fotoarbeiten aus den letzten zehn Jahren, angefangen mit dem bekannten Fototeppich "The Human Motif I" (1989) bis hin zu den neuesten Fotobildern zum Thema Stoffmuster aus der gleichnamigen Serie, auf Polnisch "Deseń" (2008), in denen sie an chinesische, islamische und Batikmuster sowie an florale Muster des Begründers der englischen Art-and-crafts-Bewegung William Morris (1834-1896) anknüpft. Sie ermöglichen einen Einblick in die künstlerische Entwicklung und die Arbeitsweise von Zofia Kulik, denn man kann in der Lindenstraße 35 auch eine aus Schablonen bestehende Vorlage für das grandiose und größte der dort präsentierten Werke aus der Serie der "Selbstporträts", nämlich "The Splendour of Myself V (Mother, Daughter, Partner)", 2007, sehen. Dieses ironische und mit komischen Klischees spielende 15-teilige "selbstherrliche" Bild ist eine doppelte Inszenierung von Zofia Kulik: zum einen als Königin, zum anderen als Tochter, die aber nicht nur eine Tochter ist. Als Königin blickt sie ernst und entschieden vor sich hin, wie von einer strengen Herrin erwartet. Ihre Ärmel sind mit Stacheln ausgerüstet, sodass es sich nicht empfiehlt, ihr allzu nahe zu kommen. Ihre Haare sind Gras, auf ihren Kopf zielt die Spitze einer Fahnenstange. Auf ihrer rechten Seite befindet sich ein Kreuz (oder ein Schloss), auf dem ein nackter Mann turnt. Auf der rechten Seite sieht man einen toten Vogel: keinen stolzen polnischen Adler mit Krone. Weil sie in der Volksrepublik Polen, die angeblich ein Arbeiter und Bauerstaat war, die meiste Zeit ihres Lebens verbrachte, ist ihr Zepter eine Sichel, die von einem Muster gesäumt wird, das - was man erst bei näherer Betrachtung merkt - aus Schädeln besteht. Die königliche Gebärmutter wird von einer Vase symbolisiert, denn im katholischen Nachwende-Polen ist eine Frau vor allem als Gefäß für neues, am besten männliches Leben von Bedeutung. Unabhängig davon, ob eine Frau eine Tochter, Schwiegertochter, Gattin, Partnerin oder Geliebte ist, wird ihr immer die Rolle der Matka Polka, der polnischen Mutter aufgezwungen. Das ist im linken unteren Teil der "Herrlichkeit meiner selbst" zu sehen. Dort steht eine augenzwinkernde und entspannte Zofia Kulik in einer geblümten Küchenschürze und drückt ihren in der Pose des Denkers von Rodin erstarrten Partner Przemysław Kulik und ihre heute 92jährige Mutter Helena an die Brust. Und nimmt beide offensichtlich auf den Arm.

Text © Urszula Usakowska-Wolff

14.04.2008  


Zofia Kulik
Splendour of Myself V
05.04. - 17.05.2008
Żak/Branicka
Lindenstr. 35
D-10969 Berlin
Di. - Sa. 11:00 - 18:00 Uhr  

Der 20-Seitige Ausstellungskatalog auf Englisch beinhaltet eine lesenswerte Einführung von Stach Szabłowski in Zofia-Kuliks-Kunst und ist mit zahlreichen Reproduktionen der einzelnen Bestandteile von "Splendour of Myself V" sowie deren Beschreibung versehen.


Parallel dazu zeigt die Galerie Żak/Branicka die Ausstellung:

Yane Calovski & Hristina Ivanoska
Oskar Hansen’s Museum of Modern Art
05.04. - 17.05.2008

Sie ist einem nicht realisierten Museumsprojekt des polnischen Architekten und Stadtplaners Oskar Hansen von 1964 für die ein Jahr zuvor vom Erdbeben zerstörte mazedonische Stadt Skopje in Jugoslawien gewidmet. Oskar Hansen (1922 - 2005) war auch ein bedeutender Kunsttheoretiker und Verfechter der "offenen Form" in der Kunst. Als Professor der Warschauer Akademie der Schönen Künste, bei dem Zofia Kulik von 1966 - 1977 studierte, übte er großen Einfluss auf ihr Kunstverständnis und ihre künstlerische Praxis aus.


Website von Zofia Kulik >>>

Zofia Kulik in der Galeria Le Guern in Warschau >>>

Zofia Kulik in der Dominik Art Edition in Krakau >>>


Fotos von der Eröffnung der Ausstellung "The Splendour of Myself V" 
von Zofia Kulik in der Galerie żak/Branicka, Berlin, am 5. April 2008

Zofia Kulik, Künstlerin. 5.04.2008, Galerie Zak/Branicka Berlin. Foto © Urszula Usakowska-Wolff

Zofia Kulik, Künstlerin.  5.04.2008, Galerie żak/Branicka Berlin. Foto © Urszula Usakowska-Wolff

Ausstellung von Zofia Kulik. Kunstvolk. 5.04.08, Galerie Zak/Branicka Berlin. Foto © Usakowska-Wolff

 Ausstellung von Zofia Kulik. Kunstvolk. 5.04.08, Galerie żak/Branicka. Foto © Usakowska-Wolff

Galerie zak/Branicka Berlin,  5.04.08. Aleksandra Holownia (r.), Künstlerin. Foto © Urszula Usakowska-Wolff

 Galerie żak/Branicka,  5.04.08. Alexandra Holownia (r.), Künstlerin. Foto © Urszula Usakowska-Wolff

Galerie Zak/Branicka Berlin, 5.04.08. Aleksandra- Holownias-Hund ruht.  Foto © Urszula Usakowska-Wolff

 Galerie żak/Branicka Berlin, 5.04.08. Holownias-Hund Barney, benannt nach dem Namen des amerikanischen Künstlers mit dem Vornamen Matthew, ruht. Foto © Urszula Usakowska-Wolff

Galerie Zak/Branicka Berlin,  5.04.08. Hund guckt Kunst.  Foto © Urszula Usakowska-Wolff

 Galerie żak/Branicka Berlin, 5.04.08. Hund guckt Kunst. Foto © Urszula Usakowska-Wolff

zu den Kunstnews

Weiter zum Text über die Ausstellung von Gert & Uwe Tobias im Kunstmuseum Bonn, 5.03. - 12.05.2008