Zwischenfälle

Auch wenn der Titel der Ausstellung: „Himmel, Hölle, 1, 2, 3 - Briefe an Ovid“ es nahe legt - es ist kein Kinderspiel, was Hans Sieverding (*1937) auf großformatigen Leinwänden mit Acrylfarben gemalt hat. Menschliche Gestalten, überwiegend Frauen, Torsi, Blumen, Symbole von Macht und Herrlichkeit, von Bedrohung und  Trauer füllen die Bildflächen.

von Manfred Wolff

Sie entziehen sich der eindeutigen Zuordnung im Raum. Selbst ohne Attribute des Räumlichen, erstrecken sie sich auf den Ebenen, die deutlich sichtbar übereinander gelegt sind, mal durchscheinend aus einer Übermalung, mal in kräftigem Pinselstrich über ein anderes Bildsujet gelegt, dann wieder als feine Zeichnung vor dem übrigen Bildgeschehen schwebend.

Hans Sieverding in der Ausstellung "Himmel und Hölle, 1,2,3". Foto © Urszula Usakowska-Wolff

Hans Sieverding in der Ausstellung "Himmel und Hölle, 1,2,3". Foto © Urszula Usakowska-Wolff

Harmonie der Widersprüchlichkeit

Sieverding erklärt mit seinen Bildern dem Betrachter nichts. Wüsste er Antworten auf die Fragen, um die seine Bilder kreisen, bedürfte es der Bilder nicht. So nähert er sich den Fragen an, lässt die Vieldeutigkeit der Wahrnehmung unvermittelt, hält die Unbestimmtheit des Bildgeschehens fest. Niemand verlässt das Bild mit einer klaren Fragestellung, geschweige denn einer Antwort. Auch der Künstler nicht. Wie sicher und meisterhaft er auch den Umgang mit der Fläche, mit der Harmonie und Widersprüchlichkeit der Farben, mit der beschreibenden Kraft der Linien und Formen beherrscht - es bleibt der Eindruck, als habe der Künstler die Arbeit am Bild nur abgebrochen. Zu vieles bleibt noch ungesagt, deutet sich nur an, um in einem nächsten Bild wieder aufgegriffen zu werden. Ebenso ergeht es dem Betrachter, der ohne eine verbindliche Antwort auf die Fragen bleibt, die die Bilder in ihm auslösen. Er bricht die Betrachtung ab, um am nächsten Bild sich wieder den Fragen zu stellen.

Rätselhaftigkeit des Ganzen

Wenn Interpreten die Arbeiten Sieverdings der „Arte Cifra“ zuordnen wollen, werden sie dem Künstler nur bedingt gerecht. Sieverding verschlüsselt nicht, denn das setzte ja voraus, er kenne das Geheimnis, das sich hinter der Verrätselung verbirgt. Er schafft kein Rätsel, sondern weist auf das Rätsel hin, wie der Mythos auch nicht verbirgt, sondern einen Rahmen schafft,  in dem das Rätsel begreifbar wird. Die einfachen abstrahierten Formen der weiblichen Gestalten ähneln den archaischen Formen der Höhlenmalerei und kontrastieren zur detailgetreuen Wiedergabe der begleitenden Bildelemente: Rosen, Calla, Krebsscheren, Efeublätter. Sind die letzteren symbolbeladen in der Ikonografie, verweigern sie doch eine eindeutige Erklärung, eine Bedeutung des Ganzen. Und auch die Frauengestalten, die so scheinbar deutlich die Bilder beherrschen, entziehen sich einer konkreten Bedeutung.

Suche nach der Antwort

Keines der Bilder trägt einen Titel, denn Sieverding will den Betrachter nicht festlegen auf seine Sicht der Dinge. Er hält ihn für lernfähig, nicht jedoch für belehrbar. So wie der Künstler seine Antwort sucht, soll sich auch der Betrachter auf die Suche begeben. Selbst da, wo ihm durch ein Bild im Bild ein Hinweis gegeben wird, kommentiert dieser nicht. Er bleibt ebenso unlesbar wie das Bild selbst. Höchstens taugt er dazu, den Künstler ein kleines Stück auf seinem Weg zu folgen, aber auch darin wird weder eine räumliche noch eine zeitliche Perspektive in das Bild eingeführt.

Beitrag zur Heilung

Mit den Bildern Hans Sieverdings setzt das Kunstforum des Herz- und Diabeteszentrums Nordrhein-Westfalen in Bad Oeynhausen nicht nur seine erfolgreiche Arbeit als profilierter Ausstellungsort für die Kunst der Gegenwart fort - es hat auch wieder eine glückliche Hand bewiesen, Kunst in einem Raum zu präsentieren, der scheinbar gar nicht zur sonst so gern gefeierten Musenseligkeit passt. Wenn Kunst an einem Ort, der für viele der Patienten ebenso wie für das dort arbeitende medizinische Personal existenzielle Fragen aufwirft, dazu anregt, Phantasie und Kreativität in sich zu entdecken und zu wecken, sich den Rätseln zu stellen, die Leben und Erlebtes begleiten, leistet sie ihren Beitrag zur Heilung.


Text © Manfred Wolff


Hans Sieverding:

„Himmel, Hölle, 1, 2, 3 - Briefe an Ovid“

23.03. - 15.06.2003

Kunstforum

des Herz- und Diabeteszentrum Nordrhein-Westfalen

Georgstraße 11

 32545 Bad Oeynhausen

www.hdz-nrw.de


Katalog

Hans Sieverding:

„Himmel, Hölle, 1, 2, 3 - Briefe an Ovid“

mit einem Essay von Siegfried Gnichwitz

90 Seiten, zahlreiche Farbabbildungen

Verlag Siegfried Rehberg, Lemgo

ISBN: 3-9806933-9-2. Preis 15 €


Weitere Informationen über Hans Sieverding:

Galerie Wild Frankfurt

Galerie Epikur Wuppertal


Ausstellung "Himmel und Hölle, 1,2,3" von Hans Sieverding im Herz- und Diabeteszentrum NRW in Bad Oeynhausen, 23.03.2003. Foto: Urszula Usakowska-Wolff

Ausstellung "Himmel und Hölle, 1,2,3" von Hans Sieverding im Herz- und Diabeteszentrum NRW in Bad Oeynhausen, 23.03.2003. Foto: Urszula Usakowska-Wolff

Ausstellung "Himmel und Hölle, 1,2,3" von Hans Sieverding im Herz- und Diabeteszentrum NRW in Bad Oeynhausen, 23.03.2003. Foto: Urszula Usakowska-Wolff

Ausstellung "Himmel und Hölle, 1,2,3" von Hans Sieverding im Herz- und Diabeteszentrum NRW in Bad Oeynhausen, 23.03.2003. Foto: Urszula Usakowska-Wolff

Ausstellung "Himmel und Hölle, 1,2,3" von Hans Sieverding im Herz- und Diabeteszentrum NRW in Bad Oeynhausen, 23.03.2003. Foto: Urszula Usakowska-Wolff

Ausstellung "Himmel und Hölle, 1,2,3" von Hans Sieverding im Herz- und Diabeteszentrum NRW in Bad Oeynhausen, 23.03.2003. Foto: Urszula Usakowska-Wolff

Ausstellung "Himmel und Hölle, 1,2,3" von Hans Sieverding im Herz- und Diabeteszentrum NRW, 23.03.2003

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