Franzosen aus New York in Berlin

Der Superlativ ist des Berliners liebstes Kind. Dass er dabei in Geschmacks- und Stilfragen nicht immer gerade glücklich seine Wahl trifft, lehrt ein Blick auf die Stadt und ihre Bewohner. Aber ein Superlativ muss her, wenn es um was Berlinerisches geht. Davor sind auch Ereignisse nicht sicher, die nur eine Gastrolle in Berlin geben. "Die schönsten Franzosen kommen aus New York" heißt denn auch die große Sommerausstellung der Neuen Nationalgalerie vom 1. Juni bis 7. Oktober 2007, mit der Berlin in diesem an Highlights wahrlich nicht armen Kunstsommer der Kasseler Documenta, der Biennale in Venedig und der Skulptur Projekte in Münster Paroli bieten will: 136 Gemälde und 14 Plastiken von 44 Künstlern aus dem Besitz des New Yorker Metropolitan Museum of Art werden gezeigt, die in einem so nur selten zu sehenden Längsschnitt die Entwicklung der Kunst des 19. Jahrhunderts demonstrieren. Alle großen Namen sind präsent: von Jean Auguste Dominique Ingres bis Pablo Picasso. Ebenso begegnet man allen Stilrichtungen dieses so widersprüchlichen Jahrhunderts, beginnend mit dem Klassizismus und der Romantik, dem Realismus Courbets, den Impressionisten, den Vätern der Moderne und schließlich dem vorläufigen Abschluss dieser Entwicklung in den Arbeiten Picassos, Matisse’ und Modiglianis.

Urszula Usakowska-Wolff: Gebührenfreie Information. © Urszula Usakowska-Wolff

Urszula Usakowska-Wolff: Gebührenfreie Information. © Urszula Usakowska-Wolff

Eine Zeitreise

Die chronologische Hängung der "Franzosen in Berlin" ermöglicht eine Zeitreise durch die Kunstgeschichte, auf der dem Besucher viele Bekannte begegnen und die Einblick gibt in den Kampf der Künstler um neue Sicht- und Darstellungsweisen. Steht am Anfang noch die akademische Kunst Ingres und die Romantik Marie-Denise Villers, so wird mit dem starken Auftritt Gustave Courbets ein neues Kapitel aufgeschlagen - der Realismus versteckt seine Sujets nicht mehr in Posen und mythologischer Camouflage. Sie werden gezeigt, wie sie wirklich sind. Seine "Frau mit Papagei" ist zur Empörung der Zeitgenossen reine Sinnlichkeit. Das Bild ist der Wendepunkt einer Reihe, die mit Ingres "Odaliske in Grisaille" beginnt und über "Die Geburt der Venus" von Cabanel bis zum "Liegenden Akt" Modiglianis reicht. Höhepunkt dieser Reise werden für die meisten Besucher sicher die Impressionisten sein. Sie lösen die Welt in Licht und Farbe und Atmosphäre auf. Ihre Bilder erklären sich selbst und bedürfen weder der historischen Belesenheit ihrer Vorgänger noch der psychologischen Deutungsfähigkeit ihrer Nachfolger. Der Augenblick wird in diesen Bildern zur Ewigkeit. Es wäre jedoch zu kurz gegriffen, die Impressionisten nur als einen Rausch der Farben wahrzunehmen. Monet hat sich aus dieser Buntheit schon früh wieder verabschiedet, wenn seine beiden Bilder "Eisschollen" und "Das Parlament, bei Nebel" das Licht auf Grautöne reduzieren und schon fast eine abstrakte Formensprache finden. Das sind die schönsten Franzosen dieser französischen Ausstellung aus New York. Allerdings wird der Kenner einige Bekannte schmerzlich vermissen: Die allerschönsten Franzosen sind eben immer noch in Paris im Musée d’Orsay.

Was das alles kostet

Dass eine solche Ausstellung in Berlin möglich ist, verdankt die Neue Nationalgalerie dem Umstand, dass im New Yorker Metropolitan Museum of Art in diesem Sommer umgebaut wird. Anstatt die im Wege hängenden Bilder ins Depot zu bringen, sind sie nun für vier Monate nach Berlin ausgelagert. 7,5 Millionen Euro kostet diese vor allem logistische Kraftanstrengung, ebenso viel wie seinerzeit die Moma-Ausstellung. Das ist nur zu schultern mit der Unterstützung zahlreicher Sponsoren, allen voran die West LB und die Telekom, aber auch die öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten sind mit im Boot, also über die GEZ-Gebühren auch wir alle. Daneben sollen ein Angebot von 700 Artikeln im Museumsshop (vom T-Shirt bis zum Sonnenschirm), eine eigens zur Ausstellung produzierte CD sowie eine Zeltgastronomie mit savoir vivre Geld in die Kassen spülen. Allein in Berlin werden 1200 Werbeflächen dafür sorgen, dass das Großereignis niemandem entgeht. Das KaDeWe wirbt ebenfalls in seinen Schaufenstern für die Ausstellung. Nur Knut ist noch rein weiß und nicht von den blau-weiß-roten Streifen bedeckt, die das Markenzeichen des Ereignisses sind. Wenn 500 000 Besucher in die Neue Nationalgalerie finden, sind die Veranstalter glücklich und zufrieden.

Virtuelle Schlange

Besonders stolz ist man bei den Freunden der Nationalgalerie auf das "Warten ohne anzustehen". Jeder Käufer einer Eintrittskarte erhält eine individuelle Einlassnummer, die seine persönliche Einlasszeit in die Ausstellung bestimmt. An einem Bildschirm kann so der Besucher verfolgen, wo er in der „virtuellen Schlange“ steht und wann er an der Reihe ist. Diese Neuerung haben sich die Ausstellungsmacher bei einem Metzgerladen in der Toskana abgeguckt. Das hätten sie doch auch in Berlin lernen können: Für Kunden der Jobcenter ist das ein alter Hut.

Text © Manfred Wolff

2.06.07


"Die schönsten Franzosen kommen aus New York"
Französische Meisterwerke des 19. Jahrhunderts
aus dem Metropolitan Museum of Art, New York in der Neuen Nationalgalerie Berlin
1.06. - 7.10.2006
Website der Ausstellung >>>


Katalog
Französische Meisterwerke des 19. Jahrhunderts
aus dem Metropolitan Museum of Art, New York
Hg. Staatliche Museen zu Berlin Preußischer Kulturbesitz
288 S.,
Nikolai Verlag, 2007
ISBN 10:3-89479-381-3
ISBN 13:978-3-89479-381-4
Preis 29 € (Museumsshop), 39 € (gebundene Ausgabe, im Buchhandel erhältlich)

Kinderbuch
Französische Meisterwerke des 19. Jahrhunderts
aus dem Metropolitan Museum of Art, New York für Kinder erklärt
88 S.,
Nikolai Verlag, 2007
ISBN 10:3-89479-394-5
ISBN 13:978-3-89479-394-4


zu den Kunstnews

Weiter zum Text über die Ausstellung "Einblicke - Privatsammlung Piepenbrock" in der Berlinischen Galerie, Berlin, 30.03. - 27.08.2007