Kunst und Propaganda - Der Kampf um die Gemüter

Mit der Ausstellung "Kunst und Propaganda im Streit der Nationen 1930 - 1945" zeigt das Deutsche Historische Museum in Berlin die Kunst in Deutschland, Italien, der Sowjetunion und den Vereinigten Staaten als willfährige Dienerin des Staates, der herrschenden Ideologie, ohne sich um die moralischen bzw. unmoralischen Ziele des Staates zu kümmern. Kunst, Architektur und die modernen Massenmedien Film und Fotografie erhalten aus Staat und Politik den Auftrag, die Bevölkerung für deren Ziele zu motivieren und ein Bild des Staates und seiner Herrschenden zu schaffen, das von der oft bösen, oft kläglichen Wirklichkeit ablenkte und schließlich sich der Lüge bediente, um den Ansprüchen der Auftraggeber gerecht zu werden. Die totalitären Regime Nazi-Deutschlands, der Sowjetunion und des faschistischen Italiens gaben die Leitvorstellungen für diesen Kunstbetrieb vor und verfolgten die abweichenden Positionen kompromisslos. Die Regierung der Vereinigten Staaten suchte durch Lenkung und Förderung der regierungsfreundlichen Künstler, eine Kunstszene in ihrem Sinne zu schaffen.

Urszula Usakowska-Wolff: Gebührenfreie Information

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Positive Herrscherbilder

Ein Rundgang durch die Ausstellung, in der cirka 400 Exponate auf 1100 m2 im ersten Untergeschoss des Pei-Baus präsentiert werden, führt im ersten Raum vor die Bilder der Staatsführer. Das Herrscherbild ist in der gesamten Kunstgeschichte Mittel der staatlichen Propaganda und Lenkung. Hier stehen sich Hitler und Stalin gegenüber: der eine als kämpferischer Held in dramatischer Pose, der andere vor allem als gütiger Vater und strahlende Lichtgestalt. Mussolinis Pathos kontrastiert zur ruhigen Sachlichkeit des amerikanischen Präsidenten Roosevelt. Diese Herrscherbilder wurden vom staatlichen Apparat in Auftrag gegeben und kontrolliert, eine rigide Zensur wachte darüber, dass der totalitäre Herrscher in dem von ihm gewünschten Licht erschien. Aber auch die amerikanische Regierung sorgte über ihre Pressestäbe für ein positives Bild des Präsidenten.

Glückliche Volksgemeinschaft

Im zweiten Raum werden die Menschenbilder der vier politischen Systeme präsentiert. Die totalitären Regime zeigen junge, gesunde und glückliche Menschen, die die Heilsversprechen der Staatsideologie als Wirklichkeit vortäuschen. Athletische Sportler, glückliche Mütter, harmonische Familien und auch die heldenhaft verklärten Aktivisten der politischen Bewegungen beschwören Visionen einer idealen Welt, die durch die Negativfolie des Feindbildes noch verstärkt werden. Gerade in diesem Raum wird aber auch der Gegensatz des amerikanischen Entwurfs zu den Diktaturen der Alten Welt deutlich: Die im Rahmen des New Deal geförderten Fotos zeigen keine glorreichen Helden sondern das verarmte Drittel der amerikanischen Gesellschaft, das auf die Solidarität der Mitbürger Anspruch hat.

Gigantische Großprojekte

Bilder von den Großprojekten und Erfolgen stellen im dritten Raum eine Art Leistungsbilanz der Regierungen vor. In Deutschland entwickelte sich mit den Autobahnbrücken ein eigenständiger ikonographischer Topos, die industriellen Großkomplexe am Dnjepr und die Staudämme in Tennessee wie die Trockenlegung der Sümpfe in Italien stehen für Fortschritt, Modernisierung und wachsenden Wohlstand. In ihnen feiert sich das System. Städtebauliche Großprojekte gigantischen Ausmaßes werden für die Zukunft entworfen. Der Glaube an die unbegrenzten Möglichkeiten der Technik und die "Ingenieure der Seelen", die einen neuen Menschen schaffen werden, scheint ungebrochen zu sein. Der von der staatlichen Propaganda verbreitete Enthusiasmus schlägt sich in allen Medien, vor allem im Film, der "wichtigsten Kunst" nieder.

Agitation und Kriegspropaganda

Wie die Kriegspropaganda die vorher entwickelten Muster der künstlerischen Verherrlichung des Regierungshandelns nahtlos weiterführt, ist im vierten Raum zu sehen. Die Überhöhung des Soldatentodes als Helden- und Opfertod für die Nation bestimmt die Agitation. Alles steht im Dienst der Kriegsmaschinerie, ihrer Logik ist alles unterzuordnen. Der deutsche Soldat wird in einer Verteidigungsschlacht gezeichnet, die italienischen Futuristen begeistern sich an der technischen Perfektion des Waffengebrauchs, während die USA die "Verteidigung der Freien Welt" und die Sowjetunion den "Großen Vaterländischen Krieg" verherrlichen. Auch in der Kriegspropaganda klafft jedoch eine weite Lücke zwischen alter und neuer Welt. Diesseits des Atlantiks die kollektive Aufopferung für die Nation, jenseits des Atlantiks die Beschwörung des individuellen Wohlergehens wie in Rockwells vier Freiheiten: Freiheit des Worts und des Glaubens, Freiheit von Not und Angst.

Verführerische Bilder

Dr. Hans-Jörg Czech hat diese Ausstellung aus den Beständen des Deutschen Historischen Museums zusammengestellt, die dem Museum aus dem Depot des Münchner Hauptzollamtes im Jahr 2000 überstellt wurden. Dorthin war die NS-Propagandakunst gelangt, als die USA die nach 1945 beschlagnahmten Machwerke der Bundesrepublik zurückgaben. Offenbar schienen mehr als 60 Jahre vonnöten, um sich sicher zu sein, dass die Propagandamachwerke der Nazizeit ihren Wirkungszauber verloren haben. Durch die gemeinsame Präsentation mit vergleichbaren Zeitdokumenten aus den beiden anderen totalitären Regimen und aus den USA, die durch großzügige Leihgaben der Wolfsonian Foundation in Miami Beach möglich wurde, ist ein Lehrstück entstanden, wie totalitärer Anspruch und technische Vollkommenheit eine Gesellschaft, die aus den Fugen geraten ist und an sich selbst zweifelt, mit Bildern einer heilen Welt verführen kann.

Text © Manfred Wolff

30.01.2007


Kunst und Propaganda im Streit der Nationen 1930 - 1945
Deutsches Historisches Museum, Berlin
26.01. - 29.04.2007


Katalog
Kunst und Propaganda im Streit der Nationen 1930 - 1945
Michel Sandstein Verlag, 2006
Museumsausgabe ISBN: 978-3-86102-143-8
Buchhandelsausgabe ISBN: 978-3-937602-93-6
536 S., zahlreiche Illustrationen
Preis 34 €


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Weiter zum Text über die Ausstellung "Revision", Bereznitsky Gallery, Berlin, 3.03. - 28.04.2007