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Einen größeren Kontrast als zwischen der vorangegangenen Jeff-Koons- und der jetzigen Edvard Munch-Ausstellung in der Kunsthalle Bielefeld kann es scheinbar nicht geben: Vorher die makellosen und monumentalen Schnappschüsse der unbeschwerten Konsumwelt des ausgehenden 20. Jahrhunderts mit dem Schein der schönen und perfekten Oberfläche, der sich der amerikanische Starkünstler mit Vorliebe widmet, nun die düsteren Landschaften der gequälten Seele, Sinnbilder der Einsamkeit und Entfremdung des sensiblen Individuums auf der Schwelle zum 20. Jahrhundert, wie sie der Norweger Edvard Munch in seinen auf menschliche Dimensionen zugeschnittenen Gemälden, Zeichnungen und Holzschnitten zum Ausdruck brachte. Knappe hundert Jahre liegen zwischen den beiden Malern, die ein künstlerisches Jahrhundert einrahmen, das mit aufrüttelnden, obwohl leisen und wehmütigen Seelenlandschaften begann und mit grellen Oberflächen-Huldigungen endete, denen jeder tiefere Sinn abhanden gekommen zu sein scheint. Der Weg aus der Tiefe an die Oberfläche hat doch etwas Gemeinsames: die Vereinsamung und Entfremdung des Individuums in der Gesellschaft gipfelt in seiner Verherrlichung der Warenwelt. Die gequälte Seele hat heute zu allem Überfluss die be(un)ruhigende Qual der (Konsum)wahl. Leidvolle
Erfahrungen Der 1883 in der norwegischen Hauptstadt Christiana (das heutige Oslo) geborene Edvard Munch lernte bereits sehr früh Krankheit, Unglück, Angst und Tod kennen. Sein Vater, Christian Munch war ein tief gläubiger Militärarzt mit bescheidenem Einkommen. Seine zwanzig Jahre jüngere Ehefrau starb an Tuberkulose, als Edvard fünf Jahre alt war. Edvard selbst war auch von schwacher Gesundheit, aber seine ältere Schwester Sophie sollte das nächste Opfer der Schwindsucht werden. Seine jüngere Schwester Laura litt an einer Krankheit, die damals als "Melancholie" bezeichnet wurde. Von den fünf Geschwistern war nur sein Bruder Andreas verheiratet, der allerdings nur wenige Monate nach der Hochzeit starb. Krankheit, Unglück und Tod, die das Leben von Edvard Munch stets begleiteten, spiegelten sich deshalb auch in seiner Kunst wider. Alle
guten Dinge sind vier “Edvard Munch. 1912 in Deutschland“ heißt die gegenwärtige Ausstellung in der Kunsthalle Bielefeld, die einerseits an die Aufsehen erregende Präsentation des als “Vater der Expressionisten“ verschrieenen Norwegers anknüpft, die 1994 in der Hamburger Kunsthalle unter dem Titel “Munch und Deutschland“ gezeigt wurde. Andererseits setzt die Kunsthalle Bielefeld eine heimische Ausstellungstradition fort, denn bereits 1907 hatte der Kunstsalon Fischer 44 Bilder und Grafiken des Norweger präsentiert, die vom Kunstpublikum weitgehend abgelehnt wurden. Seitdem hat sich zum Glück einiges, auch wenn recht langsam, geändert. So zeigte 1931 das Städtische Kunsthaus in Bielefeld 18 Gemälde und 115 grafische Werke des damals noch nicht als “entartet“ angesehenen norwegischen Künstlers. Auf die nächste Munch-Ausstellung mussten dann die Bielefelder ganze 49 Jahre warten: 1980 wartete die Kunsthalle Bielefeld mit seiner umfangreichen Schau unter dem Titel “Liebe, Angst, Tod“ auf, mit Zeichnungen und Grafiken aus dem Munch-museet in Oslo. Die neueste Bielefelder Ausstellung, also die vierte große Munch-Schau in der ostwestfälischen Hauptstadt, mit seinen 30 ausgewählten Arbeiten auf Leinwand und Papier aus der Zeit von 1889 bis 1912, war ursprünglich als Rekonstruktion der wegweisenden Sonderbund-Ausstellung geplant, die 1912 in Köln stattfand und in der Edvard Munch eine führende Rolle spielte. Im dortigen “Ehrensaal“ mit der Nummer 20 wurden damals seine 32 Werke: Porträts, Landschaften und symbolische Darstellungen aus den letzten 23 Jahren gezeigt. Doch nur etwa die Hälfte dieser Bilder können zurzeit in Bielefeld ausgestellt werden, denn manche von ihnen unterliegen aus konservatorischen Gründen einem “totalen Leihverbot“, wie Kunsthallendirektor Thomas Kellein betonte. Im kunsthistorischen Kontext Um die Ausstellung in einem gebührenden Umfang präsentieren zu können, wurde sie durch weitere Munch-Gemälde ergänzt, worunter sich die „Dorfstraße Kragerø“, eine Dauerleihgabe der Staff-Stiftung sowie andere expressionistische Bilder seiner Künstlerkollegen: u.a. Kirchner, Heckel, Macke und Jawlenskij befinden, die zur Sammlung der Kunsthalle Bielefeld gehören, also jene Künstler, die ebenfalls, obwohl im kleineren Rahmen, in der Kölner Sonderbundschau von 1912 vertreten waren. Auf diese Weise stellt die Bielefelder Ausstellung Munchs Arbeiten in einen kunsthistorischen Kontext und zeigt seinen Einfluss als Wegbereiter und letztendlich “Vater des Expressionismus“, der seinerseits von den jüngeren Malern auch nicht unbeeinflusst blieb. Wie in der „Dorfstraße Kragerø“ zu sehen, wurden seine Farben zunehmend heller, seine Motive gegenständlicher und weniger düster, da von sanften Licht durchflutet. Der bisherige Großstadtmaler fand nach 1911 zunehmend in der Natur seine Bilderwelt. Melancholie
hat viele Namen Konservatorische Gründe erforderten es, dass der zweite Stock der Kunsthalle Bielefeld, in der “Munch. 1912 in Deutschland“ gezeigt wird, noch spärlicher als sonst beleuchtet wird. Das tut den dort ausgestellten Werken jedoch keinen Abbruch, verstärkt sogar den Eindruck der Wehmut, Einsamkeit, ja sogar Ausweglosigkeit, den sie heute noch vermitteln. Melancholie macht sich breit, wie auf den gleichnamigen Bildern von 1894 und 1899 zu sehen. Das letztere ist ein ergreifendendes Studium seiner Schwester Laura, die in geistiger Umnachtung ihr Leben in der psychiatrischen Abteilung eines Krankenhauses in Christiana fristete, in totaler Abgeschiedenheit, ihre Nächsten nicht wahrnehmend und nicht erkennend, in ihrer eigenen unzugänglichen Welt zeitlebens eingesperrt. Die Porträts scheinen auch in ihren leiblichen Füllen und gesellschaftlichen Rollen gefangen, die sie zu spielen verurteilt sind: Der norwegische Dichter Jappe Nilssen, von Munch 1908 gemalt, steht zwar mit beiden Füssen fest auf dem Boden und hält beide Hände in seinen Hosentaschen versteckt, sein Blick scheint jedoch abwesend und entrückt zu sein. Seine Einsamkeit unterstreichen noch die violetten, ziegelroten und grünlichen Farbtöne, die auch in anderen Bildern für Munchs Melancholie stehen, unabhängig davon, ob sie die Unmöglichkeit einer Verständigung zwischen den Geschlechtern verdeutlichen (“Fruchtbarkeit“, 1884? und ”Amor und Psyche“, 1907) oder den lange Zeit vergeblichen Kampf des Künstlers mit seiner Alkoholsucht (“Selbstbildnis mit Weinflasche“, 1906) ausdrücken. Der Mensch ist ein Gefangener des Schicksals und das Schicksal meint es selten gut mit ihm, auch wenn er mit Talent, Würden und gesellschaftlicher Anerkennung gesegnet wurde. Ein Sinnbild der seelischen Abgründe sind ferner Munchs Landschaften, über denen ein düsterer, Unheil verkündender Himmel hängt: “Die Kirche im Wald“(1899) gleicht eher einem Gespensterschloss und “Die Kinder im Wald“ erstarren vor einer Naturkulisse, hinter der sich jederzeit ein nicht zu gewinnender Kampf von entfesselten, unkontrollierbaren Leidenschaften entfalten kann: Das Leben ist zerstörerisch, und seiner zerstörerischen Kraft kann niemand widerstehen. Auf der
Höhe der Zeit Melancholie:
ein Sammelbegriff für Krankheit, Unglück, Tod und Trauer, die das
Leben Edvards Munchs seit seiner jüngsten Kindheit bestimmten, gehört
- wie in der gegenwärtigen Bielefelder Ausstellung besonders deutlich
zu sehen - zu den Hauptmotiven seiner bis heute unglaublich modern und
aktuell wirkenden Kunst. Seine gequälten Seelenlandschaften sind heute
mehr denn je auf der Höhe der Zeit, auch wenn diese versucht, die
oberflächliche Fassade zum Maß aller Dinge zu (v)erklären. Edvard Munch. 1912 in
Deutschland 24.11.2002 -
16.02.2003 Zur Ausstellung
erscheint ein von Dr. Thomas Kellein herausgegebener Katalog mit Texten
und Dokumenten, der alle ausgestellten Werke farbig abbildet.
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