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Ausgesetzt
im Paradies Auch
an diesem trüben und schwermütigen letzten Juni des Jahres 2005 kann
man sich dem Zauber dieses Ortes nicht entziehen: ein berauschender
Vogelgesang flattert zwischen den Bäumen, Licht durchdringt die Blätter
und lässt sie silbrig schimmern, Rosen duften betörend und locken
Bienen heran. Käfer summen und eine kleine Wühlmaus guckt
unerschrocken und neugierig aus ihrem Loch. Sie sieht einen Mann, der
zwischen den Ästen einer uralten Kiefer eine seltsame Form befestigt.
Er klettert auf den Baum mit der Geschmeidigkeit eines Eichhörnchens,
überprüft die Tragkraft der Seile und seilt sich dann elegant und
lautlos ab. Dieser Mann, eine gelungene und sehr attraktive Mischung aus
Tarzan und einem Eichhörnchen, heißt Bernhard
Adrian. Baumpfleger von
Beruf und mit einer offensichtlicher Berufung zum Extremkletterer, gehört
er zu einem Team von Profis, die Unmögliches verwirklichen: neben Götz
Pastor, Inhaber der Firma gpobjekte aus Frankfurt am Main und dessen
vier Mitarbeitern hilft er dabei, Ideen, die sich ein Künstler
ausgedacht hat, in die Tat umzusetzen. Diese Männer materialisieren
Gedanken und verleihen ihnen eine dreidimensionale Form. Ihr Einsatzort
ist diesmal ein kleines Paradies am Rande der Gemeinde Dörentrup im
Lippischen: Dort an drei idyllischen Stellen des zweihundertfünfzig Jahre alten
Parks, der zum fast vierhundert Jahre alten Schloss Wendlinghausen gehört,
montieren sie gerade "Drei ausgesetzte Kinder“, eine dreiteilige
skulpturale Installation, die der international hochgeschätzte Künstler
Tobias Rehberger für die diesjährigen Rauminszenierungen OWL entworfen
hat.
Aufgesetzt
auf den Bäumen Es
ist wahrlich eine hohe und gewichtige Kunst, die der 39-jährige Künstler
aus Frankfurt am Main zwischen den Ästen von drei uralten Bäumen im
Schlosspark Wendlinghausen aufsetzen und aufhängen lässt: wenn man
aufblickt, sieht man drei echte Aufhänger von insgesamt 1200 kg in
jeweils 5,10 m Höhe. "Drei ausgesetzte Kinder“, unter denen
Tobias Rehberger Behausungen für jene versteht, denen man im geräumigen
Schloss kein Zimmer zugewiesen hatte oder zuweisen wollte, sind drei
ausgefallene etwas zweckentfremdete und spielerische Architekturformen,
eine auseinander gerissene Wohneinheit, die aus einer separaten grünen
Zimmerzelle ohne Mobiliar, einer separaten grau-grün-roten Küchenzelle ohne Herd
und einer separaten gelben Nasszelle ohne Dusche besteht. Nun hängen
sie in den Bäumen, bunten Baumhäusern aus Kinderträumen oder riesigen
Vogelnestern gleich. Sie wurden von der Firma gpobjekte in zwei Wochen
aus Holzplatten maßgeschneidert und geleimt, und mit zum Teil
leuchtenden Farben bemalt. Stellenweise erinnern sie an provisorische
Schrebergarten- oder Ferienhäuschen, die in den 1960er und 1970er
Jahren in den ehemals sozialistischen Ländern in Heimarbeit gefertigt
wurden. Aus der Mangelwirtschaft geboren und als Übergangslösung
gedacht, blieben sie den Menschen dauerhaft erhalten. Doch die Zeiten ändern
sich und die provisorische, fest auf dem sozialistischen Boden stehende
Hütte von gestern ist die hoch aufgehängte westliche Kunst von heute.
Kletterkunst
auf eigene Verantwortung Das
größte, 600 kg schwere "Ausgesetzte Kind“ von Tobias Rehberger
- das ovale Wohnzimmer mit bunten Plexiglasscheiben und einer wunderschönen
Aussicht auf das Begatal - könnte man sich sogar als Hochsitz für
einen Jäger vorstellen. Wie die Schlossherrin und begeisterte
Kunstsammlerin Elisabeth von Reden informiert, besuchen bevorzugt Rehe
und Hasen im Morgengrauen den Park. Doch die Gefahr, dass ihnen in
diesem "Ausgesetzten Kind“ jemand auflauert und ihr Leben
bedroht, ist eher gering. Um in eines der drei Baumhäuser zu gelangen,
muss man eine steile, über fünf Meter hohe Leiter hinaufklettern. Für
Nebenwirkungen und Risiken solcher Schritte zur hohen Kunst übernehmen
die Veranstalter und die ausführende Firma keine Verantwortung. Die
Statik der "Ausgesetzten Kinder“ erlaubt es zwar, dass sich
mehrere mutige Kunstbegierige dort aufhalten können. Eine steile
Holzleiter führt jedoch zum Ziel, das sich auf der Höhe des dritten
Stocks eines echten Wohnblocks befindet. Ihr Betreten ist, wie Dr.
Thomas Kellein, Direktor der Kunsthalle in Bielefeld und Kurator der
Rauminszenierungen OWL betont, "immer auf eigene Verantwortung.“
So kann die neue Kunst des Tobias Rehberger, die sich für die nächsten
dreieinhalb Monate in den alten Bäumen im Schlosspark Wendlinghausen
niedergelassen hat, von niemanden, der dieses kleine Paradies besucht,
übersehen werden. Sie ist aber nicht für jede(n) zugänglich. Text
© Urszula Usakowska-Wolff Fotos © Manfred Wolff 1.07.2005 Tobias Rehberger Künstlerische Leitung:
Dr. Thomas Kellein Produktion
und Montage: Bernhard
Adrian Gartenlandschaft Ostwestfalen-Lippe >>>
Weitere
Rauminszenierungen im Rahmen George
Condo, Staff Landschaftspark Lemgo Olafur Eliasson,
Botanischer Garten Gütersloh Jenny Holzer und Henri
Cole, Landschaftspark Rheder Ilya und Emilia Kabakov,
Gutspark Böckel Anish Kapoor, Schlosspark Rheda
Tobias
Rehberger oder die Kunst der Kommunikation Betten,
die nach den Wunschvorstellungen seiner Freundinnen gefertigt wurden;
Wunschprothesen als Projektionshüllen für Träume und Sehnsüchte, die
das Warten auf deren Erfüllung erträglich machen; bis zum Boden
herunterhängende Lampen; Porträts und Büsten in Form von
Blumenarrangements in Vasen; Wohnlandschaften, die verdeutlichen, wie
sehr der individuelle Geschmack von den Modetrends beeinflusst wird,
Automodelle und Ikonen des Designs, aus der Erinnerung gezeichnet und
von thailändischen oder afrikanischen Handwerkern ausgeführt, aber
auch ein künstlich beschneiter Bonsai-Garten mitten im Sommer auf der
Expo 2000 in Hannover: In den orts- und situationsbezogenen Objekten,
Installationen und Interventionen des 1966 in Esslingen geborenen Tobias
Rehberger ist der Mensch als Ausgangspunkt und auch als Adressat stets
von grundlegender Bedeutung. Angefangen mit den Installationen Rehbergst
(in der er sich auf Gemälde und Möbel seines Vaters bezieht) und Betten
(beide 1994), über Vasenporträts (1995) und I
would really love to
(bestehend aus der
für das Aufsichtspersonal der Venedig Biennale 1997 entworfenen
durchsichtigen Unterwäsche und den vom Bauch bis zum Po reichenden
Goldkettchen für 30 Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen der I. Berlin
Biennale 1998) über Die
Sonne von Nizza oder Seascapes and other portraits
(1999, Nordhorn und 2000, Dunkerque) bis zu den Fragments of
their pleasant spaces (1996-2000) und den neuesten Licht-, Video-
und Rauminstallationen sind die Anlässe für Rehbergs Arbeiten häufig
persönlicher Natur.
Kontrolle
und Spontaneität Alltagserfahrungen, Erwartungen, Vorstellungen, Äußerungen, Wünsche oder Ideen einer bestimmten, konkret existierenden Person dienen dem 1999 mit dem Internationalen Preis des Landes Baden-Baden, 2001 mit dem Dix-Preis der Stadt Gera und 2003 mit dem Frankfurter Karl-Stöher-Preis ausgezeichneten Künstler als Ausgangspunkt für seine Aufgaben- und Fragestellung. Seine Arbeit ist die eines Forschers, der die Beziehungen der Menschen zu ihrer gegenständlichen Welt untersucht, indem er alltägliche Gegenstände und Handlungen, die so offensichtlich zu sein scheinen, dass sie unsichtbar geworden sind, ans Tageslicht holt oder ins künstliche Licht rückt. Er geht auch den umgekehrten Weg: Indem er das Sichtbare nur als Begriff im Raum stehen lässt, also es faktisch unsichtbar macht, fragt er danach, wie und ob es dennoch als sichtbares Objekt wahrgenommen wird. Zur Realisierung seiner Arbeiten, die sich im Spannungsfeld zwischen Kunst, Design, Mode, Architektur, Ambiente, Meteorologie und Soziologie bewegen, entwickelte Rehberger ein Konzept, das häufig durch Dritte verwirklicht wird, denn das Delegieren ist ein wesentlicher Bestandteil seiner künstlerischen Strategie. Indem er z. B. ein bestimmtes Möbelstück von anderen bauen lässt, schließt er einen Eigenanteil eines jeden am Produktionsprozess Beteiligten ein. Das Kunstwerk ist damit nicht nur realisierte Idee des Künstlers, sondern Ergebnis einer Produktion, in deren Verlauf immer wieder Veränderungen vorgenommen werden. Die äußeren Einflüsse, denen der Produktionsprozess ständig unterliegt, bewirken, dass er nicht vom Anfang bis zum Ende kontrolliert werden kann: Kontrolle ist gut, aber Spontaneität ist auch nicht fehl am Platz der Kunst, denn Kunst ist gleichermaßen Kommunikation und Produktion, und Kommunikation produziert Kunst. Die von Rehberger initiierten kommunikativen Situationen, die von den daran wissentlich oder auch unwissentlich beteiligten Personen gedankliche, manchmal kreative Leistungen einfordern, sind für ihn stets ein neuer Ausgangspunkt für weiterführende konzeptionelle oder spezifische gestalterische Lösungen. In
seinen Wohn-Ensembles, Möbelentwürfen, Skulpturen und
Deckengestaltungen, von der Kunstkritik häufig als eine Anspielung an
das Design der siebziger und achtziger Jahre verstanden, geht es Tobias
Rehberger jedoch nicht so sehr um die Thematisierung des Verhältnisses
zwischen dem Original und der Reproduktion, sondern vielmehr um eine
Neudefinition des Verständnisses künstlerischer Arbeit. Die Kunst ist
für ihn eine Möglichkeit, die in seiner unmittelbaren Umgebung aber
auch weltweit existierenden Strukturen, Zeichen, Begriffe und
Beziehungen zu erforschen und sie mit anderen für andere
nachvollziehbar, also kommunikativ zu gestalten. Indem er Vorschläge
oder Vorgaben von Freunden und Bekannten in ein gemeinsames, die
Handschrift aller Beteiligten tragendes künstlerisches Ambiente, in Möbel
oder Porträts einfließen lässt oder wenn er dem Publikum die Möglichkeit
bietet, auf die Ausstattung und Gestaltung der Ausstellungsräume
Einfluss zu nehmen und auf diese Weise das Funktionieren seiner
Installationen und Objekte von der Bereitschaft zur Mitwirkung und
Benutzung durch andere abhängig macht, stellt Tobias Rehberger stets
seine Grundfrage in den (gesellschaftlichen) Raum: Was macht eigentlich
einen Künstler und (s)ein Kunstwerk aus, in welchem Maße sind sie
durch individuelle und kollektive Vorstellungen, Erwartungen,
Wahrnehmungen und äußere Einflüsse bedingt? Eine Antwort darauf könnte
lauten: Kunst ist ein kollektives Werk, mit der unverwechselbaren
Signatur des Künstlers. Text © Urszula Usakowska-Wolff
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