|
Lichtschatten
an der Wand Seine Bilder sind eine perfekte Dekoration, obwohl sie überhaupt nicht dekorativ sind. Sie sind fast unsichtbar, verschmelzen mit dem Raum, lösen sich auf. Sie erinnern an Scherenschnitte oder Muster, die das durch die Fenster eindringende Licht an den Wänden bildet. Obwohl mit Ölfarben auf Leinwände gemalt, vermitteln sie den Eindruck, als ob sie sich unter Glas befänden: In den Fragmenten der bescheidenen Interieurs spiegeln sich Ausschnitte der Außenwelt, Hausfassaden und Äste, in dem eigenen Fenster spiegeln sich fremde Fenster und fremde Welten. Doch man weiß nicht, ob sich die Außenwelt in der Innenwelt spiegelt, oder umgekehrt. Solche raffinierten, ätherischen Spiegelwelten malt in letzter Zeit der polnische Künstler Zbigniew Rogalski (geboren am 24.07.1974), dem der Kunstverein Göttingen gegenwärtig seine erste Einzelausstellung in Deutschland widmet und unter dem Titel "Private Spring“ im Künstlerhaus zwanzig seiner klein- und großformatigen Ölgemälden aus den letzten zwei Jahren zeigt.
Pferde
und Panzerhäuser Obwohl der 31-jährige Zbigniew Rogalski aus Dąbrowa Białostocka, einer knapp sieben Tausend Einwohner zählenden, in einer idyllischen Fluss- und Hügellandschaft gelegenen Kleinstadt in Ostpolen stammt, malt er vorwiegend urbane Landschaften und Interieurs, in denen die Natur selten vorkommt, abgesehen von dem ironischen Pferdezyklus aus dem Jahr 2000, in dem er - Pferde wie echt darstellend, was man ja von einem Kunstmaler nicht nur in Polen erwartet, den Geschmack des Publikums karikierte. In dieselbe Kategorie gehören auch die kitschig-plakativen Landschaften aus Norwegen, die er zwei Jahre später, während seines Stipendiums in dem skandinavischen Land produzierte. Er malte auch schmucke Einfamilienhäuser (Zyklus "Projekte“, 2003), aus denen ein Panzerrohr ragt - Sinnbild der zu Festungen ausgebauten Familiensitze der Neureichen, die ihren selten redlich erarbeiteten Wohlstand vor dem Neid und Zugriff der Verlierer des Turbokapitalismus schützen wollen, sowie zwei zwischen einer Schafsherde spielende "Golfer“ (2003) und drei von Affen umzingelte Kardinäle ("Äffchen“, 2002). Was für eine Aktualität hat dieses Bild, angesichts der heutigen massenhaften Papstverehrung!
Ozeanische
Gefühle im Wohnblock Der in Warschau lebende Künstler wurde in Polen und zunehmend auch international vor allem durch Bilder bekannt, die man als "Wohnzimmerrealismus“ bezeichnen könnte. Seine Bilder waren autothematisch und bildeten sein bescheidenes Domizil in einem Warschauer Wohnblock ab: eine schmuckloses Bleibe mit einem billigen gewölbten roten Teppich, einem trostlosen alten Sessel und dem Schattenbild der Lampe als einzige Dekoration an der Wand ("Ocean Feeling“, 2004). Derselbe rote Teppich taucht auch auf dem Bild "Euro“ (2003) auf, das den Künstler und seine Freundin Katarzyna bei der Produktion von 100-Euro-Scheinen zeigt. Der Teppich ist mit grünen Banknotenbündeln bedeckt. Ist das Fälschung oder ein originelles Kunstwerk? Oder die Erkenntnis: Kunst kommt vom Konto? Den Hintersinn dieses Bildes erkannte eine polnische Bank und kaufte es als Wandschmuck für ihre Vorstandsetage. Ohne kommerziellen Erfolg kann ein Mensch, dessen Beruf Kunstproduktion ist, nicht leben, denn Vermarktung ist die wahre Kunst.
Kreative
Kraftakte Zbigniew Rogalski ist ein flexibler Künstler, nicht nur in der Wahl der Motive; die das Publikum und die Finanzwelt ansprechen. Da er von Beruf - als Absolvent der Fakultät der Malerei an der Kunstakademie in Posen - ein ausgewiesener Magister Artis ist, sind das Handwerk des Malers und kunstgeschichtliche Erkenntnisse sein Fach. Mit seinem Studienkollegen Hubert Czerepok (* 1973) gründete er 2000 die "Magisters Gruppe“, die in den nächsten drei Jahren mit dadaistischen Aktionen, absurden Foto- und Videoarbeiten in Erscheinung trat: ein Versuch, der häufig tristen postkommunistischen polnischen Wirklichkeit zu entkommen. Parallel dazu malte er seine eigenen Bilder, in denen er sich mit dem Werk seiner Vorbilder auseinander setzte, zu denen vor allem die Künstler der späten Moderne: Jackson Pollock und Yves Klein gehören. Es waren Bilder über das Malen, über den kreativen Kraftakt als Verbindung der malerischen körperlichen Geste mit der künstlerischen geistigen Besessenheit, die aus dem Nichts ein Kunstwerk - sozusagen einen Phönix aus Farben - auf der Leinwand entstehen lassen. Doch aus den Farben, wie auf dem in der Ausstellung "Falsche Erwartungen - Złudne oczekiwania“ (Kunsthalle Darmstadt, 15.03 - 11.05.2005) gezeigten Bild "Cover Picture“ (2000) zu sehen war, wird von allein kein die Kunstgeschichte revolutionierendes Gemälde, und aus dem Künstler, der über den Farben steht und ratlos nach oben blickt, selten ein neuer Klein oder Pollock entstehen. Innovative Techniken und Gedankenkonstruktionen erweisen sich jedoch in Konfrontation mit der Wirklichkeit als unbrauchbar: Auf dem Bild "Der Tod meines Nachbarn“ (2003) sehen wir den polnischen Künstler, wie er nur mit einer gelben Unterhose bekleidet seine Beine an einer Wand lehnt, an der eine gelbe Leinwand steht. Hinter dieser Wand lag mehrere Tage sein toter Nachbar. Mit welchen künstlerischen Mitteln kann man dessen anonyme und trostlose Existenz, etwa nur mit einer fast monochromen leeren Leinwand - darstellen?
Menetekel
oder Verheißung? Es
scheint, dass Zbigniew Rogalski auf der Suche nach seinem eigenen
Ausdruck einen großen Schritt nach vorne gemacht hat. Sein bisheriger
flächiger und recht plakativer, häufig ironischer und figürlicher
Stil ist einer vielschichtigen Malerei gewichen, die an Traum- oder
Filmsequenzen erinnert. Die Göttinger Ausstellung "Private
Spring“, dem Titel einer seiner Bilderserien entnommen, sagt wörtlich
aus, dass der Künstler in einem Alter ist, den man "Frühling des
Lebens“ nennt. Und im Frühling erscheint alles sanfter und
verschwommener, die Sonne taucht die Welt in ein mildes Licht ein. Die
große Geste der Action Painting löst sich in intimen Kammerstücken
auf, die die Leere von Yves Klein evozieren. Rogalskis neue Arbeiten
sind wie Lichtreflexe an einer weißen Wand, die von der Immaterialität
der Materie und von geistigen Wahlverwandtschaften erzählen. Auf den
Bildern aus der Serie "My collection/Andreas Gursky - Rhein“
(2005) wird die bekannte, auf einen grünen Streifen reduzierte
Flusslandschaft des deutschen Fotografen mit Fragmenten des Ateliers des
polnischen Künstlers kombiniert. Die Namen anderer Ikonen des
Zeitgeistes: der Denker Baudrillard, Zizek und Fukuyama sowie der Sängerin
Björk sind an verschwommene Fahrstuhl- oder Badezimmerspiegel gemalt.
Menetekel der Verheißung? Eingesperrt sein oder Ausbruch aus der
Popstars produzierenden Massenkultur? Rogalskis Bilder geben keine
Antworten, sie deuten diese Fragen vielleicht nur an. Der Titel seiner
Bilderserie mit verwischten, wie von unten betrachteten grau-weißen
Baumkronen heißt "Tod des Partisanen“ (2005). Der Partisan,
Symbol des ungleichen und heroischen Kampfes um Freiheit und Unabhängigkeit
aber auch einer unprofessionellen Handlungsweise, ist also gestorben.
Zbigniew Rogalski möchte jetzt als professioneller Künstler agieren.
Atmosphärisch und stilistisch erinnern seine in Göttingen gezeigten
Gemälde an die von Gerhard Richter und Luc Tuymans. Das ist zwar eine
hohe Latte, aber keine schlechte Wahl. Auf die Frage, warum sich seine
neuen Arbeiten von den bisherigen so stark unterscheiden, antwortet
Zbigniew Rogalski: Das ist meine Absicht. Ich will mich nicht
wiederholen. Ich möchte immer überraschend sein. Der
internationale Kunstbetrieb, dessen Teil der polnische Künstler
geworden ist, lebt von Überraschungen. Aber er lebt auch von der
Wiedererkennbarkeit. Text
© Urszula Usakowska-Wolff Fotos © Manfred Wolff 5.05.2005
Zbigniew
Rogalski Öffnungszeiten: Die Ausstellung entstand in Zusammenarbeit mit der Galerie RASTER, Warschau und der Galerie Jesco von Puttkamer, Berlin. Es erscheint ein Katalog im Revolver Verlag.
Mehr
Bilder von Zbigniew Rogalski in der Galerie RASTER >>> |