Ausgesetzt im Paradies

Auch an diesem trüben und schwermütigen letzten Juni des Jahres 2005 kann man sich dem Zauber dieses Ortes nicht entziehen: ein berauschender Vogelgesang flattert zwischen den Bäumen, Licht durchdringt die Blätter und lässt sie silbrig schimmern, Rosen duften betörend und locken Bienen heran. Käfer summen und eine kleine Wühlmaus guckt unerschrocken und neugierig aus ihrem Loch. Sie sieht einen Mann, der zwischen den Ästen einer uralten Kiefer eine seltsame Form befestigt. Er klettert auf den Baum mit der Geschmeidigkeit eines Eichhörnchens, überprüft die Tragkraft der Seile und seilt sich dann elegant und lautlos ab. Dieser Mann, eine gelungene und sehr attraktive Mischung aus Tarzan und einem Eichhörnchen, heißt Bernhard Adrian. Baumpfleger von Beruf und mit einer offensichtlicher Berufung zum Extremkletterer, gehört er zu einem Team von Profis, die Unmögliches verwirklichen: neben Götz Pastor, Inhaber der Firma gpobjekte aus Frankfurt am Main und dessen vier Mitarbeitern hilft er dabei, Ideen, die sich ein Künstler ausgedacht hat, in die Tat umzusetzen. Diese Männer materialisieren Gedanken und verleihen ihnen eine dreidimensionale Form. Ihr Einsatzort ist diesmal ein kleines Paradies am Rande der Gemeinde Dörentrup im Lippischen: Dort an drei idyllischen Stellen des zweihundertfünfzig Jahre alten Parks, der zum fast vierhundert Jahre alten Schloss Wendlinghausen gehört, montieren sie gerade "Drei ausgesetzte Kinder“, eine dreiteilige skulpturale Installation, die der international hochgeschätzte Künstler Tobias Rehberger für die diesjährigen Rauminszenierungen OWL entworfen hat.

Baumpfleger Bernhard Adrian bei der Montage der Skulptur "Drei ausgesetzte Kinder" (Dusche)
 von Tobias Rehberger im Schlosspark Wendlinghausen, 30.06.2005. Foto © Manfred Wolff

Baumpfleger Bernhard Adrian bei der Montage der Skulptur "Drei ausgesetzte Kinder" (Dusche) von Tobias Rehberger im Schlosspark Wendlinghausen, 30.06.2005. Foto © Manfred Wolff

Baumpfleger Bernhard Adrian bei der Montage der Skulptur "Drei ausgesetzte Kinder" (Dusche)
 von Tobias Rehberger im Schlosspark Wendlinghausen, 30.06.2005. Foto © Manfred Wolff

  Aufgesetzt auf den Bäumen

Es ist wahrlich eine hohe und gewichtige Kunst, die der 39-jährige Künstler aus Frankfurt am Main zwischen den Ästen von drei uralten Bäumen im Schlosspark Wendlinghausen aufsetzen und aufhängen lässt: wenn man aufblickt, sieht man drei echte Aufhänger von insgesamt 1200 kg in jeweils 5,10 m Höhe. "Drei ausgesetzte Kinder“, unter denen Tobias Rehberger Behausungen für jene versteht, denen man im geräumigen Schloss kein Zimmer zugewiesen hatte oder zuweisen wollte, sind drei ausgefallene etwas zweckentfremdete und spielerische Architekturformen, eine auseinander gerissene Wohneinheit, die aus einer separaten grünen Zimmerzelle ohne Mobiliar, einer separaten grau-grün-roten Küchenzelle ohne Herd und einer separaten gelben Nasszelle ohne Dusche besteht. Nun hängen sie in den Bäumen, bunten Baumhäusern aus Kinderträumen oder riesigen Vogelnestern gleich. Sie wurden von der Firma gpobjekte in zwei Wochen aus Holzplatten maßgeschneidert und geleimt, und mit zum Teil leuchtenden Farben bemalt. Stellenweise erinnern sie an provisorische Schrebergarten- oder Ferienhäuschen, die in den 1960er und 1970er Jahren in den ehemals sozialistischen Ländern in Heimarbeit gefertigt wurden. Aus der Mangelwirtschaft geboren und als Übergangslösung gedacht, blieben sie den Menschen dauerhaft erhalten. Doch die Zeiten ändern sich und die provisorische, fest auf dem sozialistischen Boden stehende Hütte von gestern ist die hoch aufgehängte westliche Kunst von heute.

Tobias Rehberger: "Drei ausgesetzte Kinder" (Wohnzimmer). Schlosspark Wendlinghausen, 30.06.2005

Tobias Rehberger: "Drei ausgesetzte Kinder" (Wohnzimmer). Schlosspark Wendlinghausen, 30.06.2005. Foto © Manfred Wolff

Tobias Rehberger: "Drei ausgesetzte Kinder" (Wohnzimmer). Schlosspark Wendlinghausen, 30.06.2005

  Kletterkunst auf eigene Verantwortung

Das größte, 600 kg schwere "Ausgesetzte Kind“ von Tobias Rehberger - das ovale Wohnzimmer mit bunten Plexiglasscheiben und einer wunderschönen Aussicht auf das Begatal - könnte man sich sogar als Hochsitz für einen Jäger vorstellen. Wie die Schlossherrin und begeisterte Kunstsammlerin Elisabeth von Reden informiert, besuchen bevorzugt Rehe und Hasen im Morgengrauen den Park. Doch die Gefahr, dass ihnen in diesem "Ausgesetzten Kind“ jemand auflauert und ihr Leben bedroht, ist eher gering. Um in eines der drei Baumhäuser zu gelangen, muss man eine steile, über fünf Meter hohe Leiter hinaufklettern. Für Nebenwirkungen und Risiken solcher Schritte zur hohen Kunst übernehmen die Veranstalter und die ausführende Firma keine Verantwortung. Die Statik der "Ausgesetzten Kinder“ erlaubt es zwar, dass sich mehrere mutige Kunstbegierige dort aufhalten können. Eine steile Holzleiter führt jedoch zum Ziel, das sich auf der Höhe des dritten Stocks eines echten Wohnblocks befindet. Ihr Betreten ist, wie Dr. Thomas Kellein, Direktor der Kunsthalle in Bielefeld und Kurator der Rauminszenierungen OWL betont, "immer auf eigene Verantwortung.“ So kann die neue Kunst des Tobias Rehberger, die sich für die nächsten dreieinhalb Monate in den alten Bäumen im Schlosspark Wendlinghausen niedergelassen hat, von niemanden, der dieses kleine Paradies besucht, übersehen werden. Sie ist aber nicht für jede(n) zugänglich.

Text © Urszula Usakowska-Wolff

Fotos © Manfred Wolff

1.07.2005


Tobias Rehberger
"Drei ausgesetzte Kinder"
Schlosspark Wendlinghausen
Am Schloss 4
32694 Dörentrup
1.07. - 16.10.2005
Täglich 10:00 - 18:00 Uhr

Künstlerische Leitung: Dr. Thomas Kellein
Assistentin: Dr. Claudia Turtenwald

Produktion und Montage:
gpobjekte
Inhaber Götz Pastor
möbel - objekte - prototypen
Wilhelmshöher Straße 26
60389 Frankfurt am Main

Bernhard Adrian
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Baumpfleger Bernhard Adrian und Künstler Tobias Rehberger bei der Montage der Skulptur  "Drei ausgesetzte Kinder" (Küche) im Schlosspark Wendlinghausen, 30.06.05. Foto © Manfred Wolff

Baumpfleger Bernhard Adrian und Künstler Tobias Rehberger bei der Montage der Skulptur
 "Drei ausgesetzte Kinder" (Küche) im Schlosspark Wendlinghausen, 30.06.05. Foto © Manfred Wolff


Weitere Rauminszenierungen im Rahmen
 der Gartenlandschaft Ostwestfalen-Lippe:

George Condo, Staff Landschaftspark Lemgo

Olafur Eliasson, Botanischer Garten Gütersloh

Jenny Holzer und Henri Cole, Landschaftspark Rheder

Ilya und Emilia Kabakov, Gutspark Böckel

Anish Kapoor, Schlosspark Rheda


Tobias Rehberger am 30.06.05 im Schlosspark Wendlinghausen. Foto © Manfred Wolff

Tobias Rehberger am 30.06.05 im Schlosspark Wendlinghausen. Foto © Manfred Wolff

 

Tobias Rehberger oder die Kunst der Kommunikation

Betten, die nach den Wunschvorstellungen seiner Freundinnen gefertigt wurden; Wunschprothesen als Projektionshüllen für Träume und Sehnsüchte, die das Warten auf deren Erfüllung erträglich machen; bis zum Boden herunterhängende Lampen; Porträts und Büsten in Form von Blumenarrangements in Vasen; Wohnlandschaften, die verdeutlichen, wie sehr der individuelle Geschmack von den Modetrends beeinflusst wird, Automodelle und Ikonen des Designs, aus der Erinnerung gezeichnet und von thailändischen oder afrikanischen Handwerkern ausgeführt, aber auch ein künstlich beschneiter Bonsai-Garten mitten im Sommer auf der Expo 2000 in Hannover: In den orts- und situationsbezogenen Objekten, Installationen und Interventionen des 1966 in Esslingen geborenen Tobias Rehberger ist der Mensch als Ausgangspunkt und auch als Adressat stets von grundlegender Bedeutung. Angefangen mit den Installationen Rehbergst (in der er sich auf Gemälde und Möbel seines Vaters bezieht) und Betten (beide 1994), über Vasenporträts (1995) und I would really love to (bestehend aus der für das Aufsichtspersonal der Venedig Biennale 1997 entworfenen durchsichtigen Unterwäsche und den vom Bauch bis zum Po reichenden Goldkettchen für 30 Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen der I. Berlin Biennale 1998) über Die Sonne von Nizza oder Seascapes and other portraits (1999, Nordhorn und 2000, Dunkerque) bis zu den Fragments of their pleasant spaces (1996-2000) und den neuesten Licht-, Video- und Rauminstallationen sind die Anlässe für Rehbergs Arbeiten häufig persönlicher Natur.

Tobias Rehberger: "Adipöse Enkelin", 2004, Inselwallpark Braunschweig. Foto © Gartenlandschaft OWL 

Tobias Rehberger: "Adipöse Enkelin", 2004, Inselwallpark Braunschweig. Foto © Gartenlandschaft OWL

Tobias Rehberger: "Adipöse Enkelin", 2004, Inselwallpark Braunschweig. Foto © Gartenlandschaft OWL 

  Kontrolle und Spontaneität

Alltagserfahrungen, Erwartungen, Vorstellungen, Äußerungen, Wünsche oder Ideen einer bestimmten, konkret existierenden Person dienen dem 1999 mit dem Internationalen Preis des Landes Baden-Baden, 2001 mit dem Dix-Preis der Stadt Gera und 2003 mit dem Frankfurter Karl-Stöher-Preis ausgezeichneten Künstler als Ausgangspunkt für seine Aufgaben- und Fragestellung. Seine Arbeit ist die eines Forschers, der die Beziehungen der Menschen zu ihrer gegenständlichen Welt untersucht, indem er alltägliche Gegenstände und Handlungen, die so offensichtlich zu sein scheinen, dass sie unsichtbar geworden sind, ans Tageslicht holt oder ins künstliche Licht rückt. Er geht auch den umgekehrten Weg: Indem er das Sichtbare nur als Begriff im Raum stehen lässt, also es faktisch unsichtbar macht, fragt er danach, wie und ob es dennoch als sichtbares Objekt  wahrgenommen wird. Zur Realisierung seiner Arbeiten, die sich im Spannungsfeld zwischen Kunst, Design, Mode, Architektur, Ambiente, Meteorologie und Soziologie bewegen, entwickelte Rehberger ein Konzept, das häufig durch Dritte verwirklicht wird, denn das Delegieren ist ein wesentlicher Bestandteil seiner künstlerischen Strategie. Indem er z. B. ein bestimmtes Möbelstück von anderen bauen lässt, schließt er einen Eigenanteil eines jeden am Produktionsprozess Beteiligten ein. Das Kunstwerk ist damit nicht nur realisierte Idee des Künstlers, sondern Ergebnis einer Produktion, in deren Verlauf immer wieder Veränderungen vorgenommen werden. Die äußeren Einflüsse, denen der Produktionsprozess ständig unterliegt, bewirken, dass er nicht vom Anfang bis zum Ende kontrolliert werden kann: Kontrolle ist gut, aber Spontaneität ist auch nicht fehl am Platz der Kunst, denn Kunst ist gleichermaßen Kommunikation und Produktion, und Kommunikation produziert Kunst. Die von Rehberger initiierten kommunikativen Situationen, die von den daran wissentlich oder auch unwissentlich beteiligten Personen gedankliche, manchmal kreative Leistungen einfordern, sind für ihn stets ein neuer Ausgangspunkt für weiterführende konzeptionelle oder spezifische gestalterische Lösungen.

  Mitwirkung und Benutzung

In seinen Wohn-Ensembles, Möbelentwürfen, Skulpturen und Deckengestaltungen, von der Kunstkritik häufig als eine Anspielung an das Design der siebziger und achtziger Jahre verstanden, geht es Tobias Rehberger jedoch nicht so sehr um die Thematisierung des Verhältnisses zwischen dem Original und der Reproduktion, sondern vielmehr um eine Neudefinition des Verständnisses künstlerischer Arbeit. Die Kunst ist für ihn eine Möglichkeit, die in seiner unmittelbaren Umgebung aber auch weltweit existierenden Strukturen, Zeichen, Begriffe und Beziehungen zu erforschen und sie mit anderen für andere nachvollziehbar, also kommunikativ zu gestalten. Indem er Vorschläge oder Vorgaben von Freunden und Bekannten in ein gemeinsames, die Handschrift aller Beteiligten tragendes künstlerisches Ambiente, in Möbel oder Porträts einfließen lässt oder wenn er dem Publikum die Möglichkeit bietet, auf die Ausstattung und Gestaltung der Ausstellungsräume Einfluss zu nehmen und auf diese Weise das Funktionieren seiner Installationen und Objekte von der Bereitschaft zur Mitwirkung und Benutzung durch andere abhängig macht, stellt Tobias Rehberger stets seine Grundfrage in den (gesellschaftlichen) Raum: Was macht eigentlich einen Künstler und (s)ein Kunstwerk aus, in welchem Maße sind sie durch individuelle und kollektive Vorstellungen, Erwartungen, Wahrnehmungen und äußere Einflüsse bedingt? Eine Antwort darauf könnte lauten: Kunst ist ein kollektives Werk, mit der unverwechselbaren Signatur des Künstlers.

Text © Urszula Usakowska-Wolff

Tobias Rehberger im Gespräch mit Urszula Usakowska-Wolff, 30.06.06. Foto © Manfred Wolff

Tobias Rehberger im Gespräch mit Urszula Usakowska-Wolff,  30.06.06. Foto © Manfred Wolff

Tobias Rehberger im Gespräch mit Urszula Usakowska-Wolff,
 30.06.06. Foto © Manfred Wolff

Mitarbeiter der Firma gpobjekte bei der Montage der Baumskulptur "Drei ausgesetzte Kinder"  von Tobias Rehberger im Schlosspark Wendlinghausen, 30.06.05. Foto © Manfred Wolff

Mitarbeiter der Firma gpobjekte bei der Montage der Baumskulptur "Drei ausgesetzte Kinder"
 von Tobias Rehberger im Schlosspark Wendlinghausen, 30.06.05. Foto © Manfred Wolff

Urszula Usakowska-Wolff klettert eigenverantwortlich zur Skulptur "Drei ausgesetzte Kinder" (Dusche) von Tobias Rehberger, Schlosspark Wendlinghausen, 30.06.05. Foto © Manfred Wolff

Urszula Usakowska-Wolff klettert eigenverantwortlich zur Skulptur "Drei ausgesetzte Kinder"
 (Dusche) von Tobias Rehberger, Schlosspark Wendlinghausen, 30.06.05. Foto © Manfred Wolff

Urszula Usakowska-Wolff in der Skulptur "Drei ausgesetzte Kinder" (Dusche) von Tobias Rehberger im Schlosspark Wendlinghausen, 30.06.05. Foto © Manfred Wolff

Urszula Usakowska-Wolff in der Skulptur "Drei ausgesetzte Kinder" (Dusche) von 
Tobias Rehberger im Schlosspark Wendlinghausen, 30.06.05. Foto © Manfred Wolff

Tobias Rehberger: "Drei ausgesetzte Kinder" (Dusche), vordere Ansicht, Schlosspark Wendlinghausen, 30.06.2005. Foto © Manfred Wolff

Tobias Rehberger: "Drei ausgesetzte Kinder" (Dusche), vordere Ansicht, 
Schlosspark Wendlinghausen, 30.06.2005. Foto © Manfred Wolff

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