Der Sammler und sein Künstler

1952 lernte der heute 92-jährige Herman Berninger den seit 1924 im Pariser Exil lebenden russischen Künstler Jean Pougny, ehemals Iwan Puni und dessen Ehefrau Xana Boguslawskaja kennen. Er wurde zum besten Freund und bedeutendsten Sammler des in Vergessenheit geratenen Wegbereiter der (ost)europäischen Avantgarde. Nach Punis Tod im Jahre 1956 erstellte Berninger zusammen mit der Witwe dessen Werkkatalog und organisierte verschiedene Retrospektiven. Berningers unermüdlichem Einsatz für Punis Werk ist es auch zu verdanken, dass zahlreiche verloren geglaubte Arbeiten - besonders aus der russischen und Berliner Schaffenszeit - wieder entdeckt wurden. Zu den spektakulärsten Funden zählt dabei Punis Hauptwerk, der 1922 für die "Grosse Berliner Kunstausstellung“ entstandene Synthetische Musiker, den Berninger 1965 in Dänemark ausfindig machte und 1988 zusammen mit einer Schenkung dreier Stilleben aus Punis Berliner Jahren der Berlinischen Galerie übergab.

Urszula Usakowska-Wolff: Gebührenfreie Information, 2004. © Urszula Usakowska-Wolff

  Sackgasse der Abstraktion

Den Synthetische Musiker kann man gegenwärtigen im Tinguely Museum in Basel bewundern, in einer Ausstellung, die unter dem Titel "Iwan Puni. Werke aus der Sammlung Herman Berninger“ sowohl den Künstler als auch seinen Sammlerfreund ehrt. Die umfangreiche Retrospektive ermöglicht einen tiefen und fundierten Einblick in Punis langjähriges Schaffen: angefangen mit den kubo-futuristischen Stillleben und suprematistischen Kompositionen aus seiner Petersburger und Berliner Zeit, über Tuschezeichnungen und Werke, die der Neuen Sachlichkeit nahe stehen, bis zu den malerischen Arbeiten der späteren Jahre. Das was Iwan Puni offensichtlich unabhängig von den stilistischen Ausdrucksformen kontinuierlich bewegte, war die Frage nach dem Verhältnis von Realität und Abbild: Farbfläche, plastische Form. Buchstabe, Wort und das der Alltagswelt entnommene Ding waren für ihn vom bildnerischen Aspekt her gleichbedeutend. Im Laufe seiner künstlerischen Entwicklung empfand er die Abstraktion aber zunehmend als "Sackgasse“ und kehrte zum Stilleben, zu Interieurs und Straßenszenen zurück, die er in ornamental-flächiger Struktur wiedergab.

  Avantgarde im Exil

Der 1892 in Kuokalla, dem heutigen Repino bei St. Petersburg geborene Künstler Iwan Puni, welcher neben Malewitsch und Tatlin zu den Mitbegründern und führenden Köpfen der russischen Avantgarde zählt, war u.a. Organisator und Teilnehmer der legendären futuristischen Ausstellungen Tramway W und 0,10, .die 1915 in St. Petersburg statt fanden. 1918 wurde er Lehrer an der Kunstakademie seiner Heimatstadt, später berief ihn Chagall an seine Freie Kunstakademie in Witebsk. 1919 spürte er als einer der ersten Avantgarde-Künstler, dass es bald unmöglich sein wird, unabhängig von der Sowjet-Propaganda zu arbeiten, so dass er sich für das Exil entschied. Zunächst machte er bis 1923 Station in Berlin, ein Jahr später ließ er sich in Paris nieder, wo er 1956 im Alter von 64 Jahren verstarb.

  Hängung nach dem Sturm

Den Auftakt zur Ausstellung im Tinguely Museum in Basel bildet ein Raum mit Werken der Pariser Jahre, also der Zeit, in der Herman Berninger Puni kennen lernte. Es folgt ein Saal mit einer Auswahl von etwa 400 Fotografien aus der Sammlung Ruth und Peter Herzog, die um 1917 in St. Petersburg entstanden sind. Sie leiten über zu zwei Sälen, die sich dem russischen Frühwerk Punis widmen. Eine Vielzahl von historischen  Dokumenten und Fotos aus der Zeit bis 1920 belegen Punis Bedeutung als führender Kopf bei einer Vielzahl wegweisender Ausstellungen. Der letzte Saal, in dem die Werke der Berliner Jahre, darunter der legendäre Synthetische Musiker gezeigt werden, versucht, eine Hängung von drei Wänden der epochalen Präsentation von Punis Werken in Herwarth Waldens Galerie "Der Sturm“ aus dem Jahr 1921 nachzuempfinden.

  Hammer und Säge

Die Ausstellung möchte nicht nur Herman Berninger als den über Jahrzehnte bescheiden im Hintergrund tätigen Sammler und Förderer von Iwan Punis Werk ehren, sondern unmittelbar nach der Präsentation von Jean Tinguelys Frühwerk "Jean le Jeune“ die lockere Reihe von Ausstellungen fortsetzen, in denen die künstlerischen Vater-Figuren des Kinetikers vorgestellt werden. Es sind zwar keine persönlichen Verbindungen zwischen Puni und Tinguely bekannt, der Einbezug realer Gegenstände in den abstrakten Bildraum in Werken wie Stilleben - Relief mit Hammer, 1914-21, und Relief mit Säge, 1915, mit Installationen wie in der Galerie "Der Sturm“ und Aktionen wie dem Umzug kubistischer Sandwich-Figuren (anlässlich der "Ersten Russischen Kunstausstellung" in der Berliner Galerie van Diemen 1922) wirkte aber vorbildhaft auf das Denken und Schaffen zahlreicher Künstlerinnen und Künstler aus Tinguelys Generation.

  Dynamik des Augenblicks

Eine essentielle Bereicherung erfährt die Ausstellung durch die Leihgabe eines weitgehend unpublizierten Konvolutes von historischen Fotografien aus der Fondation Herzog in Basel. Anlässlich der Vorbereitung und Durchführung des einjährigen Jubiläums der russischen Revolution in Petrograd entstanden, dokumentieren die Fotografien eindrücklich die Aufbruchstimmung und den Optimismus der Bevölkerung und einer Künstlergeneration, die ihr Schaffen anfangs mit Begeisterung in den Dienst der gesellschaftlichen Umwälzungen stellte. Die in der revolutionären Dynamik des Augenblicks entstandenen Fotografien haben einerseits Reportagecharakter, andererseits ist in ihnen bereits das von Rodtschenko geforderte "neue Bild“ mit ungewohnten Perspektiven wie die Auf- und Untersicht und insbesondere die Betonung der Diagonalen enthalten.

  Desillusionierte Revolutionäre

Die allgemeine Euphorie war schnell verflogen: blutiger Bürgerkrieg, Mangelwirtschaft und vor allem eine massive Bürokratisierung und Reglementierung aller Lebensbereiche, vor denen die Künstler selbstverständlich nicht verschont blieben, stellten die künstlerische Revolution in Frage. Die Kunst sollte zunehmend im Sinne der Propaganda instrumentalisiert werden, sie sollte der Agitation und der Verherrlichung der Sowjetmacht dienen. Auch Iwan Puni, der mit seiner Frau noch 1918 mit Begeisterung an der festlichen Ausschmückung von Petrograd zu den einjährigen Revolutionsfeiern teilgenommen hatte, floh wenig später desillusioniert über Finnland nach Berlin und Paris. Die Revolution verstieß ihre Künstler und in der Sowjetunion wurden sie lange tot geschwiegen. So auch der Wahlfranzose Jean Pougny, der erst Anfang der 1990er Jahre im Neuen Russland als Iwan Puni (wieder) entdeckt und als großer russischer Wegbereiter der europäischen Avantgarde gefeiert werden durfte. 

0,10
IWAN PUNI. Werke aus der Sammlung Herman Berninger
und
Fotografien der russischen Revolution
aus der Sammlung Ruth und Peter Herzog

12. April 2003 - 28. September 2003

Museum Jean Tinguely in Basel

Klick zum Katalog

Zur Ausstellung erschien  im Benteli-Verlag, Bern, ein reich illustrierter Katalog mit Beiträgen von Herman Berninger, dem anglo-amerikanischen Kunstwissenschaftler John Bowlt, den Basler Universitätsprofessoren Heiko Haumann und Andreas Guski, Peter Herzog, Guido Magnaguagno und Heinz Stahlhut.

Preis 39,00 Euro

Iwan Puni bei db-art.info >>>


© Urszula Usakowska-Wolff, 26.08.03

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