Was für eine Welt …

Das scheint nicht in die Spaßgesellschaft zu passen, aber dennoch: Der Besucherstrom reißt nicht ab in der Ausstellung "Melancholie. Genie und Wahnsinn in der Kunst", die die Neue Nationalgalerie Berlin vom 17. Februar bis 7. Mai 2006 zeigt. Oder ist es nur ein voyeuristischer Impetus, der die Leute beim Stichwort "Genie und Wahnsinn" treibt?  

© Urszula Usakowska-Wolff: Gebührenfreie Information

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Alles fügt sich zusammen

Während bei der Immendorf-Ausstellung die Besucher die Kunst im lichtdurchfluteten Obergeschoss betrachten durften, werden sie nun in die Kunstlichtwelt des Tiefgeschosses geleitet und folgen einem im Wesentlichen chronologischen Ariadnefaden vom antiken Griechenland bis hin zur Gegenwart, und alle Exponate setzen sich mit dem einen Thema auseinander oder berühren es zumindest. Vom Grabmal eines Kriegers des Achilleusmalers (ca. 470 v.u.Z.) bis Andy Warhol ist alles vertreten, was Rang und Namen hat. Dazu gesellen sich Gegenstände, die mit der Melancholie oder dem Wahnsinn in Zusammenhang gebracht werden: der Stoßzahn eines Narwals, den man für das Horn des Einhorns hielt, Musikinstrumente und ein Trepanationsbesteck. Alles fügt sich zusammen zu einer erbaulichen Kunstgeschichte mit kulturhistorischen Erläuterungen oder einer kritischen Sozialgeschichte mit wunderschönen Illustrationen. "Wer vieles bringt, wird manchem etwas bringen. Und jeder geht zufrieden aus dem Haus", wusste schon Goethes Theaterdirektor im Faust.

Melancholischer Charakters

Sinnstiftender und richtungweisender Mittelpunkt der Ausstellung ist ohne Zweifel die "Melencolia I" Albrecht Dürers. Die Person, die die Melancholie verkörpert, sitzt in der Pose des Christus im Elend. Damit nimmt Dürer einen ikonographischen Topos der sakralen Kunst auf. Diese Pose bleibt beherrschend für den melancholischen Charakter durch die ganze nachfolgende Kunstgeschichte: der Kopf auf die Hand gestützt, der Arm auf das Knie. Wie vor ihm schon Walter von der Vogelweide in der Manessischen Handschrift, Hiob in der Grabbereitung Christi von Carpaccio, Johannes der Täufer in der Einöde von Geertgen tot Sint Jans, so begegnet uns der Melancholiker bei Giorgione und Goya, Tischbein und Bauer, van Gogh und Munch, Stuck, Hopper, Rodin und Mueck. Zu Füßen liegt das Werkzeug der Tat und ein Geldbeutel, der Blick geht in den unendlichen Himmel, der zugleich düster und von einem Regenbogen erhellt ist. Das Haus hinter der Melancholie ist ohne Fenster, es steht an einem Abgrund, aus dem eine Leiter hervorragt, die durch den oberen Bildrand in ungewisse Höhn führt. Die Unsicherheit der eigenen Existenz, die Abwendung von den Dingen des Alltags, die Beschäftigung mit der Wissenschaft sind die Merkmale des melancholischen Charakters.

Künstliche Scheinwelt

Anders Caspar David Friedrich. Sein "Mönch am Meer" stützt auch den Kopf in die Hand. In seiner Einsamkeit vor der Unendlichkeit der Schöpfung drückt sich die Verzweiflung aus, die in der Auseinandersetzung mit religiöser Demut und individueller Selbstermächtigung steht. Der Mensch der Romantik erlebt die Heimatlosigkeit der Seele und sucht in der Natur und Kunst ein neues Zuhause. Die Melancholie der Moderne - beispielhaft dafür Edward Hoppers "Kino in New York" - zeigt sich vor einer künstlichen Scheinwelt, im künstlichen Licht. Die Melancholie ist nicht mehr an eine ausgezeichnete Person gebunden, sondern an eine Platzanweiserin, ein Durchschnittsmensch. Melancholie und Weltschmerz sind Merkmal einer ganzen Epoche. Durch einen gerafften Vorhang ist eine Treppe zu sehen. Führt sie aus der aporetischen Situation heraus oder ist sie die Erinnerung an den Weg dorthin? Muecks "Dicker Mann" sitzt schließlich nur noch gedankenverloren in der Ecke, ohne jeden Bezug zu irgendeiner Wirklichkeit, mit der es sich lohnte sich auseinander zu setzen.

  Gegenstand der Manipulation

Ein besonderer Raum ist der wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit dem Phänomen der Melancholie gewidmet. Der pathologische Blick trennt den Weltschmerz von Depression oder Hypochondrie. Der Wahn als äußerste Form der Verzweiflung, als absolute Abkehr von der Welt der Wirklichkeit ist aber wohl nur eine Seite der Entfremdung des modernen Menschen. Der medizinische Eingriff macht ihn zum Gegenstand der Manipulation. Hierher hätte in der Ausstellung neben den psychiatrischen Dokumenten gut ein Glas mit "Muttis kleinen bunten Helfern" gepasst. Und ein weitere Frage: Ist nicht auch das Bedürfnis nach Rausch eine Erscheinungsform der Melancholie?

Text © Manfred Wolff

10.03.2006


Melancholie. Genie und Wahnsinn in der Kunst
Neue Nationalgalerie
17.02 - 7.05.2006


Katalog
Hatje Cantz Verlag, 2006
ISBN 3-7757-1647-5
Preis 45,00 €  


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