Aus der Kunst kommt die Kraft

Hartwig Piepenbrock ist kein Mann von vielen Worten. Auf die Fragen der Journalisten antwortet er kurz und knapp. Stets korrekt gekleidet, mit einem Einstecktuch in der Brusttasche und freundlich-distanziert lächelnd, sieht er so aus, wie man sich einen Sammler vorstellt. Einen Sammler der alten Schule, der sagt, Bilder nicht wie Aktien zu kaufen, sondern weil sie ihm gefallen. Das mögen viele Sammler von sich behaupten, doch diesem Mann merkt man an, dass er Kunst mit den Augen und nicht mit den Ohren sammelt: Kunst ist ihm eine Herzensangelegenheit, verkündete er der Berliner Morgenpost (4.04.2007). Das Interesse an Kunst weckte in ihm ein Lehrer am Gymnasium seiner Heimatstadt Osnabrück. Seitdem las er Kunstbände lieber als Bücher von Karl May. Doch bis er Kunstsammler wurde, dauerte es einige Zeit. Er wollte Architektur studieren, doch er trat 1955 mit 18 Jahren als Lehrling in seinen Familienbetrieb ein, welchen er zu einem bundesweit operierenden Dienstleistungsunternehmen im Gebäudemanagement mit über 23.000 Beschäftigten und 60 Niederlassungen ausbaute. Hartwig Piepenbrock, der am 25. März 2007 seinen 70. Geburtstag feierte, war und ist ein Mensch der Tat. Auf der Liste der reichsten Deutschen belegt er den 131. Platz. Keine schlechten Voraussetzungen, um sich für die schönen Dinge des Lebens zu begeistern und seine Umgebung zu verschönern. Seit fast dreißig Jahren sammelt Hartwig Piepenbrock zusammen mit seiner Frau Maria-Theresia Bilder und Skulpturen, die ihre Häuser, Firmensitze und Gärten schmücken: Platz für einen angemessenen Umgang mit Kunst ist ja genügend vorhanden.

Hartwig Piepenbrock (vorne: Otto Herbert Hajek: OT, 1957, Bronze), Berlinische Galerie, 28.03.07. Foto: Urszula Usakowska-Wolff

Hartwig Piepenbrock (vorne: Otto Herbert Hajek: OT, 1957, Bronze), Berlinische Galerie, 28.03.07

 Sammler, Stifter und Mäzen

Am Anfang galt sein Interesse den deutschen Expressionisten. Ende der 1970er Jahre kaufte er ein Bild von Emil Nolde. Doch bald wurden die Preise für die Arbeiten der Expressionisten sehr hoch, so dass sich der Sammler Piepenbrock der expressiven Kunst der 1980er Jahre - den Neuen Wilden - zuwandte. Nachdem er Bernhard Schulze, Emil Schumacher und Fred Thieler begegnete, begeisterte er sich für die informelle Malerei, die heute einen der Schwerpunkte seiner Sammlung bildet. 1989, noch vor dem Mauerfall, besuchte er die große Bernhard-Heisig-Retrospektive im Martin-Gropius-Bau in Berlin und war von dessen Triptychon "Zeit der Haie" fasziniert, auch deshalb, weil darauf das bekannte und beklemmende Gemälde "Selbstbild mit Judenpass“ des aus Osnabrück stammenden und im KZ Auschwitz ermordeten Malers Felix Nussbaum abgebildet war. Dieses Triptychon sowie Lithografien-Zyklen des Dresdner Malers und Zeichners Heisig, aber auch anderer bedeutender Künstler aus der ehemaligen DDR (Harald Metzkes, Willi Sitte, Max Uhlig, Hartwig Ebersbach) sind fester Bestandteil seiner Sammlung. Und weil der kunstbegeisterte Unternehmer, Gründer der Piepenbrock Kulturstiftung (1988) und Stifter des alle zwei Jahre vergebenen und mit 50.000 Euro dotierten Piepenbrock Preises und des Piepenbrock Förderpreises für Skulptur, diese Kunstgattung ganz besonders mag, nehmen kleine und ganz große Erzeugnisse der Bildhauerei viel Platz in seiner inzwischen auf 650 Werke, darunter 120 Plastiken, angewachsenen Sammlung ein. Für den Ankauf neuer Kunstwerke billigt er sich jährlich 200.000 - 300.000 Euro zu: Als Privatmann muss er sich halt so verhalten wie ein Museumsdirektor, der über einen festgelegten, zeitlich definierten Haushalt verfügt und verpflichtet ist, ihn vernünftig einzusetzen. Hartwig Piepenbrock ist denn auch ein geschätzter Partner und Mäzen der Museen, doch er sagt, dass er seine Privatsammlung nie auf Dauer in einem öffentlichen Raum platzieren würde, denn er möchte mit keinem Haus identifiziert werden.

Fragment der Ausstellung "Einblicke - Privatsammlung Piepenbrock" mit Emil Cimotti: Bodenrelief, 1987 und Horst Antes: Graphit-Bild Roter Löffel, 1983 und Drei Figuren und zwei Schlangen, 198. Foto: Urszula Usakowska-Wolff

Fragment der Ausstellung "Einblicke - Privatsammlung Piepenbrock" mit Emil Cimotti: Bodenrelief, 1987 und Horst Antes: Graphit-Bild Roter Löffel, 1983 und Drei Figuren und zwei Schlangen, 1981

Abstrakt, figurativ, expressiv

Was auf Dauer in einem öffentlichen Raum nicht möglich ist, steht dort auf Zeit durchaus zur Schau. Vom Ende März bis Ende August zeigt die Berlinische Galerie zum ersten Mal in der Bundeshauptstadt einen repräsentativen Ausschnitt aus der Kunstsammlung Hartwig und Maria-Theresia Piepenbrock mit Bildern, Zeichnungen, Aquarellen und Grafiken deutscher oder in Deutschland lebender Maler (Armando, Horst Antes, Peter Brüning, Hartwig Ebersbach, Gotthard Graubner, Dieter Hacker, Bernhard Heisig, Gerhard Hoehme, Harald Metzkes, Ernst Wilhelm Nay, Salomé, Bernhard Schulze, Emil Schumacher, Willi Sitte, Walter Stöhrer, Fred Thieler, Werner Tübke und Max Uhlig) und deutscher oder in Deutschland lebender Bildhauer und einer Bildhauerin (Stefan Balkenhol, Emil Cimiotti, Anthony Cragg, Otto Herbert Hajek, Erich Hauser, Bernhard Heiliger, Ernst Hermanns, Michael Irmer, Dietrich Klinge, Ewald Mataré, Thomas Rentmeister, Felix Schramm, Ludwig Gabriel Schrieber, Gustav Seitz, Werner Stötzer, Rolf Szymanski, Günther Uecker, Hans Uhlmann, Beatrix Sassen) sowie Plastiken internationaler Meister (Joannis Avramidis, Max Bill, Fernando Botero, Alexander Calder, Eugène Dodeigne, Raymond Duchamp-Villon, Henri Laurens, Jacques Lipchitz und Siebdrucke von Eduardo Chilida). Viele der 150 Kunstwerke, darunter zahlreiche Skulpturen, wurden noch nie in einem Museum gezeigt, denn sie stehen sonst im Garten der Villa Lemm in Gatow an der Havel, wo früher Albert Einstein und die britische Königin verkehrten und wo das Sammlerehepaar seit 1998 wohnt. "Einblicke" heißt die Ausstellung und sie legt den privaten, von keinen auf dem Kunstmark vorherrschenden Moden und Trends beeinflussten Charakter dieser Sammlung offen. Sie vereinigt auf harmonische Art scheinbar gegensätzliche künstlerische Positionen: abstrakte westdeutsche Malerei mit der ostdeutschen Figuration, wobei sich die Gegensätze beim genauen Zuschauen aufheben, denn beide Richtungen zeichnen sich durch eine für die deutsche Kunst des 20. Jahrhunderts so charakteristische, expressive und zum Teil farbenprächtige Machart aus. Auch die Sammlung der Skulpturen deutscher und internationaler Meister ermöglicht, von einigen wenigen Ausnahmen abgesehen (Rentmeister, Schramm), einen Einblick in die (Klassische) Moderne. Die Piepenbrocks sammeln keine aktuelle, aber sehr beständige Kunst, die Prof. Jörn Merkert, Direktor der Berlinischen Galerie als "unspektakulär" bezeichnet. Was vor allem auffällt, ist die geballte Stärke und Energie, die in den gesammelten, vorwiegend von Männern geschaffenen Kunstwerken stecken: Sie wirken wie wahre energiespendende Kraftfelder. Kunst kommt vom Können und vom Konto. Aus der Kunst kommt die Kraft.

Text © Urszula Usakowska-Wolff

15.04.2007


Einblicke - Privatsammlung Piepenbrock
30.03. - 27.08.2007
Berlinische Galerie
Landesmuseum für moderne Kunst, Fotografie und Architektur

Katalog
Einblicke - Privatsammlung Piepenbrock
mit einem Grußwort der Bundeskanzlerin Angela Merkel
 und Texten von Jörg Merkert, Bernhard Heisig, Anke Hervoi,
Heiner Pietzsch, Christoph Brockhaus und Wilfried Rugo
180 S.
Berlinische Galerie, 2007
ISBN: 978-3-940208-00-2
Preis 19,90 €


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Fragment der Ausstellung "Einblicke - Privatsammlung Piepenbrock" mit Günther Uecker: Feld, 1989, Nägel, Öl/Leinwand/Holz, 110 x 90 x 18 cm. Foto: Urszula Usakowska-Wolff

Fragment der Ausstellung "Einblicke - Privatsammlung Piepenbrock" mit Günther Uecker: Feld, 1989, Nägel, Öl/Leinwand/Holz, 110 x 90 x 18 cm. Foto: Urszula Usakowska-Wolff

Fragment der Ausstellung "Einblicke - Privatsammlung Piepenbrock" mit Fernando Botero: Weiblicher Torso, 1981, Bronze, 110 x 83 x 51 cm. Foto: Urszula Usakowska-Wolff

Fragment der Ausstellung "Einblicke - Privatsammlung Piepenbrock" mit Fernando Botero: Weiblicher Torso, 1981, Bronze, 110 x 83 x 51 cm. Foto: Urszula Usakowska-Wolff

Fragment der Ausstellung "Einblicke - Privatsammlung Piepenbrock" mit Thomas Rentmeister: OT, 2000, Polyester, 79 x 242 x 127 cm. Foto: Urszula Usakowska-Wolff

Fragment der Ausstellung "Einblicke - Privatsammlung Piepenbrock" mit Thomas Rentmeister: OT, 2000, Polyester, 79 x 242 x 127 cm. Foto: Urszula Usakowska-Wolff

Fragment der Ausstellung "Einblicke - Privatsammlung Piepenbrock" mit Anthony Cragg: Point of View, 2002, Bronze, 265 x 145 x 230 cm. Foto: Urszula Usakowska-Wolff

Fragment der Ausstellung "Einblicke - Privatsammlung Piepenbrock" mit Anthony Cragg: Point of View, 2002, Bronze, 265 x 145 x 230 cm. Foto: Urszula Usakowska-Wolff

Fragment der Ausstellung "Einblicke - Privatsammlung Piepenbrock" mit Hartwig Ebersbach: Ausgrabungen des Kölner Doms (7tkg.), 1987, Öl/Hartfaserplatte, je 130 x 90 cm. Foto: Urszula Usakowska-Wolff

Fragment der Ausstellung "Einblicke - Privatsammlung Piepenbrock" mit Hartwig Ebersbach: Ausgrabungen des Kölner Doms (7tkg.), 1987, Öl/Hartfaserplatte, je 130 x 90 cm. Foto: Urszula Usakowska-Wolff

Fragment der Ausstellung "Einblicke - Privatsammlung Piepenbrock" mit Erich Hauser: Flächenwand, 1969, Edelstahl, 51 x 58 x 20 cm. Foto: Urszula Usakowska-Wolff

Fragment der Ausstellung "Einblicke - Privatsammlung Piepenbrock" mit Erich Hauser: Flächenwand, 1969, Edelstahl, 51 x 58 x 20 cm. Foto: Urszula Usakowska-Wolff

Fragment der Ausstellung "Einblicke - Privatsammlung Piepenbrock" mit Henri Laurens: La Grande Sirene, 1945, Bronze, 115 x 80 x 42 cm. Foto: Urszula Usakowska-Wolff

Fragment der Ausstellung "Einblicke - Privatsammlung Piepenbrock" mit Henri Laurens: La Grande Sirène, 1945, Bronze, 115 x 80 x 42 cm. Foto: Urszula Usakowska-Wolff

Fragment der Ausstellung "Einblicke - Privatsammlung Piepenbrock" mit Dietrich Klinge: Großer PfuBruB, 2000, Bronze, 200 x 110 x 126 cm und Harald Metzkes: Art wider Willen, 1971, Öl/Leinwand, 200 x 230 cm

Fragment der Ausstellung "Einblicke - Privatsammlung Piepenbrock" mit Dietrich Klinge: Großer PfuBruB, 2000, Bronze, 200 x 110 x 126 cm und Harald Metzkes: Art wider Willen, 1971, Öl/Leinwand, 200 x 230 cm

zu den Kunstnews

Weiter zum Text über die Ausstellung "Made in Germany" im Sprengelmuseum, Kunstverein und in der kestenergesellschaft in Hannover, 25.05. - 26.08.2007