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Katastrophen
in klaustrophoben Räumen Die
Ausstellung Too True to be Good
von Paul Rascheja in Berlin Paul Rascheja ist ein urbaner Künstler. Seine Videofilme und Fotoarbeiten vergegenwärtigen die Verwahrlosung und Vergänglichkeit der städtischen Substanz und Kultur, die Entfremdung und Entwurzelung der Menschen, die sich in den Betonwüsten der Städte, in der herunter gekommenen Umgebung, in den Ghettos der Plattenbauten, in ihren mehr oder weniger tristen Wohnungen mit Blick auf andere Plattenbauten unbehaglich fühlen. In den verwahrlosten Städten schlägt die Natur zurück, was der Künstler in seiner exemplarischen Foto- und Videoserie Homecoming (2008) zeigt: menschen- und autoleere Straßen, von Unkraut und Sträuchern überwuchert, die aus den Schlaglöchern in die Höhe sprießen und langsam, aber sicher, alles in Beschlag nehmen. Das ist eine apokalyptische Idylle, in der ich gern lebte, bekennt Paul Rascheja. Neben der kritischen Beleuchtung des Urbanen setzt er sich mit dem idealisierten Menschenbild auseinander und zeigt die düstere, animalische, nicht zu zähmende, böse Seite der menschlichen Natur. Dabei geht er an die Grenze des Erträglichen, überschreitet sie häufig, bricht Tabus und provoziert. Seine fesselnden und verstörenden Arbeiten zeichnen sich durch eine düstere, morbide Atmosphäre aus. Sie bestechen durch radikale Sichtweisen und Schnitte, rätselhafte Details und unerwartete Wendungen. Meine Filme sollen überraschen und in Atem halten durch die steigende Spannung, erklärt er. Dabei nutze ich häufig Fernsehwerbung und Kinderfilme, verwandle sie durch entsprechende Klänge und Schnitte in eine beunruhigende Bilderflut. In anderen Arbeiten rücke ich brutale Szenen aus bekannten Kinofilmen in den Mittelpunkt, wiederhole sie immer wieder und schaffe eine Atmosphäre, die unerträglich ist für das Publikum.
Endloser
Papierkrieg Paul Rascheja glaubt an das Böse im Menschen, denn der Mensch ist zu wahr, um gut zu sein. Seine Einzelpräsentation in der Berliner Factory-Art gallery heißt deshalb Too True to be Good. Das ist auch der Titel seiner neuesten Installation, die in der Factory-Art zum ersten Mal öffentlich gezeigt wird: eine Reaktion des Künstlers auf die so genannten "Irak-Papiere", fast 400.000 geheime US-Militärprotokolle über die "Operation Iraqi Freedom", die der Internetplattform WikiLeads zugespielt und von ihr Ende Oktober veröffentlicht wurden. Sie legen die Wahrheit über den „Krieg gegen den Terror“ offen und rufen heftige Proteste des US-Verteidigungsministeriums hervor, das dem australischen Betreiber von WikiLeads Julian Assanges mit rechtlichen Konsequenzen droht und mit allen Mitteln versucht, die unbequeme Wahrheit über Folterungen, Demütigungen der Zivilbevölkerung und andere Menschenrechtsverletzungen, die die US-Amerikaner und ihre Verbündeten im Irak und Afghanistan begehen, zumindest aus der virtuellen Welt zu schaffen. Paul Rascheja verarbeit die "Irak-Papiere" zu einem beklemmenden Werk: In einem fast dunklen Raum, der von einer einfachen Tischlampe spärlich beleuchtet wird und an ein Verhörzimmer erinnert, druckt ein Tintenstrahldrucker diese "Papiere" in einer Endlosschleife aus. Gleichzeitig läuft auf der gegenüber liegenden Wand ein schwarzweißer Film, in dem Formen, die wie Papierfetzen aussehen, sich ununterbrochen bekriegen, zusammenstoßen, explodieren und in immer neuen, verwirrenden Konstellationen erscheinen. Sie sind ständig in Bewegung, deren einziges Ziel es ist, vom Inhalt der veröffentlichten Militärprotokolle abzulenken. Nach dem endlosen Bedrucken sind auch die Papierrollen mit den aus dem Internet heruntergeladenen "Irak-Papieren" nicht mehr leserlich: Wir wissen aus den Medien, dass der Irak-Krieg zwar wirklich ist, aber wie er wirklich ist und war, wird zerredet und überschrieben. Nach der Enttarnung seines wahren Gesichts sorgen die Verantwortlichen dafür, dass er zu einem Papierkrieg mutiert. Die wahren Gewinner aller Kriege sind sowieso die globalen Konzerne. Ihr Symbol ist die Arbeit E 150d, eine überdimensionale israelische Maschinenpistole, die mit der bei der Produktion von Coca Cola eingesetzten Lebensmittelfarbe Zuckerkulör E 150d bedeckt und rot gefärbt ist: auch eine ironische Anspielung auf die Beziehungen zwischen Israel und den USA.
Defragmentierte
Medienbilder Unabhängig davon, ob sich der 1975 in der Kleinstadt Olecko in Nordostpolen geborene und seit zehn Jahren in Berlin wohnende Künstler mit den Schattenseiten der großen Politik oder mit dem Alltag beschäftigt, zeichnet er ein düsteres, oft albtraumhaftes, häufig ironisches Bild unserer Existenz. Das Leben, wie er es vor allem in seinen kurzen, einprägsamen Videofilmen Childhood, Spaces und Crash zeigt, ist eine Serie von Katastrophen in klaustrophoben Räumen: in Wohnungen, Autos, auf eng bebauten Straßen und Plätzen. Paul Rascheja misstraut den Bildern, die uns von den Medien aufgezwungen werden und die wir uns von der Welt machen sollen. Dass die Welt nicht heil ist und wohl nie heil war, erkennen wir häufig erst auf den zweiten Blick, wie in seiner Installation Gott in mir mit alten, auf Flohmärkten gekauften Familienfotos. Ihre Rahmen sind intakt, das Glas zerschlagen und nur von den Mündern der Kinder hängen helle Haarsträhnen hinunter: eine Anspielung auf den Kindermissbrauch, der vorwiegend im engsten Familienkreis geschieht. Der Künstler defragmentiert Medienbilder, häufig wie in einem Kaleidoskop, setzt die Splitter zu neuen, verstörenden Bildern zusammen. Er zeigt, dass die Medien Menschen manipulieren, verdummen, ihnen das Denken abgewöhnen und den medialen Infantilismus und Konsumismus verbreiten. Als ehemaliger Werbefilmer weiß er ja ganz genau, wie man die Leute verführt und zum Konsum animiert: auf die schöne Verpackung kommt es an, in der man auch das zweifelhafteste Produkt, die fragwürdigste Ideologie oder Leistung verkaufen kann. Deshalb misstraut der Künstler auch dem Sport: im Fußball, dem Stolz der Nation, entdeckt er Parallelen zum Nationalsozialismus und bedruckt die Gesichter der deutschen Lieblingsfußballer mit Zitaten aus Hitlers Mein Kampf. Genauso wie eine totalitäre Ideologie dient der Spitzensport der Beherrschung, Ablenkung, Verdummung und Infantilisierung der Massen und ist heute vor allem ein Riesengeschäft, von dem die Sponsoren am meisten profitieren.
Die Ausstellung Too True to be Good in der Factory-Art gallery, die Robert Bogatec aus Triest vor einem knappen halben Jahr in der Mommsenstraße 27 mitten in Charlottenburg eröffnete, lässt sich sehen, denn sie bietet Paul Raschejas Arbeiten viel Platz. Die geräumige, verwinkelte, im Souterrain gelegene Galerie mit weißgestrichenen Ziegelsteinwänden eignet sich besonders gut für eine multimediale Schau großer und kleiner Katastrophen, vor denen wir häufig unsere Augen verschließen. Vielleicht trägt sie dazu bei, das in uns steckende Böse zu erkennen, um es dadurch möglichst zu vermeiden. Text
und Fotos © Urszula Usakowska-Wolff 10.11.2010
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