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KUNST
AUF DEN ERSTEN BLICK Sammlung
Olbricht Teil 2 in Bremen Im zehnten Jahr seines Bestehens ist das Neue Museum Weserburg in Bremen laut den Worten seines Direktors, Dr. Thomas Deecke, in der "Jetzt-Zeit" angelangt. Ihr Ausdruck ist die in Zusammenarbeit mit der Gesellschaft für Aktuelle Kunst konzipierte, von der Bremer Landesbank und der Waldemar-Koch-Stiftung gesponserte Ausstellung "ohne zögern", in der zum ersten Mal der zweite Teil der Sammlung des Essener Mediziners Prof. Dr. Dr. Thomas Olbricht vor einer "breiteren Öffentlichkeit" unverhüllt, also meistens nackt oder spärlich bekleidet, enthüllt wird.
Von der Decke des Raumes im zweiten Stock, der den Anfang der Ausstellung in der Weserburg markiert, hängen zwei große Fetzen einer männlichen Haut, dahinter verkündet das Foto einer überdimensionalen Vulva den - wenig überraschenden, jedoch sehr originalgetreuen "Ursprung des Lebens", und in der Ecke summt die Kühlanlage mit den bekanntesten Sonnenblumen der Moderne, die - frisch vom Bremer Markt geholt und im flüssigen Stickstoff konserviert, die Sinne auch des weniger kunsterfahrenen Publikums erfreuen sollen. Der Künstler Marc Quinn, einer der bekanntesten Vertreter der "Young Britt Art" präsentiert sich als ein kunstgewandter Nachfolger der großen Meister, der die Ikonen der Kunst in die besagte "Jetzt-Zeit" transportiert, indem er sie zum Teil bemüht schockierend, zum Teil außerordentlich vereinfacht, als sofort identifizierbare künstlerische Inspirationsquellen verständlich zu machen versucht. Während Marc Quinn offensichtlich aus der Haut springt, um in die Haut seiner illustren Vorgänger zu schlüpfen, bleiben die anderen über siebzig Künstler, unter denen die Künstlerinnen mehr als die Hälfte ausmachen, in ihren körperlichen Hüllen gefangen, bis die unaufhaltsame Vergänglichkeit sie aus ihren irdischen Zwangsjacken befreit. Dem Körper, also der leiblichen Hülle und Fülle der menschlichen Existenz, gilt die Aufmerksamkeit des Sammlers Thomas Olbricht, der - beruflich der Naturwissenschaft verpflichtet und ihr naturgemäß eng verbunden, offensichtlich Werke solcher Künstler und vor allem Künstlerinnen sammelt, die seinen beruflichen Interessen inhaltlich entgegenkommen, sie ästhetisch rechtfertigen und bestätigen. Beweise dafür, dass sich die vorwiegend jungen oder immer junggebliebenen Kunstschaffenden, deren Werke er in den letzten acht Jahren zusammengetragen hat, den großen existenziellen Themen stellen, soll die Ausstellung "ohne zögern" liefern. So geht es in den über hundert in Bremen ausgestellten Arbeiten augenscheinlich um Leben, Lust und Frust der Sexualität, um Gewalt, Leid und Tod. Das Leben ist täuschend echt, ewig jung, triebhaft und verführerisch, es befriedigt die männliche Fantasie mit Abbildungen der Liebesdienerinnen aus den Pornomagazinen, die Marlene Dumas in ihren Ölbildern zu düsteren, schemenhaften schwarz-weißen Objekten der Begierde verfremdet. Zur Geschlechtlichkeit verurteilt, haben beide Geschlechter es oft schwer, sich mit ihrer Männlichkeit oder Weiblichkeit eindeutig zu identifizieren, denn sie ist, wie auf den Fotos von Helmut Newton, Gerhard Richter, Cindy Sherman, Shirin Neshat, Collier Schorr, Paul Graham, Bettina Rheims, Jeanne Dunning, Matthew Barney, Nan Goldin, Floria Sigismundi oder auf den Bildern von Gustav Kluge zu sehen, ein Produkt der gängigen Erwartungen, der tradierten Vorstellungen oder der selten erfüllten Träume, jemand anderer, als man ist, zu sein. In einer hochkarätigen Sammlung der immer öfter als
"Neue Realisten" bejubelten Künstler, dürfen die gegenständlichen,
alltäglichen Installationen und Objekte von Pippilotti Rist, Andreas
Slonimski, Andrea Zittel, Gregor Schneider und vor allem die mit den
Geschlechtsmerkmalen an den dafür von der Natur nicht vorgesehenen
Stellen versehenen Puppen der Brüder Chapman selbstverständlich nicht
fehlen. Aus der unzulänglichen körperlichen Hülle befreit sie und uns
erst der Tod, der in den Werken von Andres Serrano sein blutiges Werk
vollendet und für den Katharina Fritschs Skulptur "Der
Doktor" - ein Skelett im weißen Kittel, wohl das Symbol des größten
aller Sammler, steht. Was bleibt, ist die Vase von Maurizio Cattelan,
die in Form eines blumengeschmückten Schädels unbetitelt das Sinnieren
über Sein und Nichtsein enthüllt: Ausdruck eines Jetzt-Zeit-Yorricks? Die
plakative, also allgemeinverständliche Darstellung der großen Themen
der Kunst, der sich, wie aus der Ausstellung "ohne zögern"
ersichtlich, auch bedeutende junge Künstler und vor allem die dort
quantitativ und qualitativ dominierenden Künstlerinnen widmen, soll zum
Nachdenken über zeitlose, existenzielle Fragen provozieren. Die Masse
der provozierendenden Werke erschlägt leider ihre Klasse. In einer
hundertfachen Provokation verstummt der ergreifendste Ton, auch wenn ihn
die gesammelten aufsteigenden, gefeierten und etablierten Stars der
internationalen Kunstwelt angeben.
"Ohne
zögern - die Sammlung Olbricht Teil 2" wurde vom 3. Juni bis 16. September
2000 im Neuen Museum Weserburg gezeigt |