Magie der Wirklichkeit

"Besuchen Sie das Werk eines Genies!“, fordern die Plakate an den Warschauer Litfasssäulen und die Anzeigen in den polnischen Zeitungen auf. Sie beziehen sich auf die größte bisherige Retrospektive Jerzy Nowosielskis, eines der bekanntesten und eigenartigsten polnischen Künstler, der in diesem Jahr 80 Jahre alt geworden ist

.Urszula Usakowska-Wolff

Die Ausstellung unter dem schlichten Titel "Jerzy Nowosielski“ wird noch bis zum 4. Mai 2003 in der Staatlichen Kunstgalerie Zachęta in Warschau gezeigt und umfasst 400 Gemälde und 180 Zeichnungen des 1923 in Krakau geborenen Malers, eines der Mitbegründer der legendären "Krakauer Gruppe“ (1957), des langjährigen Professors der Krakauer Kunstakademie, der sich auch einen Namen als Architekt und Autor von polychromen Malereien in den orthodoxen Kirchen in Süd- und Nordpolen gemacht hatte.

Beständige Gegenstände

Frauenakte, Porträts, Stillleben und Landschaften gehören zu den bevorzugten Motiven des Künstlers, der sie vorwiegend mit kräftigen Rot-, Grün-, Blau-, Gelb-, und temperierten Erdtönen malt. Die Themen seiner Bilder und Zeichnungen schöpft er aus dem Alltag; auf seinen Stillleben sieht man einfache Haushaltsgeräte: Töpfe, Suppenkellen und Gießkannen. Diese banalen Gegenstände, so offensichtlich und mit unserem Leben verwachsen, dass man sie oft nicht wahrnimmt, sind eindeutig und beständig, im Gegensatz zu den Beziehungen zwischen den Geschlechtern, die unbeständig, fließend und bedrohlich sein können. Die Bilder "Das Geheimnis der Verlobten“ (1962) und  "Das Hochzeitsporträt“ (1965) lassen erahnen, dass die Faszination der Liebe im Alltag womöglich untergehen kann, während die Töpfe sich und uns immer treu bleiben.

Und ewig lockt das Weib

Unter den Arbeiten Jerzy Nowosielskis nehmen die Frauenakte einen besonderen Platz ein. Das Weibliche, das er dort zum Ausdruck bringt, ist verlockend und abweisend, sinnlich doch unnahbar, gefährlich aber begehrenswert - eine Projektion der männlichen Fantasien. Die Frau ist ein Objekt der männlichen Begierde und wie das einem Objekt eigen ist, wirkt sie meistens leblos. Leblosigkeit und eine eigentümliche Starre sind eine Grundeigenschaft der Werke dieses polnisches Künstlers - ein Sinnbild der Entfremdung des Individuums und der verfestigten Klischeevorstellungen der Geschlechterrollen in unserer heutigen Welt.

"Die Malerei interessiert mich nicht“, sagt Jerzy Nowosielski. "Was nicht bedeutet, dass mich ein Akt, eine Landschaft, ein Stillleben nicht interessiert. Mich interessiert die Magie, die wir mit Hilfe der Malerei gegenüber der Wirklichkeit anwenden.“ 

Ikonen des Alltags

Diese Magie versucht er seit 1945 in seinen Bildern umzusetzen, wobei man merkt, dass ihn die Malerei durchaus interessiert. In den Gemälden und Zeichnungen Jerzy Nowosielskis, der von der polnischen Kritik als "Metaphysischer Realist“ bezeichnet wird, sind die Einflüsse von Amadeo Modigliani, Kasimir Malewitsch und Fernand Léger unverkennbar. Auch die Faszination für die byzantinischen Ikonen darf nicht unerwähnt bleiben, ist Nowosielski doch ein bekennender Anhänger der unierten Kirche. Und trotzdem oder vielleicht deshalb ist seine Kunst einzigartig und eigenständig; seine Werke sind auf den ersten Blick als ein "typischer Nowosielski“ erkennbar. Seine mit kräftigen Farben gemalten, sparsamen und perfekt komponierten Bilder und Zeichnungen, strahlen eine Ruhe und Harmonie aus, die zur Meditation anregt. Über die kleinen Ikonen des Alltags, die wir im Alltag aus den Augen verlieren. Über den Alltag, der uns gefangen hält. Über unsere Einsamkeit in der schönen bunten Welt. Über unsere Träume, die wir uns bewahren müssen, um im Alltag nicht unterzugehen.

Text © Urszula Usakowska-Wolff


Jerzy Nowosielski

22.03. - 4.05.2003

Kuratoren: Andrzej Starmach, Piotr Cypryjański, Andrzej Szczepaniak
Ausstellungsarchitektur: Zbigniew Prokop, Hubert Graca

Państwowa Galeria Sztuki Zachęta


Plac Małachowskiego 3
PL 00-916 Warszawa


Katalog

mit einem Vorwort von Krystyna Zwolińska


ISBN 83 89145 14 6

Preis 15 PZN


Jerzy Nowosielski

geboren am 7.01.1923 in Krakau, ist eine der namhaftesten Persönlichkeiten der polnischen zeitgenössischen Kultur. Er ist auf dem Gebiet der Malerei, Kunsttheorie, Theologie, Pädagogik tätig. Während des Zweiten Weltkriegs studierte er an der Kunstgewerbeschule, in den Jahren 1945 - 1947 an der Malereiabteilung der Akademie der Schönen Künste in Krakau. Von 1945 - 1949 war er Mitglied der Gruppe Junger Bildender Künstler, 1957 einer der Mitbegründer der Kunstvereinigung “Krakauer Gruppe“. 1976 - 1993 war er Professor der Akademie der Schönen Künste in Krakau. 1996 gründete er (zusammen mit seiner am 24. 04 2003 verstorbenen Frau Zofia Gutkowska) die Nowosielski-Stiftung, mit dem Ziel, begabte junge Künstler materiell zu unterstützen. 1998 wurde er mit dem Großen Kreuz des Ordens der Wiedergeburt Polens ausgezeichnet. Er nahm an über 100 Einzel- und über 250 Gruppenausstellungen teil, u.a. 1956 - XXVIII. Biennale in Venedig; 1959 - V. Biennale in Sao Paulo; 1961 - 15 Polish Painters, Museum of Modern Art, New York; 1965 - Profile IV, Polnische Kunst Heute, Städtische Kunstgalerie, Bochum; 1972 - Atelier 72, The Richard Dermarco Gallery, Edinbourg; 1974 - Polish Painting Today, The Mall Galleries, London; 1977 - L´ésprit romantique dans l´art polonaise, Grand Palais, Paris; 1987 - Polnische Malerei 1945 - 1987, Museum Wiesbaden; 1988 - Art at the Edge, Museum of Modern Art, Oxford; 1992 - EXPO 92´, Sevilla; 1993 - große Retrospektive im Nationalmuseum in Poznań (Posen), die 1994 im Nationalmuseum in Wrocław (Breslau), in der Staatlichen Kunstgalerie Zachęta in Warschau und in der Staatlichen Kunstgalerie in Krakau gezeigt wurde. Seine Arbeiten befinden sich in allen wichtigen Museumssammlungen in Polen sowie in Privatsammlungen in Japan, Kanada, Deutschland, Schweden, in der Schweiz und den USA.

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zur Ausstellung "Der neue Staat. Polnische Kunst 1918-1939" im Leopold Museum in Wien