Coole Kunst in Mitte Nord

Vielleicht liegt es ja an der globalen Erwärmung: die Wanderungstendenz geht generell Richtung Norden. In der Nordsee gibt es neue Quallen, aus Grönland kommt demnächst unser Broccoli, und in Berlin kann man dabei zusehen, wie die Galerieszene beharrlich die kleine Anhöhe der Brunnenstraße erklimmt, Richtung Nord. Vorerst scheint die Bernauer Straße noch ein Hindernis zu sein, aber wenn erst einmal die Rufe der Pioniere im Soldiner Kiez, in der Künstlerkolonie gehört werden, wird auch diese Barriere fallen.

Kinga Dunikowski: "Shopping, Working", brot. undspiele Galerie Berlin. Foto: Manfred Wolff

Kinga Dunikowski: "Shopping, Working", brot. undspiele Galerie Berlin. Foto: Manfred Wolff

Erst einmal werden die gewonnenen Positionen gesichert. 40 Galerien haben sich zu einer Arbeitsgemeinschaft "kunstmittenord" zusammengetan und am 8. und 9. September 2006 zu einem open weekend eingeladen. Von 18 bis 22 Uhr und oft noch darüber hinaus waren - fast - alle Türen weit geöffnet.

Ganz hoch im Norden (Brunnenstraße 151) zeigt arttransponder Arbeiten von Raj Kahlon, die sich mit dem Themenkomplex Medizin, Sadismus und Gender auseinandersetzen. Wie immer sind mehrere Akteure an der Ausstellung beteiligt, und sie machen denn auch den größten Teil der anwesenden Besucher aus.

Ein paar Häuser (Brunnenstraße 154) weiter zeigt die Galerie Peter Herrmann verschiedene Arbeiten von Künstlern, die hier schon einmal zu Gast sein durften: ein schöner Überblick über ein engagiertes Galeristenschaffen. Wer zum ersten Mal dort ist, findet nicht nur viel zu sehen, sondern in Peter Herrmann auch einen aufgeschlossenen Gesprächspartner.

Die Adresse Invalidenstraße 1 teilen sich gleich zwei Galerien, die beide ihren Schwerpunkt in der Fotografie sehen: Foto-Shop und Invaliden1.

In der Torstraße 161 hat Michael Baers bei Sparwasser hq unter dem Slogan "Every Story Tells A Picture" den Versuch unternommen, die Interdependenzen von Markt und Kunstmarkt in einen Kontext zu setzen. Da diese Ausstellung schon seit dem 16. August läuft, war das Publikumsinteresse eher zurückhaltend.

Ganz anders im raum5 in der Torstraße 173. Hier hatte man zur Vernissage der neuen Arbeiten Susanne Rasts eingeladen. Kraftvolle Zeichnungen ergänzen die oft archaisch wirkenden Holzskulpturen, deren ursprünglicher Duktus von subtilem Farbauftrag unterstrichen wird.

Auch in der Gartenstraße 1 war Betrieb bis hinaus auf den Bürgersteig. Hier hatte die Emerson Gallery dem Berliner Maler Frank Tornow eine Vernissage gewidmet, die eine breite Resonanz für seine virtuose Malerei fand. Auf eigens rot getünchten Wänden breitete Tornow seine Reprisen aus der bekannten Bilderwelt in einem neuen Zusammenhang aus und ermutigte zu vielfältigen Assoziationen.

 

Installation von Kinga Dunikowski in der brot. undspiele Galerie Berlin. Foto: Manfred Wolff

Installation von Kinga Dunikowski in der brot. undspiele Galerie Berlin. Foto: Manfred Wolff

Gleich nebenan - in der brot. undspiele Galerie Berlin, Gartenstraße 2 - zeigte Kinga Dunikowski die Vielfalt ihrer künstlerischen Möglichkeiten: Zeichnung, Installation und die für sie typischen Pailletten-Arbeiten.

Wanda Dunikowski, Wincenty Dunikowski-Duniko, Kinga Dunikowski, Urszula Usakowska-Wolff und ein Besucher der brot. undspiele Galerie Berlin, 8.09.06. Foto: Manfred Wolff

Wanda Dunikowski, Wincenty Dunikowski-Duniko, Kinga Dunikowski, Urszula Usakowska-Wolff und ein Besucher der brot. undspiele Galerie Berlin, 8.09.06. Foto: Manfred Wolff

Ein anregender Abendspaziergang durch den Norden der Mitte. Die Veranstaltung hätte sicher noch mehr Aufmerksamkeit auf sich gezogen, wenn alle Beteiligten sich mit einer Vernissage auf den Termin eingestellt hätten. Dennoch kann man feststellen: Die Wanderung der Kunst Richtung Norden hat ihr nichts von ihrer lebendigen Wärme genommen, die Kunstwelt zwischen Torstraße und Brunnenstraße ist ganz schön cool.

Text © Manfred Wolff

12.09.2006

Mehr Informationen unter http://www.kunstmittenord.de/

Links zu allen 40 Galerien http://www.kunstmittenord.de/kunst/index.htm



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Weiter zum Text über die  Ausstellung von Matthias Haase: Diesel - Malerei und neue Medien im artbuero berlin, 26.08. - 14.10.06