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Vier
auf einen Streich MARTa
ist ein knappes halbes Jahr alt, aber schon ganz schön quirlig. Wo die
älteren Geschwister sich alle drei bis vier Monate mit einer Vernissage
bemerkbar machen und sich dabei mit großem Werbeaufwand gehörig
spreizen, kommt das jüngste der deutschen Kunstmuseen, bereits von über
100.000 Menschen besucht, nun schon mit der dritten Ausstellung vor das
Publikum, und das nicht einfach so, sondern gleich mit einem großen
Auftritt: vier auf einen Streich! Im Dom des Gehry-Baus in Herford präsentiert
Anton Henning (* 1964) sein "Oktogon für Herford“, eine Galerie zeigt
die dem Museum überlassene Sammlung Kerber, im Forum sind
Architekturfotografien von Reinhart Wolf (1930 - 1988) zu sehen, und in den restlichen
Räumlichkeiten finden die Bestände der eigenen Sammlung noch einmal an
das Strahlerlicht.
Gediegenes
Ambiente Wer
sich Anton Hennings "Oktogon“ nähert, läuft erst einmal vor
eine gut doppelt mannshohe Wand aus Hartfaserplatten, die so gar nichts
von Kunst haben. Erst wenn man sie umrundet hat, tut sich der Blick auf
in eine Installation von gediegener Behaglichkeit. In dem achteckigen
Salon sind auf einem gelblichen Velourteppich einige Polstermöbel
aufgestellt, ein wenig in Bauhausmanier gestaltet, und laden zum
entspannten Sitzen ein. Und die Wände sind der Kunst im engeren Sinne
gewidmet. Alle sind behängt mit Gemälden von Anton Hennings und
vervollkommnen das Ambiente eines Raums, der einem leidenschaftlichen
Kunstsammler gehören könnte. Das Schöne ist: man kann diesen Salon
betreten (Schuhe ausziehen!), darin herumgehen und sich sogar in den
Polstermöbeln niederlassen, um die Bilder in Ruhe zu betrachten. So
wird der Besucher zum Teil des, wie Jan Hoet sagt,
"Gesamtkunstwerks“. Ob die Bilder an den Wänden wirklich große
Kunst sind, kann der Betrachter dann selbst entscheiden. Was da gerahmt
wurde, ist oft recht konventionell. Die Zitate aus der Kunstgeschichte
machen jedenfalls Freude mit ihren Déjà-vu-Effekten.
Zeugnis
eines Lebens Die
Sammlung Kerber ist sicher nicht vergleichbar mit den großen
Sammlungen, die Kunstgeschichte geschrieben haben oder schreiben werden,
reicht nicht an Thyssen-Bornemisza oder Würth heran. Dennoch verdient
sie nicht das Urteil "mittelmäßig“. Sie ist das Zeugnis eines
Lebens mit der Kunst und mit Künstlern. Hier begegnet der Besucher
nicht nur Namen, er nimmt auch Teil an dem Entdeckungsprozess, den Karl
Kerber durchlaufen hat und dessen Spuren wir in der Sammlung sehen.
Sammlungen sind ja heute öfter die Stars als die Künstler selbst.
Leider spürt man nur allzu oft, dass der finanzielle Einsatz und der
beratende Galerist die Ordnung der Exponate bestimmen. Wer Frecksmeier
neben Baselitz oder Richter stellt, hat sich auf etwas eingelassen, und
die Ausstellung wird zu einem persönlichen, fast schon intimen
Erlebnis.
Seele
einer Landschaft Die
führende Möbelbeschlagsfirma Hettich trägt mit der Fotoausstellung
von Reinhart Wolf zur Kooperation von Kunstmuseum und Möbelindustrie
bei. Reinhart Wolf (1930 -1988) war nicht nur einer der kreativsten
Sachfotografen des 20. Jahrhunderts. Die Herforder Ausstellung gibt auch
Zeugnis von seiner Einfühlsamkeit. Seine "Köpfe“ der New Yorker
Hochhäuser sind Porträts, die die Seele einer Stadtlandschaft
ausleuchten. Die spanischen Burgen erscheinen wie gewachsene
Felsformationen, und selbst unscheinbare Industriebauten öffnen seinem
Kameraauge ihren Willen zu Selbständigkeit und funktionaler Schönheit.
Sammlung
mit Handschrift Die
Öffnung von MARTas Schatzkammer schließlich zeigt Arbeiten, die den
treuen Besuchern zwar schon weitgehend bekannt sind, aber in ihrer
Zusammenstellung lassen sie ahnen, wie es mit MARTa einmal weitergehen
kann: Wenn erst andere als "nur“ Jan Hoet im Sammlungskatalog
ihre Handschrift hinterlassen, wird sich abzeichnen, welche Bedeutung
MARTa für die Region und vielleicht auch darüber hinaus haben wird. Text © Manfred Wolff 30.10.2005 Anton
Hennig - Oktogon für Herford
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