Von Afrika nach Oberbayern:

Der Blaue Reiter - Avantgarde und Volkskunst

Es war die wirkliche Revolution der europäischen Kunst, als die Pariser Fauvisten sich der afrikanischen Kunst zuwandten und gänzlich neue und vorher nie gesehene Formen und Farben in die Ausstellungssalons brachten. Begonnen hatte es mit der Reise von Henri Matisse 1906 nach Biskra in Algerien, wo er sich vor allem für Stoffe und Keramiken interessierte, aber auch erste afrikanische Skulpturen für seine Sammlung erwarb. Er war wohl der erste bedeutende Künstler, der sich für die afrikanische Kunst interessierte. Durch ihn lernte der Kreis um Vlaminck, Derain, Picasso, Braque die Kunst der Yoruba, der Fang, der Bateke und Bakota kennen. Hatte man 30 Jahre vorher noch spekuliert, die von den Engländern geraubten Kunstwerke aus Benin seien auf ägyptische oder griechische Ursprünge zurückzuführen oder das Werk verschollener Europäer, so wurde nun der originale und ästhetische Wert dieser Kunst erkannt und anerkannt.

Die afrikanische Kunst hat die kubistische Bewegung nicht ausgelöst, aber sie hat sie mit einer Reihe formaler Elemente bereichert. Die Konturierung von Augen und Gesichtern, die Markierung unterschiedlicher Flächen, die Reduzierung runder Formen auf flache Ebenen, der Rhythmus von Masse und Raum ließ Bilder entstehen, in denen die klassischen europäischen Traditionen mit dem neu entdeckten afrikanischen Formenkanon eine Symbiose eingingen. Die afrikanische Kunst war nicht Modell sondern Zeuge für die neue Bewegung, wie Picasso anmerkte. Nicht die äußere Form wurde übernommen, wohl aber das Prinzip ihrer Sicht- und Gestaltungsweise. Dieses Prinzip war die Basis des Erfolgs des Expressionismus in Europa.

Zeitgleich setzten sich in Dresden und Berlin die Maler der „Brücke“ mit der Kunst Ozeaniens auseinander, und die Münchner Avantgarde entdeckte die Volkskunst Oberbayerns.

1908 „entdeckten“ Gabriele Münter und Wassily Kandinskv das oberbayrische Landstädtchen Murnau, nur 60 Kilometer von München entfernt. Vier Jahre waren sie im europäischen Ausland und Nordafrika gemeinsam gereist, davon zuletzt ein Jahr in Sevres bei Paris gewesen, von wo sie die revolutionären Entwicklungen der Pariser Kunstszene beobachten konnten.

Es war jedoch nicht die Landschaft rund um den Staffelsee, die die beiden, ein Jahr später zusammen mit Franz Marc und Alexej von Jawlensky, zu neuen Arbeits- und Sichtweisen inspirierte, sondern die Begegnung mit der Volkskunst. Der Murnauer Gastwirt Kroetz besaß eine Sammlung von über 500 historischen Hinterglasbildern, und der letzte noch aktive Hinterglasmaler in Murnau Rambold fand bald Kontakt zu den Künstlern aus der Stadt. Diese waren von der Technik des Hinterglasmalens fasziniert und machten sich die typischen Gestaltungsmerkmale ebenso zu eigen wie die fröhliche Farbigkeit.

Jawlenskys Köpfe finden in den Hinterglasbildern ebenso ihre Vorläufer und Vorbilder wie die flächigen Landschaften Gabriele Münters und Wassily Kandinskys und die mutigen Farbexperimente Marcs und Mackes. So finden sich in den Bildern die für die Hinterglasmalerei typischen schwarzen Konturlinien ebenso wieder wie die auf Perspektive verzichtenden Farbflächen in gewagtem Grün-Rot. Es ist das Verdienst dieser Ausstellung, zum ersten mal die Bilder des Blauen Reiters zusammen mit den Hinterglasbildern, die sie anregten, zu zeigen. Dazu kann die Kunsthalle Bielefeld auf ihr Konvolut bayerischer Hinterglasbilder aus der Sammlung Hertha Koenig zurückgreifen, deren Sammeltätigkeit mit der Entstehungszeit des Blauen Reiters zusammenfällt.

Text © Manfred Wolff

Fotos © Kunsthalle Bielefeld


Der Blaue Reiter - Avantgarde und Volkskunst

Kunsthalle Bielefeld

5. Oktober 2003 bis 11. Januar 2004


Katalog

Der Blaue Reiter - Avantgarde und Volkskunst.
 Sammlung Hertha Koenig

Hrsg. Jutta Hülsewig-Johnen

Kunsthalle Bielefeld, 2003,

Preis 18,00 Euro


zu den Kunstnews

zum Text über die Ausstellung "Flämische Landschaften 1520 -1700" in der Villa Hügel in Essen