Göttinnen mit großen Füßen

August Renoir bescheinigte ihm, das "Genie der Skulptur“ zu verkörpern, André Gide meinte, sein ernstes und schönes Werk "will nichts bedeuten (…), denn er geht vielmehr von der Materie selbst aus.“ Der französische Bildhauer Aristide Maillol (1861 - 1944) gehört - neben Renoir - zu den beiden großen Erneuerern der europäischen Skulptur in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts und den Wegbereitern der klassischen Moderne. Sein Förderer und Mäzen Harry Graf Kessler sah in ihm einen Künstler, der an die griechische Antike anknüpfte, nannte ihn den" Meister der Masse, der runden Fülle körperlichen Blühens, das ans Licht strebt“. Und tatsächlich sind seine Skulpturen, in denen er, mit wenigen Ausnahmen, der Weiblichkeit huldigt, vor allem schön, makellos und harmonisch, mit perfekten und glatten Oberflächen. Doch im Gegensatz zum klassischen Ideal der Antike sind seine Frauenfiguren vollkommen unvollkommen, normale Frauenkörper mit zu vielen Rundungen, mit massiven Hüften und kräftigen Oberschenkeln, wie sie eben im Leben auch heute im 21. Jahrhundert, häufig anzutreffen sind. Maillols Frauenfiguren sind bodenständig, denn so waren seine Modelle, zu denen vor allem seine Frau und seine Geliebte Dina Vierny (seit 1937 sein Hauptmodell, seine letzte Lebensgefährtin und Nachlassverwalterin) gehörten. Maillols in Bronze gegossenen oder gezeichneten Frauen sind keine idealisierten Göttinnen, sie stehen mit beiden Füssen fest auf dem irdischen Boden, sie sind eher leise und kaum wahrgenommene Kämpferinnen, die mit den Widrigkeiten des Alltags ringen und in diesem Kampf häufig unterliegen. Sie sind auch keine Sexsymbole, denn sie wirken entrückt und abwesend, in sich gekehrt, eher abweisend als verführerisch. "Ich bediene mich der Form, um zu erreichen, was keine Form hat“, erklärte Maillol seine kühlen bronzenen Formen. "Will sagen, was nicht greifbar, nicht berührbar ist. Ich suche das Ungreifbare auszudrücken.“

© Urszula Usakowska-Wolff: Gebührenfreie Information

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Fragile Monumentalität und Würde

Aristide Maillol wird auch "Cézanne der Bildhauerei“ genannt, weil er der Plastik den Weg in die Abstraktion ebnete. Seine Frauenakte sind zwar monumental und voluminös, aber weder heroisch noch pathetisch. Sie sind schlicht und einfach menschlich. Er ist ein Architekt des menschlichen, vor allem weiblichen Körpers, der ihm, in verschiedenen Positionen und Posen, einen künstlerischen und raumergreifenden Ausdruck der Entfremdung in der unbegreiflichen Welt verleiht. Seine Frauenakte stehen, liegen oder kauern häufig in unbequemen Posen, in ihrer irdischen Körperlichkeit gefangen, auch wenn sie Namen der Göttinnen Pomona, Flora oder Venus tragen. Sie verkörpern die Trauer und die Leere der Existenz: ein Sein ohne Schein, obwohl ihre Oberflächen glatt sind und das Licht sie mit einer sanften Aura umgibt. Sie sind von einer fragilen Monumentalität und Würde, denn der Bildhauer verzichtet auf dekorative Elemente, die von der Nacktheit seiner Figuren ablenken würden. Was sie vor allem charakterisiert, sind Gesten und Posen, gesenkte Köpfe und Augen, abweisende Handbewegungen. Die widersprüchlichen Kräfte, von denen sie offensichtlich bewegt werden, lassen sie erstarren, denn sie scheinen in demselben Augenblick aufzubrechen und sich zurückzuziehen. Ihre an die Antike anknüpfende formale Perfektion mag nicht darüber hinwegtäuschen, dass sie auch heute noch ein sehr modernes Menschenbild vermitteln: eines sich in der Welt nicht mehr sicher fühlenden, in seiner körperlichen Hülle eingesperrten und gefangenen Individuums. "Maillol ist der menschlichste Bildhauer, den Frankreich seit den Künstlern des 13. Jahrhunderts aufgewiesen hat“, schrieb der französische Kritiker George Besson 1937.

Starke Schau des schwachen Geschlechts

Dass seine Worte an ihrer Aktualität nichts verloren haben, kann man sich gegenwärtig in der Städtischen Galerie in der Reithalle Paderborn - Schloss Neuhaus überzeugen, in der eine Retrospektive mit über dreißig Arbeiten des französischen Meisters gezeigt wird. Neben seinen bildhauerischen Hauptwerken - etwa der Auftragsarbeit "La Méditerannée“ (1902 - 1905) für Harry Graf Kessler - sind dort auch Maillols Zeichnungen, Holzschnitte und Lithographien zu sehen. Es ist eine starke Schau, in deren Mittelpunkt, wie bei diesem Künstler so üblich, das schwache Geschlecht steht. Es sind kauernde, badende, trauernde, liebende, durchs Wasser schreitendende, kämpfende oder einfach ruhig im Raum ausharrende Frauen, die einen starken, souveränen und bodenständigen Ausdruck vermitteln. Stämmig und zerbrechlich zugleich scheinen sie wie aus dem Leben gegriffen zu sein. "Warum haben ihre Frauenfiguren so große Füße?“, wurde der Bildhauer einmal gefragt. "Madame Maillol hat so große Füße!", antwortete er. Im Gegensatz zum schlanken und ephebenhaften Jüngling "Der Radfahrer Gaston Colin“ (1907 - 1908), ebenfalls eine Auftragsarbeit für Harry Graf Kessler: Ausdruck dessen denkmalgewordenen homoerotischen Faszination.

Text © Urszula Usakowska-Wolff
18.02.2006


Aristide Maillol
Städtische Galerie in der Reithalle Paderborn - Schloss Neuhaus
3.12.2005 – 5.03.2006


Musée Maillol Paris >>>


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