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Raumdiskurs
auf dem Kunstparcours Diese Ausstellung ist ein Wagnis und eine Herausforderung, denn sie versucht, den Wandel der räumlichen Verortung und Entortung der Kunst in den letzten hundert Jahren in Räumen sichtbar und verständlich zu machen, die dafür nicht besonders prädestiniert sind. Die immer wieder verschobene und nach geraumer Zeit zustande gekommene Schau "Raum. Orte der Kunst" in der Akademie der Künste ist als Doppelausstellung eine Premiere, denn sie findet an zwei voneinander entfernten Akademie-Orten in Berlin statt: im bunkerartigen Gebäude mit holzverkleideter Decke und Ziegelsteinwänden am Hanseatenweg und in der Galerie am Pariser Platz, die mit ihren 500 Quadratmeter Fläche für große Präsentationen etwas zu klein ist. An beiden Orten muss sich die Kunst bei jeder Ausstellung gegen die dominante Architektur behaupten und sie schafft es erfreulicherweise auch diesmal. Das liegt vor allem an der Qualität, Stärke und dem stellenweise meditativen Charakter (vor allem bei der Serie der leeren Filmtheater und Theater von Hiroshi Sugimoto) der zum Teil kleinformatigen Werke, die ihre Wirkung wohl unter jeden, auch unvorteilhaften Bedingungen entfalten. Es handelt sich nämlich um unbekannte, wenig bekannte oder um zum ersten Mal (nicht nur) in Berlin gezeigte Arbeiten von 43 Künstlerinnen und Künstlern aus Europa, Japan, den USA und Palästina, die nach Ansicht der Kuratoren Angela Lammert, Robert Kudielka und Matthias Flügge einen bisher nicht ausführlich genug behandelten Aspekt der Kunst der letzten hundert Jahre beispielhaft verkörpern: Die Beschäftigung mit dem Raum, ein Thema, "das eine zentrale Kategorie der Moderne jenseits antipodischer Erklärungsmuster betrifft. Darüber hinaus verbindet dieses Thema die Geschichte der Moderne des 20. Jahrhunderts mit den Problemen der Gegenwart, betrifft Kunst und Gesellschaft gleichermaßen und setzt sie in Bezug zu den geistigen und wissenschaftlichen Strömungen der Zeit", schreiben sie in dem gewichtigen (fast zwei Kilo), umfangreichen (fast 400 Seiten) und dennoch lesenswerten Katalog.
Acht
Kapitel mit Raumtiteln Die Ausstellung "Raum. Orte der Kunst" steht am Ende eines dreijährigen interdisziplinären Projekts mit Seminaren, Symposien, Tagungen und Präsentationen, der künstlerischen Raumforschung gewidmet. Die gegenwärtige Schau zum Thema Raum und Orte, an denen Kunst entsteht oder gezeigt wird, ist mit Werken großer Künstler bestückt, die die Kunst, ihre Machart und den Kunstbegriff seit dem Anfang des 20. Jahrhunderts erweiterten und substantiell veränderten. Man betritt an beiden Akademie-Ausstellungsorten einen Parcours, auf dem sich ein Diskurs über den Raum als konstituierendes Moment der Kunst, ausgehend von der Moderne, entwickelt. Sie ist in acht Kapitel (fünf am Hanseatenweg und drei am Pariser Platz) gegliedert mit den Titeln: "Der fotografische Raum" (mit Werken von Albert Londe, Jean Painvelé, Constantin Brancusi, Medardo Rosso, Man Ray, Soichi Sumani), "Der montierte Raum" (Marcel Duchamp, John Heartfield), "Der bildnerische Raum" (Max Ernst, Paul Klee, Pablo Picasso, Alexander Calder, Kasimir Malewitsch, Henri Matisse, Pierre Bonnard, Giorgio Morandi, Louise Bourgeois), "Der leere Raum" (Francis Bacon, Jean Genet, Samuel Beckett, Alberto Giacometti, Bruce Nauman), "Der soziale Raum" (Michal Pěchouček, Marc Lombardi, Rashid Masharawi, Gordon Matta-Clark, Francis Alÿs), "Körper im Raum" (Trisha Brown, Garry Hill), "Der fiktive Raum" (Dieter Appelt, Constant, Thomas Demand, Santiago Sierra, Hiroshi Sugimoto) und "Der 'reale' Raum" (Tadeusz Kantor, Edward Krasiński, Piet Mondrian, Chris Newman, Fred Sandbeck, Klaus Staeck, Bridget Riley). Dagegen ist der immer mehr an Bedeutung gewinnende "Virtuelle Raum" in den "Orten der Kunst" kein Thema, vielleicht würde er den Rahmen dieser eher konventionellen Ausstellung sprengen, wo sich alles mehr oder weniger um das Atelier dreht: Der Mittelpunkt des Raumdiskurses am Hanseatenweg sind die Wände des außerordentlich engen Pariser Ateliers von Alberto Giacometti, der sie wie eine Art Notizbuch benutzte. Sie konnten 1972 in einer Nacht- und Nebelaktion vor dem Abbruch gerettet werden und stehen in Berlin zum ersten Mal (noch vor ihrer anschließenden Präsentation im Centre Pompidou) zur Schau. Den Kern der Ausstellung am Pariser Platz bildet das rekonstruierte letzte Atelier von Piet Mondrian an der 15 East 59Th. Street in New York, das er von Oktober 1943 bis Februar 1944 nutzte und das seine Liebe zur Geometrie, der Farbe weiß, rot, blau und gelb sowie zur Ordnung verdeutlicht.
Die
Welt als Fragment Der Raum: "Ein riesiges, schier uferloses Thema", schreiben die Kuratoren im Katalog über ihr Ausstellungskonzept. Unabhängig davon, ob man die komplizierten und oft auch recht konstruierten theoretischen Überlegungen, die der Ort-Raum-Kunstschau zugrunde liegen, nachvollziehen oder nicht nachvollziehen kann, stehen sie einer Besichtigung nicht im Wege. Die Kunst ist - und das zeigt diese Ausstellung besonders deutlich - ein Produkt ihrer Zeit und die Künstler sind Menschen, die sich der ihnen zur Verfügung stehenden technischen Mittel bedienen und in ihren Werken die Zeit, in der sie leben, reflektieren. Sie zeigt auch, dass die Kunst, die diesen Namen auch wirklich verdient, ein Forschungsprozess ist. Am Anfang steht die Idee, am Ende ihre Visualisierung und Materialisierung in dem einen oder anderen Medium und in dem einen oder anderen Raum. Hier hat sich seit Jahrtausenden nichts verändert, denn ein Kunstwerk kommt aus dem Kopf, manchmal aus dem Bauch und wird mit den Händen gemacht. Weil die Welt seit 150 Jahren von einer beispiellosen und fortdauernden technischen Revolution erfasst ist, die neben einer Erleichterung des Lebens und einer Nivellierung der gesellschaftlichen Hierarchien auch die beiden Weltkriege, die sich das industrielle Morden zueigen machten, ermöglichte, bleibt ihr Einfluss auf die Betrachtung der Welt durch die Künstler nicht aus. Die Welt ist nicht mehr als ganzes erfahrbar, sie bleibt immer ein Ausschnitt, ein Fragment, aus denen andere Ausschnitte und Fragmente montiert werden. Durch die Anfang des 20. Jahrhunderts erfolgte Beschleunigung des Lebens als Folge der Entwicklung moderner Massenverkehrsmitteln, durch die Einführung der seriellen Verfahren wie Foto und der bewegten und bewegenden Bildern des Films, begannen die Künstler, in einem sich rasch verändernden realen wie fiktiven Umfeld mit den neuen Medien zu experimentieren.
Orte,
Wände, Umstände Die
Kunst machte sich die Wissenschaft zunutze, Wissenschaftler arbeiteten
wie Künstler (z.B. Albert Londe vom Fotografischen Dienst einer Pariser
Nervenklinik, der Ende des 20. Jahrhunderts menschliche Bewegungsabläufe,
aber auch Wellen, Feuerwerke und andere "bildunwürdige"
Erscheinungen fotografierte oder der Biologe Jean Painlevé mit seinen
Unterwasserfilmen aus den 1930er Jahren über Seepferdchen, Tintenfischen, Krabben, Seeigeln
u.a. in Nahaufnahme), Künstler wie Wissenschaftler (u.a. Man Ray mit
seinen "mathematischen" Fotoarbeiten und Paul Klee mit der
"bildnerischen Formlehre", von der Liebe zur Geometrie eines
Malewitsch ganz zu schweigen). Bild und Abbild, das Serielle, das Unikat
und ihre Wechselwirkungen, Mobilität, Verortung, Ortlosigkeit,
Ortwechsel, Technikbegeisterung und -Verweigerung, die Leere als Stoff,
aus dem Skulpturen, Filme und Filmtheater sind und Skulpturen als
Striche in der Leere, der öffentliche Raum als soziale Skulptur: Die
Ausstellung ist wohltuend unspektakulär, sie wirkt vor allem am
Hanseatenplatz wie ein Archiv der Moderne, auch deshalb, weil die dort
gezeigten oft kleinformatigen und seriellen Arbeiten: Fotos, Filme und
Skizzen einen unfertigen, vorläufigen oder spröden Charakter haben und
die mit viel Arbeit verbundene Entstehungsgeschichte der Kunst (auch an
ihren dem Publikum nicht zugänglichen Entstehungsorten - den Ateliers)
dokumentieren. Die Kunst ist ein ort- und zeitbezogener Prozess, und das
ist sehr deutlich in der Akademie der Künste zu sehen, der nie zum
Erliegen kommt und sich ständig weiter entwickelt, denn er ist zugleich
zeit- und ortlos. Die Aufgabe der Kunst ist es, uns darauf aufmerksam zu
machen, die Welt, in der wir uns häufig blindlings bewegen, richtig zu
betrachten: "Es ist eine Hochnäsigkeit seitens eines Künstlers,
den Menschen Bilder als Objekte der Bewunderung vor die Nase zu halten.
Ich mache Orte, Wände, Umstände sichtbar, die sonst nicht zu bemerken,
leblos wären", erklärte 1993 der Pole Edward Krasiński, der
seine Eingriffe in die reale Welt mit einem blauen Kunststoffband
markierte. Text © Urszula Usakowska-Wolff 10.04.2007 RAUM.
Orte der Kunst Katalog |