Stil ohne Stillstand

Seine Bilder sehen aus, als seien sie mit einem Weichzeichnerfilter bearbeitet worden: verwackelt und unscharf, entrückt und mit einem Nebel verhüllt, vermitteln sie den Eindruck, als ob sie sich jeden Augenblick in Luft auflösen könnten. Manchmal glaubt man, die Bilder durch eine verregnete Fensterscheibe oder eine vernebelte Brille zu betrachten: sie zerfließen, ihre Formen und Konturen verschwinden, flimmern irritierend und irreführend vor den Augen, denen man sowieso nicht trauen darf, denn wir meinen zwar etwas zu sehen, auch wenn wir das Gesehene nicht verstehen. Die abgebildete Welt ist nur ein kleiner Ausschnitt dessen, was uns umgibt, Fragment eines unerfassbaren Ganzen, wie auf einem Foto. Solche Bilder: mal schwarz-weiß und recht gegenständlich oder abstrakt, mal grau in grau, mal farbenfroh, mal klein, mal großformatig aber immer sehr gedämpft und bis ins letzte Detail durchdacht malt Gerhard Richter seit vierzig Jahren. Seit einem Jahrzehnt ist er einer der international bekanntesten Künstler, mit renommierten und hochdotierten Preisen überschüttet. Erste Kunst- und Auktionshäuser der Welt, vermögende Sammler reißen sich um ihn und für seine Bilder werden Millionen von Dollar gezahlt. Im November 2004 erklärte ihn das Kölner Monatsblatt Capital gar zum besten Künstler der Welt, denn im Kunstkompass, der Kunstweltrangliste, belegte er den ersten Platz und verdrängte den bisherigen Primus Sigmar Polke, mit dem er Anfang der 1960er Jahre den "Kapitalistischen Realismus“ ins Leben rief, auf Platz zwei.

  Malen ohne zu erklären

Es brauchte seine Zeit, bis Gerhard Richters Ruhm sich auch im ersten Kunsthaus der Hauptstadt Nordrhein-Westfalens, wo er vier Jahrzehnte an der Kunstakademie lehrte, herumgesprochen hatte. Nun richtet ihm die K20 Kunstsammlung NRW am Grabbeplatz in Düsseldorf, die er 2004 in einem Bild verewigte, zum ersten Mal eine große Einzelschau. Und weil große Namen und Schwindel erregende Summen, die für namhafte Erzeugnisse ausgegeben werden, die Neugierde und Fantasie beflügeln, wimmelte es in der Pressekonferenz am 11. Februar von schaulustigen Presseleuten aus nah und fern, so dass man Mühe hatte, den von blitzenden Reportern umzingelten öffentlichkeitsscheuen und wortkargen Meister zu erspähen. Nach der Auswahl der 120 Bilder, das heißt, warum sich darunter zum Beispiel "Ema“ (Akt, die Treppe hinabsteigend) und der Aufsehen erregende Zyklus "18.Oktober 1977“, die zu Kunstikonen des 20. Jahrhundert avancierten, nicht befinden, antwortete er leise: "Ich habe in meinem Leben über drei tausend Bilder gemalt, ich kann also jedes Mal nicht dasselbe zeigen.“ Kurz und bündig war auch seine Antwort auf die Frage nach der Hängung, die dieser Künstler, seinem eigenen Kurator gleich, minutiös selbst geplant und beaufsichtigt hatte: "Das hat schon alles seine Richtigkeit.“ Unmissverständlich sind überflüssige Worte die Sache des Künstlers nicht, das was er zu sagen hat, müssen also seine Bilder ausdrücken.

  Die Banalität des Alltags

Die räumliche Anordnung seiner Bilder, Glas- und Spiegelobjekte folgt keinen zeitlichen sondern thematischen Kriterien: Landschaften, Stillleben, Porträts und Gruppenporträts sind als gegenständlich erkennbar, obwohl sie unscharf erscheinen, wie mit einem Weichzeichner verfremdet. Das Foto stellt einen Ausschnitt der Wirklichkeit am unverfälschtesten dar, und deshalb malt Gerhard Richter die meisten seiner Bilder von Fotos ab. Dass er Fotos als Vorlagen für seine Bilder benutzt, hat auch einen pragmatischen Grund: sie sind schneller gemacht, als eine aufwendige und arbeitsintensive Skizze. Familienfotos und Zeitungsfotos, das sind die ready mades, aus denen dieser Künstler, der so malen möchte, wie Vermeer und Caspar David Friedrich und sich der Erfahrungen von Marcel Duchamp bedient, originelle Kunstwerke schafft, die zugleich eine Chronik, ein Archiv unserer Zeit sind. Darin bildet er deutsche Männer und Frauen ab, Opfer und Täter des Nationalsozialismus. Die Täter oder kleine Mitläufer aus dem Familienkreis reihen sich mühelos in den Nachkriegsalltag ein. Sie bauen das Wirtschaftswunder auf und profitieren davon. Sie haben gutaussehende und ehrgeizige Sekretärinnen, junge Geliebte und fahren mit ihren Ehefrauen und Kindern Motorboot. Diese schwarz-weißen oder vielmehr grau schattierten Bilder sind gemalte Erinnerung und wie die Erinnerung blass, undeutlich, entrückt und etwas fremd. Sie zeigen, vor allem die Arbeiten aus den 1960er und den 1970er Jahren, wie die in den Krieg verstrickte kleinbürgerliche Gesellschaft ihre großbürgerlichen Träume von Wohlstand und Luxus auslebt. Mit milder Ironie zeichnet Richter die Banalität des Alltags und rückt unsere Vorstellungen von dem Schönen und Erhabenen ins diffuse Licht. Die Schönheit seiner Landschaften und Stillleben ist unspektakulär und gewöhnlich, wie die Rosen in der Vase, wie ein Wasserfall, wie eine fragmentarische Hausfassade mit einem Baum oder wie die Wolken am Himmel, zu denen man in dieser Ausstellung aufblicken muss, um sie - weil sie fast unter der Decke hängen - überhaupt zu sehen.

  Flimmernde Atome

Die abstrakten Bilder von Gerhard Richter bestechen vor allem durch ihre Farbigkeit, einer Farbigkeit der leisen Töne. Manche erinnern an Stadtlandschaften, durch die Windschutzscheibe eines Autos wahrgenommen, das an einem verregneten Abend auf einer beleuchteten Straße fährt. Was aus dem Gemisch dieser Farben entsteht, ist grau, mal leuchtend und warm, mal stumpf, emotionslos und kalt. Das große Grau und das große Glas von Marcel Duchamp, in vielen Varianten: durchsichtig und blind, verspiegelt oder entspiegelt scheinen schon immer und in den letzten Jahren zunehmend das große Thema des 1932 in Dresden geborenen und seit 1961 zuerst in Düsseldorf, jetzt in Köln lebenden Gerhard Richter zu sein. Seine Kunst ist ein Spiegelbild der Zeit, die mit Farben und Zeichen so überladen ist, dass man das Grau als wohltuend empfindet. Und weil er auf der Oberfläche (fast) schon alles gemalt hat, dringt er nun in die Tiefe und zeigt Computer generierte Atome, die auf einem 9 x 9 Meter Format unter dem Titel "Strontium“ (2004) an der Wand und in den Augen flimmern. Zwar mag Gerhard Richter aus ihm bekannten Gründen seinen Stil als stillos bezeichnen, doch Stillstand gibt es in seiner Kunst offensichtlich nicht.

Text © Urszula Usakowska-Wolff

16.02.2005

Gerhard Richter
12. 02 - 16. 05. 2005
K20 Kunstsammlung NRW Düsseldorf
Kurator: Armin Zweite unter Mitarbeit von Anette Kruszynski

Von Juni bis September 2005 wird die Gerhard-Richter-Ausstellung in der Münchner Städtischen Galerie im Lenbachhaus und im Kunstbau gezeigt. Anschließend sind zwei weitere Stationen in Japan, im 21st Century Museum of Contemporary Art in Kanazawa und im Kawamura Memorial Museum of Art in Sakura geplant.

Katalog
Gerhard Richter
Hrg. Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen
Mit einem Essay von Armin Zweite
Und dem Werkverzeichnis 1993 - 2004
300 S,. 180 überwiegend farbige Abbildungen aller gezeigten Werke
Richter Verlag Düsseldorf, 2005
ISBN 3-926154-76-4 (Museumsausgabe)
ISBN 3-937572-20-1 (Buchhandelsausgabe Deutsch)
ISBN 3-937572-21-X (Buchhandelsausgabe Englisch)
Preis 29 Euro

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