|
Marcel
van Eeden Marcel van Eeden ist ein minimalistischer Maximalist. Der niederländische Künstler sucht das Große im Kleinen und das Kleine im Großen. Er ist ein Meister der kleinen Formate, die er zu wandfüllenden Bildlandschaften gruppiert. Spätestens seit der Teilnahme an der 4. Berlin Biennale 2006 wird er von der internationalen Kunstwelt gefeiert, mit zahlreichen Ausstellungen und Preisen bedacht, von Sammlern geliebt und gekauft, obwohl seine Kunst aus einer anderen Welt zu sein scheint: Er fühlt sich nämlich einer "antiquierten" Technik verpflichtet, fertigt bevorzugt Zeichnungen mit Kohlestiften und neuerdings auch Aquarelle, die er in einfache Holzrahmen steckt, zu Serien zusammenfügt, aus denen sich wiederum neue Serien entwickeln. Diese Serien hängt er auf lindgrün oder schwarz gestrichene Wände, sodass sie den Eindruck einer "traditionellen" Ausstellung vermitteln in einer Zeit, in der, wie er sagt, "Ausstellungen nicht wie Ausstellungen aussehen." Seine Bildmotive und die Art der Bilderpräsentation haben eine gewisse Affinität zu der großen schwarz-weißen Serie von Zeichnungen mit dem Titel "Magellan" von Robert Longo. Doch nicht nur die Liebe zur Petersburger oder geometrischen Hängung zeichnet diesen "altmodischen" Künstler aus. Er ist ein begnadeter Erzähler, auch von Geschichten über Kunstgeschichte und Kunstgegenwart, der seine Storys mit Humor, Witz und Ironie auf Papier bannt. Eine Seltenheit im heutigen selbstverliebten und häufig todernsten Kunstbetrieb, was seine aktuelle, zugleich erste große Retrospektive "Schritte ins Reich der Kunst" in Berlin im Haus am Waldsee in aller (Un)deutlichkeit zeigt. Über 500 Zeichnungen, vier Objekte und mehrere Filme sind jetzt dort (und 2011/2012 im Kunstmuseum St. Gallen und auf der Mathildenhöhe in Darmstadt) zu sehen, auf denen man den Geschichten von fiktional-authentischen Kunstproduzenten, Kunstsammlern, Kunstdieben, Okkultisten und anderen zwielichtigen Gestalten folgen kann.
Künstler
und andere Katastrophen Bevor sich Marcel van Eeden, der am 22. November 2010 seinen 45. Geburtstag feierte, auf den Weg ins Reich der Kunst machte, wollte er als Schriftsteller seinen Unterhalt bestreiten. Doch dazu fehlte ihm, wie er meint, das Talent. Zum Glück wurde er mit einer anderen Begabung reichlich ausgestattet und widmete sich nach dem Ende seines Studiums an der Königlichen Akademie der Bildenden Künste in den Haag mit großer Disziplin der Zeichnung, auch deshalb, weil dieses darstellende und narrative Handwerk in Zeiten des erweiterten Kunstbegriffs verpönt war und als antiquiert galt. Um kein beliebiger Künstler zu werden, dachte er sich einen eigenen formalen und inhaltlichen Kanon aus: Seine Blätter haben meistens die Größe von 19 x 28 cm, die darauf erzählten Geschichten beziehen sich ausschließlich auf die Zeit vor seiner Geburt. Während viele Leute sich Gedanken über die Zukunft und das Leben nach ihrem Tod machen, zeigt Marcel van Eeden die Welt, als es ihn noch nicht auf der Welt gab: Er erfindet die Vergangenheit. Dazu verwendet er alte Fotos, Zeitungen, Illustrierte, Ausstellungskataloge, Ausschnitte aus literarischen und kunsthistorischen Texten, die er früher auf Flohmärkten und in Antiquariaten aufstöberte und die er heute vor allem im World Wide Web findet: Sein elektronisches Bildarchiv besteht gegenwärtig aus über 40.000 Fotos. Um die Vergangenheit zu erfinden, geht der unzeitgemäß wirkende Künstler den in anderen Künsten durchaus zeitgemäßen Weg: Er benutzt Vorlagen aus alten Printmedien, die seine Readymades sind, samplet sie und fügt sie zu neuen Bildern zusammen, die er dann auf kleinformatiges Büttenpapier zeichnet und sie häufig mit Texten kombiniert, die keine Verbindung mit dem Bildgeschehen haben. Auf diese Weise führt er die cut-up-Technik der Beat Generation in einem anderen Medium fort. Und weil er eine Vorliebe für den film noir, für abenteuerliche Geschichten von Künstlern, Lebenskünstlern, Kunstsammlern, Kunstdieben und anderen Katastrophen hat, erinnern seine nur vordergründig düsteren Bildserien an Filmstills, die einen begehbaren Film bilden: Eine Art Kino auf den Museumswänden, an denen die Zuschauer vorbeiziehen, um sich ein Bild von der Vergangenheit zu machen.
Bruchstückhafte
Biografien In der Vergangenheit, wie Marcel van Eeden sie sieht und zeichnet, ist alles möglich, denn seine rückwärtsgewandte Fantasie kennt keine Grenzen. Daran lässt er auch uns teilhaben, wenn wir im Berliner Haus am Waldsee sein "Reich der Kunst" betreten. Die Helden seiner filmreifen Storys heißen K. M. Wiegand, Matheus Boryna und Oswald Sollmann und sollen einst ein von der Öffentlichkeit nicht oder kaum wahrgenommenes Leben geführt haben. Der Künstler erfindet für sie Aufsehen erregende Biografien: Sie sind zwar aus der Vergangenheit, könnten aber auch heute die Panorama-Seiten der Medien füllen. Es sind Super-Pop-Helden, die auf allen Kontinenten ihren mehr oder weniger legalen Geschäften nachgehen, mit schönen und berühmten Frauen verkehren, ganz einfach in Saus und Braus leben. Dass jeder Sterbliche durch ein glamouröses Leben unsterblich werden kann, ist eine heutzutage von den Medien weit verbreitete Botschaft. Van Eeeden führt sie in den vielen Serien, die im Haus am Waldsee präsentiert werden, ad absurdum fort und zeigt augenzwinkernd das ewige Streben nach Anerkennung und Berühmtheit, die sprichwörtlichen Warholschen 15 Minuten des Ruhmes. Doch in den Zeichnungen, die durch einige Objekte und Kurzfilme ergänzt werden, denn auf sie kann heute kein noch so traditioneller Künstler verzichten, bringt er auch eine andere Botschaft herüber: dass jedes Leben aus Bruchstücken besteht und deshalb nur bruchstückhaft rekonstruiert werden kann. Wenn man sich an sein eigenes Leben erinnert, eine authentische oder fiktive Biografie erzählt, hat sie oft höchstens die Länge eines Kinofilms, in dem sich Dichtung und Wahrheit vermischen und wo die vielen gewöhnlichen Sekunden, Stunden, Tage und Jahre, aus denen die unsichtbare Routine des Lebens besteht, nicht berücksichtigt werden, weil halt nur außergewöhnliche Ereignisse im Gedächtnis gespeichert werden. Das verbindet Leben mit Kunst: Um die Gunst der Kunstwelt zu erhaschen, müssen sich Künstler immer etwas Neues einfallen lassen, was vielleicht schon morgen alt aussehen wird.
Okkulter
Kotelett-Performer Marcel
van Eedens Arbeiten zeichnen sich durch Gegensätze aus, die jedoch in
keinem Gegensatz zueinander stehen: Sie sind zugleich deutlich und
undeutlich, präzise und vage, ironisch und ernst, düster und heiter, rückwärtsgewandt
und aktuell, fantastisch und reell wie das Leben zu sein pflegt . Der Künstler
zieht sich in die erfundene Vergangenheit zurück, um die faktische
Gegenwart, darunter den heutigen Kunstbetrieb, sanft und humorvoll zu
sticheln. Seine Lieblingshelden Oswald Sollmann und K. M. Wiegand lässt
er im Varieté auftreten: den einen "As a Candelabrum by Hans
Poelzig", den anderen als "K. M. W. The Eminent Cutlet
Occultist". Heute sorgten seine Protagonisten als "Armleuchter
des Architekten" und "Okkulter Kotelett-Performer“
sicherlich für große internationale Eminenz. Auch vor anderen
Sprachspielen scheut der in Zürich, Berlin und Den Haag lebende
Zeichner nicht zurück. Und so serviert er auf der lindgrünen Tafel der
Wand "Wurst. Eine Moritat" mit "Oskar Sollmann and
Matheus Boryna as sausages, (1938) – D. T., Berlin (147)" in den
Hauptrollen, die als "Kochwurst", "Wiener", "Frankfurter",
"Zungenwurst", "Jagdwurst", "Leberwurst",
"Plockwurst", "Bierwurst" und "Rohwurst"
in einen vergilbten Ausstellungskatalog als eine Floskel der
Kunstgeschichte, eingegangen sind. Die Kunstwelt setzt sich bekanntlich
aus vielen kleinen Würstchen zusammen, die sich einmal groß wähnten
oder zu Größen gemacht wurden, um schnell konsumiert und genauso
schnell vergessen zu werden. Ach, die Einsamkeit der modernen Kunst, die
ewige Wiederkehr des Gleichen!
Die neue Kunstwurst von Marcel van Eeden ist die alte Literaturwurst von
Dieter Roth. In beiden Fällen ein erlesenes künstlerisches Mahl.
Nichts für Künstler und Schriftsteller, die zu Recht gema(h)lt werden
und sich kurzfristig verwursten lassen. Text
und Fotos © Urszula Usakowska-Wolff 05.12.2010 Marcel
van Eeden Kunstmuseum
St. Gallen Katalog
Parallel zur Berliner Ausstellung "Schritte ins Reich der Kunst" im Haus am Waldsee ist eine Personale des niederländischen Künstlers in Wien zu sehen: Marcel
van Eeden
|