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Das
Unbehagen am Urbanen und Humanen Seit einem Jahr macht der Künstler Paul Rascheja von sich reden. Nach der Teilnahme am Berliner Kunstsalon im September und am Neuköllner Kunstparcours NachtundNebel im November 2009, nach Ausstellungsbeteiligungen in den USA und Schweden Ende 2009 und Anfang 2010, widmet ihm nun die Wall Gallery in Berlin-Mitte die erste umfangreiche Personale mit über zwanzig Arbeiten: Videos, Fotos, Siebdrucken auf Leinwand und Papier, Collagen und einer Skulptur.
Der
1975 in der Kleinstadt Olecko inmitten der idyllischen masurischen
See-und Flusslandschaft in Nordostpolen geborene Paul Rascheja kam Ende
der 1990er Jahre mit seiner Familie nach Deutschland, lebte zuerst in
Trier, kehrte dann 1994 nach Polen zurück, um bis 1997 in Danzig Kunst
zu studieren. Seit 2001 wohnt er in Berlin, wo er lange Zeit Werbefilme
und Videoclips, u.a. für MTV und Arte TV produzierte. Anfang des
vorigen Jahres beschloss er, sich vermehrt auf die eigene
Kunstproduktion zu konzentrieren. Das Ergebnis waren mehrere Video- und
Fotoarbeiten, die in den Berliner Kunstkreisen Aufsehen erregten und
Paul darin bestärkten, dass er der Kunstwelt etwas zu bieten hat. Ich
lege mich auf keinen bestimmten Stil fest, erklärt er. Ein Künstler sollte experimentieren, immer auf der Suche nach etwas
Neuem sein. Meine Filme sollen überraschen und in Atem halten durch die
steigende Spannung. Dabei nutze ich häufig Fernsehwerbung und
Kinderfilme, verwandle sie durch entsprechende Klänge und Schnitte in
eine beunruhigende Bilderflut. In anderen Arbeiten rücke ich brutale
Szenen aus bekannten Kinofilmen in den Mittelpunkt, wiederhole sie immer
wieder und schaffe eine Atmosphäre, die unerträglich ist für das
Publikum. Meine Absicht ist es, die Zuschauer mit einer erdrückenden
Bildermasse zu überwältigen, sie sozusagen zum visuellen Orgasmus zu
bringen.
Keine
heile Welt Es
sind vor allem zwei Themenkomplexe, denen Paul Raschejas Interesse gilt:
als urbaner Künstler, der er ohne Zweifel ist, registriert er die
Verwahrlosung und Vergänglichkeit der städtischen Substanz und Kultur,
die Entfremdung und Entwurzelung der Menschen, die sich in den Betonwüsten
der Städte, in der herunter gekommenen Umgebung, in den Ghettos der
Plattenbauten, in ihren mehr oder weniger tristen Wohnungen mit Blick
auf andere Plattenbauten unbehaglich fühlen – unabhängig davon, ob
sie in der Metropole Berlin, in der polnischen Provinzstadt Elbing oder
sonst wo auf der Welt leben. Er zeigt, dass sich die Natur irgendwann
die Städte zurückholen wird: auf den menschen- und autoleeren Straßen
seiner Fotoserie Homecoming
wuchern Unkraut und Sträucher, sprießen aus den Schlaglöchern in die
Höhe, breiten sich langsam, aber beständig aus. Das
ist eine apokalyptische Idylle, in der ich gern lebte, bekennt er.
Darauf wird der Künstler wohl nicht lange warten müssen, denn die
Wirklichkeit mehrer Berliner Straßen sieht fast schon so aus wie auf
seinen Bildern: weil die Stadt kein Geld hat, Schlaglöcher und andere
Straßenschäden zu reparieren, wurde dort das Tempo einfach auf zehn
Kilometer begrenzt! Kunst ist, wie man sieht, visionär, entstammt aber
immer der Realität, denn das Leben holt oft auch die visionärste Kunst
ein. Neben der kritischen Beleuchtung des Urbanen setzt sich Paul
Rascheja mit dem Humanen, also mit dem idealisierten Menschenbild
auseinander und zeigt dessen düstere, animalische, nicht zu zähmende,
böse Seite. Für ihn ist der Mensch zwar ein weiter entwickeltes, aber
ein primitives und grausames Tier: mit Bewusstsein ausgestattet, doch
gewalttätig und unberechenbar. Paul Rascheja legt die ursprüngliche,
von der Zivilisation unberührte Natur des Menschen in suggestiven,
schmerzhaft gesteigerten Bildern offen. Dabei geht er an die Grenze des
Erträglichen, überschreitet sie häufig, bricht Tabus und provoziert.
Seine Arbeiten zeichnen sich durch eine düstere, morbide Atmosphäre
aus: eine Mischung aus Alptraum, Chaos und tödlicher Ordnungsliebe.
Seine Videos sind fesselnd und verstörend: Sie bestechen durch radikale
Sichtweisen und Schnitte, rätselhafte Details und unerwartete
Wendungen, sind eigenwillig und grotesk, gesellschaftskritisch und
subversiv. Er glaubt weder an die gern beschworene heile Welt der
Kindheit, noch an ein heiles Familienleben: Das, was als Normalität
verkauft wird, ist in Wirklichkeit die Hölle, wie in der Installation Gott
in mir, wo man erst bei genauen Hinschauen erkennt, dass das Glas,
unter dem sich alte, vom Künstler auf dem Flohmark gekaufte Fotos
befinden, zerschlagen ist: In den Mündern der Kinder stecken helle
Haarsträhnen – eine Anspielung auf den Kindermissbrauch, der
vorwiegend im engsten Familienkreis geschieht, der die jungen Opfer
traumatisiert und ihnen häufig ein Leben lang die Sprache nimmt, der
von den Tätern, also den Vätern, Großvätern, Onkeln sowie den
mitwissenden Müttern, Großmüttern, Tanten, zum „Wohl“ der
Familie verschwiegen wird.
Alltägliche
Apokalypse Paul Rascheja misstraut den Bildern, die uns von den Medien aufgezwungen werden und die wir uns von der Welt machen sollen. Er misstraut den Medien auch deshalb, weil er sich dessen bewusst ist, dass sie die Menschen manipulieren, verdummen, ihnen das Denken abgewöhnen und den medialen Infantilismus und Konsumismus verbreiten. Als ehemaliger Werbefilmer weiß er ja ganz genau, wie man die Leute verführt und zum Konsum animiert: auf die schöne Verpackung kommt es an, in der man auch das zweifelhafteste Produkt, die fragwürdigste Ideologie oder Leistung verkaufen kann. Deshalb misstraut der Künstler auch dem Sport: im Fußball, dem Stolz der Nation, entdeckt er Parallelen zum Nationalsozialismus und bedruckt die Gesichter der deutschen Lieblingsfußballer mit Zitaten aus Hitlers Mein Kampf. Genauso wie eine totalitäre Ideologie dient der Spitzensport der Beherrschung, Ablenkung, Verdummung und Infantilisierung der Massen und ist heute vor allem ein Riesengeschäft, von dem die Sponsoren am meisten profitieren. Die Spieler – zu wandelnden Werbeträgern für die sie sponsernden Firmen verkommen – werden von den Fans angespornt und wie einst Stammeskrieger oder Gladiatoren in den Kampf geschickt. Sie sind aber vor allem zu Produkten degradiert, die dazu dienen, vor einem Massenpublikum für andere Produkte zu werben. Unabhängig vom Ausgang der Spiele sind ihre Sieger in jedem Fall die Firmen, deren Logos auf den weltweit übertragenen Trikots stehen. Ob Sport, Stadt, Mensch, Natur: in seinen Arbeiten setzt sich der Künstler Paul Rascheja mit der medial vermittelten Wirklichkeit kritisch auseinander. Er defragmentiert sie, häufig wie in einem Kaleidoskop, setzt die Splitter zu neuen, verstörenden Bildern zusammen, woraus sich das Kaleidoskop unserer alltäglichen Apokalypse in Zeiten der medialen Infantilität ergibt. Text
© Urszula Usakowska-Wolff 23.05.2010 Paul
Rascheja Kuratiert von Sandra Diescher und Agata Stojek
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