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Berühmte Gesichter und anonyme Hintern "Früher
dachte ich, Andy Warhol wäre einfach ein Porträtist, der Ukiyoe-Drucker
des Jahrhunderts. Aber diese Fotos sind fantastisch. Jetzt sehe ich seine
Drucke als Malerei, gleichbedeutend mit Hokusai. Ihr Fleisch, die
Nahaufnahmen, ihre Sensibilität und ihr Spürsinn sind Fotografie und
Leben gleichzeitig. Jetzt steht Warhol aufrecht an der Spitze der Kunst",
sagte Nobuyoshi Araki, einer der populärsten japanischen Fotografen.
Riesiges
visuelles Tagebuch In
der Tat war Andy Warhol ein rastloser Fotograf, häufig Fotograf und Model
in einer Person. Er benutzte seine Fotos als Vorlage für seine Bilder, er
hielt in seinen Fotografien Reiseeindrücke, Straßenszenen,
Schilder und Auslagen, Berühmtheiten, Stars und Starlets
sowie Menschen fest, denen er auf Partys begegnete. Der Fotoapparat war
sein ständiger Begleiter, Skizzenbuch und Mittel der Kommunikation Jede
Woche knipste er ein bis zwei Filme voll,
aus denen er jeweils vier oder fünf Aufnahmen auswählte und vergrößern
ließ. In ihrer Masse bilden diese Fotografien ein riesiges visuelles
Tagebuch. In seinen Büchern "Exposures“ (1979) und
"America“ (1985) zeigte Warhol einen kleinen Teil dieser Bilder,
dessen Gesamtzahl 65.000 beträgt! Pop
- Popos - Polaroids Anfang
der 1960er Jahre begann er, Freunde und Personen, die er porträtieren
wollte, in einem Passbildautomaten zu fotografieren. Das erste Porträt
nach Passbild entstand 1963 und war Ethel Scull gewidmet, die zusammen mit
ihrem Ehemann eine Galerie betrieb. Das Ehepaar Scull gehörte zu den
ersten Sammlern Andy Warhols. 1970 kaufte er sich dann eine Big Shot, eine
der einfachsten Polaroid-Kameras. Nachdem ihre Produktion 1973 eingestellt
wurde, kaufte Warhol alle Big Shots auf, die er irgendwo auftreiben
konnte. Polaroid selbst unterstützte ihn, schickte ihm die letzten Ladenhüter
und reparierte kostenlos die wegen ihrer schlichten Bauart oft defekten
Kameras. In den 1970er Jahren wurde das Polaroid zu einem wichtigen
Bestandteil seines künstlerischen Werks. Er fertigte Starporträts, die
zu der Serie der "Famous
Faces“ gehören. Darüber hinaus waren aber nicht nur die Berühmtheiten
und der Künstler, der sich gern selbst porträtierte, seiner Aufnahmen würdig,
sondern auch die “Ladies und Gentlemen”, die vornehmlich aus
dem New Yorker Drag-Queen-Milieu kamen, ferner anonyme
Männer- und Frauenhintern ("Torsos“). Sie wurden durch die Hand
des Pop(o)meisters verewigt und erhielten somit ihre “15 Minuten Berühmtheit”,
denn, wie er sagte: "Everybody
can be a star for 15 minutes.“ Er machte auch eine Serie von
Polaroid-Fotos unter dem Titel "Sex-Parts“
mit angedeuteten oder expliziten sexuellen Handlungen. Drag
Queen Andy Nun
widmet das Museum für
Photographie in Braunschweig dem großen Sofortbildner eine Ausstellung.
Unter dem Titel: "Andy Warhol: Polaroids“ sind dort ca. 100
Leihgaben aus dem Andy Warhol Museum in Pittsburgh (USA), der Kunsthalle
Hamburg und der Jablonka Galerie in Köln zu sehen. Aufgrund der
Einzigartigkeit der einzelnen Polaroids und ihrer großen Empfindlichkeit
können einige Motive nicht mehr im Original ausgestellt werden, deshalb
liegen einige Fotos als Faksimiles vor. Gezeigt werden Fotografien aus den
Werkgruppen der Automatenfotos, also die “Fotobooth-Pictures”, Porträts
von Berühmtheiten, die er als Vorlage für seine Siebdrucke benutzte und
“Famous Faces” nannte sowie “Self portraits” und “Self-portraits
in drag” - Selbstportraits in Frauenkleidung. Darüber hinaus werden mit
den Polaroidserien “Torsos” und “Ladies and Gentleman” bisher kaum
veröffentlichte Arbeiten präsentiert, die sich inhaltlich im Umfeld der
“Factory” bewegen. Die "Torsos“ bilden nackte Männerhinterteile,
die “Self-portraits in drag” Andy Warhol in Frauenoutfit ab. Anfang
der 1980er Jahre pflegte er, mit einer blonden Perücke, roten Lippen,
stark geschminkten Augen und einer weißen Hemdbluse mit einer schwarzen
Krawatte bekleidet, auf Partys aufzutreten. Er wirkte wie eine strenge
Herrin: "Ich ziehe mich lieber am Tag extravagant und am Abend
schlicht an. Ich würde all deine Diamanten und Pelze am Tag tragen, weil
dich so mehr Menschen sehen“, erklärte er seine 1980 entstandenen
"Self-portraits in drag“. Text © Urszula Usakowska-Wolff, 4.03.2004 Fotos: © Andy Warhol Foundation, New York
Die Ausstellung ist Teil einer intensiven Aufarbeitung des Themas “Sofortbild” in Zusammenarbeit mit dem Institut für Medienforschung der Hochschule für Bildende Künste Braunschweig. Parallel zur Ausstellung findet am 26. und 27. Mai 2004 eine Tagung zum Thema statt, zu der nicht nur Wissenschaftler, sondern auch die Gegenwartskünstler Jan Wenzel und Stefanie Schneider eingeladen werden, um aktuelle Arbeiten zu präsentieren. Diese und weitere Künstler werden dann im Frühjahr 2005 in einem zweiten Ausstellungsteil aktuelle Werke mit Sofortbildern präsentieren (in diesem Rahmen wird ein Katalog erscheinen, der das gesamte Projekt darstellt und auch die Ergebnisse der Tagung zusammenfasst). |