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Begrenzter
Blick auf die Moderne Sein Selbstbildnis mit Judenpass (1943) ist zu einem oft zitierten, reproduzierten und ausgestellten Symbol der Zeit der Demütigung, Stigmatisierung und Vernichtung geworden. Dem 1904 in Osnabrück geborenen und 1944 in Auschwitz ermordeten Maler Felix Nussbaum, den seine Heimatstadt 1998 mit einem von Daniel Libeskind entworfenen Museum ehrte, maß man bisher vor allem eine zeitgeschichtliche Bedeutung bei. Er war ein Chronist der Shoa und verlieh den Millionen von Opfern sein individuelles Gesicht. Die künstlerischen Leistungen des Künstlers und seine Stellung in der Kunst der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhundert verschwanden im Schatten seines Schicksals. Die Frage, ob jemand, der Flucht, Demütigungen, Todesangst und gewaltsamen Tod in der größten nationalsozialistischen Todesfabrik erleiden musste, auch kunsthistorisch von Bedeutung sei, sollte lieber nicht gestellt werden. Und so ist Felix Nussbaum kunsthistorisch lange Zeit ein Opfer seines Schicksal geworden. Um den Klischees vom Maler des jüdischen Schicksals und seinem Werk als Ausdruck jüdischer Kunst und der Etikettierung seiner Arbeiten als 'Holocaust-Kunst' entgegen zu treten, unternahm das Felix-Nussbaum-Haus zum 100. Geburtstag des Künstlers, der mit 17 Jahren Osnabrück verlassen hatte, den Versuch, ihn als einen würdigen und ebenbürtigen Vertreter der Moderne zu präsentieren. Zeit im Blick. Felix Nussbaum und die Moderne heißt folgerichtig die Ausstellung, in der 50 seiner Bilder zusammen mit knapp 150 Arbeiten anerkannter Künstlerinnen und Künstler gezeigt werden, unter denen Pablo Picasso, Paul Klee, Henri Rousseau, Max Beckmann, Edvard Munch, Otto Dix, Käthe Kollwitz, Max Liebermann, Jankel Adler aber auch Bernhard Heisig nicht fehlen dürfen. Wie die Leiterin des Felix-Nussbaum-Hauses Inge Jaehner versicherte, galt es einen neuen Nussbaum und die vielfältigen Aspekte seines künstlerischen Oeuvres zu entdecken und einen spannenden Blick auf die Kunst der Moderne zu werfen.
Rebell
in der Kunst und im Leben Neues ist in der Ausstellung beim besten Willen nicht zu entdecken und der spannende Blick verliert sich in der Masse der dicht neben und übereinander gehängten Bilder, von denen viele, auch die mit Signaturen prominenter Künstler versehen, nicht zu ihren Glanzleistungen gehören. Die Osnabrücker Schau auf die Kunst der Moderne ist vor allem eine beeindruckende Motivsammlung: Masken, Tränen, Gesten, gespenstische Landschaften, in denen sich die Vorahnung der herannahenden Katastrophe wiederspiegelt. Die in vier Kapitel gegliederte Ausstellung: Umschau und Blick nach vorn, Der exilische Blick, Selbst im Blick und Sehenden Auges widmet sich den einzelnen Etappen in der Entwicklung und im Leben des Künstlers Nussbaum und konfrontiert sie mit den Arbeiten seiner zum Ausstellungskonzept passenden Zeitgenossen. Am Anfang seiner künstlerischen Laufbahn war Nussbaum, wie jeder junge Künstler, ein Suchender, der sich bemühte, seinen eigenen Stil zu finden. Zu seinen großen Vorbildern gehörten vor allem Van Gogh, dessen Bilder man in der Ausstellung vergeblich sucht, der Zöllner Rousseau und de Chirico. Nussbaums Bilder vom Anfang der 1930er Jahre, vor allem Der tolle Platz (1931) erregten Aufsehen und sogar Max Liebermann bescheinigte ihm, ein vielversprechender Maler zu sein. Sie waren, wie Nussbaum bekannte, ein Spottbild auf die geistige Erstarrung und grenzenlose Unfähigkeit der Akademiker. Der Sohn einer Osnabrücker Kaufmannsfamilie war - für einen Künstler keine Seltenheit - ein Rebell gegen die akademische Malerei und im Leben ein Rebell gegen die bürgerliche Gesellschaft, also auch gegen seine Eltern, die sein Verhältnis mit der aus Warschau stammenden Felka Platek, seiner späteren Ehefrau, mit der er in Berlin zusammen lebte, nicht besonders glücklich machte. Ob Nussbaum sich als jüdischer Künstler betrachtete, ist auf seinen Bildern nicht zu erkennen. Er malte zwar Synagogen- und Friedhofsszenen, Familienporträts und Urlaubsbilder von der Norderney, doch auch diese Arbeiten sind eher eine Auseinandersetzung mit der geistigen Erstarrung und ein Plädoyer für die künstlerische Freiheit, die keine religiösen, gesellschaftlichen oder Stammesgrenzen kennt. Die Kunst war für Felix Nussbaum die einzige Möglichkeit, als freier Mensch zu leben. Unveränderte Wirkung Diese Freiheit bewahrte er sich auch in den Jahren der Flucht, Verfolgung, Internierung und der trostlosen Existenz in einem Brüsseler Versteck, aus dem er, kurz vor der Befreiung der belgischen Hauptstadt denunziert, nach Auschwitz verschleppt und dort mit seiner Frau Felka, die er 1937 heiratete, wahrscheinlich im Herbst 1944 umgebracht wurde. Bis zuletzt malte er sich selbst und die Anderen, noch Lebenden, aber bereits zum Tode Verurteilten und bewahrte sich die Freiheit, in einer menschenverachtenden Zeit die Menschenwürde zu bewahren. Zwar musste er in einer Zeit leben, in der der Tod triumphierte und auf den Trümmern der Zivilisation sein blutiges Werk vollbrachte, doch selbst noch im August 1943 blickte der Künstler selbstbewusst und trotzig auf seinem Selbstbildnis an der Staffelei, als ob er sagen wollte: den Menschen Nussbaum könnt ihr vernichten, der Künstler Nussbaum wird in seinen Bildern weiterleben. Ob dadurch, dass seine Bilder in einer Reihe mit Picasso, Beckmann, Munch oder Klee gehängt werden, der Rang von Felix Nussbaum erhöht und er zu einem bedeutenden Künstler der Moderne erhoben wird, spielt keine Rolle. Was ändert es an der Wirkung seiner Bilder, wenn sie neben den eher zweitrangigen Grafiken und Papierarbeiten erstklassiger Modernisten Platz finden? Auf diese Frage gibt die Osnabrücker Zeit im Blick keine Antwort. Eigener Blick auf die Kunst Die auf den Blick fixierte
Schau, unabhängig davon, ob er nach vorn, auf das Exil, sich selbst
oder gar auf das sehende Auge gerichtet ist, ermöglicht vor
allem, einen Blick auf die Zeit zu werfen, in der die ausgestellten Künstler
lebten und wie sie sie in ihren Bildern wiedergaben. Es war eine Zeit
des künstlerischen und gesellschaftlichen Aufbruchs und Umbruchs, dem
der Nationalsozialismus ein Ende setzte. Die Ausstellung zeigt, dass die
Künstler über prophetische Fähigkeiten verfügen, denn ihre Werke
zeugen davon, dass sie die Katastrophe lange vorausahnten. Das ist zwar
sehr beeindruckend, aber aus anderen Ausstellungen, spätestens aus den Deutschlandbildern
(Berlin, 1997/98) recht gut bekannt. Um Neues zu entdecken, wenn
man das unbedingt will, und einen spannenden Blick auf die Kunst der
Moderne zu ermöglichen, müsste man ihn Richtung Osten werfen, denn die
Osnabrücker Moderne ist eine - abgesehen von einigen Bildern von Jankel
Adler - rein westliche Angelegenheit. Der Dialog Felix Nussbaums mit
seinen polnischen Schicksalsgenossinnen und -genossen Izaak Celnikier,
Jonasz Stern, Alina Szapocznikow oder Erna Rosenstein, um nur einige zu
nennen, wäre einer Ausstellung wert, wenn man ihre Namen und ihre Kunst
hierzulande kennte. So hat die Osnabrücker Zeit nur ihre eigene,
begrenzte Moderne im Blick. Text
© Urszula Usakowska-Wolff 9.03.2005 Zeit
im Blick Zeit im Blick Felix Nussbaum und die Moderne Rasch Druckerei und Verlag GmbH & Co. KG Bramsche ISBN 3-89946-043-X Preis 25 Euro |