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Die
Revision hat kein Ende 3500 Stunden haben die vier jungen Künstler und eine Künstlerin, die sich "Partner für die Kunst" nennen, an ihrem aus über 2000 Abbildungen zusammengesetzten Diptychon mit dem Titel "Revision Part I" und "Revision Part II" gearbeitet. Das Ergebnis lässt sich jetzt in der Berliner Bereznitsky Gallery sehen und ist ein Gruppenkunstwerk der Superlative: zwei 250 x 500 cm große, mit bekannten Gemälden und Skulpturen bedruckte Papierbahnen hängen an den weißen Wänden der Bereznitsky Gallery in Berlin und sprengen jede Vorstellung von Dynamik im Raum. Mit subtiler Ironie und Selbstironie, erfrischend subversiv und ohne allzu großen Respekt vor großen Meistern, werfen sie ihren zwinkernden Blick auf deren Werke, die Kunstgeschichte schreiben, die Phantasie der Sammler und Anleger beflügeln und sie tief in die Tasche greifen lassen, wovon die sich neben einem Magritte-Gemälde stapelnden Banknoten zeugen. Diese kollektive Fotomontage, die an Fototapeten erinnert, wie man sie aus den guten Stuben in den späten 1970er Jahren kannte, entstand parallel an fünf Computern und ist ein digitales, zentralperspektivisch angeordnetes Werk in der Machart einer traditionellen Kunstwerkstatt.
Digitale
Renaissance-Künstler Photoshop macht´s möglich: Die Renaissance der Revision (oder umgekehrt?) mit den Mitteln der fortgeschrittenen kapitalistischen Technik haben sich Janna Grak, Andrei Dureika, Andrei Loginov, Maxim Tyminko und Maxim Wakultschik aus Weißrussland ausgemalt. Alle Künstler, Anfang bis Mitte dreißig, stammen aus dem vom Geist des real existierenden Sozialismus geprägten Land, das in den westlichen Medien vor allem das Gesicht und die Handschrift des ehemaligen Kolchosdirektors und jetzigen ewigen Präsidenten Lukaschenko trägt. Die weißrussischen Künstler (ukrainischer, polnischer und russischer Herkunft, denn Belarus ist gottlob kein nationaler Monolith), die an den Kunstakademien in Minsk und Düsseldorf (das sie "ihr Paris" nennen) studierten, belehren uns eines Besseren. Die "Revision", in der sie als handelnde Personen agieren und in die Rolle der Revisoren (Revisionisten?) schlüpfen, hat zwar mit Politik nichts zu tun, zeigt aber, dass der Kult der (schönen oder als schön verschrieenen) Dinge genau so lächerlich sein kann, wie der Kult der Persönlichkeit, den manche osteuropäische Möchtegerndiktatoren proben. Ihre zweiteilige Fotoprint-Collage "Revision", deren Titel an die Komödie "Der Revisor" von Nikolaj Gogol, vor allem an die stumme, pantomimeartige Handlung im letzten, 5. Akt anknüpft, ist im wahrsten Sinne eine comedia dell´arte, denn sie zeigt ein komisches Spiel um die Macht und die Ohnmacht der für viele Zwecke instrumentalisierten Kunst. Als Kulisse und Bühne fungiert im ersten Teil ein düsterer Saal mit einem Gewölbe, der, wie ein Museumsdepot, mit verschiedenen Kunstwerken vollgestopft ist. Dieses Depot, in dem eine Inventur vorgenommen und ein Umzug vorbereitet wird, ist ununterbrochen in Bewegung, wofür die brav bis bieder wie Versicherungsvertreter oder Speditionskaufleute gekleideten Revisoren: Andrei & Andrei, Maxim & Maxim und Janna sowie ihre in verschiedenen Posen vervielfältigten Bilder sorgen. Sie inventarisieren, tragen die Kunstwerke in Listen ein, hantieren ungeschickt mit dem Hasen von Jeff Koons, sodass er zu Bruche geht. Diese Scherben bringen vielleicht Glück, wenn er ordnungsgemäß versichert war. Ein ungeschickt getragener Stapel mit den berühmten Brillo-Schachteln von Andy Warhol ist auch aus dem Gleichgewicht geraten und folgt der Schwerekraft, ein früher Paik-Fernseher wackelt gefährlich in einer unsicheren Hand. Das "Große Glas" von Marcel Duchamp ist ebenfalls in Gefahr, denn der Mann, der eine antike Statue trägt, wird gleich darüber stolpern. Na und? Bekanntlich ist auch diese Dada-Ikone eine Rekonstruktion.
Elefanten
im Porzellanladen Der Aktionismus der Revisoren und ihr respektloser Umgang mit alten und neuen Meistern (ein Porträt aus der Hand von Piero della Francesca wird von einem Damenschuh gestoßen und an einem Malewitsch-Konterfei steht ein Knüppel, einem Gemälde von Lichtenstein droht, von einer Statue gerammt und womöglich durchlöchert zu werden) lassen viele Interpretationen zu. Die jungen weißrussischen Künstler machen sich über den Kult der Dinge lustig, die erst durch die Zugehörigkeit zu einer Museums- oder einer namhaften Privatsammlung richtig geadelt werden, und ihren Wert sowie den Wert ihrer Besitzer steigen lassen. Immer wieder gehen diese Kunstwerke dann auf Reisen, um in anderen Museen ausgestellt zu werden. Manchmal werden sie auch veräußert und schmücken dann andere Sammlungen. Es ist der von den Kunstvermittlern, Sammlern und Anlegern organisierte Kunstkreislauf, der sich von den Künstlern weitgehend verselbständigt hat. Sie sind häufig nur nützliche Produzenten von gewinn- und prestigebringenden Objekten, aber nur dann, wenn der Kunstbetrieb es für angebracht hält, sie entsprechend zu vermarkten. Vieles spricht auch dafür, dass die Revisoren, die wie Barbaren agieren, zu den Neureichen gehören und ihren Status als Kunstsammler erkaufen möchten. Wer es sich leisten kann, ein aufgeblasenes und maßlos überschätztes Kunstwerk von Jeff Koons auf den Boden fallen zu lassen und zu zerstören, erreicht eine viel größere mediale Wertschätzung und Beachtung, als jemand, der es einfach unbeschadet kauft. Oder sind die Revisoren, die sich wie Elefanten in einem Porzellanladen benehmen, vielleicht Diebe, die auf Bestellung von dubiosen Kunstsammlern stehlen? Mit einer vieldeutigen Raffinesse zeigt die "Revision", dass alles relativ ist: Weil die meisten alten Kunstwerke angesichts der Produktion neuer sowieso irgendwann im Depot landen oder aus konservatorischen Gründen dort immer bleiben müssen, ist ihr Wert eher hypothetisch. Das Museumsdepot ist also Schatzkammer, Rumpelkammer und Müllhaufen zugleich.
Wie
Phönix aus der Asche Wie
dem auch sei: Die "Revision" ist ein intellektuelles Abenteuer
und eine Herausforderung für Kunstkenner, denen die Möglichkeit
gegeben wird, große Werke der Kunstgeschichte zu enträtseln. Sie
befriedigt also die Eitelkeit des Publikums und fordert sein bildungsbürgerliches
Wissen heraus. Im "Part II" fühlt es sich, in einem
gepflegten Garten mit Blumen, Eichhörnchen, Vögeln, Schildkröten und
Schmetterlingen, die einem holländischen Stillleben zu entkommen sein
scheinen, in die Irre geführt. Ein Teil der Revisoren sind im leeren
Museumsdepot geblieben, in dem nur der Banknotenstapel am Boden liegt.
Sie blicken auf das Feuer, das in einer Gartenecke brennt und dem sich
andere Revisoren nähern, die das berühmte Gemälde "Le
Plaisir" (1927) von René Magritte mit der in einen Vogel beißenden
Frau tragen. Wird es genau wie die nicht mehr sichtbaren Kunstwerke den
Flammen zum Opfer fallen? Eine andere Gruppe der Revisoren wartet
bereits neben einem Auto. Ein dramatischer Himmel, eines Caspar David
Friedrichs würdig, krönt die unheilvolle Kulisse, besticht jedoch an
zwei Stellen durch ein margittsches Blau. Das Geheimnis wird am Ende der
Ausstellung gelüftet: Dort gibt es jeweils eine Abteilung für
Medienkunst, Architektur, Grafik, Malerei und Skulptur, jeder Revisor
hat also seine eigene. Sie stehen auf verbrannten Müllhaufen, mit verrußten
Gesichtern und angesengter Kleidung. Es scheint, dass die Kunst sich in
Asche verwandelt hat, aus der der einzelne Künstler wie ein Phönix
aufgestanden ist. Die Revision hat sich der Tradition entledigt und geht
unbeschwert weiter. Das wusste Nikolaj Gogol bereits 1835: "Die
Revision hat kein Ende." Denn Kunst kommt bekanntlich vom Können. Text © Urszula
Usakowska-Wolff 2.04.2007 Revision
Mehr Infos: http://www.bbk-kunstforum.de/html/vernissage1.html http://www.ckconsult.de/ind2/ausst1/Co-operative/index.html |