Kult, Kunst & Kommerz

Am 1. November 2008 begab sich der 65-jährige Prof. Dr. Peter-Klaus Schuster, der in den letzten neun Jahren Generaldirektor der siebzehn Staatlichen Museen und gleichzeitig Direktor der sechs Museen der Nationalgalerie in Berlin war, in den verdienten Ruhestand. Der doppelte und äußerst mediale Direktor, auch General genannt, "schenkte“ den Kunstliebhabern zu seinem Abschied das zehnteilige Ausstellungsfestival mit dem wie ein Gummisack geräumigen Titel Der Kult des Künstlers, wo man, bis Anfang 2009, in fünf Berliner Museen Werke besichtigen kann, die zum größten Teil aus ihren eigenen Sammlungen stammen. Die Alte Nationalgalerie zeigt drei Ausstellungen: Im Tempel der Kunst – über deutsche Kunstmythen, Schinkel und Brentano – über die Zusammenarbeit des namhaften preußischen Architekten, Städteplaners und Malers Karl Friedrich Schinkel (1781-1841) mit dem romantischen Schriftsteller Clemens Brentano (1778-1842) sowie Die Sehnsucht nach der Gemeinschaft, also die Malerei von Hans von Marées (1837-1887). Über 150 Exponate versammelte man in der Ausstellung Unsterblich! Der Kult des Künstlers in der Kunstbibliothek im Kulturforum am Potsdamer Platz, die nahe legt, dass der Kult des Künstlers kein Phänomen der westlichen Kunst ist, denn die Künstler strebten schon immer und überall danach, unsterblich zu werden. Einer der wenigen Künstler der Moderne, die sich von der altägyptischen Kunst inspirieren ließen, war Alberto Giacometti (1901-1966). Sein winziges Atelier befand sich in unmittelbarer Nähe des Louvre, also verbrachte er dort viele Stunden, indem er die ägyptische Kunst studierte und skizzierte. Dagegen war er weder in Ägypten noch in Berlin, die imposante Sammlung des Ägyptischen Museums und der Papyrussammlung kannte er nur von den Abbildungen in Kunstbüchern und Zeitschriften. In diesem Museum wird gegenwärtig die Ausstellung Giacometti, der Ägypter gezeigt, wo, zwischen den Exponaten der ständigen Sammlung altägyptischer Kunst mit der berühmten Büste der Nofretete (ca. 1340 v.u.Z.), zwölf schlanke Skulpturen stehen und Zeichnungen und Skizzen hängen, die der Schweizer unter dem Einfluss dieser Kunst fertigte. Die Schau der ägyptischen Arbeiten Giacomettis in der Umgebung der Originale, die er sich nach Art eines Künstlers des 20. Jahrhunderts aneignete, ist das Werk von zwei charmanten Herren und ausgewiesenen Fachleuten: Dieter Wildung, Direktor des Ägyptischen Museums in Berlin und Christian Klemm, Direktor der Giacometti-Stiftung in Zürich.

Urszula Usakowska-Wolff: Gebührenfreie Wiedergabe. © Urszula Usakowska-Wolff

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  Bye, bye Beuys

Es gab noch nie und nirgendwo so viele Ausstellungen, die den Künstler in den Mittelpunkt stellen, sagt Peter-Klaus Schuster. Der Kult des Künstlers ist unsterblich, der Künstler arbeitet, um die Unsterblichkeit zu erlangen. Der Größte Künstler ist Gott, deshalb sind wir alle Künstler. Das ist ein biblisches Gebot mit anthropologischem Hintergrund. Weil aber der Größte Künstler schon vor einiger Zeit sein (un)vollkommenes Werk vollendet hatte, ist die Zeit gekommen, sich mit den Werken etwas kleinerer Götter vom Kunsthimmel zu beschäftigen. So zeigt der Hamburger Bahnhof zwei Ausstellungen führender Meister der Selbstdarstellung in der Kunst der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts: Joseph Beuys (1921-1986) und Andy Warhol (1928-1987). Die Retrospektive des deutschen Künstlers mit dem Titel Beuys. Die Revolution sind wir knüpft an den Text La rivolutione siama noi auf dem bekannten Poster aus Neapel (1972) an, auf dem der Mann mit dem Filzhut, der in der Weste und Stiefeln so aussieht, als ob er direkt auf den Zuschauer zumarschierte. Es ist die erste so umfangreiche Beuys-Schau in Deutschland seit zwanzig Jahren, obwohl man einen Teil seiner Werke - Leihgaben des Sammlers Erich Marx - seit langem in einem der Säle des Hamburger Bahnhofs sehen kann. In der Haupthalle des Museums und in den Sälen im ersten Stock stehen jetzt 270 Arbeiten, darunter die bekanntesten, wie die Honigpumpe, Blitzschlag mit Lichtschein auf Hirsch und die unmittelbar vor Beuys´ Tod in Neapel entstandene Installation Palazzo Regale. Sein Leben und Werk zeigen Filme, Fotos, Fernseh- und Rundfunksendungen, Auftritte, Interviews und Dokumente aus den Wahlkämpfen, denn er hatte politische Ambitionen, war einer der Gründer und bis zum Ende seines Lebens Mitglied der Grünen. Der Kurator Eugen Blume verfolgte ein ehrgeiziges Ziel: den namhaften Bildhauer und subtilen Zeichner als einen Philosophen mit anthroposophischem Anstrich, einen Missionar, der verkündete, dass jeder Mensch ein Künstler ist, als Hochschullehrer, Gesellschaftskritiker, als überzeugten Weltverbesserer zu zeigen. Die Masse und die wahrhaft teutonische Last dieser Werke sowie der auf Filmband aufgenommenen Aktionen, auf fünfzig Bildschirmen zu sehen, sind erdrückend. Man hat den vielleicht irreführenden Eindruck, dass der Mythos (die Mythomanie?) und die Legende, den der doch wohl etwas zu vielseitige und todernste Beuys, genannt Schamane, von und um sich schuf, der Probe der Zeit nicht stand gehalten haben.

Urszula Usakowska-Wolff: Gebührenfreie Wiedergabe. © Urszula Usakowska-Wolff

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Andy immer trendy

Ein roter Teppich führt das Publikum zum Ostflügel des Hamburger Bahnhofs, wo die zweite Kultausstellung gezeigt wird: Celebrities. Andy Warhol und die Stars. Dort kann man am Anfang die frühen Werbezeichnungen besichtigen, vor allem solche von zierlichen Damenschuhen, deren Meister der junge Warhol war, als auch die wie Ikonen vergoldeten Bildnisse und Silhouetten der Jünglinge, die er bis zum Ende seines Lebens bevorzugte. Im Hauptsaal hängen Porträts von Celebrities und Stars, darunter die obligatorischen: von Elvis Presley, Liz Taylor, Marilyn Monroe sowie Truman Capote und Joseph Beuys, und am Ende des roten Teppichs blickt der grüne Mao in die Runde. Der Große Führer hängt zwar immer an dieser Stelle, denn er gehört zur Sammlung von Erich Marx (vom Pop-Meister auch auf Leinwand verewigt), doch anlässlich der Kultausstellung wurde die Wand ebenfalls rot gestrichen. Weil Andy Warhol ein multimedialer Künstler war, kann man in der Ausstellung seine eigenen Fotos und die der Künstler und Lebenskünstler, die seine Factory besuchten, bewundern, ferner Filme, Titelblätter des Magazins "Interview", das seit 1970 erschien, sowie Aufnahmen der TV-Talkshow Andy Warhol´s 15 Minutes sehen. Es ist allgemein bekannt, dass der Mann mit der silbernen Perücke ein Marketinggenie war und die Kunst des Kommerzes perfekt beherrschte, doch das, was man dem Publikum in seiner Ausstellung serviert, ließe wohl auch ihn selbst staunen. In der Mitte seiner Schau befindet sich nämlich eine Boutique, wo man T-Shirts, Kleider und Mäntel, Porzellan und Glas, Büchsen mit der obligatorischen Cambell´s Soup, Kalender und andere Nippes mit Warholschen Motiven kaufen kann. Dort gibt es auch eine Umkleidekabine samt Spiegel, wie es sich für einen ordentlichen Gemischtwarenladen gehört. Diese private Krambude inmitten eines öffentlichen Museums gehört dem britischen Unternehmen Pepe Jeans London, der über die Exklusivrechte zur Vermarktung der Motive des Popkünstlers verfügt. Anette Hüsch und Joachim Jäger, Kuratoren der Celebrities, sehen in dieser Boutique nichts Außerordentliches oder Verwerfliches. Sie behaupten, dass es keinen Kult ohne Kommerz gibt, und darüber hinaus ist das die zeitgenössische Interpretation der Warholschen Einstellung. Wie gut, dass man im Hamburger Bahnhof noch eine dritte Ausstellung (alle guten Dinge sind drei?) besichtigen kann, die im Gegensatz zum gewichtigen Beuys und dem über alle Maße kommerzialisierten Warhol einen positiven Eindruck vermittelt. Die Kuratorin Gabriele Knapstein wählte dafür Arbeiten von über dreißig Künstlerinnen und Künstlern aus der Flick-Sammlung (u.a. Azzoro, Francis Alÿs, Marcel Broodthaers, Marcel Duchamp, Maria Eichhorn, Valie Export, Sarah Lucas, Paul McCarthy, Bruce Nauman, Pipilotti Rist, Ugo Rondinone, Dieter Roth, Cindy Sherman, Sturtevant und Lawrence Weiner) und stellte daraus eine sehenswerte Schau zusammen, deren Titel an eine Äußerung Martin Kippenbergers, der kein Van Gogh sein wollte, anknüpft: Ich kann mir jeden Tag kein Ohr abschneiden. Dekonstruktion des Künstlermythos. Die Ausstellung ist interessant, vor allem deshalb, weil sie auch Künstlerinnen und ihre Bemühungen um einen angemessenen Platz in der von Männern dominierten Kunstwelt zeigt. Was Kippenberger (1953-1997) betrifft, der so lebte, wie man es von einem Künstler erwartet, also kurz und intensiv, und der erst nach seinem Tod einem breiteren Publikum bekannt wurde, ist er heute selbst zum Kult und Mythos geworden. In bigotten Gegenden provozieren seine Arbeiten immer noch, wovon die Reaktionen auf den neulich in Bozen und wer weiß warum jetzt auch im Hamburger Bahnhof gezeigten gekreuzigten Frosch (Zuerst die Füße, 1990) zeugen.

Urszula Usakowska-Wolff: Gebührenfreie Wiedergabe. © Urszula Usakowska-Wolff

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Millionen für Tonnen

Gäbe es die Dekonstruktion des Künstlermythos nicht, könnte man meinen, dass die Kunst, wie sie Peter-Klaus Schuster während des Kultfestivals zeigen lässt, vor allem eine Männersache ist. Deshalb spielt die Hauptrolle in diesem Riesenspektakel der amerikanische Star Jeff Koons (* 1955), der am 30. Oktober 2008 zur Eröffnung seiner Ausstellung Jeff Koons. Celebration in der Neuen Nationalgalerie persönlich erschien. Die verglaste überirdische Halle des Berliner Mies-van-der-Rohe- Baus, ein Kunsttempel der Moderne, sieht jetzt wie die Vitrine eines Warenhauses mit monströsem Spielzeug aus. Elf Objekte aus der 1990 begonnenen Serie Celebration: blank polierte Hündchen, Blümchen, Elefanten, Herzchen, Diamanten aus Stahl sowie Kätzchen und Rieseneierkörbchen aus Plastik mit zuckersüßen oder aggressiven Farben, beeindrucken vor allem durch ihre Größe und perfekte Ausführung. Die Prototypen der Edelstahlskulpturen sind grelle und glänzende Ballons, deren Entwürfe und Modelle von hundert Mitarbeitern des Jeff-Koons-Unternehmens in New York gefertigt werden. Sie dienen als Vorlagen für Objekte, die bis zu sieben Tonnen wiegen und in drei bis fünf Exemplaren (plus Autorenexemplar) in den Edelstahlwerken Schmees GmbH in Nordrhein-Westfallen gegossen werden. Danach werden sie nach Thüringen gebracht, wo man sie in der Firma Arnold AG mit zehn Schichten Metalllack bedeckt und in Handarbeit poliert, und zwar von 6 000 bis zu 15 000 Stunden! Diese glatten und glänzenden Megawunder, an die Meister Jeff persönlich keine Hand anlegt, entstanden angeblich aus Sehnsucht nach seinem ersten, 1993 geborenen Sohn Ludwig Maximilian, den nach der Scheidung seine Exfrau Ilona Staller, früher bekannt als Pornoqueen Cicciolina, ohne die Jeff Koons sicherlich nicht so bekannt geworden wäre, nach Rom entführt hat. Die Sehnsucht zahlt sich aus: das Hanging Heart (Magenta/Gold) wurde 2007 bei Sotheby in New York für 23,6 Millionen, die Balloon Flowers (Magenta) bei Christie´s International in London im Juni 2008 sogar für 25,7 Millionen Dollar versteigert! Das beflügelt die Fantasie der Kunstkonsumenten und Zeitungsleser, aber warum schalten sich in die Marketingkampagne des New Yorker Unternehmens die bisher als seriös geltenden Museen ein? Die glänzenden Objekte mit pervers-perfekten Oberflächen aus der Jeff-Koons-Factory sind ein Höhepunkt des Kommerzkults, von dem Anette Hüsch, Kuratorin auch dieser Ausstellung, so ehrlich gesprochen hatte. Sie zelebriert darin das Große Nichts in einer verführerischen Verpackung. Um die Bedeutung dieses begabten Produzenten und Vertreibers der (pseudo)künstlerischen Nippes zu unterstreichen, wurde leider auch Paul Klee (1879-1940) herbei geholt. Seine aus 250 Werken bestehende Retrospektive Universum Klee, die erste so umfangreiche Ausstellung dieses Künstlers in Berlin seit 85 Jahren, wird vom Kurator Dieter Scholz in derselben Zeit im Untergeschoss der Neuen Nationalgalerie gezeigt. So viel Kultkunst in der ganzen Stadt, doch Koons und Klee teilen sich ein Haus: Koons oben, Klee unten. Was verbindet sie, außer den einsilbigen Vornamen und einsilbigen Familiennamen, die mit K anfangen? Was verbindet Klee, den Meister kleiner Formen mit ironischen, tiefen, fantasievollen, häufig kosmischen Inhalten, mit Koons, dem genialen Meister der Oberfläche? So nennt ihn Peter-Klaus Schuster und erlebt in Gesellschaft des amerikanischen Kunststars seine, vielleicht letzte, Warholsche Viertelstunde des Ruhmes. Er erklärt, dass beide Herren K die gemeinsame Faszination für die Kindheit verbindet: Klee machte Marionetten für seinen Sohn, Koons lässt für seinen Sohn Ballons aus Stahl machen. Das ist wirklich ein neuer Kunst-Ismus: Kult(ur)infantilismus.

Text © Urszula Usakowska-Wolff

22.12.2008

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Weiter zum Text über die Ausstellung "Zeitblick. Ankäufe der Sammlung Zeitgenössischer Kunst der Bundesrepublik Deutschland 1998 - 2008", Martin-Gropius-Bau Berlin, 30.10.2008 - 12.01.2009