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Kunst-Perpetuum-Mobile “Make love not war“ lautete eine der Parolen der Hippie-Bewegung, die daran glaubte, dass die Liebe die Welt vor den Kriegen retten könne. Der amerikanische Künstler Robert Indiana hatte 1966 mit seinem aus nur vier roten Buchstaben komponierten Bild “LOVE“ die Formel für die revolutionären 1960er Jahre gefunden und den Nerv der Zeit getroffen. Schon bald war sein “LOVE“-Emblem allgegenwärtig: es schmückte T-Shirts, Plakate, Buttons und war der Inbegriff des friedlichen Zeitgeistes. Zwanzig Jahre später wurde der Traum vom Frieden zwar auch von vielen geträumt, es erwies sich aber, dass die Liebe eine tödliche Gefahr in sich bergen kann. Für sie stand die Krankheit mit der Kürzel AIDS. In den 1980er Jahren nahm die kanadische Künstlergruppe General Idea das „LOVE“-Motiv wieder auf, passte es jedoch an die neue Zeit an. So wurde aus “LOVE“ nun “AIDS“, das man auf Leinwänden, Plakaten und anderen Bildträgern sehen konnte. Die vorläufig letzte Variation des Indiana-Motivs war das Bild “REAL“ des Österreichers Heimo Zobering, Sinnbild der nüchternen illusionslosen aber immer noch farbenfrohen 1990er Jahre.
Aus diesen drei Arbeiten und vierzig weiteren Werken (worunter nur vier Künstlerinnen vertreten waren, dafür aber mit Manifesten, die dem “kleinen Unterschied“ alle Ehre erwiesen) setzte sich die Ausstellung “Kunst nach Kunst“ des Neuen Museum Weserburg in Bremen zusammen, welche die Wechselwirkungen und gegenseitigen Bezugnahmen von Kunst und Künstlern untersuchte. Es handelte sich dabei um eine von der künstlerischen Produktion direkt ableitbare These, welche in dieser Ausstellung exemplifiziert werden sollte, und zwar dass bedeutende Kunst niemals folgenlos bleibt. Sie regt zu Anerkennung, Nachahmung, Kritik und maßgebender Theoriebildung an, mobilisiert aber auch manche Künstler zum Widerspruch, zur Widerlegung, ja zur Ironisierung einer jeweils gültigen Auffassung von Gegenwartskunst. Bewegungen und Entgegnungen Künstler
schaffen nicht einfach absolut “Neues“, wie manche Vertreter der
Moderne Glauben machen wollten, sondern knüpfen immer dort an, wo
andere Künstler bereits waren oder gerade sind. Danach nimmt Kunst
immer einen bereits gesponnenen Faden wieder auf, kommentiert,
verwandelt, kritisiert und widerlegt sogar die Positionen mancher Größen
der Kunstgeschichte. So kommt es permanent zu Bewegungen, Entgegnungen,
zum paradoxen Nebeneinander sich gegenseitig ausschließender
Positionen, die sich dennoch aufeinander beziehen. Nicht ”Zitate“
oder sonstige formale Bezugnahmen standen im Mittelpunkt der
Ausstellung, sondern fundamentale und theoriebildende
Auseinandersetzungen der Künstler untereinander. Es wurde gezeigt, dass
Künstler - selbst wenn sie im traditionellen Sinne Bilder malen und
Skulpturen fertigen - wie Kunstkritiker vorgehen können. Die von ihnen
gewählte Form bildnerischen Denkens kann im höchsten Maße
erkenntnisstiftend sein. ”Kunst nach Kunst“ zeigte auch, dass künstlerische
Arbeit gültige Paradigmen außer Kraft setzen und die Kunsttheorie
nachhaltig beeinflussen kann.
Garantiert
ausradiert Ein frühes Beispiel ist Robert Rauschenbergs legendäre “Erased de Kooning Drawing“ von 1953, eine von ihm in mühevoller vierwöchiger Arbeit ausradierte Zeichnung des damals maßgeblichen amerikanischen abstrakten Expressionisten, für die der “Vatermörder“ Rauschenberg acht Radiergummis benutzen musste, um sein zerstörerisches Werk zu vollenden. Die berühmten “Dance Diagrams“ und “Oxidation Paintings“ von Andy Warhol (die letzteren durch Urinieren auf die mit Kupfer beschichteten Leinwände entstanden) sind deutliche Bezugnahmen zu Jackson Pollock. Sigmar Polkes „Carl Andre in Delft“ setzt sich ironisch mit dem großen amerikanischen Minimalisten auf einem mit holländischen Kachelmotiven bedruckten überdimensionalen Geschirrtuch auseinander. Ein Pendant dazu sind das geflieste, auf dem Boden liegende Gegenbild des Australiers Imants Tillers und die gemalten Buchstaben “I BELIEVE IN CARL ANDRE“ der Briten Bob & Roberta Smith. Der Amerikaner und Cheerokee Jimmie Durham erteilt in „Not Joseph Beuys Coyote“ der schamanistischen Attitüde des berühmten Deutschen eine Absage - und bedient sich schon im Titel auf intelligente Weise einer an René Magritte geschulten Negation. Der Berliner Olaf Nicolai präsentiert eine Bauanleitung für Donald Judds Skulpturen (“Specific Objects“), die auch als Sitzmöbel dienen können, was den gestrengen Zuchtmeister der Minimal Art mit Sicherheit in Rage versetzt hätte. John Baldessari aus Los Angeles singt in einem Video theoretische Texte seines New Yorker Kollegen Sol LeWitt, was diesen hingegen, ausgestattet mit Humor und der Fähigkeit zur Selbstironie, garantiert amüsiert hat. Ästhetische Normen
in neuen-alten Formen Die Ausstellung zeigte zum Teil berühmte Werke internationaler Künstlerinnen und Künstler, die intelligent, kritisch und humorvoll auf bereits existierende Paradigmen, Theoriebildungen und ästhetische Normen reagieren und neue, ernst zu nehmende Kunst schaffen. Sie werden ergänzt durch aktuelle Werke jüngerer Künstlerinnen und Künstler, die beweisen, dass in “Kunst nach Kunst “ ein in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts begonnenes und noch immer aktuelles Anliegen der internationalen Gegenwartskunst zur Darstellung kommt. Kunst
global made in Wuppertal “Kunst nach Kunst“ kann aber auch als “Kunst über Kunst“ verstanden werden, denn die Bremer Ausstellung führte vor, dass die Künstlerinnen und Künstler sich gern mit ihren großen Vorbildern auseinander setzen, indem sie ihre Motive, Themen und Ausdrucksweisen aufgreifen, variieren, parodieren, infrage stellen oder ins Absurde führen. Dadurch scheint das Perpetuum Mobile der Kunst ein vertrauter doch immer etwas anderer Selbstläufer zu sein. Alles ist irgendwie dejà vu - mit einer Ausnahme, der von Holger Bär, einem Künstler, der mit seiner PC-gesteuerten und von ihm eigenhändig konstruierten Malmaschine wirklich an der Zeit und nicht, wie die anderen, immer der Zeit hinterher eifernd, zu sein scheint. Denn bei ihm kann man jedes Bild bestellen, angefangen vom sprichwörtlichen brüllenden Hirsch über die berühmten Porträts von Andy Warhol bis zum eigenen Konterfei. Und das ist vielleicht der beste Ausdruck der aktuellen Kunst: Made in Holger Bär Factory in Wuppertal. Text © Urszula Usakowska-Wolff (Die
kursiven Textfragmente stammen aus dem Pressetext von Peter Friese,
Kurator der Ausstellung “Kunst nach Kunst“) Kunst nach Kunst 18.
August - 3. November 2002 Neues
Museum Weserburg in Bremen Kurator
der Ausstellung: Peter Friese
Der Ausstellungskatalog mit vielen Abbildungen enthält Texte von Gregor
Stemmrich, Peter Friese, Guido Boulboullé, Raimar Stange, Thomas Deecke
u.a. Er wird wie das Plakat, der Flyer und die Einladungskarte von Heimo
Zobernig gestaltet, auf den schon das gelb-blaue „Corporate Design“
der Ausstellung MINIMAL MAXIMAL (1998 - 2002 auf Tournee) zurückgeht
und der auf diese Weise die Printmedien auch dieser Ausstellung zu
echter Kunst (nach Kunst) macht. Deutsch / Englisch, ca. 25€ |