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Heroen
in Herford Wenn das Wetter ein Omen ist, stehen dem jüngsten Museum in Deutschland mit dem weiblichen Nomen MARTa stürmische Zeiten bevor: pünktlich zur Pressekonferenz am Dienstag, den 3. Mai 2005 ging über Herford ein Gewitter nieder mit allem was dazu gehört: Blitz und Donner und strömender Regen. Doch der mächtige mit 180.000 roten Klinkersteinen verkleidete asymmetrische Bau, den eine 5.000 Quadratmeter große kosmische Dachkonstruktion aus Edelstahl krönt, so dass er den Eindruck vermittelt, als ob ein Ufo in einer kleinen Seitenstraße der mittelgroßen ostwestfälischen Stadt an der Aa gelandet sei, hielt der Naturgewalt und den aus nah und fern strömenden über hundert Damen und Herren von den örtlichen, regionalen, überregionalen, nationalen und internationalen Medien stand, die sich selbst von dem notorischen Parkplatzmangel nicht entmutigen ließen, um dann verspätet und mit nassen Füßen die letzten Plätze im Forum des neuen Kunsttempels zu ergattern . Es gab nämlich über ein Event zu berichten, dass der einstigen Hansestadt Herford auch nach dem Abklingen der medialen Aufmerksamkeit eine spannende globale künstlerische Zukunft und einen epochalen Sprung aus dem Mittelalter ins 21. Jahrhundert bescheren soll. Der
Erfolg und seine Väter Der Garant des noch nie da gewesenen zivilisatorischen Aufstiegs der 65.000 Seelen zählenden Stadt Herford in die erste Kunstweltliga ist das MARTa - ein 28,8 Millionen Euro teurer Musentempel (von der Stadt Herford mit 11,6 Mill., dem Kreis Herford mit 3 Mill., dem Land NRW mit ca. 9,7 Mill., den Sponsoren und Förderern mit 4,5 Mill. Euro finanziert) mit dem großgeschriebenen ART, womit jede(r) Kunst- und Sprachgewandte die schönen Künste assoziiert, und dem etwas schwerer zu entziffernden kleingeschriebenen a, welches das Ambiente, also die schöne und lebenswerte Umgebung mit dem dazu gehörenden Design bezeichnet. MARTa steht also offensichtlich für das große künstlerische Sein in Verbindung mit dem etwas klein geratenen Design. Das jüngste deutsche Museum, das nach siebenjähriger Planungs- und Bauzeit am 7. Mai 2005 offiziell eröffnet und zwei Tage lang gefeiert wird, ist das Werk von zwei älteren prominenten Männern, die - obwohl sie sich zur verdienten Ruhe setzen könnten, keine Zeit und Mühe scheuten, die für den Museumsbau veranschlagten Kosten von 15 Millionen Euro um fast das Doppelte zu überschreiten. Der Erfolg, der MARTa genannt wird, hat also seinen Preis und zwei namhafte Väter: den kalifornischen Stardekonstruktivisten Frank O. Gehry (* 1929) und den belgischen Starausstellungsmacher Jan Hoet (* 1936), der als legendärer Kurator der documenta IX in Kassel 1992 spätestens seit Anfang des dritten Jahrtausends auch in Herford weltberühmt ist. Nachdem der 1996 vom damaligen nordrhein-westfälischen Wirtschaftsminister Wolfgang Clement angeregte Bau eines Hauses des Möbels als Fach-, Kompetenz- und Ausstellungszentrum der ostwestfälischen Möbelindustrie verworfen wurde, denn vielleicht wollte man den postmodernen Gelsenkirchener Barock in Herford nicht öffentlich zur Schau stellen, fiel den ehrgeizigen Stadt-Honoratioren eine große Lösung ein: Ein Museum, in dem man Kunst und Möbel bestaunen kann, denn bekanntlich gehört zu jedem Sofa das passende Bild. Es war eine glückliche Fügung des Schicksals, dass Manfred Ragati, der damalige Direktor des Elektrizitätswerks Minden-Ravensberg mit Sitz in Herford den Architekten Frank O. Gehry, der das 1995 endlich fertiggestellte Innovationsforum EMR in Bad Oeynhausen entworfen hatte, mit dem damaligen Bürgermeister von Herford, Dr. Klippstein von der SPD bekannt machte, der ihn für einen spektakulären Museumsbau gewinnen konnte. Wie sich dann der nächste und nun auch etwas in Vergessenheit geratene Herforder Bürgermeister Thomas Gabriel von der CDU getraut hatte, Jan Hoet davon zu überzeugen, dass er ausgerechnet in Herford Museumsdirektor werden solle, daran erinnert sich der in Gent beheimatete Belgier, der seit vier Jahren immer häufiger in Herford wohnt, noch heute gern. Für Herrn Gabriel muss es ein großer Trost sein, denn seinen unermüdlicher Einsatz für MARTa teilten nicht alle Herforderinnen und Herforder und wählten ihn im vorigen Herbst ab. Bürgermeister kommen und gehen: Hauptsache, dass MARTa endlich steht. Herforder,
hört die Signale! Das weiblich klingende MARTa ist nicht nur eine Männersache, wovon man sich am 3. Mai 2005 überzeugen konnte. Abgesehen von dem reichlich vorhandenen weiblichen Wach- und Hilfspersonal im Eingangsbereich, saßen auch zwei MARTa-Damen: die Pressesprecherin Claudia Herstatt und die Kuratorin Véronique Souben in einer Reihe mit sechs Herren am Podiumstisch im Forum und erklärten der reichlich versammelten Medienwelt, warum sich von nun an die Kunstwelt in Herford treffen soll. Jan Hoet sagte: Entweder schläft die Stadt weiter ein, oder sie geht in die Zukunft. Das Museum ist ein unglaublich visionäres Projekt und zugleich ein Signal der Zeit. Und er erzählte von seinem Kampf mit jenen Herfordern, die das Signal überhörten oder mit ihm nicht einverstanden waren, und drückte seine Dankbarkeit für jene aus, die ihn von Anfang an unterstützt hatten. Kunst und Leben sind eine ambivalente Aufgabe, merkte er an, doch es gibt keine Kunst, die nicht zeitgegeben ist, sie wird die Zeit überleben. Alle großen Künstler haben ihre Zeit hundertprozentig repräsentiert. Was mich seit meinem zwölften Lebensjahr fasziniert ist, dass die Künstler die Welt anders sehen als ich. Der neue, in der Baugeschichte der MARTa bereits dritte Bürgermeister Bruno Wollbrink von der SPD erhoffte sich vom Museum Impulse für die heimische Wirtschaft und dass Herford sich in ein Klein Bilbao verwandelt und der Gehry-Bau, genauso wie in die baskische Stadt, auch in die von ihm regierte Kommune zehn Tausende von Touristen locken wird, die dort auch mindestens eine Nacht übernachten. Bernd Kriete, Geschäftsführer der MKK gemeinnützige Gesellschaft für Möbel, Kultur und Kunst mbH, in der Vertreter der Stadt und der Möbelindustrie sitzen, hob hervor, dass der Museumsbau und der Umbau der umliegenden Immobilien fünfhundert Arbeitsplätze geschaffen hatten. Er nannte auch die Folgekosten von cirka 3 Millionen Euro, die jährlich für MARTa aufgebracht werden müssen. Dass das nicht die einzigen Kosten sein werden, die auf die Betreiber zukommen, kündigte Jan Hoet an: Angesichts der Tatsache, dass bei der Planung des Museums die Notwendigkeit der Errichtung eines Museumsdepots - kaum zu glauben aber wahr - übersehen wurde, müssen die gesammelten und zu sammelnden Werke in Gent und Bielefeld gelagert werden. In Herford muss also in absehbarer Zeit ein vollklimatisiertes Lager gebaut werden. Einen Teil seiner Sammlung hat dagegen der Verleger und Sammler Karl Kerber aus Bielefeld als eine Leihgabe für zehn Jahre nach Herford ausgelagert. So hängen u.a. Werke von Penck, Schumacher und Asger anonym, weil unbeschriftet nun an den Wänden des MARTa-Forums, in dem Konferenzen, Produktpräsentationen und Möbelmessen, Konzerte und Diskos stattfinden sollen: viel Publikum in einem kostbaren, hoffentlich gut gesicherten Ambiente. Auf die Frage, wann denn nun Design in MARTa gezeigt wird, antwortete Jan Hoet: Das kommt später. Am Anfang mache ich eine Ausstellung, mit der ich zeigen möchte, wer ich bin. Sie ist eine Hommage an alle meine Hintergründe. Ich blicke auf meinen eigenen Ursprung zurück. Die Ausstellung ist damit Anfang und Abschied zugleich.
Heldenhaftes
Potpourri Die Ausstellung, mit der der MARTa-Direktor seine eigene Kultstätte in Herford eröffnet, heißt "(my private) Heroes“ und ist, wie im Titel geschrieben steht, seinen privaten Helden, den Künstlern und ihren Werken, in denen sie sich mit anderen Heroen und Heroinnen auseinander setzen, gewidmet. Fast vierhundert Werke aus den letzten zweihundert Jahren wurden vorwiegend in der 2.500 Quadratmeter großen und 22 Meter hohen Ausstellungshalle - Dom genannt - untergebracht. Es ist eine Mischung aus Raritätenkabinett und Wunderkammer, nur dass an die Stelle des ausgestopften Krokodils eine Vitrine mit den von Jan Hoet gesammelten Schnupftabakdöschen, Fingerhüten, kitschigen Schmuckdöschen und alten Püppchen getreten ist. Man weiß nicht, wohin man blicken soll, denn obwohl noch nicht alle Exponate ausgepackt sind, merkt man, dass hier alles, was gut und teuer ist und einen Namen hat, versammelt ist und auf eine der Chronologie trotzende und etwas chaotische Weise die Kunstgeschichte Revue passieren lässt. Rodin und Redon, Beuys und Bacon, Merz und Meese, Marilyn Monroe und Magritte, Mucha und Mao, Gagarin und Che Guevara, Picasso und Penck, Hitler und Hodler, Schütte und Serrano, Durhan und Duchamp, afrikanische Skulpturen und Avedon, Wols und Warhol und noch vieles mehr: jeder Besucher findet in der ersten MARTa-Ausstellung seinen eigenen Helden und jene, die Cindy Sherman, Louise Bourgois, Marina Abramović oder Marlene Dumas lieben, um nur einige Künstlerinnen zu nennen, vielleicht sogar ihre eigene Heldin. Die Helden sind unter uns, jetzt endlich auch in Herford, mit großem Geschick an den konkaven Wänden des Doms angebracht, auf dem Betonfußboden aufgestellt oder in die Wunderkammer verbannt. Und weil das a im MARTa für Ambiente steht, dürfen ein Paar Roben von Dior, ein gelbes Trikot von Jan Ullrich und ein Motorrad von Philippe Starck auch nicht fehlen. Bei diesem Kunstgenuss fühlt man sich erhaben und erleichtert zugleich: Jan Hoets private Helden sind Helden wie wir.
Und
noch eine gute Nachricht, die zeigt, dass der Museumsdirektor die Stadt
Herford aus dem Schlaf geweckt hat: zur Eröffnung des MARTa am 7. Mai
um 11:00 Uhr ist eine Demonstration gegen MARTa, Hartz IV und den
Gastredner Bundesminister für Wirtschaft und Arbeit Wolfgang Clement
geplant. Kunst und Leben sind wirklich eine ambivalente Angelegenheit. Text © Urszula Usakowska-Wolff 4.05.2005 Über
die Ausstellung "(my private) Heroes“ (7.05. - 21.08.2005)
erscheint demnächst ein ausführlicher Beitrag. Informationen
zu MARTa und den Eröffnungsfeiern am 7. und 8. Mai 2005 >>> Interview mit Jan Hoet 2001 >>> |