Vier auf einen Streich

MARTa ist ein knappes halbes Jahr alt, aber schon ganz schön quirlig. Wo die älteren Geschwister sich alle drei bis vier Monate mit einer Vernissage bemerkbar machen und sich dabei mit großem Werbeaufwand gehörig spreizen, kommt das jüngste der deutschen Kunstmuseen, bereits von über 100.000 Menschen besucht, nun schon mit der dritten Ausstellung vor das Publikum, und das nicht einfach so, sondern gleich mit einem großen Auftritt: vier auf einen Streich! Im Dom des Gehry-Baus in Herford präsentiert Anton Henning (* 1964) sein "Oktogon für Herford“, eine Galerie zeigt die dem Museum überlassene Sammlung Kerber, im Forum sind Architekturfotografien von Reinhart Wolf (1930 - 1988) zu sehen, und in den restlichen Räumlichkeiten finden die Bestände der eigenen Sammlung noch einmal an das Strahlerlicht.

Anton Henning, MARTa Herford, 27.10.05. Foto © Manfred Wolff

Anton Henning, MARTa Herford, 27.10.05. Foto © Manfred Wolff

Anton Henning, 27.10.05, Foto © Manfred Wolff

Anton Henning, 27.10.05, Foto © Manfred Wolff

  Gediegenes Ambiente

Wer sich Anton Hennings "Oktogon“ nähert, läuft erst einmal vor eine gut doppelt mannshohe Wand aus Hartfaserplatten, die so gar nichts von Kunst haben. Erst wenn man sie umrundet hat, tut sich der Blick auf in eine Installation von gediegener Behaglichkeit. In dem achteckigen Salon sind auf einem gelblichen Velourteppich einige Polstermöbel aufgestellt, ein wenig in Bauhausmanier gestaltet, und laden zum entspannten Sitzen ein. Und die Wände sind der Kunst im engeren Sinne gewidmet. Alle sind behängt mit Gemälden von Anton Hennings und vervollkommnen das Ambiente eines Raums, der einem leidenschaftlichen Kunstsammler gehören könnte. Das Schöne ist: man kann diesen Salon betreten (Schuhe ausziehen!), darin herumgehen und sich sogar in den Polstermöbeln niederlassen, um die Bilder in Ruhe zu betrachten. So wird der Besucher zum Teil des, wie Jan Hoet sagt, "Gesamtkunstwerks“. Ob die Bilder an den Wänden wirklich große Kunst sind, kann der Betrachter dann selbst entscheiden. Was da gerahmt wurde, ist oft recht konventionell. Die Zitate aus der Kunstgeschichte machen jedenfalls Freude mit ihren Déjà-vu-Effekten.

Anton Henning: "Oktogon für Herford" (Installationsfragment), 2005. Foto © Manfred Wolff

Anton Henning: "Oktogon für Herford" (Installationsfragment), 2005. Foto © Manfred Wolff

Anton Henning: "Oktogon für Herford" (Installationsfragment), 2005. Foto © Manfred Wolff

Anton Henning: "Oktogon für Herford" (Installationsfragment), 2005. Foto © Manfred Wolff

Anton Henning: "Oktogon für Herford" (Installationsfragment), 2005. Foto © Manfred Wolff

Anton Henning: "Oktogon für Herford" (Installationsfragment), 2005. Foto © Manfred Wolff

  Zeugnis eines Lebens

Die Sammlung Kerber ist sicher nicht vergleichbar mit den großen Sammlungen, die Kunstgeschichte geschrieben haben oder schreiben werden, reicht nicht an Thyssen-Bornemisza oder Würth heran. Dennoch verdient sie nicht das Urteil "mittelmäßig“. Sie ist das Zeugnis eines Lebens mit der Kunst und mit Künstlern. Hier begegnet der Besucher nicht nur Namen, er nimmt auch Teil an dem Entdeckungsprozess, den Karl Kerber durchlaufen hat und dessen Spuren wir in der Sammlung sehen. Sammlungen sind ja heute öfter die Stars als die Künstler selbst. Leider spürt man nur allzu oft, dass der finanzielle Einsatz und der beratende Galerist die Ordnung der Exponate bestimmen. Wer Frecksmeier neben Baselitz oder Richter stellt, hat sich auf etwas eingelassen, und die Ausstellung wird zu einem persönlichen, fast schon intimen Erlebnis.

  Seele einer Landschaft

Die führende Möbelbeschlagsfirma Hettich trägt mit der Fotoausstellung von Reinhart Wolf zur Kooperation von Kunstmuseum und Möbelindustrie bei. Reinhart Wolf (1930 -1988) war nicht nur einer der kreativsten Sachfotografen des 20. Jahrhunderts. Die Herforder Ausstellung gibt auch Zeugnis von seiner Einfühlsamkeit. Seine "Köpfe“ der New Yorker Hochhäuser sind Porträts, die die Seele einer Stadtlandschaft ausleuchten. Die spanischen Burgen erscheinen wie gewachsene Felsformationen, und selbst unscheinbare Industriebauten öffnen seinem Kameraauge ihren Willen zu Selbständigkeit und funktionaler Schönheit.

  Sammlung mit Handschrift

Die Öffnung von MARTas Schatzkammer schließlich zeigt Arbeiten, die den treuen Besuchern zwar schon weitgehend bekannt sind, aber in ihrer Zusammenstellung lassen sie ahnen, wie es mit MARTa einmal weitergehen kann: Wenn erst andere als "nur“ Jan Hoet im Sammlungskatalog ihre Handschrift hinterlassen, wird sich abzeichnen, welche Bedeutung MARTa für die Region und vielleicht auch darüber hinaus haben wird.

Text  © Manfred Wolff

30.10.2005


Anton Hennig - Oktogon für Herford
Sammlung MARTa - eine Auswahl
Sammlung Karl Kerber - eine Auswahl
Reinhard Wolf - Architektur-Photographien
29.10.2005 - 8.01.2006
MARTa Herford


Robert Wilson (rechts: "Parzival: a chair with shadow", 1987. Sammlung MARTa Herford. Foto © Manfred Wolff

Robert Wilson (rechts): "Parzival: a chair with shadow", 1987. Sammlung MARTa Herford

Manfred Pernice: "Gartenfest", 2001. Sammlung MARTa Herford. Foto © Manfred Wolff

Manfred Pernice: "Gartenfest", 2001. Sammlung MARTa Herford. Foto © Manfred Wolff

Kendell Geers: "Hanging Buddha", 2004. Sammlung MARTa Herford. Foto © Manfred Wolff

Kendell Geers: "Hanging Buddha", 2004. Sammlung MARTa Herford. Foto © Manfred Wolff

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