Ausstellung nach zehn Tagen zu
Nackte Politiker sind in Polen tabu

Ein vermeintlich großer Skandal erschüttert die polnische Medienwelt und die Kleinstadt Zbąszyń, knappe 200 Kilometer von Berlin und 80 Kilometer von Poznań (Posen) entfernt. Am 18. Juni wurde in der dortigen Galerie für zeitgenössische Kunst Baszta (Bastei) die Einzelausstellung "Kleider machen Leute" des in Berlin lebenden Multi-Media-Künstlers Paul Rascheja eröffnet, die bis zum 7. Juli gezeigt werden sollte.

Die Ausstellung  "Kleider machen Leute" von Paul Rascheja in der Galerie Baszta in Zbaszyn wurde vom Bürgermeister der polnischen Kleinstadt nach zehn Tagen geschlossen. Foto: Paul Rascheja

Die Ausstellung  "Kleider machen Leute" von Paul Rascheja in der Galerie Baszta in Zbąszyń wurde vom Bürgermeister der polnischen Kleinstadt nach zehn Tagen geschlossen. Foto: Paul Rascheja

Darin waren führende Politiker, u.a. Angela Merkel, Wladimir Putin, Silvio Berlusconi, Nicolas Sarkozy, Barack Obama, ferner der polnische Präsident Bronisław Komorowski zu sehen, und zwar so, wie Gott sie geschaffen hat. "Ich wollte die politischen Ikonen entwaffnen und sie zu gewöhnlichen Bürgern 'degradieren'", erklärte Paul Rascheja seine unverhüllten Absichten gegenüber den polnischen Medien. Den "echten" Köpfen von Politikerinnen und Politikern verpasste der 1975 in der polnischen Kleinstadt Olecko geborene Künstler nämlich fiktive nackte Körper, aus Fotomaterial montiert, das er im Internet fand. Obwohl sich in dem 7.500 Einwohner zählenden Zbąszyń die großen polnischen Zeitungen und Presseagenturen bisher rar machten, bekamen sie von der "nackten" Ausstellung Wind, schickten ihre Korrespondenten vor und berichteten weit und breit über die "kontroverse" Schau. Was sie vor allem genüsslich beschrieben und zeigten, war die Fotomontage des nackten Präsidenten Komorowski. Die von der Verlagsgruppe Passau herausgegebene Tageszeitung POLSKA fragte sogar im Präsidentenamt nach, was dort vom hüllenlosen Landesvater gehalten wird – und erhielt prompt die Antwort, dass "laut Artikel 135 des Strafgesetzbuches die öffentliche Beleidigung des Präsidenten der Republik Polen strafbar sei."

Ausstellungseröffnung  "Kleider machen Leute" von Paul Rascheja in der Galerie Baszta im polnischen  Zbąszyń. Die "Neuen Kleider" u.a. der Präsidenten Wladimir Putin (links), Bronisław Komorowski und Nicolas Sarkozy durften nur zehn Tage hängen. Foto: Paul Rascheja

Ausstellungseröffnung  "Kleider machen Leute" von Paul Rascheja in der Galerie Baszta im polnischen Zbąszyń. Die "Neuen Kleider" u.a. der Präsidenten Wladimir Putin (links), Bronisław Komorowski und Nicolas Sarkozy durften nur zehn Tage hängen. Foto: Paul Rascheja

  Unangenehmes Nachspiel möglich

Mit der Majestät eines beleidigten polnischen und angeblich rechts-liberalen Präsidenten, der von Paul Rascheja in einer Neuinterpretation der „Neuen Kleider des Kaisers“ mit großem Bauch und recht spärlichen männlichen Attributen ausgestattet und zur Schau gestellt wurde, ist besser nicht zu spaßen. Wohl im vorauseilenden Gehorsam ließ der Bürgermeister der Stadt Zbąszyń Tomasz Kurasiński nach nur zehn Tagen die "kontroverse" Ausstellung schließen, wonach er sich auf eine Auslandsreise begab und für die Medienvertreter nicht zu sprechen war. Die Sache kann aber für die Veranstalter der Ausstellung "Kleider machen Leute" noch ein unangenehmes Nachspiel haben: Wie den polnischen Medien zu entnehmen ist, müssen die Direktorin des dortigen Kulturzentrums Katarzyna Kutzmann-Solarek und ihr Mann Ireneusz Solarek, Leiter der Galerie Baszta, die Angestellte der Stadt Zbąszyń sind, damit rechnen, dass sie ihre Stellen verlieren. Wenn es dazu kommt, bedeutet das: "Kleider machen Leute fertig."  

Am 18. Juni 2011 konnten  Katarzyna Kutzmann-Solarek, Ireneusz Solarek und Paul Rascheja nicht ahnen, dass die Ausstellung "Kleider machen Leute" vom Bürgermeister der Stadt Zbąszyń geschlossen wird. Foto: Galerie Baszta

Am 18. Juni 2011 konnten  Katarzyna Kutzmann-Solarek, Ireneusz Solarek und Paul Rascheja nicht ahnen, dass die Ausstellung "Kleider machen Leute" vom Bürgermeister der Stadt Zbąszyń geschlossen wird. 
Foto: Galerie Baszta

In guter Gesellschaft

Übrigens ist es nicht besonders schwer, einen polnischen Präsidenten zu beleidigen, unabhängig davon, wie er heißt und welcher politischen Partei er sich verpflichtet fühlt. Komorowskis rechts-nationalistischer Vorgänger Lech Kaczyński sagte sogar seine Teilnahme am Gipfeltreffen des Weimarer Dreiecks ab, bei dem er sich am 2. Juli 2006 mit der Kanzlerin Angela Merkel und dem damaligen französischen Staatspräsidenten Jacques Chirac treffen sollte, nachdem über ihn in der taz am 26. Juni 2006 die Satire "Polens neue Kartoffel“ von Peter Köhler erschienen war. Die polnische Staatsanwaltschaft leitete daraufhin – erfolglos – ein Strafverfahren gegen den Berliner Autor ein. Weil sich die deutsche Regierung für die "Kartoffelaffäre“ nicht entschuldigen wollte, was die polnische Seite lauthals forderte, wohl vergessend, dass in demokratischen Ländern die Medien unabhängig sind und schreiben dürfen, was ihnen in den Sinn kommt, ohne auf die Regierenden Rücksicht zu nehmen, wurde in Polen umgehend ein Sündenbock gefunden: Der Leiter der Presseabteilung des Ministeriums für Auswärtige Angelegenheiten Paweł Dobrowolski wurde damals von seiner Chefin Anna Fotyga gefeuert, weil er den beleidigenden Text übersetzen ließ, so dass dieser vom Präsidenten Kaczyński auf Polnisch gelesen werden konnte.

Das Ehepaar Solarek, Initiatoren der kurzlebigen Ausstellung "Kleider machen Leute" in Zbąszyń, befindet sich also in guter Gesellschaft. Doch während der Warschauer Diplomat Dobrowolski als Botschafter nach Zypern abgeschoben wurde, und Paul Rascheja als Freiberufler in Berlin seinen Lebensunterhalt verdient, werden sich die beiden Kunstmacher in der polnischen Provinz wohl bald warm anziehen müssen, um auf ihren kommunalen Posten überwintern zu können.

Text © Urszula Usakowska-Wolff
Fotos © Paul Rascheja und Galerie Baszta

01.07.2011

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Weiter zum Text über die Ausstellung "William N. Coplay und Andreas Slonimski. X-RATED", me Collectors Room Berlin, 30.01.-08.05.2011