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Ein
Traum von einem Bild Marwans Figuren haben überdimensional große Köpfe und seltsam verrenkte Glieder. Manchmal wächst ihnen eine dritte Hand aus dem Rücken, manchmal haben sie nur ein Bein, dann wiederum wird ein Kopf von mehreren Füssen eingeklemmt und festgehalten. Sie verharren in einer unbequemen Position. Viele dieser Figuren haben keine eindeutige geschlechtliche Identität: Solche, die wie Männer aussehen, tragen Stöckelschuhe, andere fassen sich in den Schritt, als ob sie sich ihrer Männlichkeit vergewissern wollten. Man spürt, sie fühlen sich in ihrer Haut nicht wohl, eingezwängt in einen Körper, der ihnen wie ein Gefängnis vorkommt und aus dem sie sich nicht befreien können. Meistens kommen auf seinen Bildern männliche oder androgyne Einzelfiguren vor, die wie Selbstbildnisse des Künstlers anmuten. Wenn er Paare darstellt, auch solche, die sich an den Händen fassen oder umarmen, sind sie sich fremd, scheinen abwesend, entrückt und in sich gekehrt zu sein. Sie stehen zwar nebeneinander, haben aber miteinander nichts zu tun. Es sind Bilder der Einsamkeit und der Entfremdung, der Fremdheit des eigenen Körpers, der weder mit sich selbst noch mit den anderen, ihm nahen oder fernen Körpern in eine Beziehung treten kann. Es sind Bilder von den Bildern, die im Kopf entstehen, wenn man sich nach menschlicher Nähe, Liebe und Erotik sehnt. Und sie nur in den eigenen Gedanken ausleben kann.
Spiegel
für die Welt Diese verstörenden Bilder: Porträts eines jungen Künstler, der sich seiner Identität als Mann nicht sicher ist, sich in einer neuen Umgebung und in einer fremden Kultur zurechtfinden oder sogar neu erfinden muss, der sich von der ungewohnten sexuellen Freizügigkeit der westlichen Welt angezogen und abgestoßen fühlt, gehören zum Frühwerk des Syrers Marwan Kasab-Bachi, der vor einem halben Jahrhundert als 23-jähriger aus Damaskus nach Berlin kam, um an der Charlottenburger Kunsthochschule bei Hann Trier Malerei zu studieren. Am 10. September 1957 erreichte er "eine geteilte Stadt, sensibler Spiegel für die Welt und der Ort meiner Biographie, wo ich mein künstlerisches Damaskus gefunden habe." Der Wahlberliner, vor allem durch seine Gemälde bekannt, ist, neben Georg Baselitz und Eugen Schönebeck, einer der führenden Vertreter der "pathetischen Figuration", die sich seit Anfang der 1960er Jahre der damals in Deutschland vorherrschenden abstrakten Kunst widersetzte. Vor einiger Zeit kehrte Marwan unverhofft zu seinen künstlerischen Anfängen zurück. Als er sein Atelier ausräumte, fand er eine Fülle von Aquarellen, Zeichnungen und einige Ölbilder, die er von 1962 bis 1971 fertigte. Für die Berlinische Galerie, die seit drei Jahrzehnten Marwans Gemälde sammelt, Grund genug, um ihn mit drei anderen deutschen Kunsthäusern eine große Wanderausstellung auszurichten, in der das unbekannte Frühwerk des Malers präsentiert wird. Nach Stationen in Potsdam, Altenburg und Lübeck ist diese 161 Arbeiten umfassende Schau noch bis zum Anfang des nächsten Jahres in der Berlinischen Galerie in der Alten Jakobstraße zu sehen. Getrieben
und gelähmt Die
Ausstellung "Marwan. Khaddousch oder das unbekannte Frühwerk.
Aquarelle und Zeichnungen 1962 - 1971“ verdeutlicht einerseits den Übergang
des Künstlers von der Abstraktion zur Figuration. In seinen frühesten
Arbeiten, die zum Teil einen skizzenhaften Charakter haben, sind die auf
ihnen dargestellten Gebilde, aus denen sich mit der Zeit Figuren
entwickeln, ein integrer Teil der Landschaft. Nachdem sich die Figur von
der Landschaft, also von der Natur, getrennt hat, scheint sie in den
leeren Räumen wie aus ihrem natürlichen Kontext herausgerissen, einsam
und verloren, völlig deplaziert zu sein. Das was sie mit der Landschaft
noch verbindet, sind die erdigen Töne ihrer Haut, Kleidung, der Vor-
und Hintergründe, von denen viele in der Farbigkeit an Gewürzstände
in den orientalischen Basars erinnern. Andererseits kann die Loslösung
von der Natur die Figur vor ihrer eigenen Natur, vor allem vor den
Trieben, nicht bewahren. Im Gegenteil: in einer künstlichen Umgebung,
in einer neuen urbanen Welt, die den Sex nicht so restriktiv behandelt,
lauert die Versuchung auf Schritt und Tritt, und vor allem im Schritt,
denn die Figuren sind auf ihre Geschlechtsteile fixiert und ihren
Trieben ausgeliefert. Männerköpfe werden von Damenbeinen in
aufreizenden Strümpfen und Pumps umschlossen, den männlichen Figuren
wachsen Penisse auf der Brust, Männer tragen Vaginenbilder im Kopf.
Damit nicht genug: Es gibt eine ganze Reihe von Figuren, die wie
Transvestiten aussehen, u.a. das im Titel der Ausstellung erwähnte
Aquarell "Khaddousch“ (1966), das den Namen des Kindermädchens
des Künstlers aus seinen Damaszener Zeit trägt. Wie definiere ich mich
als Individuum, wenn ich nicht einmal meine Geschlechtsidentität
eindeutig definieren kann? Zwischen dem Weiblichen und Männlichen hin-
und hergerissen, stehen Marwans Figuren sich selbst und ihrem Glück im
Weg. Von ihren Trieben getrieben und gelähmt, in fremden leeren Räumen
gefangen, sind sie unfähig, ihre Träume, Fantasien und Bedürfnisse
mit dem anderen oder demselben Geschlecht auszuleben oder zu teilen. Sie
scheinen lebenslang zur Einsamkeit verurteilt zu sein. "Was ich
male, ist nicht traurig“, sagt Marwan. "Es vielleicht etwas
melancholisch. So wie eben ein Traum von einem Bild manchmal ist.“ Text © Urszula
Usakowska-Wolff 21.10.2006 Marwan Katalog |