KLARE KONTUREN DER NEUEN KUNST

Staat und Kunst? Können solch gegensätzliche Repräsentationssysteme von Gesellschaft in einer Ausstellung über polnische Kunst von 1918 bis 1939 miteinander verbunden werden? Im Prinzip ja, vorausgesetzt, das Ausstellungskonzept verknüpft die neuen Formen von Kunst und die neuen Welten eines eben aus den Trümmern des I. Weltkriegs entstandenen Staates zu einer Präsentation, in der die verschiedenen Zonen des Alltags und der Kunstwelt sich voneinander abheben und  sich gegenseitig ergänzen.  

 Wolfgang Schlott

Dieses doppelte Umsetzungsprinzip  verdeutlichen die polnischen Kuratorinnen, Romana Schuler und Goschka Gawlik sowie die österreichische Ausstellungsarchitektin Angela Hareiter bereits in  der Eingangshalle mit einer Reihe von markanten medialen und musealen Verfahren. Vis à vis zum Eingang laufen auf einer riesigen Leinwand  Dokumentarfilme über den legendären Staatsgründer Józef Piłsudski, der von 1918 bis zu seinem Ableben im Jahr 1935 die II. Polnische Republik als oberster Heerführer (1918 bis 1923) und als Präsident (1925-1935) rettete und lenkte. An der Stirnseite der Halle wiederholt sich die Darstellung Piłsudskis in der Form einer Stahlbüste von Edward Wittig, dessen schwarze Konturen die zwiespältige, mythisch verklärte Rolle des Visionärs und Autokraten betonen. Die übrigen WandfIächen  sind in die grellen Farben und die markanten Formen von Plakaten und Buchumschlägen getaucht, die als Dia-Projektionen dem Raum eine eigenartige Spannung verleihen. Traditionelle Repräsentation und modernes Experiment treffen hier leitmotivisch aufeinander und setzen sich in den übrigen fünf Sälen mit konzeptioneller Folgerichtigkeit fort. Leitfiguren der Ausstellung sind Leon Chwistek (1884-1944), Künstler, Mathematiker und Philosoph in einer Persönlichkeit. Sie erwies sich mit dem Grundsatz „Pluralität der Wirklichkeit in der Kunst“ und mit der Theorie des sog. Strefismus (Bildfläche wird mittels Farben und Formen in kontrastreiche Zonen aufgelöst) als der  Gegenspieler des legendären Stanisław Ignacy Witkiewicz (1885-1939), dem Vertreter der „Reinen Form“.

Sehnsucht nach ästhetischer Erneuerung

Chwisteks Zonentheorie dient den Ausstellungsmacherinnen als eine Matrix, die sie in acht Zonen aufgeteilt durch fünf Ausstellungssäle hindurch mit thematischer Dichte und überraschenden Effekten entfalten. In der Zone Der neue Staat wird sie am aufschlussreichsten vorgeführt: traditionell „freie“ Künste wie Malerei und Skulptur treffen hier auf die Massenmedien, wie die experimentellen Filme von Franciszka und Stefan Themerson, die Fotografien von Witkiewicz, die konstruktivistischen Typografien von Władysław Strzemiński und Henryk Berlewi wie auch die Zeitung (Tadeusz Peiper).  Nicht weniger spannend erweist sich das Gestaltungsprinzip in den Zonen Neue Welten und neue Formen, in der die polnische Avantgarde der Zwischenkriegszeit ihre innovative Dynamik entwickelt: Kubismus,  Futurismus, Konstruktivismus, Dadaismus und Surrealismus -  in den Kunstwerken von Leon Chwistek, Tytus Czyżewski und Wacław Szpakowski geben sie Einblicke in Umbruchsphasen und  Transformationen  turbulenter Szenerien. Zwischen den Gemälden, die auf  stählernen, ornamentalen Sockeln stehend dem Ausstellungsdesign einen gleichsam schwebenden Eindruck verleihen, sind Exponate angewandter Kunst (Porzellan, Möbel, Keramik) zu sehen.  Sie sollen, so die Kuratorinnen, "die Sehnsucht nach einer ästhetischen Erneuerung der alltäglichen Lebensräume“  in der eben entstehenden polnischen Republik zum Ausdruck bringen.

Unterschwellige Aktualität

Eine Ahnung von der wachsenden Mobilität der Gesellschaft und der entstehenden Kluft zwischen der Natur und deren zerstörerische Einwirkung durch den Menschen vermitteln die Bilder aus den Zonen Neues Land und Realismen. Das jäh aufbrechende Wirklichkeitsgefühl artikuliert sich dort  in zahlreichen künstlerischen Stilen, unter denen vor allem der fantastische (Jacek Malczewski) und der groteske (Bronisław Linke) den Besucher gleichsam magisch anziehen. Was er hier entdeckt in einer - außerhalb Polens - noch weitgehend unbekannten Kunstlandschaft, das setzt sich in den verbliebenen Zonen der Kolorismen, Expressionismen und Visionen nur in den beiden zuletzt genannten mit wachsender Spannung fort. Es sind unter anderen die phantasmagorischen Zeichnungen von Bruno Schulz, die halluzinatorischen Bildfindungen von Witkiewicz wie auch die mentalen Bildkonstrukte von Leon Chwistek und Karol Hiller. Sie verleihen der Ausstellung eine unterschwellige Aktualität, die durch den Eintritt der neuen III. Polnischen Republik in die Europäische Union im Jahr 2004 gegeben ist. Wie viel an Visionen, Realitäten  und kühnen mentalen Konstrukten transportiert sie - gemeinsam mit den Bildern des neuen demokratischen Staates - in eine (west)europäischen Welt, die immer noch von verschwommenen Vorstellungen über  ein mythisiertes Polen lebt? Wer sie abbauen will, der findet in der Wiener Ausstellung über den „neuen Staat“ deutlich markierte Zugänge und klare Konturen.

Text © Wolfgang Schlott

 


Der neue Staat.
 
Polnische Kunst zwischen Experiment und Repräsentation von 1918-1939

 

Kuratorinnen: Romana Schuler, Goschka Gawlik

In Kooperation mit dem Nationalmuseum in Warschau

Koordination: Kuratorin Dr. Katarzyna Nowakowska-Sito

 

Leopold Museum Wien

25. Januar bis 31. März 2003


Weitere Ausstellungsinformationen:

 

Polnisches Jahr in Österreich


Rok polski w Austrii

 

Katalog der Ausstellung "Der neue Staat. Polnische Kunst 1918-1939"

Katalog

Der neue Staat. Polnische Kunst zwischen Experiment und Repräsentation 1918-1939

Deutsch, 352 S., 192 Abb., davon 176 farbig

Hatje Cantz Verlag, Ostfildern, 2002

Hrsg. Romana Schuler für die Leopold Museum-Privatstiftung,

304 Seiten, ca. 200 Abbildungen,

ISBN 3-7757-1296-8

Preis: € 32,00

 

zur Ausstellung "Runde Leere" von Edward Narkiewicz in Warschau, 2002/2003