Berühmte Gesichter und anonyme Hintern

"Früher dachte ich, Andy Warhol wäre einfach ein Porträtist, der Ukiyoe-Drucker des Jahrhunderts. Aber diese Fotos sind fantastisch. Jetzt sehe ich seine Drucke als Malerei, gleichbedeutend mit Hokusai. Ihr Fleisch, die Nahaufnahmen, ihre Sensibilität und ihr Spürsinn sind Fotografie und Leben gleichzeitig. Jetzt steht Warhol aufrecht an der Spitze der Kunst", sagte Nobuyoshi Araki, einer der populärsten japanischen Fotografen.

Urszula Usakowska-Wolff: Gebührenfreie Information, 2004

Riesiges visuelles Tagebuch

In der Tat war Andy Warhol ein rastloser Fotograf, häufig Fotograf und Model in einer Person. Er benutzte seine Fotos als Vorlage für seine Bilder, er hielt in seinen Fotografien Reiseeindrücke, Straßenszenen, Schilder und Auslagen, Berühmtheiten, Stars und Starlets sowie Menschen fest, denen er auf Partys begegnete. Der Fotoapparat war sein ständiger Begleiter, Skizzenbuch und Mittel der Kommunikation Jede Woche knipste er ein bis zwei Filme voll, aus denen er jeweils vier oder fünf Aufnahmen auswählte und vergrößern ließ. In ihrer Masse bilden diese Fotografien ein riesiges visuelles Tagebuch. In seinen Büchern "Exposures“ (1979) und "America“ (1985) zeigte Warhol einen kleinen Teil dieser Bilder, dessen Gesamtzahl 65.000 beträgt!

Pop - Popos - Polaroids

Anfang der 1960er Jahre begann er, Freunde und Personen, die er porträtieren wollte, in einem Passbildautomaten zu fotografieren. Das erste Porträt nach Passbild entstand 1963 und war Ethel Scull gewidmet, die zusammen mit ihrem Ehemann eine Galerie betrieb. Das Ehepaar Scull gehörte zu den ersten Sammlern Andy Warhols. 1970 kaufte er sich dann eine Big Shot, eine der einfachsten Polaroid-Kameras. Nachdem ihre Produktion 1973 eingestellt wurde, kaufte Warhol alle Big Shots auf, die er irgendwo auftreiben konnte. Polaroid selbst unterstützte ihn, schickte ihm die letzten Ladenhüter und reparierte kostenlos die wegen ihrer schlichten Bauart oft defekten Kameras. In den 1970er Jahren wurde das Polaroid zu einem wichtigen Bestandteil seines künstlerischen Werks. Er fertigte Starporträts, die zu der Serie der "Famous Faces“ gehören. Darüber hinaus waren aber nicht nur die Berühmtheiten und der Künstler, der sich gern selbst porträtierte, seiner Aufnahmen würdig, sondern auch die “Ladies und Gentlemen”, die vornehmlich aus dem New Yorker Drag-Queen-Milieu kamen, ferner anonyme Männer- und Frauenhintern ("Torsos“). Sie wurden durch die Hand des Pop(o)meisters verewigt und erhielten somit ihre “15 Minuten Berühmtheit”, denn, wie er sagte: "Everybody can be a star for 15 minutes.“ Er machte auch eine Serie von Polaroid-Fotos unter dem Titel "Sex-Parts“ mit angedeuteten oder expliziten sexuellen Handlungen.

Drag Queen Andy

Nun widmet das Museum für Photographie in Braunschweig dem großen Sofortbildner eine Ausstellung. Unter dem Titel: "Andy Warhol: Polaroids“ sind dort ca. 100 Leihgaben aus dem Andy Warhol Museum in Pittsburgh (USA), der Kunsthalle Hamburg und der Jablonka Galerie in Köln zu sehen. Aufgrund der Einzigartigkeit der einzelnen Polaroids und ihrer großen Empfindlichkeit können einige Motive nicht mehr im Original ausgestellt werden, deshalb liegen einige Fotos als Faksimiles vor. Gezeigt werden Fotografien aus den Werkgruppen der Automatenfotos, also die “Fotobooth-Pictures”, Porträts von Berühmtheiten, die er als Vorlage für seine Siebdrucke benutzte und “Famous Faces” nannte sowie “Self portraits” und “Self-portraits in drag” - Selbstportraits in Frauenkleidung. Darüber hinaus werden mit den Polaroidserien “Torsos” und “Ladies and Gentleman” bisher kaum veröffentlichte Arbeiten präsentiert, die sich inhaltlich im Umfeld der “Factory” bewegen. Die "Torsos“ bilden nackte Männerhinterteile, die “Self-portraits in drag” Andy Warhol in Frauenoutfit ab. Anfang der 1980er Jahre pflegte er, mit einer blonden Perücke, roten Lippen, stark geschminkten Augen und einer weißen Hemdbluse mit einer schwarzen Krawatte bekleidet, auf Partys aufzutreten. Er wirkte wie eine strenge Herrin: "Ich ziehe mich lieber am Tag extravagant und am Abend schlicht an. Ich würde all deine Diamanten und Pelze am Tag tragen, weil dich so mehr Menschen sehen“, erklärte er seine 1980 entstandenen "Self-portraits in drag“.

Text © Urszula Usakowska-Wolff, 4.03.2004

Fotos: © Andy Warhol Foundation, New York

Hallo
Andy Warhol: Polaroids
29.
02 - 2. 05. 2004
Museum für Photographie Braunschweig
Hallo

Die Ausstellung ist Teil einer intensiven Aufarbeitung des Themas “Sofortbild” in Zusammenarbeit mit dem Institut für Medienforschung der Hochschule für Bildende Künste Braunschweig. Parallel zur Ausstellung findet am 26. und 27. Mai 2004 eine Tagung zum Thema statt, zu der nicht nur Wissenschaftler, sondern auch die Gegenwartskünstler Jan Wenzel und Stefanie Schneider eingeladen werden, um aktuelle Arbeiten zu präsentieren. Diese und weitere Künstler werden dann im Frühjahr 2005 in einem zweiten Ausstellungsteil aktuelle Werke mit Sofortbildern präsentieren (in diesem Rahmen wird ein Katalog erscheinen, der das gesamte Projekt darstellt und auch die Ergebnisse der Tagung zusammenfasst).

zum Text über die Ausstellung "Rauchwerkzeichen" im Dobergmuseum Bünde