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Kunst
ohne Kanten Niki de Saint Phalle (*29.10.1930 in Neuilly-sur-Seine - † 22.05.2002 in San Diego), Tochter einer Amerikanerin und eines adligen französischen Bankiers, die als Zweijährige mit ihren Eltern nach New York zog, ist eine der bekanntesten Künstlerinnen der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts.
Kathedrale zwischen den Schenkeln Zu ihrem Markenzeichen gehören bekanntlich die üppigen “Nanas“,
mit denen sie zu ersten Mal 1964 großes Aufsehen erregte und denen man
fast überall auf der Welt - in Paris, New York, Brüssel, Genf, Tokio,
Luzern, Amsterdam und Los Angeles - als stehende oder liegende bunte und
Lebensfrohe weibliche Figuren begegnen kann. Für die große Halle des
Moderna Museet in Stockholm schuf die Künstlerin 1966 eine gigantische
“Nana“ unter dem Titel “Hon - en katedral" (“Sie - eine
Kathedrale“), die als “Größte Hure der Welt" bezeichnet
wurde: Eine liegende sechs Tonnen schwere und 27 Meter lange Super-Nana.
Durch die "keineswegs geheime Öffnung" zwischen ihren
Schenkeln strömten täglich rund 2000 Besucher in ihr mit Bar und
Bibliothek ausgestattetes Inneres, das von den Künstlern Jean
Tinguely und Per Olof Ultved gestaltet wurde.
Das "fantastischste Unternehmen ihres Lebens" nannte die Künstlerin
diese berühmteste ihrer "Nanas". Terroristin
der Kunst Bevor
die Komtesse Niki de Saint Phalle mit ihren üppigen Frauenskulpturen,
die dem gängigen Schönheitsideal trotzten, international berühmt und
berüchtigt wurde, sorgte sie in der Fachwelt bereits dank ihrer
"Schießbilder" für Schlagzeilen. Zu den bekanntesten Anhängern
ihrer Kunst gehörten Anfang der 1960er Jahre Robert Rauschenberg und
Jasper Johns, die ihre aggressive Instinkte auslebten, indem sie auf die
von der Künstlerin gefertigten Gipsfiguren mit Farbbeuteln schossen.
Rote Farbe floss, wie Blut, von den “Schießbildern“ herunter. Niki
de Saint Phalle, die als Zwölfjährige von ihrem Vater vergewaltigt
wurde, nannte sich damals eine "Terroristin der Kunst" und
versuchte auf ihre Art, sich von den traumatischen Kindheitserlebnissen
zu befreien, denn "Ich schoss gegen Daddy, gegen alle Männer."
Vom
Vatermord zum Matriarchat Mit
ihrem surrealen Film "Daddy“ zielte Niki 1972 zum letzten Mal auf
die verhassten Väter. Danach wurden ihre Riesenfrauen zum Inbegriff des
(nicht nur künstlerischen) Matriarchats. "Männer waren sehr
erfinderisch. Sie haben alle diese Maschinen erfunden, das
Industriezeitalter, aber sie haben keine Ahnung, wie man die Welt
verbessert", sagte sie 1996 dem Regisseur Peter Schamoni, der einen
Film über sie drehte. Freundliche Monsterbauten Für
ihre "Nanas" setzte die Künstlerin ihre Gesundheit aufs
Spiel, denn sie atmete jahrelang gefährliche Kunststoffdämpfe ein und
litt schließlich unter einem lebensgefährlichen Emphysem, einer Aufblähung
der Lunge, was im Mai 2002 zu ihrem Tod führte. Seit Anfang der 1980er
Jahre lebte sie in der Toskana und arbeitete zusammen mit dem
schweizerischen Künstler Jean Tinguely (1925 - 1991), der ihr zweiter
Ehemann war, an ihrem großen Projekt, dem 1998 fertig gestellten
Tarot-Garten in Capalbio. Der Zaubergarten mit bewohnbaren „Nanas“
war Niki de Saint Phalles Lebenswerk. "Tod", "Pferd"
oder "Teufel" heißen ihre bunten und freundlichen
Monsterbauten: Trumpfkarten des Tarock- Kartenspiels. In den "Tarot-Garten",
den sie durch den Verkauf ihrer Arbeiten finanzierte, investierte sie
mehr als 4,5 Millionen Euro. "Ich habe für diesen Garten alles
geopfert. Meinen Geliebten und mein Privatleben", meinte sie dazu.
Meta-bunte
Dekorativität Der
Tod Jean Tinguelys im Jahr 1991 bildet eine Zäsur in der Kunst Niki de
Saint Phalles. Die Arbeiten der ehemaligen „Terroristin“, die seit
1993 aus gesundheitlichen Gründen im kalifornischen San Diego wohnte,
fallen seitdem vor allem durch zunehmende Dekorativität auf. Zu ihrem
letzten Arbeiten gehört eine Serie von kinetischen Reliefs “Meta-Tinguely“,
die sie ihrem langjährigen Kunst- und Lebensgefährten widmete sowie
die“„Arche Noah“, ein Ensemble aus 39 bunten Tierfiguren, die im
Mai 2000 im Zoo von Jerusalem aufgestellt wurde.
Großzügige
Geschenke Im
Sommer des Jahres 2000 beglückte Niki de Saint Phalle das Sprengel
Museum in Hannover mit mehr als 300 ihrer Werken, die unter dem Titel
"La Féte. Die Schenkung Niki de Saint Phalle“ dort in einer drei
Monate dauernden Ausstellung zu sehen waren. Mit dem großzügigen
Geschenk dankte die Künstlerin der Stadt Hannover, wo sie bereits 1969
eine ihrer ersten großen Ausstellungen hatte und wo 1973 - 1974 am
Leineufer ihre drei “Nanas“ aufgestellt wurden.. Für die Herrenhäuser
Gärten in Hannover gestaltete sie ferner drei Grotten, die seit kurzem
ebenfalls besichtigt werden können. Ende Juli 2001 schenkte sie ferner
über 170 Skulpturen, Bilder und Lithografien dem Musée d´Art modern
et d´Art contemporain in Nizza.
Polnische
Premiere Über
die Hälfte dieser Schenkung, darunter
23 Bilder und Skulpturen und 56 Lithografien und Seriografien aus
den Jahren 1958 - 2000 kann gegenwärtig im Krakauer Nationalmuseum
bewundert werden, nachdem sie vom 10. Mai - 22.Juni 2002
in der Warschauer Galerie „Zacheta“)
präsentiert wurde. Die beiden Ausstellungen sind die erste
Retrospektive Niki de Saint Phalles in Polen. Dort kann man jetzt ihre
eigenartige Kunst-Welt betreten, die mit einem rebellischen Knall begann
und im dekorativen Farben- und Formenrausch endete. Text © Urszula Usakowska-Wolff 3.07.2003
Niki
de Saint Phalle 5.07.
- 31.08.2003 Kuratorin
Anna Król Katalog Niki de Saint Phalle Zachęta Państwowa Galeria Sztuki Warszawa 2003 ISBN 83 891 45 21 9 Preis PNZ 25.00 (ca. EUR 4,70)
Musée d´Art modern et d´Art contemporain à Nice |