|
Aus
der Ruhe kommt die Kraft Die
Mutter Erde sitzt auf einem Sockel aus roten Ziegelsteinen. Mit riesigen
Brüsten, mächtigem Bauch und imposanten Oberschenkeln erinnert sie an
eine überlebensgroße Venus aus Willendorf. Ihren Hals krönt ein
graziles Haupt in Form einer buddhistischen Gottheit. Vom weiten sieht
diese Keramikskulptur wie eine Pyramide aus. Die auf ihrem stufenförmigen
Sockel brennenden Kerzen vermitteln den Eindruck, dass es sich auch um
eine Grabstätte handeln könnte. Die Mutter Erde ist also ein
metaphorisches weibliches Wesen, das in allen Zeiten, Kulturen und
Religionen dieser Welt den Ursprung des Lebens und seine letzte Ruhestätte
symbolisiert. Neben der Magna Mater steht eine kleine zierliche Frau. Es
ist Hanna Maria Ograbisz-Krawiec, Bildhauerin und Malerin, die großformatige
Plastiken und reliefartige Bilder kreiert. Sie strahlen eine wohltuende
Ruhe aus und laden zum Verweilen, zur Meditation und Kontemplation ein.
Sie können als sakrale Kultobjekte betrachtet werden, als Synthese
aller Religionen, Ausdruck eines religionsübergreifenden Glaubens. Doch
das Sacrum steht bei dieser polnischen Künstlerin immer auf festem
Boden. Es ist erdverbunden. Wie der Geist die Materie entmaterialisiert,
also sie in metaphysische Sphären befördert, und die Materie den Geist
entgeistert, also wieder auf die Erde bringt, das sind Themen, denen
Hanna Maria Ograbisz-Krawiec ihre vielseitigen und vielschichtigen Werke
widmet.
Farborgien
und Energiefelder Die
polnische Künstlerin zeigt zum ersten Mal ihre Arbeiten in Berlin. Ihre
vier Skulpturen und siebzehn Ölgemälde sind noch bis zum 31. Januar
2008 in der Galerie Beletage im VOX Möbel Salon in Berlin-Tiergarten zu
sehen. Was sowohl in den plastischen Arbeiten als auch in den Bildern
auffällt, ist die unverkennbare Stofflichkeit: Ihre Oberfläche mutet
wie Gewebe an. Das ist kein Zufall, denn Hanna Maria Ograbisz-Krawiec
studierte an der Akademie der Schönen Künste in Posen Bildhauerei bei
Prof. Olgierd Truszczyński und Textilkunst bei der namhaften
polnischen Bildweberin und Bildhauerin Magdalena Abakanowicz, die seit
Jahrzehnten mit überlebensgroßen meistens kopflosen Stofffiguren und
Figurengruppen großes Aufsehen erregt. Während die Plastiken ihrer Schülerin
weitgehend gegenständlich sind und mythischen oder literarischen
Gestalten (etwa dem Kater Behemoth, Gehilfen des Teufels Volan im
Katzenfell aus dem Roman "Meister und Margareta" von Michail
Bulgakow) gewidmet sind, sind ihre Ölbilder in der Regel abstrakt. Es
sind vor allem Landschaften, die diese Künstlerin malt. Ihre Motive
findet sie auf Reisen, bei denen sie der "Reiseengel" und der
"Engel mit der Orchidee" begleiten. Diese beiden gegenständlich-abstrakten
Bilder sind vor allem eine Farbenexplosion im kräftigen grün und rot,
also eine farbliche Zusammenstellung, die als äußerst schwierig gilt.
Doch auch diese Hürde meistert Hanna Maria Ograbisz-Krawiec virtuos.
Ihre Farborgien sind zwar expressiv und wahre Energiefelder, bestechen
aber zugleich durch eine Harmonie, die den Bildern eine meditative Aura
verleiht. Expressivität und Harmonie sind für diese Künstlerin keine
Gegensätze: Wenn man ihre Werke betrachtet, sieht man, dass aus der
Kraft die Ruhe kommt und die Ruhe aus der Kraft.
Freude
an der Farbe Hanna Maria Ograbisz-Krawiec liebt lichtdurchflutete Landschaften. Spanien ist das Land, das ihr immer wieder als Inspirationsquelle dient. Sie malt den "Regenbogen über Andalusien“, eine leidenschaftliche Komposition mit kräftigen Farben, und den "Horizont über Katalonien", wo der Himmel sich mit der Erde vereinigt. Sie malt aber auch die "Ostsee-Erregung“, Strände, magische Seen, Heidefelder und Buchen aus Polen. Unabhängig davon, wo sie ihre Landschaften auf Leinwand bannt, zeigt sie, dass die Schönheit der Natur für sie vor allem ein Farbenspiel bedeutet und dass die Schönheit der Natur "grenzenlos" ist, wie der Titel eines ihrer Bilder verkündet. Der dicke gespachtelte Farbauftrag lässt diese Bilder wie Reliefs erscheinen. Die bereits erwähnte Stofflichkeit ihrer Oberfläche bewirkt, dass sie wie gewebt aussehen: Sie muten wie weich vor den Augen changierende Wandteppiche an. Hanna Maria Ograbisz-Krawiec hat Freude am Malen und an der Farbe. Doch ihre farbenfrohen Landschaften sind nur vordergründig mehr oder weniger abstrahierte Naturbilder. Die dicken Farbschichten vermitteln den Eindruck, als ob sich hinter ihnen etwas verbirgt. Es sind die Schichten der Zeit, die jede Schönheit vergänglich macht, so dass sie nur in der Erinnerung oder einer gemalten Erinnerung überleben kann.
Obwohl
die polnische Künstlerin kräftige, zum Teil aggressive Farben und
Kontraste liebt, sind ihre Gemälde überraschend harmonisch. Ihre
Malerei beruht auf Gegensätzen, die sich gegenseitig ergänzen und die
Bilder nicht sprengen, sondern ihnen sowohl Dynamik als auch innere Ruhe
verleihen. Sie sind fragil und kräftig, getönt und leuchtend, pastös,
stellenweise fast monochrom und farbenfroh. Aus der Tiefe der
mehrschichtigen Gemälde dringt ein leiser Hauch von Melancholie an die
Oberfläche, denn Hanna Maria Ograbisz-Krawiec erzählt in ihren
Landschaften vor allem die Geschichte der vergänglichen Leidenschaft,
deren Sinnbilder sie sind. Leidenschaften, die sich in den Landschaften
entladen, laden zum Verweilen ein, denn sie sind, denn sie waren so schön.
Die Vergangenheit ist ein Labyrinth, in dessen verwinkelten Gängen und
Ecken die Erinnerung lauert. Die Ausstellung ihrer Werke hat Hanna Maria
Ograbisz-Krawiec wie eine begehbare Skulptur mit dem Titel "Labyrinth“ konzipiert und arrangiert, in die sie alle Räume der
Galerie Beletage einbezogen hat. An
seinem Ende befindet sich ein weißer Tunnel, der in den Möbelsalon VOX
führt.Es ist der
Übergang von der abgebildeten selbsterschaffenen Welt in die reale
Welt. Text ©
Urszula Usakowska-Wolff 03.12.2007 Hanna
Maria Ograbisz-Krawiec Montag
bis Freitag 10:00 – 19:00 Uhr |