Zukunftslabor für Zeitprodukte

Männer sind Freunde: als Berndt Kriete, Geschäftsführer der MARTa-Trägergesellschaft MKK am 7. Mai 2005 kurz vor 12 Uhr mit fast einstündiger Verspätung das jüngste deutsche Museum in Herford für die Polit- und Wirtschaftsprominenz eröffnete, sagte er über dessen künstlerischen Direktor Hoet: Jan wird unsere Region bereichern, und dem Baumeister Gehry bescheinigte er: Frank, du hast den Namen des Stararchitekten wirklich verdient. Dass muss den aus Santa Monika eingeflogenen MARTa-Entwerfer endgültig davon überzeugt haben, dass seiner weiteren hoch dotierten Karriere auch in anderen deutschen Kleinstädten nichts mehr im Wege stehe. Der Herforder Bürgermeister Bernd Wollbrink (SPD) bestritt zwar, dass Herford eine Kleinstadt sei, sah sie schon auf dem besten Weg als größte mittlere Stadt die deutsche und internationale (Kunst)Welt erobern und freute sich, dass allen Kritiken (auch seiner eigenen, als er noch Bürgermeisterkandidat war) zum Trotz MARTa doch am 7. Mai eröffnet werden konnte, obwohl er es lange Zeit nicht für möglich hielt. Aber sein Freund Jan Hoet beruhigte ihn: Ich bin das Chaos und da müssen wir durch. In den meisten Fällen ist der Bürgermeister mit dem künstlerischen Museumsdirektor einer Meinung, doch er bekannte sich öffentlich zu seinem Mut, manchen entschlossenen Äußerungen des kleinen Belgiers höflich zu widersprechen. Als Jan zum Beispiel wiederholt behauptete: Es gibt Theoretiker, Beamte und die, die etwas machen, erinnerte der höchste Herforder Stadtbedienstete daran, dass es vor allem die Beamten waren, die die Entstehung des MARTa möglich machten und manche von ihnen sogar ihren Posten riskierten, um den Stadtrat davon zu überzeugen, mit weiteren Millionen aus der Stadtkasse zur immer wieder verschobenen lang ersehnten Eröffnung der Jahrhundertbaustelle in Herford beizutragen. Deshalb hat er noch einige Bedenken, Jan Hoets neue Wünsche zu realisieren, obwohl der künstlerische Museumsdirektor unermüdlich fordert: Bürgermeister, du musst den Mut haben, weitere Investitionen zu tätigen.

Im "Ball" von Luciano Fabri spiegelt sich Herford - laut Wolfgang Clement die neue Hauptstadt der Kunst. 8.05.05. Foto © Urszula Usakowska-Wolff

Im "Ball" von Luciano Fabri spiegelt sich Herford - laut Wolfgang Clement die neue Hauptstadt der Kunst

  Strafe in der Lobby

Wir sind sehr stolz auf dich, Jan, versicherte Bernd Wollbrink mit Nachdruck, doch ich will Mut mit Übermut nicht verwechseln, denn wenn die Herforder Bevölkerung MARTa weiterhin nicht akzeptieren wird, ist das Museum zum Scheitern verurteilt. Es muss und gelingen, die Bevölkerung zu überzeugen, sonst hat MARTa keine Zukunft. Im Zusammenhang mit MARTa sind wir zum Erfolg verurteilt, sagte der Bürgermeister, der sich erst in vier Jahren zur Wahl stellen muss. Als Erfolg der Stunde wertete er, dass von den 450 Eingeladenen Gästen ein Drittel aus dem Ausland kamen. Nicht alle werteten die Tatsache, dass sie der Einladung folgten, jedoch als Erfolg, denn ungefähr ein Drittel der geladenen Gäste - darunter viele aus dem Ausland - wurden in den überfüllten Festsaal, Forum genannt, nicht hereingelassen und folgten der Eröffnungszeremonie in der niedrigen und holzgetäfelten Lobby stehend, die den diskreten Charme eines osteuropäischen mittelstädtischen Kulturhauses der siebziger Jahre verströmt. Doch weil mit MARTa wenn noch nicht die bessere Zukunft in Herford, so auf jeden Fall die Gegenwart in die Museumslobby Einzug hielt, konnten die in den Festsaal nicht eingelassenen Gäste die Eröffnungsredner und eine Rednerin auf den Bildschirmen genießen und sich an den zu ihren Füssen verstreuten gelben Plakaten mit der schwarzen Aufschrift "Strafe“ erfreuen.

Draußen im Flur sieht man die MARTA-Väter am Bildschirm nur... Herford, 7.05.05. Foto © Manfred Wolff

Draußen im Flur sieht man die MARTA-Väter am Bildschirm nur... Foto © Manfred Wolff

  Wein des Lebens, Brasilianer des Nordens

Drinnen zollte sich die zum Rednerpult zugelassene Gesellschaft gegenseitige Verehrung. Bernd Wollbrink empfand eine besondere Ehre, so viel Prominenz an einem Fleck versammelt zu sehen. Es war ihm auch eine große Ehre, dass sein Parteifreund Bundeswirtschaftminister Clement samt Gemahlin zur MARTa-Eröffnung erschienen war. Die Kunst ist nicht das Brot im Leben, aber sie ist der Wein, erklärte der Bürgermeister der Stadt, die sonst auf ihr Herforder Pils so stolz ist. Der eigentliche Gastredner - Genosse Wolfgang Clement - kam auch endlich zu Wort und lobte die Herforder Wirtschaftsbosse, denen es gelungen ist, eine beispielhafte Private Public Partnership auf die Füße zu stellen. Und tatsächlich ist sie beispielhaft, denn beim MARTa-Jahrhundertunternehmen trägt die Stadt und das Land NRW mit über 75% der Kosten die finanzielle Hauptlast, während sich die Möbelindustrie, für die das große M steht, mit knappen vier Millionen Euro begnügt. Nirgendwo habe ich so viele Anhänger der Chaostheorie getroffen, wie in Herford, begeisterte sich der Wirtschaftsminister und lobte MARTa als architektonisches Meisterwerk und dessen Spiritus Movens Jan Hoet, der allerhand und alle in Bewegung bringt, so dass Herford zur Hauptstadt der Kunstwelt wird und die Besucher in Scharen kommen und zu dieser Kulturstätte pilgern werden. Unter den ersten Pilgern durfte der stellvertretende Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen auch nicht fehlen, und so bekannte der Grüne Dr. Michael Vesper: Hier lacht das Herz des Kultus- und Stadtentwicklungsministers, denn MARTa habe die Stadtentwicklung und die Wirtschaftsförderung weitergebracht. Heute sind alle Väter dieses Erfolgs. Gut, dass es für diese Art der Vaterschaften keine Vaterschaftstests gibt, witzelte er und freute sich auf MARTa als Zukunftslabor in einem genialen extravaganten Bauwerk. Er bedankte sich dafür bei dem Architekten Gehry, dem Schreck aller Handwerker. Dass dieser seine Zukunftsvisionen in Herford verwirklichen konnte, ist den Ostwestfalen zu verdanken, die entgegen den verbreiteten Klischees wahre Brasilianer des Nordens sind.

Brasilianer des Nordens müssen am 8.05.05 anstehen, um MARTa Herford von innen zu sehen!  Foto © Urszula Usakowska-Wolff

Brasilianer des Nordens müssen am 8.05.05 anstehen, um MARTa Herford von innen zu sehen! 

  Herford direkt

Die verbalen Perlen, die von der Ehrentribüne vor das treue Publikum geworfen wurden, erreichten einen Höhepunkt, als die Landrätin Lieselore Curländer (CDU) an das Rednerpult trat. Hier spricht eine Brasilianerin des Nordens, verkündete sie und breitete die Hände nach Art des Papstes Benedikt XVI aus. Sie erwähnte auch ihren eigenen Beitrag zur Entstehung des MARTa, als sie - damals eine Angestellte der EMR - von dessen Geschäftsführer Herrn Ragati die Order bekam, über ein Museum als Verbindung von Kunst und Design nachzudenken. Sie dachte nach und kann es heute wohl noch nicht fassen, dass ihr als einziger Mutter des Erfolgs der künftige MARTa-Vaterschaftstest erspart bleibt. Hauptsache: Die Verortung ist da! Und sie wandte sich an jene, die ihre Temperamentsausbrüche gebannt verfolgten: Seien Sie Multiplikatoren! Bringen Sie unsere Idee in die Welt! Weltumspannend und zukunftsweisend war auch die Rede von Heiner Wemhöhner, des Vorsitzenden der MARTa-Freundeskreises. MARTa ist ein Ort der Begegnung mit dem Neuen, in dem das Diktat des rechten Winkels überwunden wurde, freute er sich. Nun kann der Globalisierung und der grenzüberschreitenden Öffnung in Herford nichts mehr im Wege stehen, zumal der Freundeskreisvorsitzende begriffen hatte, als er die Eröffnungsausstellung von Jan Hoets Privaten Helden vorbesichtigen durfte, dass das M im MARTa nicht nur für Möbel, sondern auch für Mode und Maschine stehe. Die offizielle MARTa-Eröffnung wurde jedoch im Sitzen beendet: dem Publikum wurde eine echte Talk Show unter der Leitung des ZDF-Aspekte-Moderators Wolfgang Herles serviert, sozusagen Herford direkt. Daran durfte sich Jan Hoet, Frank O. Gehry und ein nicht namentlich genannter jüngerer Herr beteiligen, allem Anschein nach ein Dolmetscher, der dem Stararchitekten die Fragen des Fernsehmannes auf Englisch ins Ohr flüsterte. Für das Publikum war Englisch wohl keine Fremdsprache, denn niemand schien sich zu wundern, dass Gehrys Antworten nicht ins Deutsche übersetzt wurden. Nur einmal, als Jan Hoet nicht wusste, wie Briefmarken auf Englisch heißen, ergriff der anonyme Dolmetscher laut das Wort und erntete großen Beifall.

Scheibenwischen für MARTa: Reinigungsperformer Bogaerts & Verberckmoes in Arbeitsdesign. Herford, 8.05.05. Foto © Urszula Usakowska-Wolff

Scheibenwischen für MARTa: Reinigungsperformer Bogaerts & Verberckmoes in Arbeitsdesign

  Talk glokal im Festssaal

Wolfgang Herles fragte und die beiden Herren antworteten: Und so konnten der ZDF-Kulturmann und das Publikum erfahren, dass für Jan Hoet das Museum offen für Veränderungen stehe und jene, die die Veränderungen nicht wollen, beschränkt seien. Kunst ist Veränderung. Um das zu verstehen, muss man, wie er, glokal sein: global denken und lokal überzeugend handeln. Er teilte auch seine tiefe Erkenntnis vom Design als Ausdruck der gegebenen Zeit öffentlich mit: Solche Stühle, auf denen wir heute sitzen und die von der Firma Interlübcke produziert werden, wären in den 1920er Jahren undenkbar, merkte der künstlerische Direktor zutreffend an. Es sind ja Talk-Show-Stühle, erklärte Wolfgang Herles. Frank O. Gehry wunderte sich, dass seine Traumwelt verwirklicht wurde und sagte, dass er deshalb in der deutschen Provinz baue, weil er von dort Aufträge bekäme, womit er jene überraschte, die ständig Behauptungen hören, dass es eine besondere Ehre und Leistung sei, den Stararchitekten für Herford gewonnen zu haben. Open the door for the future! rief er dem Publikum zu. Und Jan Hoet betonte: Die Möbelindustrie hat auch in Zukunft keine Chance, wenn sie das Museum als Schaufenster benutzt. Nur als Labor, denn das Design, das was heute gemacht wird, muss das Gesicht von heute haben. Es sind Zeitprodukte. Dass das ostwestfälische Herford dank MARTa mit dem baskischen Bilbao verglichen wird, wo seit 1997 das von Gehry gebaute Guggenheim Museum Touristenmassen anzieht, findet der belgische Museumsdirektor zwar richtig, doch Bilbao ist nicht nur durch das Gehry-Museum bekannt. Dort gibt es auch eine schöne Brücke und einen Flugplatz. Herford muss also neue Investitionen in die Zukunft machen, muss bauen, vielleicht nicht jedes Jahr. Wenn man eine Vision hat, dann ist Geld satt, weiß Jan Hoet aus Erfahrung, denn die Realisationen seiner Visionen werden wohl auch in Zukunft zu den Pflichtaufgaben der Herforder Kommunalpolitik gehören, die von seinem fordernden Wesen restlos eingenommen zu sein scheint. Und kokett fügte der visionäre Herforder Kunstpapst am Ende hinzu: Wir müssen uns darum sorgen, dass wir nicht nur Freunde sondern auch ein bisschen Feinde haben. Das bisschen Feinde von der Initiative "Genug ist genug“, die vor dem Museum gegen MARTa, Hartz IV und Clement protestierten, knappe fünfzig vorwiegend junge Leute, die alle zusammen auf ein Bild passten, trübte die Freu(n)de nicht, denn die alten Männer, in deren Händen die Zukunft Herfords liegt, bekamen sie nicht zu sehen.

Demonstration "Genug ist Genug" gegen MARTa, Hartz IV und Clement. Herford, 7.05.05. Foto © Manfred Wolff

Demonstration "Genug ist Genug" gegen MARTa, Hartz IV und Clement. Herford, 7.05.05 

Lawine in der Latrine

Tatsächlich war der friedliche Sturm der neugierigen Massen auf den Kunstpalast, der am 7. Mai 2005 um 15 Uhr für die Bevölkerung geöffnet wurde, einmalig in der Geschichte der ostwestfälischen Stadt: Trotz des kalten Schauerwetters strömten am Samstag und Sonntag über 21.000 Menschen in die von "Gourmetpaläste“ genannten Würstchenbuden gesäumte Goebenstraße, um das dort erbaute fast 29. Millionen teure architektonische Meisterwerk und die Eröffnungsausstellung (my private) Heroes von Jan Hoet mit eigenen Augen zu bestaunen. Nach dem Motto: L´art c´est moi ließ sich auch Jan Hoet wie ein Held feiern und stieg sogar auf den "Golden Tower" des amerikanischen Künstlers James Lee Byard. Ob er sich darüber freut, dass sein Kunstwerk als Sockel zum unaufhaltsamen Aufstieg eines Museumsdirektors aus Gent in Herford dient, kann man ihn nicht fragen, denn er ist 1997 gestorben. Nichts fragen konnte man auch den emeritierten Wissenschaftsperformer Bazon Brock von der Bergischen Universität Wuppertal, der am Sonntag, den 8. Mai 2005 im MARTa-Forum einen Vortrag zu jedem Thema unter dem Titel Das Museum als Lawinenschutz hielt, der von den Veranstaltern mit seinem Zitat: Noch eine Geisterbeschwörung der Kunstgeschichte? Ist das nicht alles Schnee von gestern? Ja! Aber der Schnee von gestern ist die Lawine von morgen als verheißungsvoll gepriesen wurde. Angesichts der Brokschen Wortkaskaden verschlug es dem Publikum wie immer die Sprache. Spätestens seit seinem Herforder MARTa-Auftritt weiß man, dass kalte Kacke, Vögeln, Huren, Saufen zum Wortschatz eines Kunstgelehrten gehören. Kunst kommt vom Scheitern, verkündete der Professor im Ruhestand und verharrte in einer denkmalgeschützten Pose, sogar seine berühmte graue Mähne saß wie in Edelmetall gegossen. Kunst und die Welt stehen vor unlösbaren Problemen, denn wie kann man sich ein schwarzes Loch, höchstens als Möse vorstellen, dachte er laut nach. Er sprach ferner über Terreur und Kulturkampf, Freimaurer und Manager, Autorität und Autorenschaft, Chinesen und Euthanasie, Primaten und Patienten, den Menschenzoo von Sloeterdijk und den Wissenschaftskitsch von Habermas. Nach der Möse kam dann auch Jonathan Meese, und irgendwann sogar Magritte an die Reihe, der ein miserabler Maler, aber ein genialer Künstler war. Nur Anfänger zeigen, was sie können, verkündete der Emeritus erectus, wahre Meister bringen unbewältigte Probleme zur Sprache. Die Probleme lassen sich nur lösen, wenn man neue Probleme schafft. Nur unlösbare Probleme schaffen Gemeinschaft. MARTa ist der Triumph der Provinz, mit Hoet und Gehry ist die Provinz am Ziel angelangt, sagte der Ästhetiker und Gestaltungstheoretiker aus dem Bergischen Land nach einem andershalbstündigen Talkmarathon zum langersehnten Abschied.

Emeritus erectus Bazon Brock aus Wuppertal im MARTa Herford, 8.05.05.  Foto © Usakowska-Wolff

Emeritus erectus Bazon Brock aus Wuppertal im MARTa Herford, 8.05.05.  Foto ©  Usakowska-Wolff

Emeritus erectus Bazon Brock aus Wuppertal im MARTa Herford, 8.05.05.  Foto © Usakowska-Wolff

Ist das vielleicht alles Kacke von gestern? Ja! Aber die Kacke von gestern ist die Kläranlage von heute. Und Männer von gestern zeigen ihr altes Gesicht in der Provinz von heute: In MARTa Herford ist der ergraute Größenwahn geil.

Text © Urszula Usakowska-Wolff

10.05.2005


Bildergalerie des MARTa Herford von seiner Eröffnung >>>


Bildergalerie der Neuen Westfälischen von der MARTa-Eröffnung >>>   


Website der Gruppe "Genug ist Genug" in Herford >>>


Ein Gourmetpalast unweit des Kunstpalastes MARTa Herford, 8.05.05. Foto © Usakowska-Wolff

Ein Gourmetpalast unweit des Kunstpalastes MARTa Herford, 8.05.05. Foto © Usakowska-Wolff


zu den Kunstnews

zum Text über die Pressekonferenz zur Eröffnung des MARTa Herford am 3.05.2005